Kapitel 12 – Man In The Mirror (Michael Jackson)
Es war seit Wochen das erste Mal, dass er auf der digitalen Uhr eine einstellige Ziffer vor der Minutenanzeige erblickte.
Marc wachte um 09:10 Uhr auf.
Dies allerdings eher unfreiwillig, weil aus seiner Stereoanlage in seinem Wohnzimmer lautstark Michael Jacksons schrille Stimme erklang, und... dieses Geschöpf bei jedem „Uh" lautstark mitsang.
Dieser Mann... Frau, beste Freundin von Gretchen, Schwuchtel, Crossdresser, was auch immer Stefano Avarez-Schmidt war, machte ihn wahnsinnig!
Schon am gestrigen Abend musste Marc sich anziehen, um diesem Menschen die Koffer (jawohl! Koffer, wie lange wollte er, sie... denn um Himmels Willen bleiben? Drei Monate?) in die Wohnung zu tragen. Er spielte Packesel und es wurde ihm noch nicht mal gedankt.
Und nun wurde er sogar morgens früh geweckt,... ausgerechnet auch noch vom toten King of Pop? Womit hatte er das verdient?
Er bemühte sich wieder einzuschlafen, zog sich das Kissen mehrfach immer wieder über die Ohren, doch nach zwanzig Minuten des nicht gekonnten Ignorieren stöhnte Marc gequält auf, kroch unter der Bettdecke hervor und trampelte wütend durch den Flur ins Wohnzimmer. In dem Steffi sich rhythmisch tänzelnd zur Musik durch den Raum bewegte, und im Moon Walk einen Brötchenkorb von der Kücheninsel zum Esstisch brachte.
Marc, trotzdem Steffi gestern Abend begonnen hatte seinen Alkoholkonsum zu minimieren, war an drei doppelten Jägermeister nicht vorbei gekommen, die er nun, nach diesem Bild, deutlich in seinem Magen spürte. Er hechtete durch den Flur zurück zum Bad, umarmte mal wieder neben dem Alkohol seinen besten Freund in den letzten Wochen, die Kloschüssel, und kotzte sich das letzte bisschen Restalkohol mit Galle und dem bitteren Geschmack des Kräutergebräus aus dem Leib.
„Marc, alles in Ordnung?", Steffi klopfte höflich an die Tür.
Konnte es noch schlimmer kommen? Nicht nur, dass er sogar schon „heimlich" in seinen eigenen vier Wänden trinken musste, nein er wurde auch noch mit bekloppten Fragen zu getextet.
„Halt's Maul, Schwuchtel", spie Marc, betätigte die Wasserspülung und spritzte sich mit eiskaltem Wasser erstmal ins Gesicht.
Viele kleine Tropfen trieften von ein paar Haarspitzen und Kinn, als er sich genauer im Spiegel des Allibertschrankes betrachtete.
Er sah beschissen aus. So richtig beschissen.
Eine halbe Stunde später stand Marc frisch geduscht, rasiert und ausgespültem Mund vor Steffi, die auf der Wohnzimmercouch selig in einem Boulevardblatt las. Durch eine pinkes Brillengestell musterte sie Marc von oben bis unten: „Es ist zwar schade, dass du so lange gebraucht hast, die Brötchen sind jetzt kalt. Aber mir ist dein Äußeres, was ja dein inneres widerspiegeln soll, so viel wichtiger"
„Laber' nicht. Lass uns Essen, wo du schon mal was vorbereitet hast", rümpfte Marc die Nase.
Steffi drehte die Musik leiser und begab sich mit Marc zum reichlich gedeckten Esstisch:
„Deine Couch ist übrigens sehr bequem, weißt du das eigentlich. Zwar eine grauenvolle Farbe, oder besser, Fehlen von Farbe, aber sehr komfortabel!", lobte Steffi und schmierte sich erst Butter auf ihr Brötchen, dann Nutella und oben drauf noch einen Hauch von Marmelade.
Wenn Marc sich nicht eben schon völlig ausgekotzt hätte, spätestens jetzt hätte sein Magen rebelliert. Das war ja widerlich.
Er suchte auf dem Tisch aber vergebens nach irgendetwas normalem: Käse oder Wurst. Alles war süß. Honig, Marmelade, Nutella. Ja sogar der sonst saure Traubensaft schmeckte sehr süß, weshalb sich Marc aufrappelte, zum Kühlschrank ging und nach etwas normaler schmeckendem suchte: Bier.
Das er allerdings nicht fand. Außer dem alten Ketchup, Quark, zwei schon seit einer Woche abgelaufenen Schokoladen-Puddings war in seinem Kühlschrank wieder gähnende Leere. Dabei waren dort gestern Abend noch mindestens zwölf Flaschen Bier drin gewesen:
„Stefano?", fauchte Marc, nachdem er die Kühlschranktür wieder zu geworfen hatte:
„Wo's mein Bier?"
„Ich hab's verschenkt", sagte Steffi lässig, verbuchte seinen richtigen Namen als positiven Anfang. Sie wusste, dass Marc in einem emotionalen Ausnahmezustand war, weshalb sie das oftmalige Schwuchtel geflissentlich überhörte, doch es war schon unangenehm gewesen.
Sie war schon immer Steffi, nicht Stefano, oder Steffen... Steffi.
„Und wie kommst du dazu?", Marc trampelte wütend zurück und baute sich vor ihm auf.
Steffi seufzte kläglich: „Setz dich!"
„Nein! Ich will wissen, wo du mein Bier..."
„Mann, ich hab die Biere im Kühlschrank alle einem Pärchen in die Hand gedrückt, die heute morgen um vier erst von einer Feier nach Hause gekommen sind. Und deine Kisten aus dem Keller hab ich offensichtlich an die Straße gestellt. Nachdem ich beim Bäcker gewesen war, waren sie weg", erklärte der Blonde ruhig.
„Bitte?", fragte Marc perplex, ließ sich kraftlos auf den Stuhl nieder.
„Ist dir klar, dass ich nur ein minimales Budget habe, was ich momentan im Monat ausgeben kann, du kannst doch nicht einfach..."
„Ich kann - ich habe, Marc!", sagte die sonst immer freundliche Freundin monoton, nippte an ihrer Milch und beobachtete über den Rand hinweg sein Gegenüber, der seinen Mund auf und zu machte, aber kein Wort heraus kam.
„Ich mach das nicht für dich, sondern für Gretchen. Ich will nicht, dass sie, wenn sie wider draußen ist, ein Alkoholiker als Freund auf sie wartet"
„Bitte? Ich bin kein Alkoholiker, halt mal bitte die Luft an, jetzt!"
„Nein? Und was war mit der Jägermeisterflasche, die du versteckt unter deinem Bett geheim halten wolltest?"
Marc schaute Steffi erschrocken an.
„Es ist mir leider nicht wie bei Peter schleierhaft, warum Gretchen dich liebt. Aber ich verstehe nicht, warum sie immer weiter vom Regen in die Traufe fährt. Einer betrügt sie mit seiner Arzthelferin, der andere, auch wenn er noch so einen eleganten Knackarsch hat, geht zurück zu seiner Frau, wieder ein anderer schläft mit der eigenen Mutter, und dann kommst du und betrügst sie mit Alkohol – der keine Lö..."
„Was", schrie Marc erschrocken. Den ersten den Steffi aufgelistet hatte war, natürlich, Peter gewesen. Der zweite Mehdi – klar. Doch hatte Alexis „neureiches" von „Arschloch"-Buren mit seiner eigenen Mutter...
Marc erblasste auf die Farbe von Nebel. Hatte sich Gretchen deshalb...
„Wie, was?", fragte Steffi irritiert, bemerkte an seinem Auftreten aber, dass sie gerade etwas falsches gesagt hatte.
Marcs Pupillen bewegten sich ganz schnell hin und her, beide Hände nachdenklich vorm Mund angewinkelt überlegte er krampfhaft alle Anzeichen für den Vorwurf, den Steffi gerade gegen den Toten erhoben hatte.
„Oh mein Gott, Gretchen hatte dir nie etwas davon gesagt, oder?", fragte sie bedächtig den letzten Happen ihres Brötchens wieder auf den Teller legend.
Marc schaute noch immer mit gleichem Gesichtsausdruck zu ihm auf und schüttelte den Kopf.
„Scheiße... ich hab ihr hundert Mal gesagt, dass sie das tun soll... ich konnte ja nicht ahnen, dass sie dir von der Nacht nichts erzählt hat!"
„Welche Nacht?", fragte Marc nicht auf noch mehr gefasst.
„Uhm..."
„Stefano?", sagte Marc bestimmend.
„Ja, nun... also... ich denke nicht, dass ich der richtige bin, der dir davon irgendwas erzählen sollte. Ich hab meine große Klappe eh schon genug aufgerissen!"
„Du bist aber der einzige, der mich momentan aufklären kann! Also: Ich warte!"
Steffi seufzte: „Ich werde es dir nicht sagen, Marc. Ich bin hier her gekommen, weil ich einen bestimmten Plan verfolge, also machst du deinen Törn, und ich meinen", bemühte sie sich, dem Thema zu entfernen.
„Ach, auf einmal? Du hältst dich ja auch nicht aus meinen Angelegenheiten raus", es war eine Anspielung auf seinen Alkohol, den sie einfach entsorgt hatte. Nur gut, dass der Absinth noch immer offen herumstand und ihn niemand neben der Mikrowelle bemerkt hatte.
„Okay... ich sage dir etwas, weil ich dich doch ganz nett finde, so als Macho-Hetero, in sexueller Sicht aber völlig unattraktiv", Steffi knetete ein bisschen Marcs rechte Wange und zog die Hand rechtzeitig zurück, bevor Marc grob werden konnte. „Deshalb sage ich dir, wofür ich mich vor dem „Beste Freundinnen Gericht" einmal verantworten muss: Gretchens Tagebücher."
Marc verstand nicht.
„Sie schreibt alles, wenn auch nicht mehr regelmäßig, aber alles in ihren Tagebüchern auf, Trottel!", erklärte Steffi langsam und Marc formte mit den Lippen ein O.
„Selbst wenn ich mit ihr auseinander bin, ist das nicht richtig, ihre Tagebücher zu lesen!", wehrte sich der Oberarzt vehement.
Steffi verschränkte die Arme vor der Brust: „Quatsch mit Soße, ihr seit immer noch zusammen, und drastische Situationen erfordern drastische Maßnamen. Außerdem kann auch gern ich Gretchen sagen, dass es meine Idee war."
„War es ja auch!", betonte Marc und schüttelte den Kopf.
„Oder sag es ihr einfach gar nicht, nur es ist besser, wenn du endlich mal alle Einzelheiten kennst, die ich dir so Detailgetreu gar nicht beschreiben kann, wie Gretchens Worte in ihren Büchern..."
„Bist du geisteskrank! Ich kann das nicht! Außerdem...", er seufzte, hatte er doch schon vor Minuten den Entschluss gefasst, den Vorschlag von Steffi in die Tat umzusetzen.
„Außerdem sind ihre vollen Tagebücher im Anwesen bei ihrer Mutter zu Hause", erläuterte er matt.
Steffi grinste verschmitzt. Sie freute sich, dass Marc nicht so etwas gesagt hatte wie „bei Gretchen zu Hause", sondern bei ihrer Mutter. Was wiederum bedeutete, dass Marc Gretchen ebenfalls schon zu seinem Inventar in seiner, ihrer beider, Wohnung gehörte, so dachte sie zumindest.
„Das ist wunderbar!", sagte sie entschlossen und fügte hinzu „Dann setz ich dich gleich bei Bärbel ab, Jochen sagte ja sowieso, dass du sie endlich besuchen solltest, die Ärmste. Und ich fahr weiter zu meinem Termin!"
Marc wusste nicht, was er davon halten sollte, Steffi so enthusiastisch zu erleben.
„Was für einen Termin denn bitte? Ich dachte du bist ausschließlich wegen Gretchen hier", fragte er verachtend.
„Bin ich auch. Es ist mehr oder weniger auch kein Termin, aber ein guter Tag für uns beide einen Schritt nach dem anderen zu tätigen."
„Wie darf ich das verstehen? Red' nicht in Rätseln, Sch...Teffi."
„Ich werde mir einen falschen Bundespersonalausweis und Anwaltsausweis ausstellen, damit ich Gretchen im Gefängnis besuchen kann", sagte sie schlicht und weil es gerade so kuschelig gesprächig zwischen ihnen war, beschmierte sie sich noch ein Brötchen.
„Sag mal, tickst du nicht mehr ganz richtig? Gretchen hat einen Anwalt. Weißt du was passiert, wenn das rauskommt?"
„Womit wir beim nächsten Thema wären, ich danke dir für die Überleitung. Neben Mahnungen für deine Kfz-Steuer die sich nun schon auf dreihundert erhöht haben, kam vor ungefähr einer Woche schon ein schreiben von einem Rechtsanwalt – Gretchens Rechtsanwalt."
Steffi nahm vom Sitz des neben ihr stehenden Stuhls ein Dokument in die nicht fettigen Finger und gab es Marc zu lesen.
Sehr geehrter Herr Marc Meier
er ärgerte sich sehr, dass sein harterarbeiteter Doktortitel unter den Tisch gefallen war. Er war kein Plagiator.
Unter Bezugnahme auf das oben angegebene Aktenzeichen setze ich Sie davon in Kenntnis, mein Mandat niedergelegt zu haben, bzw. von ihrer Lebenspartnerin dessen entzogen worden zu sein.
„Bitte?"
Da Sie mir nebst meiner ehemaligen Mandantin die Honorarvereinbarung unterschrieben haben, darf ich Sie bitten unten aufgeführten Betrag an mein Firmenkonto innerhalb der nächsten zwei Wochen zu überweisen.
1670,- Euro
Mit Freundlichen Grüßen Paolo Nussthal
Es gab selten Momente in denen Marc Meier nicht mehr wusste, was er denken oder sagen sollte. Dies allerdings war einer dieser raren Momente.
Was war nur in Gretchen gefahren? Warum hatte sie ihrem Anwalt gekündigt, und die noch viel wichtigere Frage war, woher sollte er – er schaute auf das Datum – innerhalb der nächsten fünf Werktage eintausendsechshundertsiebzig Euro hernehmen?
„Das kann nicht wahr sein", er schloss die Augen, stützte den linken Unterarm auf den Esstisch um mit Damen und Zeigefinder auf sein Nasenbein zu drücken.
„Ist es, und deshalb ist meine Idee gar nicht mal so schlecht – zumindest solange bis Gretchen keinen neuen Anwalt hat, um den du dich schleunigst kümmern solltest"
„Ich?", fragte Marc verwirrt, die einzigen Anwälte, die er kannte waren sein Vater und einen unfreundlichen Typen, der ihm von Franz Haase in frühster Assistenzzeit empfohlen wurde, der sich allerdings nur auf medizinischer Ebene wirklich gut auskannte. Er verstand es nicht, warum Juristen da so einen großen Unterschied machte, studiert hatten sie ja wohl alles das Selbe!
„Ja sicher du!"
Das einzige, was Marc machen konnte war vorerst seinen alten Herrn anrufen und ihn nochmals um Hilfe bitten, Gretchen einen seiner Kollegen herauszusuchen.
„Kannst du mir das Geld leihen", fragte Marc gerade heraus, nachdem er den Brief abermals durchgelesen hatte.
Steffi schaute ihn abschätzig an: „Du willst diese horrende Summe doch nicht allen Ernstes bezahlen! Nicht wenn Gretchen einen Grund gehabt hatte, ihn zu feuern!"
Marc seufzte. Er wusste überhaupt nicht mehr was er machen sollte. Zahlen? Nicht zahlen? Vater anrufen. Bärbel besuchen. Sich bei Anna und seiner Mutter entschuldigen. Mit Mehdi vielleicht ein Bierchen (scratch that) ... Squash spielen um sich auch bei ihm zu entschuldigen, Anwalt neu suchen, Tagebücher lesen...
Ihm platzte der Kopf und er wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder in dieses tiefe Nichts zu fallen, in das ihn der Alkohol jedes Mal geholfen hatte.
Doch es kam nicht.
Dafür hatte er neben sich eine schwule Weichflöte sitzen, die ihm die Hand liebevoll tätschelte.
„Mach dir mal keine Sorgen, das schaffst du schon alles – und ich bin ja auch noch da, um deine Gehirngrütze in die richtigen Spähren zu leiten!"
Original Writing: 19. August 2011
Original Air-Date: 10. Februar 2012
lg
manney
