Kapitel 11 – Holding Out For A Hero (Bonnie Tyler)
Drei Wochen. Ein Tag. Vierzehn Stunden...
Am Meierschen Apartment klingelte es Sturm. Und natürlich hatte Marc um halb vier Uhr nachmittags eine Bierflasche in der Hand und stöhnte gequält auf. Schon ein paar Mal hatte er Mehdi durch die Tür hindurch zugerufen, dass es ihm gut ging (wie immer man auch dieses Adjektiv definieren wollte). Er hatte seit Tagen regelmäßig geduscht und auch ab und an seine Wohnung aufgeräumt. Er lag etwa nur noch zwölf Stunden in seinem Bett, was ebenfalls einen großen Fortschritt in Richtung Besserung bedeutete. Auch wenn er dies in erster Linie nicht für sich und seine Einsicht tat. Sondern deshalb, weil er seinen Job in fünf Tagen wieder antreten durfte. Dann waren zwei Wochen herum, dabei vergas er sogar den üblen Beigeschmack, als er daran dachte, dass Dr. Rössel etwas von „minimum zwei Wochen" gefaselt hatte.
„Boha, Mehdi, Herrgott noch eins, sonst bist du auch nicht so penetrant", fauchte er, öffnete die Tür und wurde von einem heftigen rechten Haken auf seinen Unterkieferknochen begrüßt.
„Bist du scheiße", fragte er, während er zurück in die Wohnung taumelte und gleich in den Schwitzkasten eines Blonden genommen wurde.
„Ob ich scheiße bin? Ich kann nicht glauben, dass du mich nicht angerufen hast, sie ist meine beste Freundin", brüllte Steffi lauthals. Es störte sie nicht im Geringsten, dass die Wohnungstür zum Treppenhaus aufstand und man sie dadurch in sämtlichen Stockwerken hören konnte.
Marcs Kopf war schon ganz rot, so sehr quetschte sie ihm die Luft ab, trotzdem schaffte er es aber dann doch nach einigem Gerangel auch mal die Oberhand zu erlangen und Steffi über die Couch zu schleudern:
„Du solltest wissen, dass eine Schwuchtel gegen einen richtigen Mann niemals gewinnen kann."
„Ich seh' hier keinen Mann... nur einen Memme, die sich in Selbstmitleid suhlt, ohne dazu einen Grund zu haben", keifte sie zurück, weshalb Marc noch einmal zum Angriff ansetzte, über das Sofa hechtete, und den schwulen Mann mit seiner Faust deftig an der Schläfe erwischte.
„Seid ihr irre", rief Jochen, der die Treppen hinauf zu Marcs Wohnung gehechtet war, lief zu den schon rangelnden Männern und bemühte sich die beiden Idioten auseinander zu bekommen. Es war ein wenig wie in einem Comic, nur sehr viel schmerzhafter, als beide, Marc und Steffi, gleichzeitig ausholten und den bis eben noch teilnahmslosen Bruder so richtig deftig eine runterhauten.
„Ah...", quietschte Steffi, die Hand schmerzlich wedelnd, viel mehr aber um dem ausgeschalteten Jochen besorgt.
Marc hatte sich schon in bester Arzt-Manier neben Gretchens Bruder niedergelassen und schüttelte ihn immerwährend an der Schulter: „Jochen? Aufwachen", er grollte, da sich Angesprochener nur stöhnend krümmte.
Sollte Marc froh sein, dass seine Rechte Jochen in den Magen getroffen hatte, Steffi es aber direkt aufs Gesicht abgesehen hatte?
„Oh, Gott, das wird mir Gretchen nie verzeihen", der Blondschopf kniete sich andächtig vor dem Medizinstudenten nieder.
„Bitte?", fragte Marc irritiert. Gretchen würde es vermutlich eher verzeihen, wenn man ihrem Bruder eins auf die Nase gab, anstelle von ihm, Marc!
„Mit dir rede ich nicht mehr", schmollte sie, streichelte dem am Boden liegenden sanft und fast mütterlich über die Stirn.
„Lass das", meckerte Marc und haute ihm auf die Finger „Hilf mir lieber, ihn auf die Couch zu hieven."
„Hmpf!", sie verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ihn erst niederschlagen und dann noch nicht mal mithelfen, ihn weich zu betten? Toller Freund, der du mir bist", stichelte Marc böswillig.
Es half, denn Steffi schob ihre Arme unter Jochens Achseln, Marc nahm die Beine und ein bisschen schwerfällig, wie es eben für eine eingefleischte Schwuchtel üblich war körperliche Anstrengungen zu erledigen, verfrachteten sie den jungen Mann aufs Sofa.
Unaufgefordert holte Marc Eiswürfel aus dem Gefrierschrank, kippte diese in einen Gefrierbeutel, verknotete diesen um ihn dann mit einem alten Spülhandtuch zu umwickeln.
„Igitt", drückte Steffi ihren Ekel aus.
„Du bist Arzt, solltest du nicht ein bisschen mehr auf Bakterien achten, ist ja widerlich! Hast du kein anderes Handtuch?"
Marc stöhnte. Das einzige Mal, dass er diesem Individuum begegnet war, war am Abend gewesen, an dem er Gretchen nach Köln gefolgt war. Und am darauffolgenden Tag, um ihre Klamotten abzuholen. Doch das ganze Jahr über hatte sie... er,... was auch immer Steffi mehr war, das Telefon mit Gretchen für mehrere Stunden in Beschlag genommen. Er freute sich ja wirklich, dass sie, Gretchen, neben dieser Gina-Vogelseuche-Amsel wirkliche Freunde hatte. Doch musste es ausgerechnet so eine... Vulkanette sein?
Er seufzte, noch dazu eine, die wirklich gewalttätig werden konnte?
Doch zu seiner Verwunderung nörgelte sie nicht weiter, nachdem er trotz des Einwands Jochen das schon verpackte Eis auf den Kopf fallen ließ.
„Was geht denn hier ab?", fragte Mehdi, der auf einmal im Türrahmen, der Wohnung stand, die noch immer nicht geschlossen war.
Langsam aber sicher war sein Apartment zum Frauenparadis geworden: Der Softie (Mehdi), Die Schwuchtel, der Typ von neben an (Jochen) und der über dem Durchschnitt gutaussehende Oberarzt. Für jeden was dabei!
„Oh, Gott, Sie müssen Dr. Kaan sein?"
Mehdi blickte, nachdem er die Tür nach gefühlten Stunden des Offenseins geschlossen hatte, fragend zu Marc, der sich nur neben Jochens Kopf auf die Lehne der Couch niederließ.
„Stefano – Mehdi, Mehdi – Stefano, Gretchens Freundin... du weißt schon." Marc hatte Mehdi oft von dieser merkwürdigen Figur erzählt, die lange Zeit Gretchens Mitbewohnerin gewesen war, und Gigi als neue, oder wieder neue beste Freundin ersetzt hatte.
„Ah... ja! Tach'", sagte der Gynäkologe knapp, hob die Hand, doch natürlich war sie dadurch noch lange nicht zufrieden gestellt. Steffi umrundete den Halbperser begutachtend, an seiner Rückseite blieb sie länger als nötig hängen.
Mehdi räusperte sich, wollte den Eindruck vermitteln, sich nicht daran zu stören: „Ich hätte nicht gedacht, dass die Tür endlich einmal auf sein wü... WOW!", abrupt drehte der sonst so aufgeschlossene Mann zu Steffi um, weil diese ihm liebevoll in den Hintern gekniffen hatte.
„Sexy Gesäß!"
„Oh, Gott", Marc vergrub das Gesicht in seine Hände.
Wie auf Kommando rappelte sich Jochen wieder, der knurrend erst ein Auge öffnete und dann das andere.
„Ausgeschlafen, Dornröschen?", fragte der Oberarzt der Chirurgie hämisch, nachdem sich Gretchens kleiner Bruder auf die Seite zur Rückenlehne starrend gedreht hatte.
„Fick dich, Marc", brummte Jochen gequält.
„Deine Freundin hat wirklich sehr viel und schlecht auf dich abgefärbt, mein Lieber!", er schlug dem Kleinen spielerisch auf die Schulter.
„Ex-Freundin, Marc. Wir sind nicht mehr zusammen."
„Ach, nicht?", fragte Mehdi, der das Gespräch zwischen Jochen und Marc fasziniert mitangehört hatte, den Rücken niemals mehr zu Steffi gedreht.
„Nein", sagten Marc und Jochen unisono.
„Ich wusste gar nicht, dass du schon Freundinnen hast, Jochen? Gott, als ich dich das letzte Mal gesehen habe, da waren Mädchen noch voll uncool. Ich fühle mich gerade total alt!"
„Glaubt nicht, was sie sagt... als sie mich das letzte Mal gesehen hat, war ich 19 und hab mich gerade..." Jochen bemerkte erleichtert, dass ihm eh keiner zuhörte. Außerdem war es von Steffi nicht gerade fair ihm in den Rücken zu fallen, obwohl Jochen, nachdem Steffi aufbrausend wieder vom Haase Anwesen abgedüst war, so geistesgegenwärtig war, und ihr nach war, damit er das schlimmste verhindern konnte.
Eine halbe Stunde später saßen alle Vier Männer auf Marcs Couch. Mehdi neben Marc, weit weg von Steffi, die es sich mit Jochen auf der Zweiercouch gemütlich gemacht hatte. Und alle – bis auf Marc, tranken Wasser und Cola. Nur er hing weiterhin an seinem Bier.
„Ich kann nicht glauben, dass du noch immer nichts getan hast", begann Steffi erneut mit dem Thema, das sie alle ausnahmslos beschäftigte: Gretchen saß in U-Haft.
„Was soll ich denn deiner Meinung nach tun? Mich auf einen Schimmel schmeißen und die holde Weiblichkeit aus dem Turm der bösen Staatsanwältin befreien, oder was?", brummte er wütend. Die hatten doch alle keine Ahnung.
Für einen von allen anderen Männern unbemerkten Moment schloss Marc resigniert die Augen.
„Sollst du nicht, aber hier auch nicht so depressiv rumhängen", schmollte Steffi, sie mochte es gar nicht, wenn man ihr mit Sarkasmus begegnete.
„Und nicht so viel trinken", warf Mehdi ein.
„Und vielleicht mal meine Mutter besuchen, die ständig nach dir fragt", fügte Jochen hinzu.
„Du warst immer noch nicht bei Bärbel?", fragte Mehdi entsetzt, und gab seinem Kumpel einen leichten Schups.
„Ich bin nicht depressiv, ich trinke auch nicht viel, und ja,... ich besuche deine Mutter... die Woche irgendwann!"
Ein abschätziger Blick ging durch die Runde.
„Ich hab nach dir geschaut und du sagst ja selbst, dass alles in Ordnung ist", Mehdi stand auf.
„Doch wenn du irgendwann bereit bist, dir deine Probleme, die ja eigentlich gar keine sind, einzugestehen und darüber zu Reden, auf was für einem Egotrip du dich hier begeben hast - du weißt, wo ich wohne!"
„Warte, ich komm gleich mit – Stefano schaffst du es, hier zu bleiben, ohne Marc an die Gurgel zu gehen?", fragte Jochen hoffnungsvoll, wollte unter gar keinen Umständen nochmal allein mit diesen beiden „Raufbolden" sein.
Sie nickte betrübt.
„Da waren es dann nur noch zwei", witzelte die Blonde, versuchte Marcs Stimmung zu heben, es gelang ihr natürlich nicht. Seit Minuten schon starrte er konzentriert auf seine leere Bierflasche.
Steffi seufzte theatralisch: „Ja, okay, es tut mir leid, dass ich dir eine reingehauen habe."
Aber auch das erbrachte nicht den gewünschten Effekt, dass Marc irgendetwas sagte.
„Hei? A-alles okay?"
Marc entließ seinen Lungen eine Mischung aus Grunzen und Lachen, was sich sehr fertig und ausgelaugt anhörte: „Klar, was soll denn bitte nicht okay sein?", er ging zur angrenzenden Küche, um sich ein neues Bier zu holen.
„Was meinte denn der Mehdi vorhin damit, du solltest nicht mehr so viel trinken?", fragte sie salbungsvoll, nachdem Marc den Flaschenöffner wieder achtlos in die Schublade geworfen hatte.
„Was glaubst du, Schwuchtel? Er hat sicher Angst, dass meine Nieren zu gut gespült sind, was?" Es war das erste Mal, das Marc verbalisierte, dass er möglicherweise wirklich zu viel trank.
„Gott, Jungchen... Gretchen ist nicht tot, sie ist nur gerade in einer... komplizierten Situation, und..."
„Ach, ist sie das? Ich will dir mal was sagen, Jungchen, es ist mir völlig egal wo Gretchen ist, oder was sie macht, oder warum sie weg ist. Ich will nur meine Ruhe haben!"
Steffi runzelte die Stirn: „Was ist denn nur los mit dir, Mann!"
„Gar nichts", pflaumte Marc defensiv.
Und Steffi meinte zu verstehen: „Oh mein Gott, du hast dich von ihr getrennt und kannst mit deinem Gewissen nicht mehr leben!", ein gefährliches Glitzern bildet sich in ihren Augen. Marc war deshalb sehr froh hinter der Kücheninsel zu stehen, weshalb Steffi ihn nie erreichen könnte. Er überraschte sich allerdings selbst mit seinen nächsten Worten:
„Nicht ich sie... sie mich!"
„Bitte?", fragte Steffi entgeistert. Sie kannte Gretchen nun schon seit zwölf Jahren und in der Zeit, in der Gigi sie nicht manipuliert hatte um sie davon zu überzeugen, dass Peter der richtige gewesen war, hatte Gretchen ihr Tagebuch, ihre Träume und auch ihre Worte nur einem einzigen Thema hingegeben. Was wäre gewesen wenn Marc Meier sie ihrer Schulzeit beachtet hätte, und sie nicht nur heimlich in ihrem Garten 1989 geküsst hatte?
„Ja, was? Nun ist es raus, kannst du jetzt bitte gehen?", er nahm einen großen Schluck aus der Bierflasche.
„Raus, nichts ist raus", Steffi sprang nun vom Sofa auf und kam direkt auf Marc zu, lehnte sich weit über die Arbeitsplatte zu ihm hinüber. Seine braunen Augen blitzten aussagekräftig:
„Du nimmst es für bare Münze, was Gretchen dir in einer Ausnahmesituation gesagt hat? Bist du Irre, Gretchen liebt dich, du Idiot. Wenn sie dir also gesagt hat, dass sie sich von dir trennt, dann in einem Anflug von Panik was selbst mit ihr werden wird!"
„Oh, bitte, komm mir jetzt nicht mit deinem psychologischen Tunten-Gequatsche", schnaufte Marc verächtlich, musste aber tief, sehr tief, noch viel tiefer in sich drin eingestehen, dass es gut getan hatte, loszuwerden, weshalb er... nun nicht mehr ganz er selbst war.
„Verliebter Trottel!", lächelte Steffi schelmisch, schnappte sich das Bier aus Marcs Hand.
„Und was wird das, wenn's fertig ist?"
„Ich helfe meiner Freundin, ihren Freund wieder auf den richtigen Pfad der Tugend zu bringen", und goss das Bier dann in den Abfluss.
Marc schloss ergeben die Augen: „Dann darf ich davon ausgehen, dass du nicht geplant hattest, dir hier in Berlin ein Hotelzimmer zu nehmen, oder?"
„Das ist aber sehr nett von dir, dass du mir anbietest, bei dir zu wohnen, wo die Hotelpreise für einen armen Architekten wie mich kaum zu bezahlen sind! Ich nehme dankend an!"
Marc ließ frustriert den Kopf hängen.
Das konnte ja heiter werden.
Original Writing: 18. August / 15. September 2011
Original Air-Date: 04. Februar 2012
