Kapitel 17 – Get Up (Superchick)
Angetrieben von der neuen Erkenntnis, die sich ihm eröffnet hatte, setzte sich Marc mit Papier und Stift bewaffnet zurück ins Bett, um zu schreiben. Nicht etwa irgendeine furchtbar kitschige Geschichte zu verfassen, wie er es geschafft hatte, als seine Mutter im Krankenhaus gelegen hatte, sondern um die Situation für sich, aber auch für Gretchen, erträglicher zu gestalten. Denn so ging es nicht mehr weiter, dies war ihm jetzt glasklar.
Kaum fünf Stunden später hörte Marc Ohren betäubendes Fluchen aus dem Bad. Nach den paar Stunden die er geschlafen hatte, hätte es ihm weniger ausgeruht gehen müssen, doch er fühlte sich, wie Hercules. Mit klarem Wind in seinen Gedanken reckte er sich einmal lang, bog sich gestreckt zu beiden Seiten, um dann mit einem Sprung voller Elan und Tatendrang aus dem Bett zu hüpfen. Den Brief, den er geschrieben hatte, legte er in die Küche auf die Kücheninsel, damit er ja nicht vergessen wurde, wenn Steffi aus dem Haus ging.
Danach klopfte er höflich an die Badezimmertür.
„Steffi, alles okay?", fragte er munter.
„Marc? Bist du das?", ertönte es hinter der Tür hervor.
„Uhm, ja? Wer sonst?"
„Oh mein Gott? Warte, einen Moment, ich bin gleich fertig, ich brauch... uh... noch fünf... nein zehn Minuten, ja? Dann bin ich da!"
Marc runzelte die Stirn, kratzte sich unwirsch am Hinterkopf, wartete aber die Zeit auf der Couch im Wohnzimmer.
Nachdem Steffi aber auch nicht nach den geplanten zehn Minuten aus dem Bad kam, hatte Marc die Warterei satt, und wählte die Nummer seiner Mutter vom Haustelefon.
„Meier bei Fischer", meldete sich sein Vater schmatzend.
Marc grinste, der Überraschungseffekt war immer auf seiner Seite, denn so viel gesunden Menschenverstand meinte er zu besitzen, dass er seinem Telefonanbieter untersagte, seine Telefonnummer als Caller-ID anzeigen zu lassen.
„Guten Morgen, Vater", sagte er deshalb ganz jovial, und er konnte sich bildlich sehr gut vorstellen, dass dem anderen Gesprächspartner gerade sein Wurstbrötchen aus der Hand gefallen war, und er mit weit geöffneter Futterluke Marcs Mutter über den Esstisch hinweg anschaute.
„M-Marc. Schön von dir zu hören. Wie geht es dir?"
„Kannst du mir mal bitte Mutter geben?"
„D-deine Mutter?", fragte Emanuel ungläubig.
„Warum stotterst du so? Ist es so verwunderlich, dass ich anrufe?", fragte Marc. Er wusste wohl, dass er in den letzten Wochen nicht gerade nett gewesen war, aber so schlimm konnte das ja nun auch nicht gewesen sein.
„Elke – dein Sohn", hörte er seinen Vater sagen. Dem Klang zu Urteilen, hielt er das Telefon schon weit ab von seinem Mund.
„Sag ihm, dass ich ihn nicht sprechen will", ertönte die rauchige Stimme seiner Mutter.
Marc verrollte nur seine Augen und stöhnte.
„Sie will dich nicht sprechen", wiederholte Emanuel die Worte noch einmal, nachdem er sich den Hörer wieder ans Ohr geschoben hatte.
„Das hab ich gehört, Mann", brummte Marc ungehalten „dann sag ihr, dass ich mich... dass ich... dass ich sie zum Essen einlade!"
„Oh...", kam es erstaunt vom anderen Teilnehmer der Leitung, und wiederholte dann auch diesen Satz für Elke.
Einige Sekunden war Ruhe eingekehrt, ehe Marc ein kleines Rascheln hörte. Ein Ton, den er über dreißig Jahre schon ganz genau kannte. Elke hatte den Clip ihres Ohrrings vom Ohrläppchen abgezogen, um besser telefonieren zu können.
„Marc Olivier, du kannst hier nicht mitten beim Frühstück anrufen, und dich von hinten heranpirschen. Was du gesagt hast, war...", wollte sie sich gerade in Rage echauffieren.
„Es tut mir leid, Mutter!", sagte Marc ehrlich.
Es war lange her gewesen, dass er seiner Mutter genau das gesagt hatte, was sie hören hatte wollen, er aber dies genauso meinte, wie er es sagte. Gespräche ernsterer Natur waren für seine Mutter nie einfach gewesen. Nicht, weil sie ein Luftkopf war, oder eine schrullige Alte, die den Schuss nicht gehört hatte, sondern weil sie seine Mutter war, und er wusste, dass sie im Grunde ihres Herzens nicht viel anders war, als er selbst. Minus die herauswachsende Dauerwelle natürlich.
„Hm...", machte Elke am anderen Ende der Leitung nur.
Und abermals sprang Marc über seinen Schatten:
„Was ich gesagt habe, war falsch. Ich sage nicht, dass ich es in der Situation nicht genauso gemeint habe, wie ich es sagte, doch ich habe vor, mich wieder wie ein Mensch zu benehmen, und nicht wie ein Tier, was durch gewisse Mengen von Alkohol zu unkalkulierten Kraftausdrücken neigt. Schon gar nicht seiner Mutter gegenüber."
Elke sagte nichts, und auch ihre Haltung am Esstisch war stocksteif geblieben, wartete sie doch noch auf ein bisschen mehr. Denn schließlich hatte sie tagelang Antidepressiva einnehmen müssen, weil sie sich die Worte ihres Sohnes, ihres einzigen Sohnes, so sehr zu Herzen genommen hatte. Er hatte sie verletzt, und auch wenn sie dies oft auch gekonnt hatte, so wussten beide, dass was für Marc früher sein Job - und heute Gretchen - war, für Elke immer das Schreiben gewesen war.
„Und im Angesicht der Tatsache, dass ich wieder normal denke, kann ich dir sagen, dass ich nun weiß, dass das, was ich gesagt habe, falsch und unfair war. Ich möchte dich zum Essen einladen, weil zivilisierte Menschen dies so machen, wenn sie ein Missverständnis aus der Welt schaffen wollen."
So, er hoffte wirklich, dass das jetzt reichte. Natürlich war seine Mutter stur, und es würde mehrere Essen dauern, und sicher noch mehr wiederwillige Sitzungen, in denen er sich zur Strafe ihre Ideen für neue Bücher anhören musste. Doch es war ihm herzlich egal, denn er wusste, er hatte einen Fehler gemacht, den er so nie beabsichtig hatte zu tun.
„Wo?", fragte seine Mutter immer noch mit der selben abgeklärten Stimme, die nicht verriet, wie sehr sie sich darüber freute, dass ihr Sohn endlich wieder zu Vernunft gekommen war. Was auch immer zu diesem Wandel geführt hatte, sie konnte Gott gar nicht genug dafür danken.
Marc grinste wieder, kannte er seine Mutter doch besser, als sie meinte.
„Bei Gonzo, heute Abend um sieben?"
„Marc Olivier, es heißt seit über fünfzig Jahren Alfonso. Al-fon-so."
„Dann also bis heute Abend?", fragte er noch einmal nach, was seine Mutter bejahte. Dann legten sie auf.
Er wusste zwar nicht wie er die Rechnung bezahlen konnte, wenn er den Rest des Monats nicht völlig verhungern wollte. Doch drastische Situationen erforderten drastische Maßnahmen, und wenn wirklich alle Sticke rissen, er würde vielleicht sogar Mehdi um Geld bitten. Eine grausame Vorstellung, aber immens wichtig.
Unwirsch stiefelte er durch den Raum und suchte seinen Laptop, den er seit mehreren Wochen nun schon nicht einmal mehr benutzt hatte. Trotzdem wusste er, dass das Internet die schnellste Art war, sich einen guten Anwalt zu suchen. Sein Vater hatte ja mehr als einmal schon betont, dass dieser Nussthal der einzige war, den er kannte, der sich auf Strafrecht spezialisiert hatte, und vorerst ja auch den Anschein gemacht hatte, kein Geld zu nehmen.
Auf den größten deutschen Plattformen fand er viele Informationen, wählte für eine geschlagene Stunde mehr Anwaltskanzleien an, als ihm lieb war zu zählen und wurde jedes Mal abgeblockt, wenn es hieß, dass nicht nur das Konto der Mandantin eingefroren war, sondern das ihres „Komplizen" und den engsten Verwandten gleich mit.
Er war über diese Abfuhren noch nicht mal traurig gewesen, oder verlor die Hoffnung, was ihm die letzten Wochen des Öfteren passiert war. Alles was er fühlte war Wut, dass es solch verbohrte Menschen gab, die die gesamte Situation nicht verstanden.
Erschöpft stöhnte er und ließ sich an die Rückenlehne fallen.
Es konnte doch gar nicht so schwer sein, einen Anwalt zu finden. Er verstand die ganze Art, wie diese Leute arbeiteten eh nicht.
Bei jedem Dienstleistungsgewerbe (im weitesten Sinne waren Anwälte ja auch Dienstleister, nur dass sie ihre Kunden mit dem schönen Wort „Mandanten" umschreiben konnten und durften) wurde erst gearbeitet und dann bezahlt.
Als ihm zu Uni-Zeiten seine Waschmaschine kaputt gegangen war, kam ein Elektromeister, schaute sich das gute Stück an, machte einen Kostenvoranschlag, Marc willigte ein, Tage später kam das Ersatzteil, wurde eingebaut, der Techniker bekam noch einen Kaffee (der von Marc nie besonders gut schmeckte) und zwei Wochen später kam die Rechnung. Was also hatte man diesen Pinguin-Akademikern für einen Standesdünkel aufgesetzt, dass die schon bei der ersten Beratung mehrere hundert Euro forderten?
Er drückte sich aufs Nasenbein, wusste, dass ihn das gedankliche Ausschimpfen dieser Spezies nicht weiterbrachte. Gerade als er in seinem Laptop nach weiteren Kanzleien suchte, hörte er das Knarren der Badtür.
Und es war wirklich gutes Timing. Er musste nämlich auch mal dringend auf große Königstiger, oder den Porzellanthron, wie Steffi es beschrieb.
Doch der Harndrang war augenblicklich verschwunden, als er sah, was sich ihm in legerer Jeanshose und oberkörperfreiem Adamskostüm entgegen bewegte.
Die sonst kinnlangen Haare reichten nur noch bis knapp über die Ohren, immer noch ein wenig feucht, aber dafür in ein dunkles Braun gefärbt. Marc war verblüfft, wie dieser Mann vor ihm gestern Abend noch ausgesehen hatte, wie eine Schwuchtel, und nun... ja... nicht mehr. Im Gegenteil, er sah sehr hetero aus, für Marcs Geschmack zu hetero, wenn er in diesem Aufzug Gretchen besuchen könnte.
„Wusstest du, dass Kontaktlinsen jucken, wie Windel-Dermatitis?"
Marc atmete tief ein.
Aber glücklicherweise hatte sich seine näselnde Sprache nicht verändert, und Gretchen würde auch nicht nach so vielen Jahren, die sie sich kannten von jetzt auf nun, sich in ihre beste Freundin verlieben. Er konnte fast schon darüber schmunzeln, wie sich gerade leicht eifersüchtige Züge in seine Gedanken schmuggelten, weil Steffi ja jemand war, der um die Geschehnisse vor einem Jahr bescheid gewusst hatte.
„Nein, wusste ich nicht – seit wann trägst du denn welche?"
Steffi hatte sich die ganze Zeit in den Augen herum gerieben, weshalb Marc erst sehen konnte, als sie die Hände vom Gesicht nahm, dass sich seine sonst braunen Augen in blaue verwandelt hatten.
„O-kay...", er zog es besonders lang.
„Ja, okay! Und was bist du eigentlich schon wach? Ich bin ganz erstaunt über so viel Format heute morgen von dir!"
„Und ich bin erstaunt, warum aus zehn Minuten ganz schnell sieben Mal soviel geworden sind", konterte Marc trocken.
„Ja nu, Frauen brauchen nun mal ihre Zeit im Bad", rümpfte Steffi die Nase, lächelte ihn aber freundlich an.
„So, ich dachte du bist ein normaler Schwuler, nicht so ein Crossdresser, oder Trans..."
„Hüte deine Zunge! Woher kommt denn nun der neue Marc?", wollte Steffi dann doch endlich wissen, was Marc zu solch einem ausgeglichenen Ich gebracht hatte. Doch außer, dass Marc sich an dem Mann vorbei in den Flur schob, und diesen dabei einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter gab, schwieg er sich aus.
Steffi schüttelte lachend den Kopf, freute sich aber wirklich sehr über diesen Mann, der gestern noch so tieftraurig über seinem Hackbraten gesessen hatte. Sie hatte die vage Vorstellung, dass sein neugewonnener Mut aus Gretchens Tagebüchern resultierte. Was also würde Gretchen wirklich dagegen argumentieren können, wenn sie wusste, wie Marc nur ein paar Tage zuvor noch dem Alkohol seine Seele verschrieben, und in Watte gepackt an Aufgabe gedacht hatte, nun aber fast wieder vor Leben sprühte?
Eine halbe Stunde später kam Marc frisch geduscht, rasiert, und angezogen wieder aus dem Badezimmer hervor, und stellte ein bisschen enttäuscht fest, dass Steffi nicht wie den Tag zuvor für ein üppiges Frühstück gesorgt hatte, sondern nur zwei Müsli Schalen mit Milch auf dem Tisch parat standen.
Man konnte im Leben nun mal leider nicht alles haben.
Er setzte sich wortkarg der ehemaligen Blonden gegenüber und beobachtete, wie diese sich mit dem Löffel rumquälte.
„Wie verhält sich eigentlich ein heterosexueller Mann, Marc?", fragte die Blonde, während sie versuchte so männlich wie möglich zu essen, was allerdings eher an das Biest aus dem Märchen erinnerte.
„Normal – unauffällig", half Marc auf die Sprünge und tippte sich dann an die eigene Schläfe, um auf die rosa Brille aufmerksam zu machen, die Steffi auf der Nase trug.
Sie nahm diese dann ab, und fragte ernsthaft, was mit dieser nicht stimmen würde.
„Außerdem, schau", sie reichte ihm den gefälschten Personalausweis „Der junge Mann auf dem Foto trägt eine Brille, und ich kann ohne meine nicht weiterschauen, als ein Maulwurf bei Sonnenlicht. Gerade wo diese gefärbten Kontaktlinsen sich anfühlen, als hätte ich Augen-Krätze."
„Hm... wie viel Dioptrien hast'e denn?"
„Wieso?", fragte Steffi ahnungslos, worauf seine Frage hinausführen sollten.
Marc stand vom Tisch auf, ging zurück ins Schlafzimmer, um kurze Zeit später mit einem alten Brillenetui wiederzukommen.
„Probier mal, ob du was dadurch sehen kannst", er hatte die Schachtel geöffnet und zum Vorschein kam ein schwarzes Brillengestell in stylischer Form einer Nerd-Brille.
Skeptisch setzte Steffi die Brille auf, schaute ihn aber erstaunt an, als er tatsächlich nichts mehr verschwommen sah, nun ja, zumindest nicht mehr so schlimm.
„Woher hast du die denn?", wollte sie wissen, doch Marc hielt es für besser, zu schweigen.
Es war ihm noch heute sehr unangenehm, weil er so eitel gewesen war und er sich seine Augen 2003 bei seinem Amerika-Urlaub hatte Lasern lassen.
„Sag mir aber nicht, dass du und Gretchen irgendwelche Rollenspiele mit dieser Brille angestellt habt, oder? So Bibliothekarinnen, oder strenge Lehrerinnen, oder was auch immer sonst für abartige Gedanken in deinem Kopf sind!", zwinkerte Steffi und Marc wunderte sich erstmals, warum Gretchen, wenn die schon solange jemanden wie Steffi kannte, noch immer so prüde und verklemmt war.
Er grinste.
Kaum eine weitere halbe Stunde später, es war erst kurz nach elf, war Steffi aus dem Haus, den Brief auch gut verstaut in einer neuzugelegten Aktentasche, und Marc saß wieder vor seinem Laptop und klapperte das Internet rauf und runter ab. Rief sogar die Anwaltskammer an, die ihm weiterhelfen sollte, doch außer Namen und Telefonnummern leisteten die ihm auch keinen wirklichen Rat.
Nach der fünfunddreißigsten Abfuhr an diesem Morgen schmiss Marc seinen Handapparat so kraftvoll in die nächste Ecke, dass nicht nur die Schutzhülle der Akkus abfiel und die Batterien selbst klackend auf dem Boden landeten, sondern auch das Display zersprang und nichts weiter als Schwärze anzeigte.
Er rümpfte die Nase, wusste er doch genau, dass er das letzte Mal ein Telefon, auch wenn es sein Handy gewesen war, an die Wand geworfen hatte, nachdem er Gretchen nach dem Tod ihres Vaters geküsst hatte. Er seufzte, nahm sich Handfeger und Schippe und telefonierte mit dem Handy dann erstmal weiter bis zur Mittagspause mit Sekretärinnen verschiedener Kanzleien, die ihn alle nicht verstehen wollten.
Marc stöhnte resigniert.
Es hatte ja doch keinen Zweck, es müsste schon ein Wunder geschehen, dass ihn irgendeiner dieser Korinthenkacker ernst nahm, oder man ihm glauben würde, das Honorar sofort zu bezahlen, wenn er wieder liquide wäre.
Er rümpfe die Nase, doch Gott beschenkte nur die Leute mit einem Wunder, die nicht in falschem Selbstmitleid alle Menschen um sich herum verletzt hatte. Angefangen bei Jochens kleiner Freundin, die schon am Boden gelegen und er unfreundlicherweise noch schön nachgetreten hatte.
Für nur ein paar Minuten schloss er die Augen. Vermutlich sollte er erst einmal anfangen, sich bei allen Menschen zu entschuldigen. Gretchen und seine Mutter waren abgehakt. Fehlte noch Anna und seinem Vater müsste er das Zugeständnis des besser Wissens auch einräumen - vielleicht.
Er spielte mit dem Gedanken wirklich die Kaan'sche Wohnung anzuwählen, als ihm klar wurde, was er da gerade gedacht hatte.
Jochens dickes Ex-Weib hatte ihm doch einen verdammten Zettel zugesteckt. Schnellstens aufspringend durchquerte er sein Apartment zurück zum Schlafzimmer und bemühte sich daran zu erinnern, welche Hose er angehabt hatte. Doch da sein Kurzzeitgedächtnis durch seine Depression ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurde, weil jeder Tag irgendwie gleich abgelaufen war, erinnerte er sich natürlich nicht, weshalb er einfach alle Hosentaschen durchwühlte. Und in einer fand er dann auch den übrig geblieben Fetzen.
Als Mehdi vor fast fünf Wochen bei ihm gewesen war, und er sich aufgerappelt hatte die Wohnung wieder ansehnlich aussehen zu lassen, hatte er auch die umherfliegenden Klamotten gewaschen und die Wäsche aus den gepackten Koffern von sich und Gretchen wieder aufgehängt.
Deshalb war aus dem glatten weißen Papier ein verkrumpeltes Etwas mit verwischter Tinte geworden. Noch nicht einmal mit viel Phantasie konnte man die Vorwahl Berlins Null Drei Null erkennen.
Marc seufzte. Ein Wunder müsste er also selbst zu Stande bringen, und er hätte kotzen können, wenn er nur daran dachte, dass er dieses Mädchen anrufen müsste.
Zumal, wie sollte er sie denn anrufen, ohne sich jemals dafür interessiert zu haben, ihre Telefonnummer zu kennen? In seinem Smartphone durchsuchte er seine Kontaktliste nach Jochens Eintrag, den er auch sogleich anrief, aber nicht mit Bärbels Stimme gerechnet hatte:
„Hallo?"
„Bärbel?", fragte Marc sichtlich irritiert, die Stirn in tiefe Falten gezogen.
„Marc, schön, dass du anrufst, wie geht es dir und Steffi? Warum meldest du dich denn nur bloß auf Jochens Handy?"
Marc räusperte sich: „Ich wollte eigentlich deinen Sohn... ist ja auch egal. Kannst du mir vielleicht Jochen geben. Ich brauche ganz dringend seine Hilfe."
„Das tut mir leid, Marc, aber der ist noch in der Uni. Hatte heute Morgen sein Handy einfach vergessen. Aber vielleicht kann ich dir auch..."
Er seufzte. Vergessen? Der Junge war angehender Arzt, würde er auch mal irgendwann eine Schere im offenen Patienten vergessen?
„Ich denke ni... obwohl, ich bräuchte die Telefonnummer seiner Freundin... hast du die denn?"
„Freundin?", fragte Bärbel kurios.
„Ja, Ex-Freundin, 'Ehm, klein, dick, nach Cartoons schon nahezu süchtig, Bestatterin...", führte Marc gereizt aus, fast schon, wie in guten alten Oberarzt-Zeiten.
„Du musst mit mir nicht reden, als ob ich ein Kind wäre, Marc! Und 'Ehm ist nicht dick!"
Marc verdrehte nur die Augen.
„Aber nein, ich hab ihre Nummer nicht, ich könnte aber in Jochens Adressliste nachschauen", bot sie an, und Marc fragte sich, woher sie mit all den technischen Errungenschaften umgehen konnte, wenn es ihm schon seit Jahren verborgen blieb, schnell auf einer QWERTZ-Tastatur fließend zu schreiben.
Er hörte ein kleines Rascheln und ein feines dahin Summen, während sie wahrscheinlich die Kontakte abgraste, aber dann doch nur mit einem tiefen Seufzen verkündete, dass da weder „'Ehm" drinstand, noch Jochens Spitzname „Pummel".
Marc seufzte: „Ja, dann warte ich eben, bis er wieder da ist. Und danke Bä..."
„Aber ich kann dir die Nummer vom Bestattungsinstitut geben", sagte die Rothaarige am anderen Ende fröhlich, wusste genau, dass Marcs tiefes einatmen ein gutes Zeichen für Hoffnung ausdrückte.
Nachdem Bärbel nach etwas längerer Suche in einem ihrer Ordner die Nummer gefunden und Marc mitgeteilt hatte, legte er auf und wählte, kaum einen Atemzug später schon die nächste Nummer.
„Frerichs Bestattungen, Manuela Frerichs am Apparat, was kann ich für Sie tun?"
Marc räusperte sich.
„Meier, guten Tag. Ich hätte gern eine Frau ähem...", und erst da fiel ihm auf, dass er den Nachnamen gar nicht kannte.
„Bitte, ich hab den Namen nicht genau verstanden."
„Ich hatte mit einer Ihrer Angestellten heute einen Termin vereinbart, nur ist mir der Name leider entfallen, und..."
„Ja, das ist ja kein Problem, dann kommen Sie einfach her, und wir beraten sie dann gern. Um was handelt es sich denn bei dem Anliegen?"
„Das würde ich dann doch mit... der Dame lieber höchstpersönlich klären, aber Danke!"
Marc seufzte.
Wie konnte er nur erst dann merken, dass er den richtigen Namen nicht kannte, als er schon in ein Gespräch verwickelt war. Er schwor sich, wenn der Anwalt, den Jochens Ex vorgeschlagen hatte, Gretchen daraus holen könnte und würde, er müsste Amor spielen und die beiden wieder zusammen bringen.
Original Writing: 14. September 2011
Original Air-Date: 24. Februar 2012
lg
manney
