Kapitel 10 - L'Amour Et La Violence (Sébastien Tellier)
Es war seit zwei Wochen jeden Tag das gleiche Spiel: aufstehen, sporadisch fertig machen, frühstücken, zurück auf die Zelle, warten, warten, warten, ins Bett gehen, schlafen – aufstehen... Es machte sie wahnsinnig. Und am Schlimmsten war noch die Tatsache, dass sie nicht mal mehr heulen konnte. Trauer war Resignation gewichen und Wut über ihre eigene Dummheit mit Fragen über Fragen, die ihr ihr Anwalt, die Staatsanwältin und der Haftrichter gestellt hatten, erstickt. Ihr war nach den ersten Stunden im Verhörzimmer klar gewesen, dass wenn nicht ein Wunder passierte, sie angeklagt, verurteilt und weggesperrt werden würde – lebenslänglich. Fünfundzwanzig Jahre, wenn die Staatsgewalt die besondere Schwere der Schuld feststellen würde.
Sie lebte in völliger Isolation, denn obwohl man in diesen Mauern im selben Boot saß, konnte sich Gretchen für keine ihrer Mitinsassinnen interessieren. Während viele von ihnen einfach zugaben, ihren schlagenden Ehemann, ihre gestörte Mutter, oder das schreiende Kind getötet zu haben, sich aber auch noch versuchten recht zu fertigen, beharrte Gretchen auf ihre Unschuld.
Ein gravierender Fehler.
Sie hatte sich nie vorgestellt, wie es wohl in einem Gefängnis von innen ausgesehen haben mochte, da sie niemals damit gerechnet hatte, in einem zu landen. Doch sie wünschte sich nach den ersten Tagen mehr „Hinter Gittern – der Frauenknast" geschaut zu haben. Denn wenn nichts von diesem fiktionalen Schund stimmte, eines war 1:1 übernommen worden: Feiglinge und „Unschuldige" waren das Letzte. Weshalb sie so manches Mal schon Hornhaut in ihrem Essen, Haare in ihrem Trinken und Honig in ihrem Waschgel vorgefunden hatte. Und es waren erst zweieinhalb Wochen!
Sie lebte den Tag, so wie er kam. Sie dachte nicht mehr an ein Morgen.
Alles was zählte war den Tag mit so wenig Komplikationen rumzukriegen, wie irgend möglich.
„Haase – Ihr Anwalt", wurde Gretchen - sie fühlte sich noch nicht mal mehr wie ein süßes, harmloses Gretchen - aus ihren Gedanken gerissen. Mehrere Stunden schon hatte sie aus dem Fenster, das von dicken Eisenstäben verschandelt war, hinaus zum Besucherparkplatz geschaut, auf den sie von ihrer Zelle den perfekten Ausblick hatte.
Sie konnte sagen, dass die Schließer und Beamten, die in diesen Gemäuern ihr Leben fristeten noch sehr nett mit ihr umgingen. Vielleicht lag es einfach an ihrem Doktortitel, oder schlicht an ihrer bemüht höflichen Art. Doch anstelle sich darüber zu freuen, dass sie nicht grob angeschoben wurde, um sich vorwärts zu bewegen, wusste sie schon jetzt, dass ihr morgen früh die Hölle auf Erden bevorstehen würde. Keiner der Frauen würde es gut heißen, dass sich „Madamme Goldlöckchen" angepasst verhielt und dadurch die Gunst des Feindes erlangt hatte.
Sie schloss ergeben die Augen, nachdem man sie durch die Gänge und Flure in einen angrenzenden Trakt gebracht hatte. In einen Raum, in dem sie ohne Aufsicht alles erzählen konnte. Nur leider einem Anwalt, der ihr riet, mit ihren „Märchen" aufzuhören und ein Geständnis zu unterschreiben. Sie hatte ihm unvermittelt den Vogel gezeigt, denn sie wusste, obwohl sie zu jener Zeit letztes Jahr nicht ganz auf der Höhe war, niemanden umgebracht zu haben. Und schon gar nicht dem Inzest frönenden Alexis.
Sie hatte alles genauso erzählt, wie sie es in Erinnerung gehabt hatte.
Nachdem sie Marc ihre Liebe gestanden hatte, war sie zu Alexis gerannt, um sich bei ihm zu entschuldigen, um ihn um Verzeihung zu bitten, dass sie so eine schlechte Person war, um ihn anzuflehen sie nicht zu verlassen... Und fand ihn mit seiner Mutter im Bett. Das letzte Mal, dass sie ihren damaligen Ehemann gesehen hatte. Noch heute drehte sich ihr Magen um, wenn sie sich dieses Bild wieder vor Augen hielt.
Sie hatte die Geschehnisse des vergangenen Jahres gut verdrängen können, denn es war, obwohl ihr Vater nicht mehr unter ihnen weilte, das mit Abstand schönste gewesen, was sie je erlebt hatte. In den ganzen sieben Jahren, die sie mit Peter zusammen gewesen war, hatte sie sich nicht einmal so... vollkommen frei und losgelöst gefühlt. Es lag nicht nur an der Beziehung zu Marc, auch wenn diese einen Großteil ihres Glücklichseins ausmachte, sondern vielmehr an allem zusammen. Ihre Mutter hatte sich auf ihren altbewährten Lebensstil zurück entwickelt. Jochen war nicht mehr ihr „kleiner nerviger Bruder", sondern eine ernstzunehmende Persönlichkeit, die sie niemals missen mochte. Ja selbst Frau Fischer (während Marc Bärbel schnell duzen konnte, hatte Gretchen „Elke" noch nie über die Lippen bringen können) war ihr wohlgesonnen gewesen, vielleicht nicht zuletzt durch ihren Liebhaber und Immer-Noch-Ehemann Emanuel (den Gretchen wiederum duzte), der sie einen Großteil aller peinlichen Momente gerettet hatte, während Marc nur wissend grinsend dreingeschaut hatte. Es hatte sich alles irgendwo gefügt. Auch Mehdi war wieder mit Anna glücklich zusammen... und es schien mit dem ersten gemeinsamen Urlaub von ihr und Marc noch so viel perfekter zu werden! Und dann das? Warum? Was hatte sie in ihrem Leben so furchtbares verbrochen, dass sie dieses Leben hier fristen musste?
Sie seufzte, während sie geknickt auf den Tisch starrte und wartete.
Kurz darauf kam auch schon ihr Anwalt hineingestolpert. Er war untersetzt, sehr korpulent und hatte eine Billardkugel als Kopf auf seinem nicht existenten Hals aufgepflanzt bekommen. Viele kleine Schweißtröpfchen perlten von der glattpolierten Glatze über den Specknacken auf seinen Hemdkragen und den Sandfarbenen Blazer des Anzugs.
Das erste Mal hatte Gretchen sich so sehr gefreut, als sie ihn gesehen hatte, und er ihr erklärte, dass er ein ehemaliger Studienkollege von Emanuel war, deshalb vorerst kein Geld nahm, weil sämtliche Konten ihrer unmittelbaren Angehörigen und die ihres nicht eingetragenen Lebensgefährten und möglichen Komplizen eingefroren waren. Er war freundlich, und hörte aufmerksam zu, was sie gesagt hatte.
So dachte sie zumindest.
Heraus kam allerdings noch am selben Nachmittag, nicht ganz vierundzwanzig Stunden später, nachdem sie aus Marcs Wohnung abgeführt worden war, dass er nicht einen Satz richtig wahrgenommen hatte.
Aus „Alexis" war „Alexander" und aus den Umständen mit Marc war ein Liebesdrama geworden, sodass sich seine Mandantin leider nicht mehr ganz an die Umstände erinnerte, wann sie ihren Ehemann zuletzt gesehen haben will.
Als sich Gretchen nach dem Termin beim Haftrichter bei ihm beschwerte, warum er nicht genau das gesagt hatte, was sie ihm erzählt hatte, sagte er schlicht, dass sie sich glaubwürdigere Geschichten einfallen lassen müsste, um aus dieser Misere wieder heraus zukommen.
Ihr eigener Anwalt glaubte ihr nicht.
Sie hatte danach versucht mit Engelszungen auf ihn einzureden, dass es wahr war, was sie da sagte. Doch er fragte nach Zeugen, denen sie dies schon vorher gesagt hatte.
Gretchen erklärte wahrheitsgemäß, dass Stefano Alvarez-Schmidt aus Köln von den Umständen gewusst hatte, doch auch dies ließ ihr Anwalt überhaupt nicht gelten.
Sie vertagten ihr Gespräch auf den nächsten Nachmittag, an dem Gretchen hoffte, dass ihr Anwalt sie – eine Nacht drüber geschlafen – besser verstehen würde, als am Vortag. Nur unterbreitete er ihr ein vorformuliertes Geständnis, das sie nur noch zu unterschreiben bräuchte. Er könnte, wenn sie sich kooperativ zeigte, acht bis zehn Jahre für sie rausschlagen.
Sie keifte und schrie, was er denn für ein Anwalt sei, wenn er nicht mal versuchte zu beweisen, dass sie unschuldig war. Wo war sein „Matula", der in der Umgebung des Toten herumschnüffelte? Die Antwort kam prompt, dass sie nicht so viel Fernsehen schauen sollte. Ein Wort ergab das andere, über mehrere Stunden hinweg, bis er sie so mürbe und müde gemacht hatte, dass sie sich die Eigenschaft von Marc, alles in Ironie und Sarkasmus zu tränken, zu Eigen gemacht hatte und resigniert verlauten ließ: „Prima, dann erklären sie doch mal Ihrem alten Freund Emanuel, dass er nun keine Schwiegertochter haben wird, und seinem Sohn, dass er sich einen neue Freundin und auch Assistenzärztin suchen muss, weil sie Ihren Job nicht richtig machen können!"
Dieser Fettwanst von einem Mann wurde daraufhin puterrot, kramte seine nicht sortierten Sachen und losen Blätter zusammen, dabei suchte er dann in seinen Anzugtaschen nach einem abgegrabbelten Zettel: „Ach, und übrigens, Ihre Mutter hatte einen Herzinfarkt - soll ich Ihnen von...", er blinzelte um die Sauklaue genau entziffern zu können „Jürgen ausrichten!"
An diesem Abend hatte Gretchen das letzte Mal geweint.
Es war auch an diesem Abend, in dem sie ihren eigenen Worten, die sie ihrem Anwalt aus Wut und Verzweiflung ohne große Überlegung mitgeteilt hatte, Glauben schenkte.
Sie würde hier nie mehr rauskommen, weshalb es nur fair war, dass sie den Menschen die Absolution erteilte, für die da draußen das Leben einfach weiterging (hoffentlich auch für ihre Mutter).
Tagelang hatte sie auf einen Anruf von ihrem Anwalt gewartet, traute sich nach ihrem Ausbruch an Unhöflichkeit nicht mehr ihn zu kontaktieren, dass er ihr sagte, dass da draußen Menschen sind, die immer zu ihr stehen würden. Doch es kam nichts. Weshalb diese wahnsinnige Vorstellung, Menschen vor ihrem Fernbleiben zu schützen, zu ihrem eigenen Rettungsanker wurde. Alle, ausnahmslos, kamen auch ohne sie klar.
Niemand, der ihr durch ihren Anwalt eine verbale Nachricht zukommen ließ. Sie wusste wohl vom Kommunikationsverbot, doch hatte Marc jemals das Gesetz geachtet?
Und nun, zweieinhalb Wochen, nachdem sie ihren Anwalt das letzt Mal gesehen hatte, kam er wieder? Was wollte er?
Sie bemühte sich die Hoffnung nicht all zu sehr in sich aufkeimen zu lassen. Sie wusste, das Wunder in dieser Welt nicht mehr passierten, und doch war ihr, als ob große Neuigkeiten auf sie warteten.
Sie hoffte auf eine Nachricht von ihrer Mutter. Wie es ihr wohl ging?
Oder eine Anfrage von Jochen, nach dem Stand der Dinge (nicht umsonst hatte Jochen einmal angefangen Jura zu studieren).
Einen Gruß vom Kaan-Klan oder Maria. Ein Zeichen von Steffi.
Ein einziges Wort von Marc...
IhrAnwalt stand also im Raum und bedankte und sich quietschend bei der Beamtin.
Mit einem Seufzen ließ er sich danach gegenüber von Gretchen, am anderen Ende des Tisches nieder:
„Frau Haase", begann er knapp und nickte, schlug dann eine Akte auf.
„Doktor", erwiderte Gretchen knapp.
„Jaja... haben Sie sich mein Angebot überlegt?"
Gretchen schaute verwirrt zu ihm auf, sich nicht daran störend, dass sie verquollene und gerötete Augen hatte: „Angebot?"
„Nun, Sie stellen sich! Wir sagen es war eine Affekttat, sie wollten sich von ihrem Mann für diesen... wie hieß er nur gleich... Moritz...trennen, ihr Mann wollte nicht, wurde handgreiflich, sie haben den Revolver aus dem Schreibtisch genommen, weil er sie emotional erdrückt hat, und alle sind glücklich!"
„Das ist nicht Ihr Ernst... Dafür sind Sie hier? Mir dieses Angebot schon wieder unter die Nase zu reiben? Mit welchem Nachsatz denn dann? Dass meine Mutter vielleicht ganz tot ist?", schrie sie aufgelöst und damit kamen seit langer Zeit auch die Tränen wieder.
„Das, oder eine lebenslange Haftstrafe, denn niemand wird Ihnen glauben!", sagte ihr Gegenüber schlicht, ignorierte ihre Tränen.
„Das ist nicht wahr – das kann nicht wahr sein! Ich habe ihn nicht umgebracht!", sie hatte sich vom Stuhl erhoben und funkelte ihn wütend an.
Der Anwalt sog scharf die Luft ein: „Frau Haase, sie verstehen die Umstände nicht. Sie sitzen auf der Anklagebank, das heißt, man muss Ihnen beweisen, dass sie schuldig sind. Und das kann man. Verstehen Sie. Die Frage ist nur noch, wie lange sie in einem Gefängnis bleiben müssen", belehrte er seine Mandantin kühl.
„Ich will Sie nicht mehr sehen – raus, sofort", sie hyperventilierte schon, so sehr regte sie sich über seine Art und Weise, wie er mit ihr redete, auf.
„Bitte?"
„Sie sollen gehen", schrie sie so laut, dass sogar eine Beamte ins Zimmer gestürzt kam.
„Was ist hier los?"
„Ich..." Gretchen wischte sich verstohlen die Tränen von der Nase, bemühte sich nicht zu tief einzuatmen „... habe diesem Mann gerade sein Mandat entzogen!", brachte sie matt hervor, sackte wieder auf ihrem Stuhl zusammen, legte ihren Kopf in den Nacken und schloss die Augen.
Sie wusste, dass es schwer werden würde, hier raus zu kommen, von Anfang an, doch das letzte Bisschen Hoffnung, das letzte Bisschen Vertrauen in ihre Mitmenschen schien grundlos in ihr geglimmt zu haben.
Sie konnte wieder heulen, diesmal jedoch nicht, weil sie enttäuscht und überfordert mit der Situation war, sondern weil ihr klar wurde, wie viel Wahrheit in ihren Gedanken integriert war: Niemanden schien es zu interessieren, ihren Ex-Anwalt am aller Wenigsten, dass sie hier rauskam. Niemanden schien es zu interessieren, dass sie hier nie mehr rauskam...
Original Writing: 18. August 2011
Original Air-Date: 29. Januar 2012
lg
manney
