Kapitel 23 – People (Dax Riders)
Tief luftholend klopfte Marc an die schwere Holztür seines Vorgesetzten Dr. med Werner Rössel.
Seines Zeichen noch immer kein Professor, trotzdem Chefarzt, ein freundlicher und netter Mann, der seit fast vierzig Jahren verheiratet war, (mit einer Frau, die so normal war, dass es Marc schon sehr gewundert hatte, warum er nur Frauen kannte, die ab fünfzig wahrlich abgedriftet waren), sich seit zweiundzwanzig Jahren mit Zwillingen rumschlagen durfte, zwischenzeitlich auf den Hund gekommen war, und nebenbei auch noch Franz Haases bester Freund gewesen war.
Und wo der alte Professor aufhören musste, seine Tochter vor verkorksten Männern zu beschützen, hatte Dr. Rössel angesetzt.
Genau deswegen mochte er in diesen Raum nicht reingehen.
Die letzte Begegnung mit dem Chefarzt saß Marc noch immer in den Knochen, und auch wenn er damals wirklich nicht ganz auf der Höhe gewesen war, so musste er zugeben, dass er dem Rössel angesehen hatte, dass er wütend war.
Wütend auf seinen (besten) Oberarzt, weil der schon beim ersten Windstoß den Boden unter den Füßen verlor, und wütend auf den Freund der Tochter seines ehemaligen besten Freunds, weil der nicht die Courage hatte, sich einzugestehen, dass es verdammt schlimm sein konnte, von seinem Partner getrennt zu sein.
„Herein?", ertönte die friedliche Stimme von dem Chefarzt der Chirurgie, woraufhin Marc bestimmt die Tür öffnete.
„Guten Morgen Dr. Rössel", begann er freundlich, nachdem er die Tür geschlossen hatte.
„Dr. Meier?", ungläubig rückte er sich gerader in seinem Chefsessel zurecht.
„Womit habe ich die Ehre verdient?", fragte er munter, bedeute Marc einen der Plätze vor seinem Schreibtisch, den er dankend annahm.
„Mein Urlaubsantrag ist heute abgelaufen – es wäre wohl wieder an der Zeit, mich dem Alltag zu stellen..."
Dr. Rössel seufzte tief.
Er hatte schon so etwas in der Richtung erahnt, dass Marc direkt am ersten Tag, an dem der mehr oder weniger aufgezwungene Urlaub zu Ende war, sich wieder hier melden würde.
Und neben Gretchen Haase liebte Marc Meier seinen Job. Das wusste er, nur war er sich nicht sicher, ob der Mann vor ihm sich nicht nur vor den Problemen im Privaten versteckte, wenn er wieder arbeitete.
Noch bevor Marc seine Ausführungen ergänzen konnte, erhob Dr. Rössel schon das Wort:
„Dr. Meier, ich habe Sie vor zwei Wochen in den Zwangsurlaub geschickt, nicht weil Sie viel getrunken haben" ein warmes Lächeln umspielte die Züge des alten Mannes.
„Im Gegenteil, ich bin mir sogar sicher, dass wenn Sie auch viel getrunken haben, Sie dies wollten, und nicht von einem Suchtgefühl dazu getrieben wurden. Mir ist bewusst, dass Sie niemals einen Fehler gemacht hätten, weil Sie nicht nüchtern gewesen wären. Sondern, dass Sie jedem Einzelnen hier das Leben zur Hölle gemacht hätten, weil Sie mit der Situation, ohne Gretchen, unzufrieden gewesen wären – wussten Sie doch ganz genau wo sie war. Deshalb möchte ich Sie heute ungern wieder in die Arbeit schicken, nur weil Sie seit einer Woche angefangen haben, wieder Ihr Leben in die Hand zu nehmen! Das ist ein guter Anfang, aber..."
Marc hatte sich zwar vorgenommen, dem Mann nicht ins Wort zu fallen, fand er die Situation doch wahrlich urkomisch: „Dr. Rössel – ich denke, bevor Sie noch väterliche Gefühle entwickeln, sollte ich die Situation aufklären: Ich brauche noch mindestens die Woche Urlaub. Wenn ich heute schon wieder anfangen würde zu arbeiten, würden Dinge auf der Strecke bleiben, die wirklich enorm wichtig sind!"
„Oh", machte der Chefarzt lahm.
Marc leckte sich zufrieden über die Unterlippe.
Er ließ es sich nicht nehmen nach dem doch gelungenen Besuch auf die siebte Station zu wandern. Schon allein, um Sabines Kaffee trinken zu können. Es müsste definitiv eine neue Anschaffung zu Weihnachten werden, sich so eine hochmoderne Kaffeemaschine mit Pads zuzulegen, damit der Kaffee gar nicht mehr bei ihm zu Hause misslingen würde. Denn wenn auch Steffi ein ziemlich guten aus der alten Krups herausholte, so gelang es ihm und auch Gretchen nie einen vernünftigen Kaffee zuzubereiten.
Und wie man es um kurz vor acht nicht anders gewöhnt war, roch man schon vom Korridor dieses leckere koffeinhaltige Gebräu. Die Schwester war wirklich nicht die hellste, liebenswürdig zwar, aber tollpatschig und hatte zumeist eine wahrhaft lange Leitung bis sie etwas begriff, zudem war sie auch nicht die schnellste – doch sie wusste, wie man das temperamentvolle Gemüt eines Oberarztes besänftigte: Mit wohlriechendem, gut temperiertem, geschmacklich einwandfreiem Bohnenkaffee, den er sich in routinierten Bewegungen auch zu erhaschen wusste.
„Doktor Meier, dass ist aber schön, dass sie uns besuchen! Wie geht es denn der Frau Doktor?", erklang die salbungsvoll Stimme der kleinen Schwester.
„Danke, Sabine, ich denke gut", erwiderte er knapp, nahm sich eine Tasse aus dem Schrank, kippte sich großzügig ein um kaum einen Augenaufschlag später einen großen Hieb des so bekannten Getränks zu nehmen.
Fantastisch.
Obwohl er von seiner Mutter angeboten bekommen hatte, dass sie ihm finanziell unter die Arme griff, hatte er dies kategorisch vor sechs Tagen abgelehnt. Er selbst kam mit seinem Budget klar, jetzt wo er nicht mehr viel in Alkohol investierte, Gretchens Anwalt und er waren übereingekommen, dass er auch direkt diese unsägliche Sache mit seinem Vorgänger klärte, und das gebührende Honorar, das für Rother kommen würde, erst dann gezahlt würde, wenn die Zuteilung vom Gericht bei seinem und auch Gretchens Konto aufgehoben wäre. Direkt gestern morgen, Montag, hatte der Anwalt angerufen, erzählt, dass Gretchen nun seine neue Mandantin war, und er alle Informationen bräuchte. Aussagen über den Verstorbenen, Bilder, noch besser Videoaufnahmen, Anhaltspunkte - mehr, als das was ihm nur aus den Akten, die er da bereits angefordert hatte, wissen müsste. Und dies war sein Ziel.
Diese Woche würde er, Marc, noch brauchen um Informationen zusammen zu tragen, es war etwas produktives, etwas womit er am direkten Geschehen mitmischen konnte, was ihn zusätzlich aufbaute.
Diesen Hinweis hatte er auch Dr. Rössel weitergegeben, sodass jeder, dem etwas nicht koscher auf der Hochzeit vorkam, sich bei ihm melden solle.
Bärbel hatte er schon gestern angerufen, um sie ebenfalls zu bitten, nochmal das ganze Haus auf den Kopf zu stellen, nach irgendwelchen Hinweisen auf die Person und den Charakter Alexis von Buren. Auf seine Schwester oder seine Mutter.
Ihm war zwar die Idee dahinter verborgen geblieben, wozu der Anwalt dies brauchte, doch er wusste, das Nörgeln an der Technik, wie er arbeitete, sicher nicht angebracht war, wo er gerade jemanden gefunden hatte, der engagiert die Fäden in die Hand nahm.
Und während Steffi sich darum bemühte, nachdem sie Marc heute morgen am KH abgesetzt hatte, Bärbel zu helfen, musste er den Nachhauseweg allein einschlagen.
Doch noch während er im kalten Wind schnurstracks zur Bahnstation lief, wurden seine Schritte langsamer, gemütlicher, in denen eine völlige Gelassenheit von ihm Besitz ergriff.
Man war auf einem guten Weg.
Vieles war jetzt schon in die Wege geleitet und noch viel wichtiger war die Feststellung des Anwalts (also eine unabhängige), dass es Gretchen wirklich gut ging – dafür, dass sie dort bereits schon über einen Monat einsaß. Es erleichterte ihn ungemein, aber ein feines Gefühl des Stolzes überkam ihn zusätzlich: Denn während Gretchen sich anscheinend tapfer schlug, war er wie eine Memme über den Problemen in eine Scheinwelt abgedriftet.
Natürlich mischte sich mitunter auch die Wut dazu, über seine völlige Unfähigkeit und Gedankenlosigkeit, doch das Wissen darum, dass seine doch so sanft besaitete Freundin Stärke bewies übertraf in den letzten Tagen jedes andere Gefühl.
Er blieb zwischenzeitlich immer mal wieder stehen, beobachtete das Treiben um ihn herum nur mit äußerstem Verachten, denn wer von diesen Menschen hatte die Probleme, mit denen sich Gretchen im Moment rumzuschlagen hatte? Niemand!
Während er die nicht mehr wärmende Sonne betrachtete funkelten in einem Juwelier neben ihm irisierend alle möglichen Regenbogenfarben durch besondere Klunker.
Ein feines, fast nicht erkennbares Lächeln legte sich auf sein Mundwinkel. Würde Gretchen jetzt neben ihm gestanden haben, sie hätte sich wieder Minuten (für ihn gefühlte Stunden) lang am Schaufenster ihre Nase plattgedrückt.
Ein ähnliches Unterfangen hatte sich genau einen Tag vor ihrem Geburtstag abgespielt. Er hatte ihr von vorn herein gesagt, dass er nicht der einfallsreichste war. Nach wahllos ausgesuchtem Parfum oder Schmuck war ihm einfach nicht mehr der Sinn, diese Art passte einfach nicht mehr zum Gefühl, das er mit Gretchen verband, weshalb er wirklich ernsthaft darüber nachdachte, was er ihr schenken konnte.
Für ihren ersten Geburtstag, den sie als Paar verbrachten wollte er etwas Außergewöhnliches, aber desto länger er nachdachte, je mehr rann die Zeit davon, weshalb er sie frustriert nach einem arbeitsintensiven Tag in die Innenstadt schleifte.
Mit ihren großen blauen Augen hatte sie ihn angelächelt und sich fragend nach allen Seiten umgeschaut: „So... und nun?"
Doch er hatte sich nur vor sie hingestellt, weit die Arme ausgebreitet und sie ehrlich vor die Wahl gestellt, sich ihr Geschenk selbst auszusuchen, damit er nicht Gefahr lief, den absoluten Klogriff* zu landen.
Es war unromantisch, unkonventionell, abgedroschen und einfallslos.
Er hatte fest mit einem Gezeter gerechnet, dass sie sich aufregte, dass er sich gar nicht erst die Mühe machte, sie richtig kennenzulernen, da er ja sonst wohl wüsste, was ihr Herzenswunsch für den einunddreißigsten Geburtstag war.
Doch alles was er bekam, war ein ansteckendes Gackern, mit Lachtränen die sich durch ihre dichten Wimpern an den Augenwinkeln absetzten und Perlenartig über ihre Wange glitten.
Nachdem sie sich beruhigt hatte, und er bemüht war sich nicht anzumerken, dass auch ihm zum Lachen zu Mute war, schlang sie die Arme um seine Taille, lehnte den Kopf an seine Brust, sodass sein Kinn ungehindert auf der Lockenpracht ruhen konnte.
Schon früh war beiden aufgefallen, dass seine rechte Schulter samt Brust einmalig für ihre Größe konzipiert war. Wie ein Puzzele-Teil, das nach völliger Komplettierung lechzte, war seine Körperform auf ihre nahezu perfekt abgestimmt.
„Ich wünsche mir gar nichts", hatte sie genuschelt. Und auch ohne hinzugucken, wusste er, dass sie erschöpft die Augen geschlossen hatte.
„Hmpf – so weit kommt es auch noch, dass ich ohne Geschenk dastehe. Nicht nur, dass deine Mutter mich steinigen würde: Wie sieht denn das auch aus, wenn ich als Oberarzt es noch nicht mal schaffe viel Geld für meine Freundin auszugeben!"
Sie reckte den Kopf nach oben und schaute ihn schelmisch an. Natürlich wusste sie, dass seine vorangegangenen Worte vor Sarkasmus nur so strotzten, dennoch konnte er ja schlecht zugeben, dass es ihm wichtig war, dass Gretchen etwas von ihm bekam. Er war leider nicht der rosenbringende Freund, der gern tanzen ging, oder sie luxuriös ausführte. Er kochte mit ihr gern gemeinsam zu Hause – außerdem ersparte dies auch unendlich zehrende Minuten, die sie im Auto verbrachten, wo sie, wenn sie zu Hause waren, diese einfach überspringen konnten und sich direkt ins Bett warfen.
„Aber ich hab wirklich alles, was ich brauche – ich wüsste", sie blickte an ihm vorbei zur anderen Straßenseite, auf der ein großer Juwelier sein Schaufenster neu dekorierte und ging dann zielstrebiger darauf zu.
Sich in seiner Meinung bestärkt, dass sie sehr wohl etwas haben wollte, schlenderte er ihr hinterher. Neben Schuhen und Handtaschen liebten Frauen nun einmal Schmuck! Okay, darauf war er ja selbst auch schon gekommen, nur wusste er nicht, was Gretchen bevorzugte. Silber, Gold, Platin? Halskette, Armband, Ohrringe (Ringe ließ er gar nicht in seine Gedanken einkehren)? Während es ihm bei jeder anderen Frau vor ihr herzlich egal war und er nur das teuerste kaufte, um Eindruck zu schinden, wollte er dass es ihr nicht nur gefiel. Seine Geschenke sollte sie lieben.
Er stellte sich neben sie und beobachtete sie unauffällig von der Seite, aber er bemerkte erst reichlich spät, dass ihr Blick gar nicht nach unten gerichtet war, zu den filigranen Arbeiten dieses Schmuckdesigners, sondern nach oben an den Rand des Schaufensters, wo ein Art Mobile herabhing. Kleine Glasschmetterlinge glitzerten in den schönsten Rosafarben, erhellten durch den besonderen Schliff den dunkelblauen Brokatstoff dahinter mit vielen kleinen rautenförmigen Spiegelungen.
„Das ", sie zeigte auf dieses Gebilde „soll's sein. Und wehe dir, du lässt es einpacken, das machst du mal schön selber! Achso... und es werden keine Geschenktüten entgegengenommen, Marc. Ein eingewickeltes Geschenk, mit Schleifenband und Karte", bestimmte sie leichthin, zog ihn an seiner Hand in den Juwelier um dieses Mobile tatsächlich zu kaufen. Er hatte mit einer horrenden Summe gerechnet, wusste er noch von Ninas Sammelfieber kleiner geschliffener Figuren, wie teuer so was werden konnte. Doch das alte Verkäuferpärchen zwinkerte sich gegenseitig zu.
Wie man erfahren hatte, war dieses „Mobile" nur ein Abfallprodukt, eine vorerst nur angefertigte Plastik aus Glas, die für eine Ringkollektion Model gestanden hatte.
Der Mann, mit seinem friedvollen Lächeln hatte sogar angeboten, ihnen, also in erster Linie Gretchen, das „olle Ding, was sowieso nur einstaubt" einfach mitzugeben. Marc hatte aber direkte Einwände und bezahlte freiwillig fünfzig Euro.
Nicht nur die zwei alten Leute schauten ihn fragend an, auch Gretchen musterte ihn von oben bis unten.
Einwände ließ ein Marc Meier eh nicht gelten, weshalb das Ding ganz schnell aus dem Fenster geholt, in Zeitungspapier eingewickelt wurde und man mit einem seligen Lächeln den Laden verlassen konnte. Nun ja, zumindest er. Gretchen hingegen schaute ihn den ganzen Weg zurück zum Auto mit Augen fast so groß wie Untertellern an. Um ihr die Verwunderung zu nehmen, klärte er sie, nachdem er sich auf den Beifahrersitz im Auto niedergelassen hatte, auf, dass, wenn er das Mobile nicht bezahlt hätte, es ein Geschenk des alten Mannes und seiner Frau gewesen wäre, nicht aber von ihm, Marc.
Sie lachte daraufhin wieder lauthals los – und er musste zugeben, dass sie dabei wunderschön aussah.
Im hier und jetzt beschlich ihn eine feine Gänsehaut, wenn er daran dachte, wie losgelöst sie beide damals, vor noch nicht mal ganz einem halben Jahr, gelebt hatten. Während er gar nicht weiter darüber nachdachte, wo er hinging, trugen ihn seine Füße wie von selbst zu dem eben erinnerten Juwelier quer durch die ganze Stadt. Der Impuls, den er verspürte, konnte und wollte er gar nicht unterdrücken, denn je länger er an ihr strahlendes Gesicht dachte, desto bewusster wurde ihm, dass es ihm fehlte, und er nicht unnötig von ihr getrennt sein wollte – nie wieder!
Für immer.
Oder zumindest solange, bis dass der Tod sie schied.
Original Writing: 28. Oktober 2011
Original Air-Date: 13. März 2012
a/n:
*hier liebe Amira, passt Klo ausgezeichnet!
Wohoo, meine Lieben, habt ihr eben auch schon leichte Kirchenglocken gehört, oder ging das nur mir so XD
lg
manney
