Kapitel 8 – More Human Than Human (White Zombie)
Titel stammt erstmalig in meiner gesamten Laufbahn als FF-Autor nicht von mir!
Marc hatte sich nach dieser merkwürdigen Begegnung mit Anna auf die Couch gelegt und war innerhalb kürzester Zeit eingeschlafen und erst gegen fünfzehn Uhr wider aufgewacht. Doch leider mit keiner besseren Laune oder angepassterem Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber. Er musste, ob er wollte oder nicht, einkaufen gehen, da, wenn er sich weiter von Bring-Diensten etwas liefern lassen würde, nicht mehr mit seinem zugeteilten Budget auskommen würde.
Also den restlichen Monat dann hungern müsste.
Das hätte seiner ehemaligen Assistenzärztin mal passieren müssen. Aber nein, die suhlte sich auf seine Steuergelder lieber in U-Haft und bekam jeden Tag ihre drei Mahlzeiten und konnte in ihr Tagebuch schreiben, wie nett ihre Mitinsassinen sie doch aufgenommen hatten.
Doch dann fiel ihm ein, dass er gar nicht einkaufen konnte, da ihm sein Wagen fehlte, was das Bierkästen kaufen ungemein erschweren würde. Doch eigentlich, wenn er in diesem Moment wirklich Herr seiner eigenen Emotionen gewesen wäre, hätte er sich eingestanden, dass er so banal es sich anhörte, zu eh nichts Bock hatte.
Es klingelte unvermittelt. Er seufzte. War das jetzt Mehdi, der ihm eine runter hauen würde? Marc drehte sich mit dem Bauch zur Sofarücklehne. Wenn der Halbperser meinte, dies tun zu müssen, sollte er es eben tun, er sollte sich aber nicht wundern, wenn er dann selbst Engelein singen hörte. Doch nach nur einem einzigen Klingeln wurde verdächtig mit Schlüsseln geraschelt, die neben... (ihm wäre beinahe in Gedanken ihr Name in den Sinn gekommen) ihr nur eine weitere Person auf der Welt hatte: Seine Mutter.
„Marc Olivier", ertönte darauf schon die schneidende Stimme Elkes, die theatralisch die Tür zurück ins Schloss fallen ließ.
Ja, und wäre Marc nicht so depressiv gewesen, er hätte sich darüber gefreut, dass es nur seine Mutter war, die ohne seinen Vater gekommen war.
Sie wartete einen Augenblick, gespannt auf die eigentlich schon vorhersehbare Reaktion, ihn nicht immer Olivier zu nennen, doch diese blieb aus.
Was Elke nur zu einem furchtbaren Ergebnis brachte: Ihrem Sohn ging es richtig schlecht (Erfolgsautorinnen wie Elke Fischer benutzten den Ausdruck „beschissen" nicht, nein sie dachten ihn auch noch nicht mal, auch wenn es mehr als angebracht wäre).
Sie legte ihren dunkelbraunen Nerzmantel auf die Kücheninsel, stellte ihre Chanel-Handtasche, die übrigens genau zu ihren Schuhen passte, daneben und wartete langsam auf ihren Sohn zu. Sie wusste, dass er nicht schlief. Dafür ging sein Atem zu unregelmäßig und außerdem schnarchte ihr Sohn, wenn er auf der Seite und nicht auf dem Rücken lag.
„Marc", sagte sie leicht, hätte sich, zu jeder anderen Zeit über seinen zuckenden Rücken gefreut, schaffte es aber noch nicht mal darüber zu lächeln.
Sie hatte vor ungefähr einer Stunde einen erschreckend hektischen Anruf von Emanuel bekommen, der sich so schnell eigentlich nicht aus der Ruhe bringen ließ, in dem er ihr mitteilte, dass Marcs Freund Mehdi bei ihm angerufen hätte, weil es Marc nicht nur schlecht zu gehen schien, sondern er jetzt nicht mal mehr auf unschuldige in dieser Situation Rücksicht nahm. Emanuel war gerade in einer Mandantenbesprechung in Potsdam gewesen, weshalb dieser dann Elke angerufen hatte. Die sich, wie es eine jede gute Mutter getan hätte, von ihrer Autogrammstunde entschuldigen ließ, um direkt zu Marc zu fahren.
Man konnte Elke viel unterstellen, dass sie leicht größenwahnsinnig war, oder in schlechten Zeiten auch manisch-depressiv, aber sie wusste immer, wann es an der Zeit war ihrem Sohn die Aufmerksamkeit zu widmen, die er verdient hatte.
Nur war dies das letzte Mal vor rund achtzehn Jahren gewesen, als Marc der festen Überzeugung war, Arzt werden zu wollen. Sie hoffte, dass sie in all den Jahren nicht verlernt hatte, eine fürsorgliche Mutter zu sein.
Sie legte ihm ihre Hand auf den Unterarm und drückte leicht zu: „Es wird schon alles wieder werden. Du wirst sehen, Margarethe wird in Windeseile wieder hier bei dir sein, und sich durch eine Jahresration Schokolade essen."
Marc schloss die Augen und atmete tief durch. Er würde nicht die Worte sagen, die ihm gerade auf der Zunge brannten. Soweit konnte er sich beherrschen. Soweit musste er sich beherrschen.
„Wir wissen doch beide, dass diese unsägliche Anschuldigung frei erfunden ist", fuhr Elke fort und es war der Augenblick, in dem Marc nicht länger an sich halten konnte.
Mit fahlem Grinsen im Gesicht setzte er sich ruckartig auf und schaute seine Mutter unverwandt an.
„Ja natürlich, Mutter. Wir beide wissen natürlich, dass Gretchen unschuldig ist", er hatte einen dicken Kloß im Hals, seit gestern Abend / heute Nacht, hatte er seine Gedanken und auch Worte gut gewählt, ihren Namen nicht mehr denken und sagen zu müssen.
„Doch woher? Hat es irgendwer schon mal für dich vorgeschrieben, dass du es nur noch plagiieren musst, das Ende der Geschichte wie Gott schon weißt?"
Elke erschrak zutiefst über seine Worte und zog ihre immer noch auf seinem Arm liegende Hand zurück.
„M..."
„Ja, oder hast du deine Floskeln wohlmöglich schon mal aufgeschrieben, und es fällt dir deshalb so leicht, sie runter zu rattern: Ich sag dir jetzt mal was, Mutter, wenn ich gute Ratschläge haben will, dann gehe ich Chinesisch Essen und öffne meinen Glückskeks. Von daher, wenn du so gütig wärst zu gehen und mir meinen wohlverdienten Urlaub nicht noch mehr durcheinander bringst, als er eh schon ist? Da ist die Tür", er neigte seinen Kopf in die Richtung seiner Mutter, hinter der sich seine Wohnungstür befand.
Elke erhob sich vom Tisch, schnappte sich in Gedanken versunken nur ihre Tasche, ohne Mantel, und verließ die Wohnung leise.
Draußen beließ der kalte Herbstwind furchtbar um ihre frisch gemachten Haare und sie beeilte sich zu ihrem Mercedes zu kommen. Drinnen sitzend warf sie nicht direkt den Motor an, sondern starrte für einige Minuten apathisch ins Leere, bis sie kräftige Schluchzer durch Mark und Bein schüttelten.
Marc atmete tief durch, nachdem seine Mutter weg war. Er hatte sich bemüht sich zusammenzureißen, anders als bei Anna heute morgen, wollte er seine Mutter nicht wirklich verletzen. Doch ihr Gelaber über das Leben und das Glück, und das alles wieder gut werden würde, kotzten ihn, obwohl er davon wahrlich schon genug hatte, sprichwörtlich an. Man war hier nicht in einem Pilcher-Film, in dem nach neunzig Minuten durch aberwitzige Wendungen eine Friede-Freude-Eierkuchen-Torte gebacken werden konnte.
Er war allein. Ihm war elend zumute, und all dies nur, weil er sich Hals über Kopf in seine ehemalige Mitschülerin Slash Assistenzärztin verguckt hatte, die ihm den Laufpass gegeben hatte, weil sie, ausgerechnet sie, die immer in Allem das Positive sah und an eine glückliche Zukunft dachte, ihre Situation als ausweglos betrachtete.
Was hatte er, der Egomane, der Egoist, der Pessimist, der arrogante Oberarzt, der Macho, der seit einem Jahr liebende Trottel dem noch hinzuzufügen?
Das Leben ging weiter, auch ohne sie. Es waren einmal seine Worte an Mehdi gewesen, musste er ironischerweise zugeben.
Es würde vielleicht noch seinen ganzen Urlaub, viele Frauen und noch eine Menge mehr Alkohol dauern, bis er sich gänzlich damit abgefunden hatte, aber er würde damit klar kommen. Er war noch immer Marc Meier, der zwar ein ganzes Jahr mit Gretchen zusammen gewesen war, und ihn dies auch verändert hatte, in seinen Augen nun, zum Schlechteren, aber immer wieder auf die Füße fallen würde. Egal über was für Leichen er zu gehen hatte.
Es war bereits kurz nach sieben, als Marc, schon wieder mit ein paar Jack Daniels intus, das Rascheln eines Schlüssels vor seiner Haustüre hörte. Er dachte grinsend an seine Mutter, die ihren verdammten Pelzmantel abholen wollte. Doch dem war nicht so, denn wider erwarten war es nicht Elke, sondern sein Vater:
Emanuel Olivier Meier.
Eine kleine Statur von einem Mann, nicht ganz einen Meter achtzig groß, zumeist mit großen Sonnenbrillen und Anzug bekleidet und das liebenswürdigste Grinsen im Gesicht, was jedes Wässerchen trügen konnte.
„Marc", schrie er direkt, als er die Wohnung betrat. Und angesprochener war dankbar, dass durch den Alkohol, den er sich noch immer en mass reinschob, seine akustische Wahrnehmung getrübt war. Denn wäre er nüchtern, oder besser gesagt am Ausnüchtern gewesen, hätten ihm bei dieser Lautstärke die Ohren wehgetan.
Windigen Schrittes kam Emanuel auf Marc zu, der am Esstisch saß und vor sich seine viereckige JD-Flasche stehen hatte.
Er grinste dreckig, was ihm allerdings sehr schnell verging, als Emanuel ihn am Kragen seines Hemdes in die Senkrechte zog und gegen die Nächste Wand hinter dem Tisch drückte:
„Bist du verrückt?", polterte Marc los, sein Gesichtsausdruck zornig.
„Verrückt? Ich? Das fragst ausgerechnet du? Was hast du nur mit deiner Mutter angestellt?"
„Gar nichts", brüllte Marc fauchig, bemühte sich seinen Alten Herrn von sich zu schupsen. Doch der kleine Mann mit Halbglatze war kräftiger als gedacht, und drückte Marc noch heftiger an die Wand.
„Für gar nichts, hat sie eine Menge geheult und Tee* getrunken, mein Lieber."
„Boha... spiel dich nicht wie der liebende Ehemann auf, die Rolle steht dir nicht. Ist ja widerwärtig", lallte Marc überheblich.
„Ich will dir mal was sagen, Marc. Egal wie, bieg es wieder gerade, bevor deine Mutter wegen dir in eine schlimme Depression verfällt die deiner hier nicht mal ansatzweise ebenbürtig wäre."
„Ich bin nicht depressiv", sagte Marc schlicht. Emanuel ließ von ihm ab, sammelte sich einen Moment und schüttelte dann ungläubig den Kopf:
„Wenn du kaum etwas von Elke geerbt hast, eines jedoch habt ihr gemein: Ihr nehmt euch Probleme anderer an, und macht sie zu euren eigenen!" Nachdem er Elkes Mantel vom Tresen genommen hatte, verließ auch Marcs Vater das Apartment seines Sohnes.
Er fasste sich an seine Halsschlaghader und drehte den Kopf hin und her. Er war nicht wie seine Mutter. Die hatte nämlich das unsägliche Talent allen Menschen um sie herum wie ihr nicht würdige menschliche Geschöpfe anzusehen und sich selbst nur in ihrem Gram zu wälzen und auf anderen herum zu treten. Er war schlicht unfreundlich zu seinen Mitmenschen. Unter gar keinen Umständen würde er sich jetzt darüber Gedanken machen, was Emanuel gesagt hatte. Nein. Das Thema war beendet: er war nicht wie seine Mutter.
Ergeben schloss er die Augen, als er bemerkte, dass der Alkohol sich gemächlich wieder abbaute und die klarere Realität wieder in seine Gehirnwindungen durchschien. Er brauchte noch eine Doppelten, geschwind.
Und gerade, als er sich wieder an den Tisch gesetzt, das Stamperl vollgekippt hatte, kam sein Vater abermals zurück.
„Was willst du noch?", stöhnte er, setzte zum Schlucken an, doch sein Vater schlug ihm quer über den Tisch das Glas aus der Hand.
„Sag mal, bist du bekloppt?", brüllte Marc.
Doch Emanuel erwiderte vorerst nichts, nahm sich die Jack Daniels–Flasche vor Marc, schmiss sie in einen großen gelben Sack, den er aus einem seiner Küchenschubläden gekramt hatte und entsorgte darin auch gleich seine Vorräte aus dem Vorratsschrank. Ja sogar die zwei '61 Chateau Latour, die er Marc letztes Jahr Weihnachten geschenkt hatte, verbannte er in seinem Beutel. Eine Verschwendung von Rund zweihundertfünfzig Euro, aber die Gesundheit seines Sohnes, nicht nur seine physische, ließen ihn keinen weiteren Gedanken daran verschwenden.
Marc sah nur ruhig zu, wie sein Vater den gesamten Vorrat an Alkohol aus seinem Schrank entfernte. Doch der alte Mann sah das offensichtlichste nicht: Die immer noch auf der Arbeitsplatte stehende Absinth-Flache und den Jägermeister. Dafür aber die Tupper-Box, die auf der Kücheninsel stand und Emanuel anfangs gar nicht bemerkt hatte.
„Was ist das hier?", fragte er unschlüssig, nachdem er die Dose geöffnet hatte und dort ein zusammengeklapptes Brötchen in Zellophanfolie vorfand, daneben in einen Frühstücksbeutel eingepackte Apfelstückchen und kleine Karrottenstangen.
„Frühstück. Hatte Anna heute morgen mitgebracht", Marc schloss die Augen, wenn sein Vater sich jetzt umdrehen würde, würde er sicherlich auch noch die restlichen Flaschen sehen. Er betete, dass man ihm wenigstens diese Gnade erweisen würde, damit er durch die Spirituosen heute nacht einschlafen konnte.
Emanuel seufzte, schüttelte nur den Kopf und sah seinen Sohn mitleidig an.
„Vielleicht solltest du dich für ein paar Tage einweisen lassen", dachte er laut nach.
Ungläubig sah der Oberarzt seinen Vater an, ehe er lachte. Leider nicht herzhaft, wie man es bei einem solchen Vorschlag in jeder anderen Situation von ihm erwartet hätte.
„Warum, weil ich ein bisschen... Weil ich das letzte Jahr verrückt gewesen war, und mich von rosaroten Wolken habe einwickeln lassen? Ein paar Tage und ich bin wieder ganz der Alte", bestätigte Marc noch einmal verbal, das was er tief in sich drin hoffte, würde auch eintreten. Er konnte Gretchen nicht so geliebt haben, dass der Schmerz, sie nicht mehr um sich zu haben, ihn von innen heraus wie eine Termite aushöhlen würde.
„Ich hoffe inständig für dein Selbstwertgefühl, dass du dich nie richtig erinnern wirst, wie du mit Menschen, denen etwas an dir liegt, umgesprungen bist, Marc. Und noch viel weniger wünsche ich Gretchen, dass sie jemals erfährt, wozu du durch Alkohol und Wut im Stande bist", sagte Emanuel knapp und verschwand dann endgültig für den Abend.
Marc störte sich nicht an der klebrigen Flüssigkeit, die dank dem aus der Hand schlagen seines Vaters, über Tisch, Stühle bis an die Wand gespritzt war, und ging zielstrebig auf die Jägermeisterflasche zu.
*natürlich mit Schuss, Leute!
a/n:
so, hier ist also das erste selbst-gebetate Kapitel. Wer Rechtschreibfehler findet, macht bitte mich dafür verantwortlich! Kritik dahingehen auch gern gesehen ;)
Original Writing: 12. August 2011
Original Air-Date: 15. Januar 2012
lg
manney
