Kapitel 4 – The First Cut Is The Deepest (Cat Stevens)
Lily schrie noch: „Nein warte", doch es war bereits zu spät.
Moira hatte den Arm zurückschnellen lassen und Marc mit Sicherheit in Höhe des Brustbeins getroffen, wenn dieser sich nicht so erschrocken hätte, Lily unter seinem Wohnzimmertisch sitzen zu sehen, sodass er mit seinen immer noch klatschnassen Füßen auf dem Fliesenboden ausgerutscht war.
Mit einem lauten Platsch landete Marc auf dem Boden: „Sag mal spinnt ihr?", schrie er wütend, nicht zuletzt, weil er außer einem um die Hüften gewickelten Handtuch nichts anhatte. Und für unreife Mädchen sein Anblick sicher sehr lustig ausgesehen haben mochte.
„Oh...", sagte Moira schlicht, hielt sich peinlich berührt die Hand vor den Mund und blickte Hilfe suchend zu Lily, die sich zwischen den zwei Couchen hervorquetschte und zielstrebig zu ihrem Lieblingsbabysitter schritt:
„Wir dachten, du seist ein Einbrecher!", bemühte sich Lily die Situation zu rechtfertigen, aber sich viel intensiver die Frage stellend, warum der Mann vor ihr zurück war, und sie nichts davon wusste?
„Pah", sagte er immer noch gereizt. Marc hingegen fragte sich, wie er seine Würde behalten sollte, wenn er aufstand. Die Mädchen würden Dinge sehen, die er ihnen verbot vor ihrem... 20. Lebensjahr überhaupt jemals bei irgendjemandem zu sehen.
„Was macht ihr überhaupt hier?"
„Nun..."
„Ähm..."
„Ja?", fragte er ungeduldig, nutzte aber die Chance, als sich Moira und Lily beide fragend anschauten, geschwind in die Senkrechte zu kommen.
„Also ich muss Blumen gießen, und... öhm, Lily wollte, uhm..."
Marc runzelte die Stirn, und wie wenn man ihm durch den Positionswechsel wieder des klaren Denkens bemächtigt hatte, sprangen ihm gleich zwei Umstände ins Gesicht: Lilys Tränenspuren auf den Wangen und ihre komische Haltung, das rechte Bein nicht belastend. Sein Blick haftete beunruhigend lange auf ihrem Knie.
„Mitkommen und ihr helfen", log die Kleine, konnte Marc natürlich nicht mehr eine Sekunde länger in die Augen sehen.
Dieser räusperte sich und schaute das ältere Mädchen strafend an:
„Ich zieh mir erstmal was Richtiges an, und dann kümmere ich mich um dein Knie", damit verließ er das Wohnzimmer und freute sich insgeheim darüber, dass Moira so etwas nuschelte wie: „Der's auch immer am falschen Ort."
Kaum fünf Minuten später war Marc in T-Shirt und einer alten Stoffhose zumindest äußerlich dazu bereit, sich der Situation mit den Mädchen zu stellen. Es war nur gut, dass er, bevor er geduscht hatte, den ganzen Saustall aufgeräumt und sämtliche Fenster und die Balkontür zum Durchlüften geöffnet hatte.
Einzelne nasse Haarspitzen tropften in seinen Nacken, was ihn frösteln ließ, da die Raumtemperatur durch den Oktoberwind drastisch gesunken war.
„Runter vom Sofa, sofort, du blutest mir das ganze Leder durch!"
Nicht nur Lily, sondern auch Moira zuckten bei seinem harschen Ton zusammen und standen sofort auf, während Marc erst einmal die Balkontür und zwei Fenster schloss.
Er stöhnte gequält auf, die beiden Mädchen konnten ja wirklich nichts für seine schlechte Laune.
Um die Wogen also wieder ein bisschen zu glätten, trug er Lily zur Kücheninsel und setzte sie auf der Arbeitsplatte ab:
„Wie ist das überhaupt passiert?", fragte er Lily, nachdem er sich einen Stuhl rangezogen hatte und sich darauf niederließ.
„Uhm..."
„Zip it, Sweetie", unterbrach Moira, die sich seufzend neben Lily setzte.
„Irgendwelche Idioten aus der Fünften haben sie geschubst"
„Hm..."
Da Gretchen nahezu bei ihm wohnte, oder gewohnt hatte, war in seinem Eigenheim nichts mehr, wie es einmal war: Angefangen mit dem Erste-Hilfe-Koffer über seine medizinische Profi-Ausrüstung bis hin zu seiner Golfausrüstung wurden die Plätze ausgetauscht.
„Moment...", er machte sich auf ins Badezimmer und suchte in einem der Schränke nach den benötigten Utensilien.
„Warum hast du ihm das erzählt, jetzt wird er es garantiert Papa sagen", hörte er Lily weinerlich fluchen.
„Jeder wird von Älteren mal gefoppt, ich hab ja nicht gleich gesagt, dass man dich ausgesucht hat, weil deine Mutter,... nun einem nicht ganz konservativen Job nachgegangen ist. Außerdem sagtest du doch, dass die dich extra ins Glas fallen lassen haben... das hab ich auch nicht erwähnt, also grinse einfach und gut ist – Marc scheint eh viel zu sehr damit beschäftigt zu sein, warum Gretchen ihn verlassen hat."
Unter anderen Umständen hätte er Moira in den Schwitzkasten genommen und ihr durch die Haare gerubbelt, bei so einer frechen Unterstellung, dass Gretchen ihn verlassen hatte. Doch augenblicklich zählte noch nicht einmal der Fakt, dass seine Freundin im Knast – Pardon, immer noch U-Haft – saß, sondern vielmehr die Tatsache, dass Lily verletzt war – durch idiotische Kinder, die die unheilige Mutter als Grund angaben Lily zu ärgern.
Wobei ärgern bei der Wunde eher untertrieben war.
Die Mädchen brachen abrupt ihr Gespräch ab, als Marc aus dem Flur zurück in die Küche trat.
„Nicht die Hose aufschneiden", protestierte Lily, doch natürlich ließ sich ein Marc Meier nicht beirren.
„Warum, damit es Anna und Mehdi nicht mitbekommen?", die Katze war aus dem Sack und während Moira schuldbewusst auf ihrer Lippe herum kaute, entwichen Lily schon wieder die ersten Tränen: „Sag ihnen bitte, bitte nichts, ich..."
„Und ob ich den beiden Bescheid sage", er schnitt ihre Hose von unten über das Schienbein bis zum Knie auf: „Ich lass mich in eure Geheimnis-Mädchen-Krämerei nicht hineinziehen."
„Aber..."
„Kein „aber", Waschlappen." Gehorsam reichte Moira ihm den mit kaltem Wasser getränkten Waschlappen.
„Ich will aber nicht, dass..."
Marc hörte nur noch halbherzig zu. So gern er Lily auch mochte – das würde er niemals wörtlich verfassen – und ihr nur schweren Herzens einen Wunsch, eine Bitte, abschlug: eine solch tiefe Wunde, war nicht nur von einem einfachen Schups gekommen. Da haben gewisse Kräfte auf das arme Mädchen eingewirkt, die nicht mehr als normales Gerangel durchgingen.
Routiniert säuberte er die Wunde, desinfizierte sie mit den monotonen Worten: „Aufpassen, es brennt", schmierte dann großzügig Heilsalbe drauf, kommentiert von Moira: „Doch nicht so'n Flatschen, Marc", und umwickelte das Knie dann mit einem Mull-Verband.
„Fertig!"
Lily seufzte kläglich, wohl wissend, was jetzt kam, würde sicher schlimmer werden, als der kleine Kratzer: Ihre Eltern, die sich wieder bis in die tiefe Nacht hinein streiten würden.
„Habt ihr Hunger?"
Lily schüttelte traurig den Kopf und Moira streichelte, ebenfalls den Kopf schüttelnd, ihr sanft über den Rücken.
„Ich aber, Pizza?"
Beide Mädels nickten synchron.
Wenn Marc etwas hasste, dann waren es manuelle Überweisungen, vermutlich wurde ihm deshalb schon zu Schulzeiten bewusst, warum er einmal sehr viel Geld verdienen müsste. Denn wenn niemals Ebbe auf dem Konto herrschen würde, konnte man Daueraufträge und Einzugsermächtigungen einrichten, ohne monatlich diese verflixten Überweisungsträger ausfüllen zu müssen. Nur zu dumm, dass sämtliche Transaktionen auf seinem Girokonto gesperrt worden waren und er sich für jeden Cent, den er abhob, rechtfertigen musste, da man ihn als Gretchens „Komplizen" im Verdacht hatte.
Was für ein Schwachsinn.
Deshalb hatte er sich letzte Woche mit richterlicher Erlaubnis in Form eines Schriftstücks auch zu seiner Hausbank aufgemacht, um dort den Höchstsatz von 700 € für den monatlichen Lebensunterhalt abzuholen. Auch seine Nebenkosten und der Abzahlungsbetrag für sein Apartment wurden gezahlt, dies wurde auch von den Firmen eingezogen. Ja selbst sein Dauerauftrag für die vier Mal im Jahr fällige Versicherung für sein Hightech-Automobil wurden ausgeführt.
Nur...
Einmal im Jahr kamen Steuern auf ihn zu, die Summe von 232 Euro hatte ihm nie sonderlich wehgetan, schließlich verdiente er gut,... sehr gut.
Kein Dauerauftrag.
Keine Einzugsermächtigung.
Und damit nicht in den Kreis seiner „notwendig" fallenden Ausgaben miteinbezogen, wurden besagte 232 € nicht gezahlt, was wiederum zur Folge hatte, dass er ziemlich pikiert dreinschaute, als er Lily und Moira um acht Uhr nach Hause fahren wollte.
„Was ist das denn da an deinem Reifen?", fragte die kleine Blondine.
Wäre sie nicht da gewesen, hätte Marc gegen sein Auto getreten und die wildesten Schimpfwörter benutzt. Da zahlte man Jahre lang brav und immer pünktlich seine Steuern und nur ein einziges Mal konnte man nicht, und Rums, bekam man doch tatsächlich so eine fiese gelbe Parkkralle angehängt.
„Sieht nach einer... Parkkralle aus", half Moira Lilly auf die Sprünge, bemerkte den aufeinander gepressten Kiefer von Marc.
„Ich ruf uns ein Taxi", sagte er knapp und zückte sein Handy.
Wenn er gewusst hätte, was alles in ein paar Tagen in Depression versinken mit seiner Umwelt anstellte, er hätte sich sicher mehr bemüht nicht nur den ganzen Tag in der Wohnung rumzuhängen.
Nach wenigen Minuten schon bog das elfenbeinfarbene Auto mit der hell erleuchteten Taxi-Haube um die Ecke.
Lilly und Moira nahmen natürlich hinten Platz, Marc bemerkte noch nicht einmal das Fehlen eines Kindersitzes, sodass Lily eigentlich gar nicht hätte einsteigen dürfen, doch woher sollte er es auch besser wissen, schließlich war er noch immer und Gott sei Dank kinderlos.
Zuerst wurde Moira nach Hause gebracht oder eher gesagt nur schnell abgesetzt. Das kleine Reihenhäuschen in Grunewald, in dem die Neurochirurgin mit ihrer Tochter wohnte, war mit einem kleinen Vorgarten verziert, in dem hier und da einige Blumen angeleuchtet wurden. Doch das Haus selbst war innen stockfinster, nirgends brannte Licht und Marc schloss sehr richtig daraus, dass Maria es noch immer nicht geschafft hatte, sich von ihrer Arbeit im Krankenhaus abzulösen.
Moiras routiniertes in ihre Schulumhängetasche Greifen und die Haustür Aufschließen ließen Marc ein bisschen erschaudern.
Er konnte viel über seine Mutter sagen. Allen voran viel Peinliches, doch ein Schlüsselkind war er nie gewesen.
Dann wurde Lily nach Hause chauffiert. Sie biss sich unentwegt auf die Wangeninnenseite und knetete ihre Finger nahezu zu Brei. Marc bemerkte dies nur, weil sie ganz nervös auf ihrem Sitz hin und her rutschte, je näher sie der neuen Wohnung von Anna und Mehdi kamen.
„Du-hu, Marc", begann sie leise, wusste sehr genau, dass er es nicht nur hasste Onkel genannt zu werden, sondern auch dieses Herumreden um ein Thema schmeckte ihm nicht sonderlich. Schon gar nicht von ihr – warum auch immer das auch so war.
Marc seufzte schwer, drehte sich aber trotzdem mit einem kleinen Grinsen zu ihr um. Lily hatte für einen Tag schon genug Ärger gehabt, er musste sie auch nicht noch zusätzlich mahnen, dass sie ihn jederzeit immer alles fragen könnte, egal was es war und sie keine Baby-Sprache anwenden müsste.
„Nun, du kommst doch noch mit rein, oder? Du schmeißt mich doch nicht auch so raus?" Lilys Unterlippe bebte verdächtig, doch durch die Dunkelheit konnte Marc dies natürlich nicht sehen. Nur ihre Stimme verriet sie, da sie gen Ende immer zittriger wurde.
Ein spitzer Spruch lag ihm auf der Zunge, was einerseits ein wirklich gutes Zeichen war, da er auf dem Weg der Besserung aus seinem depressiven Zustand schien, andererseits konnte er Lily ja nicht wirklich sagen, dass er es sich nicht entgehen lassen würde, wenn Mehdi Anna an die Gurgel ging, weil seine Frau Schuld an allem Schlechten war, das ihm, Mehdi, widerfahren war.
„Nein. Natürlich nicht", sagte Marc stattdessen.
Lily atmete erleichtert aus.
Ganz der Kavalier, und weil der Taxifahrer zumindest so umsichtig gewesen war, die Kindersicherung in die hintere Tür einzulegen, stieg Marc aus dem Wagen und öffnete der selbst ernannten Prinzessin des Hannah-Montana Fanclubs die Tür. Er reichte ihr sogar die Hand. Dem Fahrer gab er allerdings sehr knurrend fünfundvierzig Euro und zweiundsiebzig Cent. Passend.
Bei einer solch horrenden Summe für nicht mal ganz fünfzehn Kilometer würde er dem Mann nicht noch Trinkgeld in den Rachen werfen.
„Bereit?"
Lilly seufzte, nahm Marc bei der Hand und lief humpelnd auf das fünf Parteien-Wohnhaus zu, in dem in der untersten Etage ihre Eltern und Gwenny mit ihr zusammen ihr neues Heim gefunden hatten.
Sie klingelte.
„Hallo?", durch den Summer ein bisschen verzerrt hörte man die freundliche Stimme von Mehdi. Marc bemerkte sofort, dass er bester Laune war – und das obwohl er sehr, sehr aufgebraust und verärgert heute Mittag seine Wohnung verlassen hatte.
„Hallo, Papa", sagte das Mädchen nur, umgriff noch ein bisschen fester Marcs Hand.
Der Summer, der die Tür öffnete kam prompt, und noch während Lilly die schwere Tür aufdrückte, stand oben am Treppenrand ihr Vater, der freudig auf sie, und eigentlich Moira, wartete. Er schaute verwirrt, nachdem er Marc hinter Lilly erblickte.
„Lily-Maus?" Angesprochene biss sich auf die Lippen, bemühte sich so wenig wie möglich zu humpeln.
„Marc! Was ist passiert?"
Original Writing: 26. Juli 2011
Original Air-Date: 08. November 2011
lg
manney
