Kapitel 19 - Perfect Isn't Easy (Bette Midler)
Das vordere Ende der Krawatte von hinten über den Hinteren Abschnitt ziehen, durch das entstandene Kopfloch noch hinten entfernen, auf der anderen Seite wieder nach vorne führen und von vorn den selben Schritt auf der anderen Seite wiederholen. Abermals von hinten durch das Loch nach vorn auf die andere Seite ziehen, dann wagerecht zurück über den Knoten, noch einmal hinten durch und dann senkrecht durch die Lasche zupfen.
Fertig war der Balthus.
Schon früh in seinem Leben wusste Marc, dass es Dinge im Leben gab, mit denen der Mann die Frau der Neunziger nicht mehr belasten durfte – Krawattenbinden war da das beste Beispiel.
Keine seiner Begleiterinnen, weder auf dem Abschlussball noch weit später auf den ersten Ärztebällen, die er noch aus Pflichtbewusstsein besucht hatte, konnten ihm nach dem Matratzensport seine Krawatte wieder richtig binden. Ja noch nicht einmal Gretchen beherrschte diese Gabe, der er es eigentlich am ehesten zugetraut hatte, dass sie in ihrer frühsten Kindheit von Bärbel schon darauf getrimmt worden war ihren späteren Ehemann vernünftig angezogen aus dem Haus zu schicken.
Doch er hatte sich geirrt, wie viele vor ihr aber bewunderte sie dahingehend seine emanzipierte Einstellung, dass er sieben verschiedene Knoten auswendig konnte und dazu auch seine Hemden freiwillig aufbügelte.
Ein prüfender Blick in den Spiegel, fuhr er sich noch einmal durch die Haare, rückte die marineblaue Krawatte noch einmal zurecht und zog sich dann sein tiefschwarzes Sakko zur passenden Hose über.
Es gab in dem letzten Jahr, in dem er mit Gretchen zusammen war, nur wenige Anlässe, die er sich so in Schale schmeißen musste. Und obwohl er im Allgemeinen mit ihr in dieser Zeit lieber andere Dinge angestellt hätte, musste er doch zugeben, dass ihm die vertraute Geste von ihr fehlte, nachdem er fertig angezogen war, ihm über die Schulterblätter zu streichen.
Ein schneller Blick auf seine Armbanduhr bedeutete ihm, dass er noch im Rahmen der Zeit lag, obwohl er fast eine Stunde zuvor klatschnass zu Hause eingetroffen war, und noch einmal frisch Duschen musste.
Steffi war noch immer nicht zurück, weshalb er seufzend zum Handy griff und sich ein Taxi bestellte. Er musste sich mehr als einmal vor Augen halten, dass dieses Essen die Grundlage für eine etwaige Versöhnung mit seiner Mutter war, und er deshalb schon keine Kosten und Mühen scheuen durfte, weil ihm leider Gottes wirklich bewusst war, dass er diesmal wirklich Schuld an der Situation hatte.
Er hatte sogar in Erwägung gezogen seine Geschichte, die mit dem furchtbar kitschigen Geschehnissen von Schwester Monique und Dr. Rogelt auf dem Himalaya, seiner Mutter als Friedensangebot zu überreichen – schließlich würde sie dann einfach so für einen Roman Geld bekommen, für den sie noch nicht mal einen Finger krumm gemacht hatte, entschied sich aber bei genauerem Überlegen dagegen.
Denn vielleicht würde seine Mutter dieses Angebot sogar dankend annehmen, was bedeuten würde, dass die ganze Welt in allen Einzelheiten lesen würde, wie verdammt verknallt Dr. med. Marc Olivier Meier gewesen war, um solch eine wirklich schon zum übergeben schnulzige Geschichte verfassen zu können. Jedes Mal wenn er nur daran dachte, dass auch ausgerechnet Schwester Sabine Zeugin dieses Ausbruchs von Gefühlen beigewohnt hatte, stellten sich bei ihm die Nackenhaare auf.
Deshalb entschied er sich einfach so reumütig wie möglich zu geben, und darauf zu hoffen, dass Elke Fischer heute einen ihrer besonders gnädigen Tage hatte.
Ein letzter Blick auf seine Wanduhr im Wohnzimmer bedeuteten ihm, dass er genau pünktlich um sieben Uhr ankommen würde, da das Taxi gerade lautstark einmal auf dem Parkplatz gehupt hatte.
Um 18:53 betrat Marc das schicke Restaurant in dem er und seine Mutter schon über Jahre hinweg gute Stammgäste waren. Man kannte sich hier, ein wissendes Grinsen lag auf den Lippen des Kellners Francis (der in Wahrheit nur Frederick hieß, dies hatte Marc zwischenzeitlich einmal rausgefunden), als er den gutaussehenden Oberarzt am Eingang empfing und ganz vornehm nach dem Mantel fragte.
„Ihre Frau Mutter sitzt schon zu Tisch", bedeutete der schwarzhaarige Mann in feinstem Nadelstreifenanzug und führte Marc einmal quer durch das schummrige Ambiente des Vorraums durch großen Flügeltüren in einen in indirektes Licht getauchten Saal in dem mehrere Tische schon von Gästen besetzt waren.
Doch natürlich war Marc bewusst, wohin ihn der Pinguin vor ihm führen würde. Seit er denken konnte, erinnerte er sich nicht einmal irgendwo anders gesessen zu haben, als an dem Tisch in der Nähe des großen Fensters was einen fantastischen Ausblick auf einen Großteil Berlins gewährte. Und gerade wo die Abende früher begannen erhellten die einzelnen Lichter der Stadt zumeist auch gleich sein Gemüt, denn es war ein Anblick, jedes Mal aufs Neue, dem sich auch ein Marc Macho-Meier nicht erwehren konnte.
„Gnädige Frau, Ihr Sohn...", näselte Francis und machte einen tiefen Diener.
Ach ja – da war ja noch was, warum er diesen Laden nicht besonders mochte: Die Etikette war für ein Restaurant dieses Jahrtausends erheblich überflüssig.
„Du bist zu spät", schallt seine Mutter ihn, legte die Speisekarte beiseite und bedeute dem Kellner mit einem breiten, aber unheimlich unechten Lächeln, dass sie sich noch nicht entschieden hätte, und sie dankbar wäre, dass dieser ihren Sohn zum Tisch geführt hätte.
Marc atmete tief ein, und er spürte schon das Flackern seiner Nasenflügel. Das konnte ein sehr anstrengender Abend werden.
„Es ist", er schaute umständlich auf seine Armbanduhr: „Achtzehn Uhr und siebenundfünfzig Minuten – ich bin nicht zu spät, du bist zu früh. Und damit: Hallo – ich freu mich auch wahnsinnig dich zu sehen!"
„Ich freu mich auch dich mal wieder zu Gesicht zu kriegen, Marc Olivier!"
Marc stöhnte: „Mutter, bitte..."
„Ja, ja! Nenn mich nicht so!", seinen Einwand, dass er genau zur richtigen Zeit angekommen war überging sie geflissentlich.
Marc schüttelte nur den Kopf, beugte sich dann aber trotzdem sporadisch zu seiner Mutter hinunter um sie kurz in den Arm zu nehmen – nur der Begrüßung wegen, natürlich, und nahm dann ihr gegenüber Platz.
Verdutzt schaute die Mid-Fünfzigerin ihren Sohn an, der sich ungeachtet ihrer hochgezogenen Augenbraun die Speisekarte vornahm.
„Was ist denn nur in dich gefahren – so kenn ich dich ja gar nicht", überraschte Elke nicht nur ihren Sohn, sondern auch sich selbst mit ihrer Aussage.
Marc atmete abermals sehr tief ein, bevor er von der Karte aufschaute.
„Es tut mir leid – noch einmal live und in Farbe. Was ich gesagt habe, nun,...", er schob seine Hand unbewusst über seinen Torso zu seiner Halsschlagader hinauf: „War unterirdisch, und nicht gerechtfertigt!"
„Gut", sagte Elke daraufhin nur, grinste ein wenig wie ihr Sohn, wenn er sich einer Situation erhaben fühlte, und schlug die Speisekarte wieder auf.
„Warum ließt du diese eigentlich noch, du kennst die Gerichte doch sicher eh schon alle auswendig", fragte Marc – ein Spruch den er sich über all die Jahre in diesem Etablissement nie verkneifen konnte.
„Weil ich im Gegensatz zu dir nicht immer nur ein und das selbe Essen bestelle."
Elke biss sich auf die Innenseite ihrer Wange – das war hier gerade zu perfekt. Sie wusste wohl dass die Umstände, gerade weil Marcs bessere Hälfte im Gefängnis saß, nicht die besten waren, sich über die Zweisamkeit mit ihrem Sohn zu freuen, trotzdem konnte sie den wohligen Gedanken nicht verdrängen, dass es sie freute absolut ungestört mit ihrem Sohn zu reden, über ihn zu reden.
Francis kam wenige Augenblicke später um nachzufragen, ob sich die Herrschaften schon entschieden hatte, oder er vorerst nur die Getränkewünsche aufnehmen sollte.
Elke schlug seufzend die Karte zu: „Ich kann mich einfach nicht entscheiden heute Abend – was empfiehlt denn die Küche?", fragte sie munter.
„Pasta a la Oc' – eine fantastische Komposition aus Oktopus und der hauseigenen Zubereitung von Bandnudeln mit der Vermischung aus erlesenen Meeresfrüchten aus dem Atlantik."
Marc hatte sich schon nach Oktopus der Magen bis auf halb acht verdreht. Und er wusste ganz genau, wenn er seine Wunschbestellung aufgab würde seine Mutter vor diesem Tintenfisch ebenfalls nicht zurückschrecken.
„Marc Olivier, was würdest du denn gerne essen?", fragte Elke überlegen, spielte das Spiel der Unentschlossenen nahezu perfekt. Denn der Kellner schien nicht im geringsten zu erahnen, dass es ein kleines Spiel seit jeher zwischen Mutter und Sohn war. Und nur weil Marc seine Mutter in Schulzeiten schon unheimlich gern geärgert hatte, weil er es sich nicht verkneifen konnte seine Mutter ein wenig in Verlegenheit zu bringen, indem er ganz radikal seine Bestellung, damals wie auch heute, klar und deutlich formulierte:
„Calamares!"
Der Kellner nahm seine Mahlzeit nickend auf und fragte dann abermals Elke, die aber ihren Sohn für ein paar extra Sekunden mit einem bösen Blick fixierte. Sie wusste wohl, dass es das beste Friedensangebot war, schließlich nahm er dieses Gericht immer, trotzdem störte es sie, dass er wusste, was für ein einfaches Spiel er mit ihr hatte, und dies nur, weil sie seine Mutter war.
„Die Pasta des Hauses, Francis und einen 'siebenundneunziger Chateau Latour, oder was meinst du, Marc Olivier?"
„Mutter, nenn mich nicht so! Und nein danke, für mich heute Abend keinen Wein – Ginger Ale, Francis, das war's auch vorerst", damit nahm Marc beide Speisekarten und die Weinkarte auf, reichte sie dem Kellner der Elke einen fragenden Blick beim Gehen zuwarf.
Und die in die Jahre gekommene Frau saß ein wenig unbeholfen auf ihrem Stuhl, weil sie ihren Sohn lange nicht mehr so eingehend betrachtet hatte, wie sie es in diesem Moment gerade tat. Noch nie hatte Marc einen guten Wein verschmäht, war er es gewesen, der sie schon bei mehreren Weinproben freiwillig hatte vertreten wollen. Doch anscheinend hatte Emanuel nicht die Spur übertrieben, als er erzählt hatte, in was für einem Zustand er Marc das letzte Mal gesehen hatte. Vorsichtig schob die Mutter ihre Hände über die weiße Tischdecke, um die ihres Sohnes zu umfangen.
„Ich hatte ja keine Ahnung!"
Marc schüttelte abfällig den Kopf, gab seiner Mutter einen aufmunternden Gesichtsausdruck.
Während des Essen verfielen Mutter und Sohn zwischenzeitlich in eine angenehme Stille. Marcs Gedanken jedoch wurden noch nicht mal von diesem scheusslichen Gericht abgelenkt. Er aß hier in aller Seelenruhe, während Gretchen im Gefängnis saß. Die Gesamtsituation machte ihn schon wieder höchst unzufrieden, weshalb er nach einer Weile seinen Mund nicht mehr halten konnte und über das sprach, was ihn am meisten beschäftigte:
„Ich habe endlich einen qualifizierten Anwalt gefunden", begann er enthusiastisch und bemerkte, wie sein Magen auch nicht mehr ganz so rebellierte, wenn er seine Mutter einen Arm der Tentakel, die sich auf ihrem Teller formte, mit dem Messer zerschnitt, um es mundgerecht herunterzuschlucken.
„Ich dachte, du hättest diesen... Nussthal engagiert?", fragte seine Mutter überrascht.
Marc seufzte tief: „Ja, nur leider hat der mir einen Brief geschrieben, dass sein Auftrag beendet sei, und nun sein Geld haben will, was er angeblich schon verdient hat."
„Soll heißen?"
„Dass ich ihm bis nächste Woche Montag eintausend sechshundert Euro und ein paar Zerquetschte auszahlen muss, damit er nicht noch beginnt Mahnungen zu schreiben, oder gar direkt sich einen vollstreckbaren Titel ausstellen lässt."
Elke legte ihr Besteck an den Rand ihres Tellers: „Und das sagst du jetzt? Warum hast du dich nicht schon früher gemeldet – ich hätte dir doch..."
Marc runzelte die Stirn: „Soll das etwa heißen, dein Konto ist wieder flüssig?"
Elke biss sich schuldbewusst auf die Lippe: „Nein, aber ich habe gewisse Ausschüttungen bar ausgezahlt bekommen... oder denkst du wirklich, dass ich nur mit einem Sozialhilfesatz von siebenhundert Euro einen ganzen Monat hinkommen würde? Das reicht noch nicht mal für..."
„Und das sagst du mir erst jetzt?", Marc ließ sich fallend gegen die Rückenlehne sacken.
„Du hättest ja auch fragen können, wenn du dringend Geld gebraucht hast, schließlich liegt es ja wohl nicht an mir, dass du gerade nicht über dein Geld verfügen kannst."
Mit dieser Andeutung hatte er nicht gerechnet.
Sie implizierte nämlich genau das, was er seiner Mutter schon immer zugetraut hatte: Dass ihre sanfte Art Gretchen gegenüber nur eine fade Masche war. Wie konnte er auch nur davon ausgehen, dass sie sich seinen Frauen gegenüber geändert hatte.
„Daher weht der Wind? Du gibst Gretchen die Schuld an dieser Situation?", während er es aussprach musste er sich zähneknirschend daran erinnern, dass kaum einen Tag zuvor er noch genauso gedacht hatte. Wenn auch aus anderen Beweggründen.
„Was? N-nein!", sagte Elke ehrlich verwirrt, meinte sie doch eigentlich die furchtbaren Gesetze, über die sie sich noch wenige Stunden zuvor mit Emanuel gestritten hatte.
„Was denn sonst? Wenn es nicht deine Schuld war? Mutter, zum Teufel noch eins, wenn jemand für diese Situation etwas kann, dann wohl jeder andere als Gretchen. Diese frigide Staatsanwältin, oder der verdammte von Buren, den irgendein Killer umgenietet hat", echauffierte er sich, und nahm mit Freuden zur Kenntnis, dass seine Mutter sich suchend umblickte, ob auch ja niemand mithörte.
„Das hab ich auch nie so gesagt, Marc Olivier!", bestärkte nun Elke ihren vorherigen Einwurf.
„Ich meinte nichts weiter, als diese verfluchte Auffassung mancher Paragraphen, die Menschen falsch anwenden", oh Gott, sie redete gerade wie Emanuel. Ein ganz schlechtes Zeichen.
„Aha", sagte Marc lahm, fixierte seine Mutter aber weiterhin mit einem abschätzigen Blick.
Elke setzte sich wieder gerader hin und aß einige Happen ihres Tintenfischs, bis sie sich dann doch einen Ruck gab und aus ihrer großen Chanel-Tasche ein dickes Manuskript herausholte. Es waren schon leicht vergilbte Seiten, und auch nicht, wie er es sonst gewohnt war, fachmännisch gebunden, sondern nur zwei Mal an der linken Seite gelocht, durch den dann ein Pappheftstreifen gezogen worden war.
Irritiert sah er seiner Mutter ins Gesicht und dann zurück zu dem Packen Papier, den sie ihm mit ihrer rechten Hand hinhielt.
Er keuchte.
Dort, an ihrem Ringfinger prangte in alter neuer Frische, aufpoliert und prunkvoll der ehemalige Verlobungsring, den sie vor fast dreiunddreißig Jahren von seinem Vater angenommen hatte.
„Ach du heilige Scheiße", spie er aus und hielt sich gleich die Hand vor den Mund.
Wenigstens hatte Elke die Güte zu erröten, nahm das Manuskript aber trotzdem ganz schnell in die andere Hand, damit die rechte unter den Tisch verschwinden konnte.
„Was ist das?", fragte Marc nach einigen Schrecksekunden, in denen er es noch immer nicht geschafft hatte, sich zu sammeln.
„Ein Manuskript, Marc Olivier", wich sie geschickt aus und hielt den Arm noch immer zu ihm ausgereckt hin, damit er dieses endlich annahm.
„Boha, Mutter, nenn mich nicht immer so! Außerdem weißt du genau was ich meine! Macht ihr jetzt einen auf Hippies, oder was? Nicht dass ihr nicht noch verheiratet seit, nein, du trägst deinen Verlobungsring! Was wird das? Zweiter Herbst?"
„Es heißt Frühling, Marc O... ob es dir nun passt oder nicht, aber ja, dein Vater und ich... nun... sind dabei alte Kammellen aufzuarbeiten, und dabei hat sich halt diese Situation herauskristallisiert."
„Herauskristallisiert?", Marc hörte sich ein bisschen an, wie wenn Ilja Richter das „a-wee" von „The Lion Sleeps Tonight" sang, so nah war er an einem Nervenzusammenbruch. Was wünschte er sich in diesem Augenblick Gretchen herbei, die ihm aufmunternd zulächeln würde, und ihm bestätigte, dass er sich doch freuen konnte, wenn seine Elten es nach über fünfzehn Jahren der Trennung nicht nur noch mal miteinander versuchen wollten, sondern sie es sogar nach fast über einem Jahr des Zusammenlebens geschafft hatten.
„Das Gretchen" in Marcs Kopf aber schaffte es auch nicht so gut wie das Original, ihn zu besänftigen.
„Bitte wie, Marc Olivier?", fragte Elke gefährlich, hatte sie nun wirklich keine Lust ihr Privatleben vor ihrem eigenen Sohn zu rechtfertigen.
Marc musste mehrfach tief durchatmen, nicht dass er es wirklich wagen würde, sich ein Urteil über das exzessive Liebesleben seiner Mutter und die nun kommende Rückentwicklung zur Monogamie zu bilden. Nur machten ihn diese Art von Veränderung gen Friede-Freude-Eikuchen Schluss sehr nervös. Deshalb antwortete er gar nicht auf die eh nicht ernst gemeinte Frage seiner Mutter und nahm ihr endlich das gebundene Stück aus der Hand.
„Und was soll ich damit? Und wer ist überhaupt Herle Scifke? Hört sich skandinavisch an!", las er die erste zerschlissene Deckblatt-Seite vor.
Elke stöhnte ungehalten: „Das ist mein aller erstes geschriebenes Werk, mit dem ich – zu meiner Schande muss ich das einfach gestehen – bei keinem einzigen Verlag Eindruck schinden konnte!", belanglos nahm sie ihr Besteck wieder auf und störte sich nicht an Marcs verwunderten Gesichtszügen, die seine Kuriosität eindeutig widerspiegelten.
„Und du bittest mich das hier zu lesen, weil...?"
„...Ich heute ein großes Polster habe, weswegen ich es mir erlauben kann, die Rogelt-Romane ein für alle Mal abzuschließen. Das letzt Buch geht Anfang nächsten Jahres in den Druck, und damit beginnt etwas neues. Nicht nur ein neues Kapitel – nein eine ganz neue Ära der Buchgeschichte! Nicht zu vergessen auch die Hochzeitsbekundung von Emanuel mit mir... Marc ist dir nicht gut?"
Er erbrach alles was er gegessen hatte in einem übelriechenden Schwall von Walhoden. Gut, das war nichts besonderes, schließlich ging es ihm immer furchtbar schlecht, wenn er mit seiner Mutter in dieses italienische Restaurant gegangen war, welches sich auf Meeresviecher spezialisiert hatte. Doch hinzu kam die wirklich abgedroschene Wiederbelebung der Ehe seiner Eltern.
Steffi klopfte höflich an der Badezimmertür.
„Marc, alles okay?", wartete aber nicht, auf ein „Herein", sondern öffnete unbeschwert die Tür.
Was sie sah, erschütterte sie zutiefst. Okay, sie hatte sich schon sehr gewundert, warum Marc ohne ein weiteres Wort von der Haustür direkt ins Bad gestürzt war, nur hatte sie gehofft, dass er dringend auf Toilette musste. Nicht aber weil er schon wieder zu viel getrunken hatte, und sein Magen rebellierte.
„Nicht schon wieder! Mensch, ich dachte wirklich heute Morgen, dass du endlich clean wärst, und..."
Zwischen gehustetem Erbrochenen, schenkte Marc Steffi einen vernichtenden Blick: „Ich bin kein Alkoholiker, Steffi! Und nein, getrunken habe ich diesmal leider auch nicht, dann hätte ich wenigstens einen guten Grund, zu reihern", ein weiterer Schwall erklomm seinem Magen den er direkt in die umarmte Schüssel entleerte.
Steffi kam ein Stückchen näher zu ihm heran, um sich über ihn zu Bücken, doch der bestialische Gestank von gegorenem Fisch ließen sie zurückschrecken.
„Puh", sie wedelte sich mit einer Hand vorm Gesicht, die andere war damit beschäftigt, sich die Nase zuzuhalten. „Sag mal was hast du denn gegessen? Riecht ja schlimmer als auf dem Fischstand von Urgroßtante Mechthild."
Marc erbrach sich noch ein bisschen mehr, da der altmodische Name dieser Tante ihn an die Mutter von dem von Buren erinnerten und dies nicht gerade förderlich für seinen eh schon gereizten Magen war.
Eine halbe Stunde später, Steffi hatte nur ein paar vage Andeutungen vom Abendessen mit seiner Mutter bekommen, konnte sich aber sehr viel unter den Worten „meine Eltern wollen irgendwie... noch mal heiraten, glaub ich", vorstellen.
„Und wie war dein Gespräch?", fragte Marc, nachdem er sich mehrere Minuten lang die Zähne geputzt hatte. Er war neugierig, aber auf eine groteske Art und Weise auch sehr beklemmt, wenn er daran dachte, dass es Gretchen so viel schlechter gehen musste, wie ihm.
Steffi seufzte tief:
„Sie liebt dich...", und Marc verstand mit einem gepressten ausatmen und zugekniffenen Augen.
Original Writing: 26. September 2011
Original Air-Date: 01. März 2012
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manney
