Kapitel 3 – Pride (Syntax)
Marc blinzelte müde, als es wie wild an seine Apartmenttür donnerte. „Marc", schrie Mehdi und hämmerte abermals auf das Holz ein.
Es störte ihn nicht.
Überhaupt nicht.
„Mann, mach die Tür auf, oder ich trete sie ein!"
Dieser Satz hätte ihm eigentlich ein kleines Lächeln abringen müssen, doch dazu war er schon viel zu sehr in seine Depression versunken.
Woran er auch ohne psychologisches Hintergrundwissen erkannte, dass er depressiv war? Nun, er hatte sich seit geschlagenen drei Tagen nicht gewaschen, sein Dreitagesbart war ungetrimmt, der Abwasch und auch die bestellten Sushi-Packungen standen nicht nur in der Küche, sondern auch im Wohnzimmer, Bad und Flur überall rum, dies jedoch schon seit man Gretchen vor eineinhalb Wochen abgeführt hatte. Das letzte Mal, dass auf seinem Boden so viele Bierflaschen rumlagen, war zu seiner Studentenzeit gewesen. Und er bemerkte bei tieferem Einatmen, dass auch das Bett ein wenig streng roch.
Ja, man konnte besten Gewissens sagen, dass er depressiv war.
Doch machte ihm dies etwas aus?
Nein!
Warum?
Weil sein Leben innerhalb kürzester Zeit den Bach runterlief, und er, ausgerechnet er, nichts dagegen unternehmen konnte. Zum widerlichen Nichtstun war er degradiert worden.
Mehdi brach tatsächlich durch seine Wohnungstür.
Sein Vater hatte gesagt, er müsse sich um nichts kümmern, er würde schon den besten Anwalt raussuchen, nachdem er und seine Mutter gnädigerweise per Auto von Mehdi aus der Schweiz abgeholt wurden.
Marc hatte sich gefreut.
Der Anwalt hatte gesagt, dass wenn Gretchen unschuldig war, er ihr helfen konnte und sie in, so wörtlich, Null Komma Nichts wieder aus der U-Haft befreit hatte.
Auch da hatte Marc sich gefreut.
Doch ein paar Stunden später, nachdem jener Herr Anwalt seine Freundin persönlich gesprochen hatte, begann ein verdächtiges Zucken um Marcs linken Augenwinkel.
Denn wegen des Anwaltsgeheimnisses dürfte der beauftragte Beistand für Gretchen ihm, Marc, nichts sagen, was seine Mandantin nicht ausdrücklich wünschte.
Und Gretchen wünschte, dass weder Marc, noch ihre Mutter oder Jochen erfahren, wie es ihr geht. Bei Bärbel und Jochen hatte er es noch verstehen können, schließlich musste die Ältere erstmal wieder ganz auf der Höhe sein, bevor man sie mit Gretchens Fall konfrontierte.
Doch was war mit ihm selbst? Er war ein starker erwachsener Mann, der mit der Wahrheit, welche es auch immer sein mochte (egal was für eine abgedroschene Wahrheit es war, eines war ihm vollends klar: Gretchen war und ist unschuldig) umgehen konnte, also warum hatte sie ihm nichts ausgerichtet?
Er hätte sie so gern besucht, sie in die Arme geschlossen, doch der vorsitzende Amtsrichter hatte ein Besuchsverbot beschlossen, sodass noch nicht mal Jochen zu seiner Schwester vorgelassen wurde und an dem großen Eisentor mit Stacheldraht wieder nach Hause geschickt wurde.
Dies alles waren Rückschläge, die man verkraften hätte können, gewiss. Doch nachdem dieser Rechtsverdreher von einem Anwalt ein weiteres Mal Gretchen besucht hatte, sagte ihm dieser, dass Gretchen ihm ausdrücklich verboten hatte, mit Marc auch nur über die damaligen Geschehnisse zu reden. Oh, und dass Marc sich eine neue Assistenzärztin und Freundin suchen müsste, weil sie eh nie wieder daraus kommen würde.
Hätte man ihm vor drei Jahren gesagt, dass er sich so hängen lassen würde, weil die Frau, mit der er zusammen war, solche Worte von sich hören ließ, hätte er herzhaft gelacht.
Aber der Anwalt selber hatte ihm bestätigt, dass Gretchens Unschuld zu beweisen unmöglich wäre.
Er schloss verzweifelt die Augen, wusste, dass je länger er noch über die vergangene Woche nachdachte, die Wahrscheinlichkeit groß war, heulen zu müssen.
„Meier, aufstehen", keifte Mehdi, nachdem er mit festen Schritten am Bett vorbei zum Fenster geschritten war, das Rollo heraufgezogen und die Mittagssonne hineingelassen hatte. Das Fenster öffnete er ebenfalls.
„Lass mich in Ruhe, Mehdi." Vom Licht geblendet vergrub Marc sein Gesicht ins Kopfkissen.
„Ich hab mir dein Selbstmitleid lange genug angeschaut, jetzt steh endlich auf." Der Halbperser ließ sich neben seinen Freund ungefragt aufs Bett plumpsen.
„Ich hatte heute deine verstörte Mutter am Apparat, die meinte, dass irgendwas nicht stimmen würde. Und so wie es hier aussieht und stinkt, traf sie den Nagel auf den Punkt."
Unbeeindruckt dessen, drehte Marc sich auf die andere Seite von Mehdi weg, zeigte ihm nicht nur literarisch die kalte Schulter.
„Lily hat nach dir gefragt", sagte Mehdi etwas leiser. „Sie erwartet jeden Tag ihre erste internationale Postkarte aus Hawaii."
Marc tat so, als ob er schnarchen würde. Dieses weiche Gelabere von seinem Freund ging ihm tierisch auf den Keks. Aber anerkennend musste der Chirurg insgeheim zugeben, dass Mehdi schon sehr hinterhältig sein konnte. Die Lily-Karte zu ziehen, war ein Regelverstoß, dennoch gewann er damit das Spiel.
Marc richtete sich letztendlich doch auf, rieb sich fahrig übers Gesicht, wischte sich den Schlaf aus den Augen. Ein tiefer Rülpser folgte.
„Wenn Gretchen dich so sehen könnte, würde sie freiwillig im Knast bleiben, weißt du das? Dieser Mundgeruch wäre selbst für den neuen verschrobenen Gerichtsmediziner zu viel."
„Noch so'n Spruch, Kaan, und dein hübsches Gynäkologen-Baby-Face ist die nächsten Wochen schlimmer zu betrachten, als meine Alkoholfahne zu riechen."
Mehdi entließ seinen Lungen ein stöhnendes Grummeln und erhob sich dann: „Hmpf, dafür bist du doch viel zu depressiv, als mir eine runterzuhauen."
„Ich bin nicht depressiv", bestritt Marc vehement, wusste es jedoch besser.
„Das Problem ist ein ganz anderes, Marc, dass du überhaupt keinen Grund hast, dich in Selbstmitleid zu suhlen."
Marc schaute ihn Stirn runzelnd an: Er hatte keinen Grund? Natürlich hatte er einen Grund. Seine Freundin war im Knast, er konnte sie nicht besuchen, alles was er wusste, war, dass er sich angeblich eine Neue suchen sollte. Hinzu kam, dass seine gehoffte Schwiegermutter in Spe einen Herzinfarkt hatte und sein Anwalt bisher noch nichts Weltbewegendes erreicht hatte.
Er hatte allen Grund traurig und deprimiert zu sein.
„Ich habe keinen Grund? Wer wollte sich denn bitte zwei Mal das Leben nehmen, nachdem ihn seine Edel-Nutte verlassen wollte?", spie Marc zurück.
„Weil ich verlassen wurde, Marc, weil mir meine Existenz, mein Leben, meine Tochter entrissen wurde! Du hingegen liegst hier halbbesoffen rum und kriegst seit über einer Woche nichts mehr gebacken. Nicht du bist im Knast, nicht du bist beinahe an einem Herzinfarkt gestorben, also reiß dich gefälligst am Riemen, denn du hast Verantwortung, für die beiden, die gerade wirklich dringend Hilfe brauchen!", schrie Mehdi.
Marc knirschte verächtlich mit den Zähnen, nachdem sein „Freund" aus dem Zimmer, und hoffentlich auch aus der Wohnung gegangen war.
Warum kamen ihm Mehdis Worte nur so bekannt vor?
„Hör auf meine Mama zu beschimpfen", weinte Lily kläglich, doch den bulligen Fünftklässler und seine um ihn herumstehenden Freunde konnten die Tränen der Neunjährigen nicht erweichen. Im Gegenteil: Mit abartigen Bewegungen, wie die Zunge zwischen Mittel- und Zeigefinger eingeklemmt, angedeuteten Brüsten oder gespieltem Gestöhne, dass es einem Freier doch gefiel, so eine enge Hure zu bumsen, lachten die herumstehenden Jungen allesamt lauthals. Lily, fern von gut und böse, konnte weder mit den Gesten noch mit den Worten irgendetwas anfangen, dennoch wusste sie wohl, dass ihre Mutter einmal einer nicht konservativen – dieses Wort hatte sie von Moira – Arbeit nachgegangen war.
„Lasst mich endlich in Ruhe, ich will nach Hause", sie bemühte sich die Tränen mit dem Ärmel wegzuwischen.
„Vielleicht macht die Tochter es sogar für lau", lachte ein anderer gehässig und war im Begriff sich ihr zu nähern.
„Lasst sie in Ruhe – sofort", spie es jedoch gerade noch rechtzeitig aus dem Hintergrund.
„Moira", weinte Lily nun wieder, drängte sich durch die Jungenmauer hindurch zu ihrem ganz persönlichen Vorbild, die sie wiederum in ihre Armbeuge zog und diese Idioten von Gymnasiasten zornig anschaute. „Wenn ich euch nur noch einmal in der Nähe von Lily sehe, werdet ihr euer blaues Wunder erleben!"
Es war eine schmächtige Drohung, doch sie schien den erhofften Effekt zu erzielen, dass diesen Jungs das Lachen verging und sich einer nach dem anderen rasant verzog. Es lag definitiv nicht an ihren Worten, sondern viel mehr daran, dass sie der Liebling der gesamten Lehrerschaft war, und man sich mit diesem Freak lieber erst gar nicht anlegte.
„Alles okay", fragte die fünfzehnjährige Brünette, sich die Brille auf der Nase hochschiebend, zittrig.
Lilly schüttelte hektisch den Kopf und vergrub ihr verheultes Gesicht in die weiße Bluse der Tochter der Neurochirurgin vom Elisabeth-Krankenhaus, die wiederum tief seufzte.
Sie drückte die Kleine auf eine der Banken auf dem leergefegten Schulhof nieder und kniete sich vor sie hin, Dr. Kaans kleine Tochter schrie gequält auf.
Durch den dicken Stoff ihrer Blue-Jeans hatte sich am Knie ein dunkelroter Fleck ausgebreitet – Blut.
„Was ist denn nur passiert, Lily?"
Es war dieser furchtbare Heul-Schluckauf, den das kleine aschblonde Mädchen überkam: „Die ha-haben m-mich schon wieder geschu-hubst. Und al-als ich gesagt ha-habe, dass i-ich das meine Ma-Mama sage, haben s-sie wieder so, so fruchtbar... furchbar... furchtbare Andeutungen gemacht."
Moira stöhnte.
Sie wusste nicht, über was sie sich mehr aufregen sollte oder wollte, über dieses elitäre Denken dieser Mistkerle, oder über Annas Freigeist sich bei einem Elternabend blicken gelassen zu haben, wo sie erkannt worden war. Sie schaute jedoch nur konzentriert auf den immer größer werdenden Blutfleck. Intuitiv zückte sie ihr altes Handy aus der Jackentasche und war im Begriff nach Mehdis Handynummer in ihren Kontakten zu suchen, als sich Lilys Hände über ihre Hand schoben.
„Nich' anrufen", schniefte sie erbärmlich, „Pa-Papa und Mama schla-afen erst seit kur-hurzem wieder in einem Bett zusammen, so-ho wie früher, wie Marc und Gretchen... Sie werden sich wieder anschreien, wenn du ih-ihnen erzählst, weshalb ich ein kaputtes Knie habe."
Der Teenager biss sich nachdenklich auf die Lippe: „Ach Lily, deine Eltern streiten sich dann doch nur, weil sie sich Sorgen..." Falscher Anfang – ganz falscher Anfang.
„Siehst du", die Tränen flossen nun wieder ausnahmslos aus ihren Augenwinkeln, „ich will nicht, dass sie sich streiten, und schon gar nicht wegen mir."
„Aber dein Knie sieht..." Moira seufzte, sie hatte schon einen B-Plan ausgetüftelt noch bevor Lily ihre Bitte ausgesprochen hatte, dass sie, Moira, nicht anrufen sollte.
„Ich hab den Schlüssel von Marcs Apartment von Gretchen bekommen, vielleicht hat der ja einen Erste-Hilfe-Koffer da – aber sollte es schlimmer sein, als befürchtet, dann gehen wir zu deinem Papa, kay?"
Lily nickte enthusiastisch und seit gefühlten Stunden zeichnete sich so etwas wie ein erleichtertes Lächeln auf ihrem Gesicht ab.
Ohne große Umschweife oder Widerworte nahm Moira Lily auf den Rücken Huckepack und trug sie bis zur nächsten Bahn-Station. Keine Frage, von vielen wurden sie ungläubig gemustert, von anderen aber auch lieb angegrinst: „Sind die Schwestern nicht süß?"
Zwischenzeitlich hatte Moira dennoch Mehdi angerufen, um Lilys Fernbleiben zu erklären, dass die beiden noch ein Eis essen gegangen waren. Normalerweise roch man es auf Meter, wenn eine Moira Hassmann log, vermutlich lag es einfach nur an dem Gynäkologen, der immer noch Glauben in die Welt setzte und auf das ultimative Friedens-Harmagedon dachte.
Auch den Weg von der Bahnhaltestelle zu Marcs Apartment war Lily ein fester Bestandteil auf dem Rücken Moiras.
Sie war Menschen gegenüber eigentlich immer sehr skeptisch gewesen und interessierte sich hauptsächlich für sich selbst – warum auch nicht, wenn man seit frühster Kindheit von Gleichaltrigen als Streber, Brain-Freak oder Loser hingestellt wurde – doch seit der letzten Weihnachtsfeier hatte sich ihre Einstellung zumindest ein paar Menschen gegenüber geändert. Nicht zuletzt hatte sie ein kleines Mädchen getroffen, die es noch so viel schlimmer getroffen hatte, als sie selbst, aber trotzdem mehr Anteilnahme und Liebenswürdigkeit an den Tag legte, als Moira: Lily Kaan. Wurde von ihrer „besten Freundin" im Stich gelassen, nachdem bekannt wurde, dass ihre Mutter den Beruf der Edelnutte nachgegangen war, die eigenen Eltern stritten sich häufig und auch sonst war Lilys Leben an Dramatik kaum zu überbieten. Was also beschwerte sich dann Moira, wo sie eine dem gegenübergestellt glückliche Kindheit mit Vater und Mutter gehabt hatte?
Ja, die Kleine auf ihrem Rücken war der wohl beeindruckendste Mensch, den sie kannte.
„Ich muss dich nur kurz absetzen, um aus meiner Tasche den Schlüssel zu kramen", vorsichtig ließ die Brünette die Kleine von ihrem Rücken.
„Warum hast du eigentlich den Schlüssel von Gretchen bekommen?"
Moira räusperte sich umständlich und vergrub ihre Nase, über die sich ein feiner Rotschimmer gezogen hatte, in ihre Tasche, murmelte aber verlegen: „Ich darf mich um ihre Blumen kümmern."
„Te-he-he, Gretchen weiß eben immer alles – außerdem sagt Jochen ja oft genug, dass Bärbel Zierpflanzen zu Tode pflegt."
Beide Mädchen grinsten sich wissend an.
Während Lily schnurstracks auf das Sofa im offenen Wohnzimmer zu humpelte, bemerkte Moira sofort, dass hier etwas Elementares nicht stimmte. Und damit meinte sie nicht die Blumen, die sie eigentlich schon vor 3 Tagen hätte gießen müssen, es aber einfach nicht geschafft hatte. Sondern die sperrangelweite Balkontür, der muffige Geruch und nicht zuletzt dieses merkwürdige Knarren der Haustür. Irgendwas... Irgendetwas war hier oberfaul.
„Was ist denn los?", fragte Lily verwirrt, als sie den irritierten Blick ihrer Freundin bemerkte. Diese wiederum legte nur den Zeigefinger senkrecht über die Lippen, bedeutete der Kleinen, leise zu sein.
Ein undefinierbares Geräusch kam aus der Richtung des Badezimmers. In einem Anflug von Panik – sie würde es hinterher bestreiten, dass sie Angst hatte – hechtete Moira zur Kücheninsel, suchte fix die schwerste Bratpfanne seit Menschengedenken, die ausgerechnet irgendein Bodybuilder namens Brad (also Brad-Pfanne) erst Marcs Mutter geschenkt hatte, die aber eh nie kochte und sie ihrem Sohn als vorweggenommenes Erbe vermachte.
Mit jener Brad-Pfanne bewaffnet bedeutete sie Lily abermals ruhig zu sein, und sich zwischen der Zweier – und Dreiercouch zu verstecken.
Moira selbst atmete noch einmal tief durch.
Schritte kamen immer näher und nachdem ein nackter Fuß aus dem angrenzenden Flur einen Schritt in die Küche gesetzt hatte, holte Moira mit ihrer gesamten mädchenhaften Kraft aus und schlug zu...
Original Writing: 07. Juli 2011
Original Air-Date: 04. November 2011
lg
manney
