Kapitel 16 – Rain (Patty Griffin)

Marc war nie jemand gewesen, der sich durch Bücher unterhalten gefühlt hatte. Schulbücher, Medizinbücher und auch Zeitungen waren für ihn immer ein Muss gewesen, damit man etwas lernte und mit dem Zeitgeschehen auf dem Laufenden war. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass er eine Mutter als Schriftstellerin hatte, die eine ausgereifte Clubmitgliedschaft im Bertelsmann-Verlag hatte und ihn in frühster Kindheit schon mit den echten Grimmschen Märchen konfrontiert hatte. Oder aber es lag daran, dass er viel lieber graphische Novellen verschlungen hatte. Seine Mutter wäre, wenn sie jemals davon erfahren hätte, dass er sich für Lucky Luke- Garfield- und Asterix- Comics interessierte, einen theatralisch schlechten Tod zum Opfer gefallen, den er unter gar keinen Umständen miterleben wollte.

Weshalb Zeit seiner Kindheit die ganzen Hefte immer in der Küche unterm Spülbecken verstaut waren, wo seine Mutter sie niemals gefunden hatte.

Doch diese Bücher vor ihm waren anders.


Im Schneidersitz auf seinem Bett hockend betrachtete er mehrere Minuten die Einbände, die durch das gedimmte Licht, noch ein bisschen mehr furioser in den pinken Farben leuchteten. Es war bereits kurz nach elf, als er sich endlich in sein Schlafzimmer verkriechen konnte, da Steffi ihm noch eine „nährreichende Abendmahlzeit" zubereiten wollte, die wirklich ausgezeichnet schmeckte, aber er eh nur Interesse an den Bündeln Geschriebenes hatte, was er sich unauffällig in seine Jackeninnentasche geschoben hatte.

Aber nach dem Essen war Steffis Redeschwall ungebrochen, und erklärte im Einzelnen, wie denn ihr Tag gewesen war. Ein einfaches „Ich hab den Pass und die Anwaltslizenz", hätten zwar ihre Erläuterungen abgekürzt, und Marc wissen lassen, dass die schwule Freundin von Gretchen es tatsächlich ernst meinte, ihren waghalsigen Plan durchzuziehen, aber vermutlich brauchten Männer, die dem anderen Ufer zu schwammen, immerzu dieses ausgeschmückte Drumherum.


Und nun saß er in seinem Zimmer schon fast eine halbe Stunde, Steffi friedlich auf dem Sofa im Wohnzimmer im Schlaf schmatzen hörend, die restlichen Zimmer in Dunkelheit getaucht und nur darauf wartend, dass er sich genug Mut eingeredet hatte, dieses Buch, diese Bücher zu lesen. Vor sich selbst nicht das Gesicht zu verlieren, da ihm bewusst war, dass wenn Gretchen sich gewünscht hätte, dass er von ihren Beweggründen Alexis zu verlassen wissen sollte, sie es ihm gesagt hätte. Trotzdem saß er hier, wusste, dass Antworten, die er so dringend benötigte nur ein paar Worte entfernt waren, ein Paar Seiten, die es zu Blättern galt und die so intim in ihre Gedankenwelt eingriffen, dass er nicht wusste, ob sie nicht schon allein deswegen einen wirklichen Grund hatte, sich von ihm zu trennen.

Er atmete tief durch, öffnete eines der Bücher und entdeckte auf der ersten Seite in Tinte, die durch Wasser verschmiert war, beschriebenes Papier:

16.02.2007

Liebes Tagebuch,

eigentlich hatten wir ja vor ein paar Jahren abgemacht, dass ich dich nicht mehr brauche, weil ich jemanden gefunden habe, dem ich alles anvertrauen kann – Peter.

Wir trafen uns im ersten Semester...Das Herz war das gesamte Studium mein Lieblingsorgan. Ohne das Herz gäbe es kein Leben. Keine Liebe... und keine Hochzeiten.

Er grinste.

Nina hatte ihm zwar immer schon unterstellt, dass er sich Daten, ins Besondere Geburtstage, Jahrestage und das Alter eines Menschen nicht gut merken könnte, doch ein Datum würde ihm wohl immer im Gedächtnis bleiben: Der 17. Februar 2007, war der Tag an dem seine jetzige, ehemalige, Assistenzärztin, seine Freundin, vielleicht auch ehemalige(?), in einem viel zu engen Kittel, der vermeintlich noch aus ihrer Studiumszeit stammte, im Fahrstuhl stand und so tat, als ob sie ihn nicht kennen würde. Dabei konnte er sie wie ein offenes Buch lesen...

Er kniff an diesen Gedanken die Augen zusammen. Es waren nur ein paar Tage später, als er am Morgen mit einer Platzwunde aufgewacht war, sie unbewusst bei ihrem von allen benutzten Spitznamen angesprochen hatte und ihr auf eine lächerliche Art und Weise Dinge gesagt hatte, die sich noch heute in seinem Kopf schmalzig und pathetisch anhörten.

Doch dadurch wurden seine Worte damals und auch seine Erinnerungen heute nicht weniger wahr.

Er wusste, was er sagte, er war sich in der Situation vollkommen bewusst, wie viel er von seinem Charakter zeigte. Nur Gretchen war es damals gewesen, die bei ihm vorerst alle Schotten dicht gemacht hatte, weil sie ihm nicht nur verbal sondern auch physisch vor den Kopf stieß.


28. Februar 2007

Liebes Tagebuch,

ich wünschte, ich wär' jemand anderes. Jemand, dem das Leben nicht ständig eins auf die Nase gibt. Einfach so, in ein perfektes Leben schlüpfen – das wär's. Aber es gibt nun einmal Menschen, den passt ein perfektes Leben einfach nicht.

Marc presste irritiert seine Lippen aufeinander. Es würde ihn nicht weiterbringen, die nächsten Seiten zu lesen, es war abwegig ihr ganzes Leben nachkonstruieren zu wollen, seit sie vor fast drei Jahren nach Berlin zurückgekehrt war, doch ihre Worte, ihre Gedanken erfüllten seinen gesamten Körper von einem wohligen Kribbeln. Von einem unendlichen Gefühl des Verstehens und des nicht mehr so ganz allein Seins, wie er es noch heute Morgen bis in seine Knochen verspürt hatte. Es war verrückt sich an die genauen Umstände erinnern zu wollen, in denen Gretchen ihre Gedanken in Worte gefasst hatte, denn war vieles im Nachhinein einfach nicht mehr so wichtig gewesen. Die Zeit war gerannt, in seinem und auch in Gretchens Leben war die Zeit nach seinem Autounfall, nach Gabis Erpressungsversuch so davon gerast, dass es ihn schockte, dass es doch schon drei Jahre im kommenden Frühjahr wurden.

Mit einer erhabenen Ruhe las er Seite für Seite, Zeile für Zeile, Wort für Wort. Er grinste, als er las, dass Gretchen wirklich vorgehabt hatte, an einem Morgen nach ihrem ersten Kuss im Fahrstuhl zu ihm mit dem Fahrrad zu kommen um ihren ersten One-Night-Stand mit ihm zu erleben. Sein Magen zog sich schreiend zusammen, wie seine Assistenzärztin von einem Patienten schrieb, der sich aus dem Fenster gestürzt hatte, um seiner Frau eine Niere zu spenden. Die Seite war wieder mehrfach von verwischter Tinte bekleckst.

Und auch der Nachtrag vom selben Abend, war von so viel Schmerz und Wut durchzogen, Wut auf ihn, Trauer über ihre Dummheit, darüber nachgedacht zu haben, dass jemals etwas festeres aus ihnen geworden wäre.


Wüsste er nicht, dass Steffi nebenan schlief, und die Chance sehr gering war, dass er unauffällig zu seinem momentan besten Freund, dem Alkohol, kommen würde, er hätte jetzt dringend einen Kurzen gebraucht. Die Vernunft oder doch nur Trägheit siegte, da er neben das Bett auf den Boden griff, um aus seiner Wasserflasche einen großen Hieb zu nehmen.

Folgende Seiten waren mit regelrechten Hasstiraden gegen ihren Oberarzt bekritzelt. Einträge, wie sie alles Detailgetreu wiederholte, was passiert war (das, weshalb ihm dann von seinem Chef Schreibtischarbeit aufs Auge gedrückt worden war) und weitere wie sie zum Beispiel wünschte, dass er durch Gabi mit Herpes angesteckt wurde. Widerrief dies aber schon im nächsten Satz, weil es nicht nur grausam war, einem anderen Menschen diese Infektion zu wünschen, sondern weil sie selbst ja so doof war, und sich mehr auf ihr Geplänkel eingebildet hatte, als wirklich existierte.

Dann kam eine ganze Kurzsammlung an Einträgen, die sie durch eine anscheinend sehr emotionsgeladene Woche mit Mehdi geschrieben hatte. Erst gen Ende ihrer „Beziehung" wurden ihre Sätze wieder länger, überdachter und schienen wieder den richtigen Ton zu treffen, nicht zuletzt auch den Patienten gegenüber. Aus dem Getto-Mädchen war nämlich dank Mehdis Einfluss die „rothaarige Hexenschlampe, die mir meine Tasche geklaut hatte" geworden (wofür sie sich, Tage später selbst in ihrem eigenen Tagebuch entschuldigte), und aus dem Drogenkurier Anita, eine „dumme, Kosovo-Albanerin, die die Emanzipation verpasst hatte" (wofür sie sich, nachdem die Polizistin sie ein paar Tage später angerufen hatte, um zu erzählen, dass sich ausgerechnet dieses Mädchen das Leben genommen hatte, mehrfach entschuldigte und Marc abermals Wasserspuren auf dem Papier feststellen konnte).

Der erste wieder besonnenere Eintrag war wohl an jenem Tag, als sie mit Mehdi Schluss gemacht hatte.

Nun, er wollte ihre Realität nicht anzweifeln, doch nachdem was er wusste, hatte Mehdi sie nur vor die Wahl gestellt, eine Menage A Trois mit ihm und Anna einzugehen, oder aber er musste ihr den Laufpass geben.

Was dann folgte, übersprang er geflissentlich. Er wusste, was drin stehen würde, die Hoffnung, die Liebe, die Trauer, dass der Junge vom Schulhof sich nicht ein Stück geändert hatte. Er musste nicht lesen, was sie gedacht hatte, verfolgte ihn das Bild ihrer von Tränen kristallenden Augen bis heute. Dieses Blau, was so dunkel wirkte, wie der tiefe Ozean. Das leichte Schütteln ihres Kopfes, bevor sie sich ganz von dem Cafeteria-Terror wegdrehte. Ein paar Tage später das bestechende nicht in die Augen Blicken im Fahrstuhl und stilles Weggehen ihrerseits. Es war alles so klar – noch heute, nach so vielen gemeinsamen Stunden, in denen er mit ihr zusammen war, hatte er diese Bilder aus jener Zeit noch am ehesten vor Augen.
Was dann kam, war wie im Zeitraffer für ihn zusammengefasst in einem neuen Buch aufgeschrieben.


Angefangen vom Fallschirmsprung, zu dem sie Frau Dr. Hassmann überreden konnte (Marc war sich immer schon sicher gewesen, dass Gretchen auf diese groteske Idee niemals alleine gekommen war) über ihren Kuss, den sie nur für die nervende Schulkameradin durchführten, aber in Mitten dieser theatergeschichtlichen Glanzleistung diesen Umstand ganz vergaßen. Sie schrieb von ihrem Entschluss, Marcs Liebesbriefe, die sie seit der sechsten Klasse verfasst hatte, im heimischen Kamin zu verbrennen. Von dem Millionär, der krank zu sein schien, um den man sich, trotzdem er das Allerletzte war, kümmern sollte – als Ärztin. Von jenem Millionär, der als Penner ausgerechnet ins Elisabeth-Krankenhaus eingeliefert werden musste, von Mehdis Frau, die mit seiner Tochter abgehauen war, wie sehr sie dies schockte, dass sie für Mehdi, trotz dem er sie aufs Abstellgleis gestellt hatte, noch so viel Mitgefühl aufbringen konnte, gerade wegen Lilly. Eine Aneinanderreihung von Buchstaben ergaben Sätze, in denen sie von dem Liebhaber ihrer Mutter und der verpufften Rente schrieb. Dass sie sich so sehr bemüht hatte mit einer Pille aus dem krankenhausinternen Giftschrank Gabi über die mögliche Erpressung auszuhorchen. Aber letztendlich doch nur die Trauzeugin geworden war.

Ein Eintrag mit krakeliger Schrift folgte, in dem sie gleich zwei Tage hintereinander verarbeitete. Der Nachmittag, in dem sie in seiner Dusche standen, und der darauffolgende Morgen, nachdem Gabi voller Zorn in der Umkleide verkündete, dass der Gockel sich nicht zusammenreißen konnte. Gretchens Eintrag beschäftigte sich aber weniger damit, dass es ihr gefallen hatte, was sie, Marc und Gretchen selbst, unter der Dusche angefangen hatten, noch über den Triumph über Gabi. Sie schrieb Seiten voll, mit dem Unverständnis, wie Marc seine Kariere über das ungeborene Kind stellte, sein Kind (und zu dieser Zeit war es irgendwo schon noch seins)! Dass sie nicht verstand, was sie jemals in ihn hinein interpretiert hatte, wo er doch anscheinend nichts weiter als ein geldgeiles Scheusal war, dass für Ruhm, Ehre und Erfolg über Leichen ging, nicht aber für das, was einmal hätte sein Baby, seine Tochter oder sein Sohn hätte werden können.

Es war etwas zerbrochen, ja.

Aber nicht, weil sie für Marc gelogen hatte, nicht weil sie Lügen im Allgemeinen hasste, sondern weil ihr die Illusion genommen wurde, wie Marc wirklich war.

Er atmete zittrig aus.


Sie schrieb weiter, dass sie aber trotzdem nur von einem Gedanken angestachelt wurde, ihren Doktortitel fertig zu schreiben, damit sie diese selbstgefällige Fratze von ihrem Oberarzt nicht mehr ertragen musste. Freute sich riesig darüber, dass sie ihren Konkurrent und Mitstreiter mit Rohypnol ausgeschaltet hatte, und zum Dank endlich mehr und mehr in die Arme von ihrem Retter getrieben wurde: Alexis von Buren*. Dass er der Mann war, dessen Träume sie nun schon nächtelang in Atemnot brachte, dass sie so sehr hoffte, wünschte, sich einredete über Marc Meier, nach über fünfzehn Jahren, gänzlich hinweg zu sein. Sie dies, dank seines auf einmal wachgerüttelten Gewissens (wenn auch nur wiedermal sich selbst gegenüber) aber nicht bestätigt wissen konnte, da er nicht mit ihr schlafen wollte.

Sie belog in diesem Fall sogar ihr eigenes Tagebuch.

Wie verzerrt konnte ein einzelner Mensch eigentlich denken, wenn der reine Selbstschutz so weit ausgebaut werden musste, weil schon der kleinste Gedanke an den Mann, der sie so enttäuscht hatte, sie heulen, lachen, schreien und frösteln ließ?

Weitere Einzelheiten wurden von dem ganzen Vegas-Komplott geschrieben. Von einer aufreibenden Suche nach Alexis' Mutter, einem brummenden Schädel, weil sie mit dem Rad vor einen Baum gefahren war und einer inkonsequenten Hochzeitskleid-Suche, die nur deshalb erfolgreich beendet wurde, weil sie nicht das schönste Kleid kaufte, das ihr gefiel, sondern eines, was man vorerst nicht extra umnähen musste.

Sie schrieb von Gigi, von ihrer Ankunft, und wie sehr sie sich wünschte, dass Steffi ebenfalls auf ihrer Hochzeit dabei sein könnte, diese aber von ihr sicher nichts mehr wissen wollte.


Marc bog den Rücken durch, hatte er doch schon mehrere Stunden gelesen, und er meinte sogar ein paar noch nicht in den Süden geflogene Vögel singen zu hören, die den Morgen begrüßten. Ihm war sogar ohne Alkohol getrunken zu haben, kotzelend, da ihm nur der Name, dieser Vogelseuche den Magen umdrehte. Wenn er nur daran dachte, mit was für einer Lüge, einer dumm dreisten Lüge diese ungefickte Brillenschlange Gretchens Gehirn gewaschen hatte, schlug Ekel jedoch fix in Wut um. Sollte er sie jemals wieder sehen – man traf sich bekanntlich ja eh zweimal im Leben – er wüsste nicht, ob er seine Hände bei sich behalten konnte, denn diese Frau hatte so viel mehr noch als so mancher Mann einen Knock-Out verdient.


Ihre geschriebenen Gedanken hörten etwa zehn Seiten, bevor das Buch zu Ende war, abrupt auf. Er wusste nicht wieso, doch da er schon in Gretchens Zimmer gesehen hatte, dass der erste Eintrag des neuen Buches nur mit „September 2008" begann, legte er das zweite Buch beiseite. Bisher war ihm noch kein Aufschluss gekommen und wie anfangs schon erwartet, war auch nur dieses Buch wirklich wichtig gewesen. Trotzdem hatte er das Gefühl, Gretchen jetzt wieder so viel Näher zu sein, es war wie ein leiser Atemzug, den sie ihm in den Nacken hauchte – ihm wieder mehr Leben einhauchte.


Liebes Tagebuch,

ich habe seit eineinhalb Wochen nicht mehr in dich hinein geschrieben. Das sind zehn Tage, zweihundertvierzig Stunden,14.400 Minuten und unzählige Sekunden. Ich bin in Köln. Bei Steffi, wie ich hier herkomme?
Es begann mit dem eigentlich schönsten Tag im Leben eines jeden Mädchens. Mit der Hochzeit von Alexis von Buren und mir, Margarethe Haase.

Doch wie so oft in meinem Leben wurde auch dieses Unternehmen eine einzige Herausforderung. Und im Nachhinein sollte ich vielleicht auch froh sein, dass dieser Tag zu einem der schlimmsten wurde. Jawohl, denn ich habe nicht nur ein Gelbfieber-Virus im Krankenhaus zur Hochzeit bekommen, sondern den Tod meines Vater mit dazu.

Ich würde meine Hochzeit schon allein deswegen so gern ungeschehen machen, denn dann wäre Papa vielleicht noch am Leben, wenn er zu der Zeit, wie sonst immer, in seinem Büro im Krankenhaus gesessen hätte.

Ich vermisse ihn.

Jeden Tag so sehr.

Dass es so wehtut, dass ich schreien möchte, dass ich sterben möchte, um ihn noch ein letztes Mal zu sehen.


Marc griff sich unvermittelt an die Halsschlagader und schluckte bedrückt den Kloß in seinem Hals herunter.

Ich kann mich von der letzten Woche nicht mehr an alles detailgenau erinnern. Alles ist verschwommen, wie mich Marc angesehen hatte, als er aus dem OP gekommen war. Sein Blick sagte so viel. Ich hätte ihm so viel Empathie, ausgerechnet für mich, gar nicht zugetraut. Manchmal verständigen sich Menschen auf eine komplizierte nicht auf Sprache basierende Art und Weise. Und mein Oberarzt, der Mann, der mich die meisten Tränen meines Lebens gekostet hat, schaffte es nicht, mir in die Augen zu sehen. Ich wusste was passiert war. Und viel schlimmer noch, wurde mir klar, dass ich überfordert war. Ich, dabei war ich nicht gestorben.

Ich war doch nur da, wie immer - wie immer.

In der selben Nacht habe ich als verheiratete Frau einen anderen Mann als meinen Ehemann geküsst. Warum? Weil die Minuten, die Sekunden, die ich nicht damit beschäftigt gewesen war, an meine letzte Chance, Worte mit meinem Vater gewechselt zu haben, zu denken, wie sehr ich mir jemanden herbeiwünschte, der mich verstehen würde, dem ich auch ohne Worte bedeuten konnte, wie ich mich fühlte: Und dieser jemand war nicht Alexis.

Doch es kam noch so viel schlimmer.

Was fragst du dich? Nun, abgesehen davon, dass mich meine beste Freundin belogen hatte – warum ist mir bis heute noch nicht so ganz klar – und sie gar nicht mit Marc geschlafen hatte, habe ich Gigi kurzer Hand aus meinem Leben verbannt. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, doch in konkreter Situation erschien es mir... ich denke: vernünftig.

(Steffi sagt: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr – sie hat wohl recht.)

Und an diesem Tag passierte noch so viel mehr, Lily, Mehdis kleine Tochter stand in unserem Flur und hat ihren Vater umarmt.

Dazu kam Marc, mit dem ich eine kleine Zeitreise in unsere alte Schule unternommen habe, mit ihm gelacht habe, mit ihm tiefere Gespräche geführt habe, und mit dem ich mich dann zerstritten habe. Ich kann dir den Wortlaut gar nicht wiedergeben, leider. Aber wann wusste ich mal, warum ich mich schon wieder mit ihm gestritten hatte, und weshalb? Bei unwichtigen Dingen eigentlich doch nie!

Und als ich dann endlich wieder bei Verstand war, ich glaube mich entschuldigen wollte, sah ich ihn – mit einer anderen.

Es war Gabi 2.0 all over again.

Dieses Bild, dieser Schmerz, dieses Gefühl meinen Ehemann, der mich doch liebte, dachte ich zumindest, hintergangen zu haben. Ich habe mich so geschämt, ich war so sauer, ich war... in meinem ganzen Leben noch nie so traurig gewesen, wie in jener Zeit, als mir klar wurde, dass ich den Tod meines Vaters unnötig verschuldet hatte, wenn ich Alexis doch gar nicht so sehr liebte, wie diesen blöden Macho Marc. Warum also hatte ich den anderen Mann dann geheiratet? Und ich habe so abgrundtief selbst aufgebende Worte geäußert, dass ich mich frage, warum ich ihm nicht nach seiner Antwort eine gescheuert habe. Oder habe ich das? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß es einfach nicht mehr. Denn alles was mir aus diesen Erinnerungsfetzen geblieben ist, war, dass ich ihm sagte, dass ich mich entschuldige, weil ich ihn liebte.

Und er schaute nicht betreten weg, sondern wiederholte meine Worte.

Was für ein Arschloch!

Wie konnte er diese Worte sagen, ohne sie zu meinen? Warum tat er mir schon wieder so weh, nachdem ich noch nicht mal ganz mit dem Tod von Papa zurechtgekommen war?

Alles was ich wollte, war mich deshalb bei Alexis entschuldigen, für meinen Egoismus, für meine Liebe für diesen anderen Mann. Ich wollte ihm sagen, dass ich mich ändern kann, dass ich mich ändern will – für ihn, Alexis.

Doch als ich nach mehren Stunden bei ihm ankam, wusste ich, dass dies nicht mehr notwendig war.

Und nun kommt das Problem des eigentlichen Geschehens, Tagebuch, was mich so wütend, traurig und fast selbsthassend macht. Dieser Mann hat ebenfalls mit einer anderen Frau geschlafen, und auch hier platzte ich wieder rein, und es war so absurd, zwei ähnliche Szenen an einem Abend live und in Farbe zu beobachten. Nur war dieser Akt so viel... bedeutender.

Alexis schlief nicht mit irgendwem. Mit der Nettelsbacher, oder irgendeinem Model aus Venedig. Mit seiner eigenen Mutter...


Marc presste hilflos die Augen zusammen, bei den folgenden drei Worten:

Ich wollte sterben.

Und nicht, weil mich der Mann, den ich geehelicht hatte, betrogen hatte, in vielerlei Hinsicht, sondern weil ich den Mut verloren hatte, dass dieses Leben, mein Leben, noch Sinn machen würde, nachdem mein Vater gestorben war, für mich, für eine Ehe, die es an Abartigkeit nicht zu überbieten ging.

Ich wollte sterben, weil ich mir selbst nicht mehr der nächste sein konnte.

Aber genau dies wollte ich, und war der Anlass, dass ich aus der Spree wieder aufgetaucht war. Ich wollte leben, nicht für einen Ehemann, oder für einen Oberarzt, sondern für mich, weil ich ich bin, weil ich mein Leben wieder selbst gestalten wollte, und immer noch will. Und allen voran, weil das Leben lebenswert ist.

Es war schlimm genug, dass Papa gestorben war, und auch wenn der Wunsch wirklich groß war, in der Tiefe des Flusses zu versinken um ihm näher sein zu können, als all die Tage zuvor, war mir klar, dass mein Leben weiterging – irgendwie. Dass er gestorben war, nicht wegen meiner Hochzeit, oder weil er am falschen Platz zur falschen Zeit war, sondern weil er keine Wahl hatte: ich schon.

In diesem Moment begriff Marc etwas, was ihm so viele Menschen versucht hatten in den letzten Wochen klar zu machen:

Er war nicht das Opfer, sondern Gretchen.

Er hatte die Wahl, wie sein Leben weiter verlief – sie gerade nicht...


Original Writing: 11. September 2011

Original Air-Date: 23. Februar 2012

a/n:

*ohne „H", Andie-chan ;)

Wie man sicher bemerkt hat, haben dieses Kapitel und die gesamte Geschichte ein und den selben Namen: Rain!

Ich hoffe zwar immer, dass sich meine Leser die vorgeschlagene Musik anhören, hier flehe ich aber, dass man diesen wunderbaren Song dazu anhört. thx

lg

manney