Kapitel 15 – If I Fall (Amber Pacific)

Nachdem die Schlüssel alle den Kästchen, die sich in der großen Truhe befunden hatten, zugeordnet waren (was ähnlich ausgesehen haben mochte, wie als ob ein erwachsener Marc Meier puzzelte) atmete er tief durch. Es war bereits kurz nach vier und ein leichtes Gefühl des Stresses machte sich in ihm breit. In knapp zwei Stunden würde Steffi ihn abholen, vielleicht noch ein bisschen mit Bärbel quatschen und bis dahin sollte er das wichtige Tagebuch gefunden, gelesen und wieder verstaut haben, sodass Gretchens Mutter nicht darauf kam, was ihr Schwiegersohn in Spe gerade im Begriff war zu tun. Nun, das wäre eine wahrliche Herausforderung für jemanden, der die letzten Wochen (es kam ihm schon vor wie einige Monate) absolut nichts getan hatte, außer in seiner Depression zu versinken.

Er machte sich also an die Arbeit, bei einem noch nicht so alten Blechkasten, den Schlüssel umzudrehen und gleich drei Tagebücher vorzufinden. Und nein, leider waren sie außen nicht mit irgendeinem Zeichen versehen, woraus man das Jahr schließen konnte. Im Gegenteil, alle drei Bücher sahen exakt gleich aus. Und auch wenn er Gretchens Tagebücher immer mit dem verglich, was er nur einmal in der Schule gesehen hatte, rosa mit Katzentatzen-Abdrücken, schaute er nicht schlecht drein, dass diese hier in türkisblauen Farben mit einem filigranen Goldstreifen versehen waren.

Ehrfürchtig, weil er sich wirklich nicht wohl fühlte, und auch den Respekt vor Gretchen nicht verlieren wollte, klappte er das oberste Buch auf, schwor sich aber davor noch einmal, dass wenn er sie wiedersehen würde, ihr davon erzählte, so viel war er ihr schuldig.


07. März 1994

Liebes Tagebuch,

heute ist Marcs Geburtstag...

Das Buch begann und kaum einen Satz später las er schon seinen Namen. Nein, es war nicht richtig hier weiterzulesen, denn das Jahr '94 war zu lange her, dennoch interessierte ihn brennend, was sie weitergeschrieben hatte. Hin- und Hergerissen, das Richtige zu tun, aber auch seine Neugierde gestillt zu wissen, blinzelte er reuevoll auf die schon zerschlissene Seite mit vielen gezeichneten Herzchen, Sternchen, Bäumen, einer unausgereiften Skizze einer Röhrenjeans und der lateinischen Deklination von „is ea id", die er nur deshalb kannte, weil sein bester Freund zu Schulzeiten nicht wie er französisch gewählt hatte, sondern die „einfachere" Sprache. Jedes Mal, wenn er an diese Konjugationen, Deklinationen und den mehrfachen Kasus' dachte, hatte er seinen Freund früher gefragt, warum diese tote Sprache leichter sein sollte, als „Franze".

Er ist siebzehn geworden, was bedeutet, dass er in seinem achtzehnten Lebensjahr ist – achtzehn, in dreihundert fünfundsechzig Tagen ist er erwachsen, volljährig. Kein wunder, dass er mich gar nicht wahrnimmt, ich, wo man endlich mal sechzehn werden muss. Vielleicht schreckt ihn mein Alter ab, gar nicht wirklich dieses furchtbare Silbergebiss in meinem Mund. Daran kann ich wenigstens nicht ändern – aber vielleicht findet er mich reizvoller, wenn er in der Mid-Life-Crisis steckt und dann auf junge Frauen steht.

Seit Wochen hatte Marc nicht mehr so gelacht, wie in diesem Moment. Das war nicht ihr Ernst, gewesen. Sie war damals fast sechzehn, also lief ihm geschlagene sechs Jahre schon hinter her, und hatte dann noch immer so naive Illusionen, dass er, wenn er mal fünfzig sein würde, auf nur eine zwei Jahre jüngere Frau stand(?) Sein Bauch tat schon leicht weh, so sehr krümmte er sich vor Lachen. Doch es befreite ihn ungemein, von einem tiefem Schmerz, den er schon so lange nun verspürte.

Er schob das Buch weg und nahm sich das zweite vom Stapel:


24.01.1995

Liebes Tagebuch

Ich kann nicht glauben, dass Jochen vor mir eine Freundin hat! Also nicht, dass ich eine Freundin haben will, bin ja nicht so wie Hella von Sinnen oder diese rothaarige Kabarettistin, die meine Mutter so toll findet. Aber er ist gerade mal neun – Herrgott noch eins, 9! Und ich, als seine ältere, sexy und total angesagte Schwester (Tagebuch, das war Ironie, auch wenn Marc immer noch mit der Nichte von der Schneider zusammen ist, heißt es nicht, dass sein legendärer Witz nicht auf mich abfärbt) hab mit sechzehn noch nicht mal ein richtiges Rendezvous gehabt. Es ist so frustrierend... einzig Marcs Kuss hält mich davon ab, nicht ins Kloster zu gehen.
Kuss? Was für einen Kuss? Wann hatte er Gretchen Haase geküsst? Also nicht wann im Sinne von überhaupt, sondern wann in ihrer Schulzeit.

Er blinzelte gegen die Decke und überlegte angestrengt, was sie damit meinen konnte. Oder hatte sie sich in ihrer rosaroten Schulzeit gar eine Traumwelt erschaffen?

Verbissen dachte er an ihren Wiederbelebungsversuch, aber sie hatte, gerade wo sie ja selbst erst neun Jahre alt gewesen war, vehement abgestritten, dies über Jahre, was redete er, fast ein ganzes Jahrzehnt hinweg, dass sie ihn nicht „abgeknutscht" hatte.

Beim besten Willen konnte er sich nicht daran erinnern, Gretchen vor ihrem missglückten Miss-Marple-Akt jemals geküsst zu haben.

Das nächste Buch ließ er aber aus, da die Zahlen noch von Oktober 1993 nichts mit seinem eigentlichen Anliegen zu tun hatten.

Er öffnete danach eine etwas ältere Kiste, die mit vielen kleinen japanischen Comic-Figuren bestückt waren.

Darin befanden sich nur alte Schulhefte, doch was machten diese dann bitte bei ihren Tagebüchern. Des Arztes oberstes Gebot war ja nicht nur Leben zu retten, sondern auch forschen – wenn auch in anderem Sinne gedacht, weshalb er mit spitzen Fingern das in einem sonnengelben Umschlag befindliche Heft öffnete:


14. September 1996:
Liebes Tagebuch,

ja, ich habe mir extra für die Schule ein Heft besorgt, damit die Schneider mich nicht immer ermahnen kann, oder gar auf die Idee kommt, dass ich ihr nicht mehr zuhöre. Ich hasse diese Frau, ich zieh mir immer den Kragen ganz hoch, weil ich es einfach nicht mehr aushalte, wenn die Idioten aus meinem Kurs sich darüber lustig machen, worüber ich geschrieben habe, warum musste diese blöde Kuh auch meinen letzten Eintrag vorlesen. Ich hasse, hasse, hasse sie. Soll sie doch mit Marc vögeln, so viel sie will – der wird eh nie mehr merken, was er an mir haben könnte. Nicht nachdem er jetzt auch weiß, dass ich na... du weißt schon. Die halten mich jetzt alle für noch einen größeren Looser...

Marc schluckte schwer. An dieses Szenario konnte er sich wiederum sehr genau erinnern. Es war kurz nach den Sommerferien gewesen, das Abiturjahr hatte begonnen und alle waren schlechter Laune, weil Lehrer einen mit noch mehr Informationen fütterten, die einen eh nur verwirrten, weil man alles schon einmal anders gelernt hatte. Und während die Schneider im Biologieunterricht von dem größten Mist erzählte, wie man sich als nun bald sein Reifezeugnis abgebender zu verhalten hatte, schrieb Gretchen, dann auch endlich mal achtzehn geworden, in ihr rosa Katzenbuch. Und weil die Schneider, seine damalige professeur de l'amour, immer so etwas wie Eifersucht auf das Frischfleisch der Jugend verspürte, die sie unterrichten musste (dabei war sie selbst erst dreiunddreißig gewesen und hatte Kurven, für die so manches Schulmädchen gern und oft gemordet hätte), hatte sie Marc oft unterstellt auf irgendein Mädchen seiner Stufe zu fliegen. Dem war natürlich keineswegs so. Doch nach den Sommerferien hatte Marc ziemlich oft Gretchen schikaniert und prompt kam die Studie seiner Lehrerin nach horizontaler Verausgabung, dass er sich doch in den Streber verknallt hatte.

Sie war furios, als Marc erklärte, dass er schon seit dem er sie seit der dritten Klasse kannte, sich in ihre Hose schieben wollte. Spätestens die Worte „dritte" und „Klasse" hätten der Frau bedeuten müssen, dass er seine Aussage nur von Ironie vollgepumpt hatte, doch sie schrie wie eine Furie rum, dass sie die einzige wäre, die mit ihm schlafen dürfe... Und an diesem speziellen Punkt hatte Marc etwas für die Ewigkeit gelernt: Frauen waren, wenn sie nicht die einzigen zu sein schienen, ausnahmslos dramatisch in ihrem Verhalten, denn schon in der nächsten Biologie-Stunde hatte die Schneider es nur so auf Gretchen abgesehen. Ein kleiner Hieb, dass Übergewicht ungesund, in einigen Fällen tödlich und unästhetisch wäre, dass Gretchen mehrfach an die Tafel kommen sollte und als all diese Dinge nicht zu wirken schienen, fuhr sie Gretchen unvermittelt dazwischen, als diese etwas aufschrieb. Niemand konnte wirklich wissen, ob sie nun Tagebuch schrieb, oder einfach nur Mitschriften fertigte. Nur die Schneider hatte wahrliches Glück, als sie Gretchen eine Standpauke hielt und damit sie niemals vergas, dass es wichtiger war zuzuhören und nicht ihre Mädchen-Träumerein aufzuschreiben, las sie die letzten Zeilen vor, natürlich unter Gretchens Protest, und auch dem ihrer damaligen Freundinnen, doch über die Hälfe der Klasse spornten die Lehrerin an, vor versammelter Mannschaft den Freak vorzuführen.

„Liebes Tagebuch... Du magst es kaum glauben, aber eben auf der Mädchentoilette hat man die Bettmatratze schon wieder stöhnen hören. Die ist erst in der Zehnten und hat Geschlechtsverkehr auf der öffentlichen Mädchentoilette der Schule – ich will auch endlich mal..."

Es hatte gesessen, die ganze Sekundarstufe Zwei wusste innerhalb der nächsten Schulpausen, dass der Streber mit Nerd-Brille und Zahnspange (die sie irgendwie länger trug als nur drei Jahre) noch nie Sex gehabt hatte. Mit Achtzehn.

Und es war das erste Mal, dass Marc im Unterricht nicht die Augen schloss, weil er müde und verausgabt war, da ihm die Nichte der Schneider, die Lehrerin selbst und die Tochter vom Direktor jeglicher Kräfte beraubt hatten. Er schloss die Augen, schaute weg, weil er nicht ertragen konnte, wie ein Mensch, ins Besondere jemand, den er nun schon die Hälfte seines Lebens kannte, wenn auch nur flüchtig, vorgeführt wurde – wegen ihm. Und diesem Mädchen kristallklare Tränen in den Augen blitzten.

Er hatte sie oft geärgert, war sicher nicht immer nett zu ihr, und hatte ihr so manches Mal auch physisch wehgetan (er hatte selbst einmal einen Wasserbomben-Ballon abbekommen und es brannte echt furchtbar), aber niemals – niemals – hatte sie das Gesicht verlieren müssen, und vor ihren Mitschülern nasse Augen bekommen. Ab jenem Zeitpunkt hatte er keinen Verkehr mehr mit der Lehrerin, egal was auch immer alle anderen gesagt, gedacht oder verbreitet hatten, wie Marc zu seinen fünfzehn Punkten im Bio-Kurs gekommen war.


Er drückte sich heftig auf den Nasenrücken und presste die Augen zusammen. Er gönnte sich einen Moment des zur Ruhe Kommens, damit er nicht noch sentimentale Männertränen weinte. Und nicht zuletzt deshalb, weil ihm bewusst wurde, wie dumm er doch gewesen war, als er gedacht hatte, dass Gretchens Welt immer nur um ihn gekreist war. Dass es in ihrem Leben aber auch Zeiten gab, in denen sie sich aus den Augen verloren hatten und sie selbst sich das größte Problem gewesen sein könnte – weshalb traf ihn diese Erkenntnis erst jetzt? Ein ganzes Jahr früher hätte es doch auch sein können, aber dafür war er vermutlich immer schon zu selbstsicher und egoistisch genug gewesen, Gedanken an andere zu verdrängen.

Eilig stopfte er die Hefte zurück in ihren Karton, nun nicht mehr ganz so neugierig, was vor Jahren in ihrem Leben aktuell gewesen war, sondern einzig und allein auf der Suche nach dem einen wichtigen Tagebuch in dem die Antwort zu seinem vermeintlichen Dilemma war. Ihm war nach Schreien zumute, da die nächsten Kisten nicht die richtigen Daten in den darin befindlichen Büchern geschrieben standen.

Ja, verdammt, er hatte begriffen: weniger von seinem Ego, mehr von seinen Mitmenschen... aber Herrgott noch eins, er musste dieses verdammte Buch endlich finden, da ihm durch sein ganzes Überlegen die Zeit davon gelaufen war. Außerdem hörte er schon Steffis Kleinwagen vor dem Haus parken, was ihn maximal nur noch eine viertel Stunde zum Suchen gab. In einem alten goldenen Kasten mit rotleuchtender Phosphorschrift stand in geschwungenen Buchstaben „My Life" darauf. Es würde passen.

Schnell war das Kästchen in der Größe eines DIN A5 Blattes geöffnet und tatsächlich stellte Marc erleichtert Fest endlich das gefunden zu haben, was ihn weiterbringen würde: September 2008.

Er wunderte sich nicht, dass dort kein detailliertes Datum am oberen Rand rechts stand, wie die Bücher zuvor, darüber konnte er sich Gedanken machen, wenn er es las. Die zwei weiteren Bücher, die sich in dieser Kiste befanden, nahm er ebenfalls heraus. Danach verstaute er sorgfältig, aber eilig die ganzen Kisten, Boxen und Kartons wieder in der brauen Holztruhe, schob diese unters Bett, schnappte sich noch die David Hasslehoff CD vom Nachttisch und marschierte dann hinunter zurück zu Bärbel und Steffi, die im Wohnzimmer saßen, nachdem er in Gretchens Zimmer das Licht gelöscht hatte.


Original Writing: 09. September 2011

Original Air-Date: 22. Februar 2012

a/n:

heute ist mein ganz persönlicher Geburtstag von DD. Es war das Datum, was Gretchen unter ihren Arbeitsvertrag in der s01e01 Folge geschrieben hatte, und ich denke das war eben der sagenumwobene Moment, in dem sich alles fügen sollte.

Romantische Vorstellung meint ihr? Okay, dann sagt mir bitte, wann ihr einen „Geburtstag" für angemessener haltet! :-)

lg

manney

PS: wünscht mir Glück, dass ich heute den Epilog fertig stelle *fingernagel kau*;)