Kapitel 6 – Tears & Laughter (Tall Tree 6ft. Man)

Wider Erwarten, wer hätte es gedacht, war es Mehdi, der Marc in seinem alten Audi 100 nach Hause brachte. Die Fahrt über schwiegen sie sich wie ein verkrachtes Ehepaar an. Als ob Marc irgendwas dafür konnte, dass Mehdi so ein weicher Knochen war, und Anna mit „offenen Armen" wieder empfangen hatte. Nun hatte er die Quittung – selbst schuld. Doch mit den Kilometern, denen sie seinem Apartment näher kamen, wurden Marcs Augenlider immer schwerer und auch seine Laune immer schlechter. Und dies nicht, weil sein bester Freund eine Krise durchmachte. Sondern vielmehr, weil ihm gleich gähnende Leere in seiner Wohnung entgegenkommen würde.

Gretchen war nicht da.

Und auch wenn es gewiss nicht die besten Umstände gewesen waren, weshalb Marc sein Heim verlassen hatte, so war er abgelenkt. Und während Mehdi immer darauf los reden konnte, wenn ihn etwas bedrückte so war es Marc, trotzdem er mit Gretchen zusammen war und schon deshalb umgänglicher mit anderen Menschen war, nicht möglich. Denn die wirklich wichtigen, bewegenden Dinge, wie zum Beispiel die Wiedervereinigung seiner Eltern und damit auch die häufigere Abwesenheit seiner Mutter, besprach Marc nur mit einem: mit Gretchen. Nicht dass er irgendetwas dagegen hatte, dass seine Mutter ihn weniger anrief, oder nicht einmal die Woche auf seiner Station auftauchte, ganz im Gegenteil, nur war es ungewohnt. Und noch viel ungewohnter war es, seinen Vater in regelmäßigeren Abständen zu sehen, und sich sogar fast versöhnlich mit diesem unterhalten zu können. Und nur in raren, sehr undurchdachten Momenten, während er zumeist mit Gretchen sonntagmorgens im Bett lag, fasste er seine Gedanken in Worte.

Und während ihm seine Freundin ein guter Zuhörer war, und sich bemühte nicht schelmisch zu grinsen, weil sie zumeist zu viel in seine Worte hineininterpretierte, wusste Marc, dass diese Gespräche niemals mit Mehdi geführt hätten werden können, oder mit irgendeinem anderen Menschen.

„Du solltest deine Mutter anrufen", sprach der Halbperser einige wenige Straßen, bevor er Marc absetzte.

„Kümmere dich um deine eigenen Probleme, Kaan. Angefangen von deiner Tochter, zu deiner Frau!", blaffte Marc mit verengten Augen zurück. Doch eine ebenfalls patzige Antwort seitens Mehdi blieb aus. Dieser seufzte nur tief:
„Und Bärbel hat nach dir gefragt... sie will wissen, wie es dir geht. Sie liegt im Krankenhaus, und fragt nach deinem Befinden – nimm dir daran ein Beispiel und geh sie zeitnah besuchen."

Marc nickte stumm, und verließ dann das schon wieder in Fahrtrichtung positionierte Auto, um eine weitere Nacht in einem kalten Bett zu fristen.


Es kam ihm so vor, als ob die Treppenstufen gerade heute mehr geworden waren. Schleppend trampelte er jede einzelne empor, entriegelte als er oben angekommen war, seine Wohnungstür, um dann mit einem resignierten Schnauben genau das Gefühl zu bekommen, was er die ganze Zeit befürchtet hatte: Traurigkeit.

Und nicht die, die ein jedes Kind verspürte, wenn sein Lieblingsstofftier der Waschmaschine erlegen war, sondern diese Traurigkeit, die nicht mehr weggehen wollte. Noch heute Nachmittag war er voller Elan, er hatte alles aufgeräumt, gelüftet, das Bett neu bezogen, den stinkenden, nahezu verwesenden Müll hinunter in die Tonne gebracht und sich ausgiebig seiner eigenen Hygiene gewidmet. Doch was hatte das noch für einen Sinn, wo er der einzige war, der hier war. Allein? Er war früher immer allein zu Hause gewesen, also warum hatte ihn dieses eine Jahr mit Gretchen so verändert, dass er nun diese Stille kaum ertragen konnte? War er weich geworden?

Er setzte sich an den Esstisch im abgetrennten Wohnzimmer und blickte teilnahmslos auf die gemaserte Musterung des Silberahorns, aus dem die Designerstühle und Platte gefertigt waren.

Die Worte, dass Gretchen der festen Überzeugung war, er müsse sich eine neue Assistenzärztin suchen, und eine neue Freundin gleich dazu, hatten ihn, als er sie das erste Mal gehört hatte, eigentlich eher lächeln lassen. Mit dem immerwährenden Gedanken, es würde sich schon alles aufklären, war er vom Anwaltsbüro nach Hause gefahren, und erst als er dort die Tür aufgeschlossen hatte, überkam ihn erstmals der Gedanke, dass er allein war.

Nicht dass Gretchen allein und aufgeschmissen war, sondern er. Es war verdreht, aber für seine Gedanken konnte niemand etwas, weshalb er ziemlich schnell die Diagnose Depression in Betracht gezogen hatte.

Die Gewissheit, sein eigenes Elend als das Größte zu beschreiben, weil man nicht mehr weiter wusste, weil man Angst hatte, einen geliebten Menschen zu verlieren, obwohl doch noch Tage zuvor alles im perfekten Einklang schien, machte die Situation auch nicht besser. Und je länger er darüber nachdachte, wie scheiße es ihm ging, weil er sich verliebt hatte, desto mehr wünschte er sich, Gretchen und er wären niemals zusammen gewesen. Obwohl das letzte Jahr mit Gretchen als seine feste Freundin eines mit Abstand der Schönsten war, das er je gehabt hatte – auch ohne besonders viel Auto gefahren zu sein, mit irgendwelchen hochakrobatischen OP's geglänzt zu haben oder schlichtweg in einem Heißluftballon Sex gehabt zu haben – ließ ihn dieser Schmerz nichts anderes denken.

Er trank viel in den letzten Tagen, um einfach einschlafen zu können, damit er die Nacht nicht wach liegen müsste, redete er sich geschickt ein.

Doch es war dieses gedankenlose Sein, was ihn mehr und mehr dazu veranlasste schon mittags um 12 Uhr sein erstes Bier zu öffnen.

Bisher hatte er seinen Vorrat an exquisitem Scotch und Whiskey nicht angefasst, er war aber gerade sehr in Versuchung, dies nicht doch zu tun.

Denn diese Verzweiflung, nichts tun zu können; den, den es betraf nicht anschreien zu können, warum er einem dieses Gefühl der Hilflosigkeit aussetzte, erdrückte ihn beinahe.

Alles konnte er:

Menschen retten, Lilly eine Geschichte vorlesen, sie dazu bringen, nicht mehr so viel über ihre streitenden Eltern nachzudenken. Gwendolyn wickeln, Mehdi den Kopf waschen, Bärbel retten... doch konnte er Gretchen helfen – und damit sich selbst?

Nein.

Er wünschte sich so sehr, dass er sie anschreien konnte:

Ihr mit den einfachsten Worten klarmachte, dass es ihm beschissen ging, weil sie weg war. Dass es ihn krank machte, ihr nicht helfen zu können, und auch nur sie allein daran schuld war. Dass er den Anwalt hasste, weil dieser Gretchens Advokat war, und nicht seiner, ihm, Marc, also auch nichts erzählen durfte, wenn Gretchen es nicht ausschließlich wünschte. Dass er ihre Mutter allerliebst umgebracht hätte, wenn sie gestorben wäre, weil niemand der blonden Assistenzärztin mehr wehtun durfte. Dass er sich wünschte, dass mit Gretchen zu leben nicht immer ein solches Drama mit sich brachte. Dass er sie hasste, weil er sie so sehr liebte, und ihm damit so wehtat.


Marc erhob sich vom Stuhl etwas schwermütig und schlenderte zum Kühlschrank. Da man ja eigentlich in den Urlaub fahren wollte, und Gretchen in dieser Hinsicht viel von ihrer Mutter hatte, und das Talent einer qualifizierten Hausfrau, wenn auch nicht vollends, geerbt hatte, so befand sich im Kühlgerät nur noch das, was auch noch Monate später haltbar war: Honig, Ketchup, 500 g Speisequark und eine letzte Flasche Bier. Aus dem Keller hatte er schon sämtliche Kisten leergetrunken und müsste sie in den nächsten Tagen, wohl oder übel, zum Getränkemarkt bringen. Marc kniff verdroschen die Augen zusammen.

Es war mittlerweile ein kleines Ritual gewesen, dass Gretchen und er, wenn sie Freitagnachmittag Feierabend gemacht hatten, einkauften. Gretchen fuhr – wie immer - und er schleppte sich mit Wasserflaschen und Bierkästen ab.

Es waren die kleinen Dinge, die ihr Leben ausmachte, der Alltag im Krankenhaus, seine kleinen Spitzen über ihre Essgewohnheiten, und ihre durchdringenden blauen Augen, wenn er sich nicht anlässlich einer Situation dementsprechend verhielt, und den Kopf nach hinten über schräg legte.

Unwirsch schnappte er sich aus der Schublade neben dem Herd, den er erstmalig auch mit Gretchen zusammen eingeweiht hatte, einen Flaschenöffner.

Der Öffner war eines der Geschenke von Bärbel zu seinem 33. Geburtstag im März gewesen, hatte das plastische Motiv eines Cowboyhutes und diente ebenfalls als Sekt- oder Weinverschluss. Er wusste nicht wirklich, was er sagen sollte, denn Geschenke waren seit seinem achtzehnten Geburtstag zumeist in einem Umschlag gewesen und hatten Wertpapiere oder direkt bares Geld beinhaltet.

Abgesehen von Mehdi, der ihm allen möglichen Kitsch geschenkt hatte. Angefangen von einer Buchstütze in Form eines M's bis hin zu einem Knauf für seine Anhängerkupplung, die eine Art Mischung aus Squash-Ball und Golfball darstellte.

Doch nur mit einem kleinen Lächeln von Gretchen, wusste er, was zu tun war: Er umarmte seine Schwiegermutter in Spe herzlich und bedankte sich für den Flaschenöffner und die einjährige MitgliedschaftPlus im Golfclub für ein Jahr. Somit konnte er sogar sonntags Bälle schlagen gehen – zwar zum Ärgernis seiner Freundin, weil diese die Aktivität mit absolutem Frust ausübte. Doch jedes Mal, wenn ihm danach war, kam sie mit.

Er atmete schwer, nachdem er die 0,33 Liter in einem Zug weggetrunken hatte. Der Alkohol musste schnellstmöglich wirken, bevor er sich noch in die nächste Ecke verkroch und wie ein kleines Mädchen begann zu flennen.

Doch auch noch zwei Stunden später lag er um ein Uhr nachts wach auf dem Sofa herum, die Decke anstarrend und dachte über das letzte Jahr verzweifelt nach. Seine Gedanken kreisten und ein Ende nahm kein Abbruch. Härtere Drogen mussten her. Geschwind stand er auf, mit festen Schritten auf den Küchenschrank zu, in dem neben exquisiten Weinflaschen, Likören und Säften genau das stand, wonach ihm der Sinn war:
Chivas Regal, Absolut 50, Hennessy, JD und des Mannes besten Freunds, wenn er sich seine Gehirnzellen wegknallen wollte: Absinth.

Starkes 70% vol. aus Spanien gemixtes Anisgetränk, was so viel schneller als Ouzo zum gewünschten Erfolg führte.

Marcs durchsichtige 0,7 Liter Flasche vor ihm war halb gefüllt. Doch er besaß diese schon seit seinem ersten Studienjahr, in dem er mit anderen Kommilitonen den nicht vom Professor autorisierten Selbstversuch gestartet hatte, wie viel Alkohol den stärksten Medizinstudenten umhaute. Glücklicherweise waren die ersten seiner damaligen Studiosi nicht so trinkfest gewesen und sind schon nach den ersten Kurzen umgekippt. Einzig sein damaliger Zimmergenosse aus dem Studentenheim Cedric stand mit Marc zuletzt noch im Raum: beide stockbesoffen und nicht darauf achtend, was sie sagten, weshalb Marc frisch fröhlich ausgeplaudert hatte, dass er mit Cedrics Freundin geschlafen hatte, die am selben Campus Chemie studierte.

Es sollten darauf noch turbulente Jahre zwischen den beiden werden, denn verwundet hatte Cedric dies nie, da diese Freundin seine erste war, die er schon mit dreizehn auf die Wange geküsst hatte. Deshalb folgten dann Machtkämpfe, von: wer ist der beste im Studium, wer hat zuerst seine Doktorarbeit fertig, und wer schlief mit den hübschesten Frauen...

Doch an diesem besagten Abend, schlug Cedric Marc so dermaßen eine runter, dass er nicht nur wegen des Alkohols Sterne blitzen sah. Am nächstem morgen war die Absinth-Flasche geöffnet und es fehlten 20 cl - Cedric.

Lange Zeit hatte Marc diese Flasche nicht mehr angeschaut... Er stellte sie symbolisch auf den Wohnzimmertisch und schwelgte noch ein bisschen weiter in Erinnerung, was diese Flasche und er in den letzten vierzehn Jahren schon durchgemacht hatten. Es lenkte ihn vorerst von seinem Problem mit Gretchen ab.

Das zweite Mal, dass dieser Flasche etwas entnommen worden war, folgte einige Jahre später, an dem Tag, an dem man ihm mitteilte, dass er als Assistenzarzt bei seinem Doktorvater und Mentor im Elisabeth-Krankenhaus angenommen wurde. Cedric war allerdings nur einer dieser vielen Namenlosen in der Charité gewesen. Dies musste gefeiert werden.

Ein weiteres, drittes, Mal war kurz nachdem er seine Doktorarbeit abgegeben hatte und seine Assistentenzeit mit einer glorreichen Karriere im Elisabeth-Krankenhaus befürwortet war. Doch Nina verließ ihn. Er vögelte sich tagelang durch die Betten von Berlin, bis er deren verschwommenen Gesichter müde wurde, und auch bemerkte, dass Ninas Abwesenheit nicht mehr als eine blasse Erinnerung war. Er triumphierte – er trank.

Weitere Male, vier und fünf, folgten, als Gabi ihn zur Ehe zwang und Gretchen ihn während seines Heiratsantrages vor versammelter Mannschaft mit verklärten Augen anschaute und dann Monate später, als Gabi wutentbrannt aus seiner Wohnung auszog. Er hatte sich damals bemüht, vor sich selbst nicht einzugestehen, dass es vielmehr daran lag, dass er so kurz davor war Gretchen flachzulegen, es aber nicht hinbekommen hatte.

An ihrer Hochzeit war ihm danach, morgens besoffen dort aufzutauchen, er hatte die Flasche schon stehen gehabt, doch er war eisern geblieben.

Das sechste und bisher letzte Mal trank er an der Beerdigung von Franz Haase, nachdem er Gretchen aufgesammelt hatte und ihr einen Kuss auf die Schläfe gedrückt hatte.

Und im hier und jetzt wurde ihm eines klar: Seit er Gretchen kannte, hatte er nie mehr aus Glück und Erfolgsrausch diese Flasche geöffnet, sondern aus Frust, Verzweiflung und wie er im Begriff war zu tun: Traurigkeit.

Nachdem der Schraubverschluss noch nicht mal ganz geöffnet war, entgegnete ihm schon dieser schwere Duft von Anis und Fenchel. Nicht gerade wie ein Kenner roch er daran und erinnerte sich noch einmal, dass an seinem Elendszustand nur eine Schuld hatte: Gretchen.

In sein einziges Absinthglas, das er besaß – das andere hatte Cedric – füllte er mehr als einen Doppelten hinein:

Er beobachtete im Schein des Laternenlichts, was durchs Fenster und Balkontür ungehindert hereinschien, wie sich die grüne Brühe im Kristallglas spiegelte.

Den Kopf in den Nacken geworfen trank er das Gebräu auf ex aus - weil er Gretchen liebte.

Abermals kippte er das Glas wieder voll:

Er trank auf ex aus, weil er sie hasste, dass er diese Gefühle für sie hegte.

Und ein weiteres drittes Mal füllte er sein Glas über den Durchschnitt voll:

Er trank auf ex aus, weil er wollte, dass diese Gefühle aufhörten.

Die eben noch fast halbvolle Flasche war bis auf ungefähr ein Siebtel leer.

Und Marc ging es gut.


Original Writing: 10. August 2011

Original Air-Date: 20. November 2011

a/n:

dieses Kapitel widme ich einer ganz besonderen Person: Amira! heute ist unser erster Jahrestag! Ich möchte nicht missen dich kennengelernt zu haben. Du bist mit weitem Abstand der liebenswerteste Mensch, den ich kenne. Ein solch goldiges und liebes Herz gibt es nur selten, vielen Danke für die letztn 356 Tage: Du hast mein Leben bereichert!

lg

manney