Kapitel 24 – Someday (Eternal)
Er hatte es tatsächlich getan.
Ein kleines Stück Papier befand sich nun schon den ganzen Tag über in seiner linken Hosentasche und zeichnete sich unter dem Stoff ähnlich ab, wie die Hülle eines Kondoms. Doch weder Bärbel noch Steffi hatten ihn darauf angesprochen. Doch wenn sie es gewusst hätte, was es war – er wäre taub aus dem Haase-Anwesen heimgekommen.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, dieses Ding so gut wie gekauft zu haben.
Obwohl es so leicht war, dachte Marc immer, dass ihn das Blatt auf der Seite mit enormer Kraft hinunterzog. Natürlich war es Einbildung, das wusste er, trotzdem hatte er das Stück Papier nicht einmal, seit er aus dem Juweliergeschäft gekommen war, angefasst.
Und nun saß er hier, mitten in der Nacht und konnte nicht schlafen. Anfangs hatte er den kalten Vollmond dafür verantwortlich gemacht, weil der so ungeniert indiskret einfach in sein Schlafzimmer schien und dem Raum fast taghell mit Licht flutete. Es war vielleicht doch nicht die beste Idee gewesen, sich eine Wohnung mit Schlafzimmer auszusuchen, in dem die Ost und Südseite mit großen Fenstern bestückt war.
Jalousien waren nie sein Fall gewesen, und außerdem war es ihm um – er drehte sich zum Nachttisch um, damit er die Ziffern seines Weckers erspähen konnte – 2:57 Uhr eh nicht möglich so einen Krach zu fabrizieren.
Stöhnend stand er auf, ging leise, damit Steffi bloß nicht noch aufwachte, in die Küche, um sich eine der heute frisch gekauften Wasserflaschen einzuverleiben, fühlte sich sein Mund schon am Tage so staubtrocken wie die Saharawüste an.
Nachdem er wieder zurück im Schlafzimmer war, blickte er verhalten auf seine Stoffhose, die er über einen Kleiderbügel am Spiegel-Schwebetüren-Schrank aufgehängt hatte. Zielstrebig wartete er dann doch auf sein getragenes Kleidungsstück zu und suchte nach dem etwa zehn Zentimeter großen Zettel.
Seine Finger hatten schon lange nicht mehr so gezittert, nachdem er das Stück entfaltet hatte und dadrauf tatsächlich auf einem Quittungsbogen stand 500,-€ -fünfhundert Euro- Anzahlung „Ding" Dr. Marc Meier.
Er war nicht mehr ganz bei Trost gewesen. Die zugeteilten siebenhundert Euro, die er für den ganzen Monat einzuteilen hatte, waren in eine Anzahlung für einen völlig überteuerten Dingens investiert worden, den er nur dann zurückgelegt bekommen hatte, nachdem er schon mal richtiges Interesse gezeigt hatte, indem er Geld hinterlegte.
Eine Ausgabe zum jetzigen Zeitpunkt zu tätigen, in der es ungewiss war, wie und wann er wieder eigenhändig über sein Konto verfügen könnte, noch dazu, wann er überhaupt die Gelegenheit dazu haben würde, Gretchen sein Anliegen zu unterbreiten, war... krank – liebeskrank.
Er seufzte.
Doch alle Rationalität vielen von ihm ab, wenn er sich vorstellte, wie ein Leben mit und nach diesem Ding aussehen würde. Und egal wie, die restlichen dreitausend zweihundert Piepen würde er auch noch auftreiben. Vermutlich würde es ein bisschen stressig, diese bis zum Ende der kommenden Woche aufzutreiben – doch er wollte auf Teufel komm raus dieses Ding.
Keinen anderen, nicht einen noch teureren, damit er ähnlich wie ihr Exmann Eindruck schinden könnte, sondern weil gar kein anderer in Frage kommen würde.
Er wusste, dass nichts anderes so gut zu ihr passen würde, wie das, was er ausgesucht hatte, und auch wenn er sich nicht sicher war, wie er es jemals über die Lippen bringen sollte, diese Frage, die es implizierte, zu stellen, so war ihm klar, dass es unweigerlich geschehen würde.
Mehr als ein einfaches Versprechen würde es sein, und so viel verbindlicher, als ein Hippokratischer Eid, eine Eidesstattliche Versicherung, oder das Kreuz zur vierjährlichen Bundestagswahl.
Mit dem Daumen wischte er noch einmal über das Blatt, bevor er es in das Nachtschränkchen legte.
Gretchen wühlte sich nun schon seit Stunden durch ihr Bett.
Sie konnte nicht schlafen, und es lag nicht am grummelnden Magen, weil sie ohne Abendbrot ins Bett gegangen war. Sondern der Grund, warum sie nichts essen konnte, war eine durch die Stifte ihrer Haarbürste aufgespießte Maus, die elendig blutend auf ihrem Bett gelegen hatte.
Sie wusste natürlich, dass das wieder so ein Mobbing-Versuch war, nur hatte sie dieser Anblick in Angst und Schrecken versetzt.
Es war eine Sache, ihr mitten in der Nacht eine Haarsträhne abzuschneiden, ihr das Mittagessen zu versalzen, sie beinahe Urin trinken lassen (gut, dass sie Ärztin war und den Geruch auf Meilen erkannte), oder mit Schmierseife in den Duschen solange herum zu wischen, dass sie ahnungslos ausrutschte und sich platschend auf den Hintern setzte. Die dadurch entstehenden Schmerzen des Steißbeins waren auch wirklich nicht so schlimm gewesen, und sie hatte sich wirklich bemüht über den Dingen zu stehen. Doch diese tote Maus (in den ersten Sekunden hatte sie gehofft, dass es sich um ein Gummispielzeug handelte) gab ihr den Rest. Nachdem sie ihr Bett wie in Trance abgezogen hatte, neue Wäsche auflegte und die ersten Minuten nur regungslos an die Wand gestarrt hatte, kam sie nicht umhin höllisch zu weinen.
Seit Steffi hier gewesen war, und den Brief von Marc dagelassen hatte, traten diese Aktionen wieder häufiger auf. Je besser es ihr emotional ging, desto krasser wurden die Ausmaße solcher... Übergriffe. Dabei hatte sie niemandem etwas getan, im Gegenteil, sie hatte sich anfangs wirklich bemüht nicht aufzufallen, das zu tun, was alle machten, nur während ihr ihre Nachbargenossin erzählte, dass sie ihren schlagenden Mann umgebracht hatte, weigerte sich Gretchen eine Rechtfertigung für solch einen ausgekochten Plan des Tötens zu tolerieren. Totschlag – möglich, Menschen konnten in Ausnahmesituationen die unglaublichsten Dinge verzapfen. Doch wirklich minuziös zu planen, einen Menschen umzubringen, wo der letzte Hieb des Mannes Wochen zurücklag(?): sie konnte sich nicht zurückhalten und ihre ehrliche Meinung dazu abgeben. Noch dazu beharrte sie darauf unschuldig im Knast zu sitzen.
Von da an, also so ziemlich am zweiten Tag, ging es bergab. Hinzu kam ihr damaliger unfähiger Anwalt, der ihr zusätzlich das Leben zur Hölle machte und ihr mit wenig guten Nachrichten das Gefühl von Einsamkeit nur noch stärker vermittelte.
Der Kummer war tagelang wirklich nicht zu ertragen, und trotzdem es ihr schlecht ging, so hoffte sie. Und Wunder wurden ihr geschickt in Form von Steffi, Marcs Brief und einem neuen Anwalt, der seinerseits schon so viel in die Wege geleitet hatte, wie es sein Vorgänger nicht mal in zwei Wochen geschafft hatte.
Und dieser Mut, machte sie ihren Mitinsassinnen gegenüber stark, was diese mit aller Kraft zu unterdrücken versuchten.
Dies vor Augen gehalten lief sie die Korridore zur Mensa zum Abendessen, doch hinunter bekam sie nichts. Es ging nicht – die Maus war noch zu präsent und das beschleichende Gefühl, dass in ihrem Essen etwas dieser Maus drin sein könnte, halfen leider auch nicht.
So lag sie dann den ganzen Abend fast regungslos in ihrer Zelle, starrte an die Decke und wartete darauf, dass sie einschlief, oder irgendetwas anderes passierte.
Sie versuchte sich oft an schöne Momente in ihrem Leben zu erinnern, doch der kalte Schmerz, der nach diesen Erinnerungen auf sie wartete, erhellten ihre Gedanken ebenfalls nicht mehr. Sie musste sich die Distanz zu diesen Umständen irgendwie bewahren.
Allerdings war dies auch sehr viel einfacher gesagt oder gedacht, als letztendlich in die Tat umgesetzt. Mit vielen Gedankensprüngen sagte sie sich mehr als einmal, dass das nicht das Ende war – viele Menschen saßen unschuldig im Gefängnis, und blieben doch der selbe Mensch. Nur wie lange würde diese Stärke noch anhalten? Einen Monat? Zwei? Bis zu einem möglichen Verhandlungstermin in einem Jahr?
Sie war bestärkt durch das Wissen, dass man sie liebte – egal was auch immer kommen mochte. Nur waren die Stunden, bis sie diese Menschen wiedersah, so weit entfernt, dass sie Angst davor hatte, dass sie dieses Erlebnis, hier in Grau auf etwa zehn Quadratmeter, so verändern würde, sodass sie später die Wertschätzung ihrer Freunde, ihrer Familie, Marcs gar nicht mehr würdigte.
Beten konnte sie, wenn es denn einen Gott gab, dass sie nicht völlig durchdrehte und ihre Seele soweit ausmerzte, bis nur noch die blinde Wut übrig blieb.
„Was soll das heißen, du willst dein Auto verkaufen?", fragte Steffi höchst alarmiert, hatte sie doch immer noch eine gehörige Portion Angst, dass Marc nicht doch wieder dem Alkohol frönen wollte. Marc hatte für diese idiotische Frage nur ein sarkastisches Hochziehen seiner Augenbraue übrig. Was konnte man an der Aussage denn auch bitte groß missverstehen?
„Ja, mir ist schon klar, was das heißen soll, aber warum? Wie?"
Über den Rand seiner Kaffeetasse schaute Marc Steffi ruhig an. Das gemeinsame Frühstück war zwar gut gewesen, doch trotzdem würde er nichts über seine möglichen Pläne, die er unbescholten gestern angefangen hatte in die Tat umzusetzen, preisgeben. Wo käme man denn da auch hin, wenn die beste Freundin vorab schon wüsste, dass man einen Ver...-dingens gekauft hatte?
„Warum? Weil ich Geld brauche. Wie? Nun, deswegen benötige ich ja auch dringend deine Hilfe. Dein Auto, um es genauer zu machen!"
„Meinen MacGyver bekommst du sicher nicht!", lehnte Steffi ab. Wie auch schon an den vorherigen Tagen beharrte sie darauf, Marc zu fahren. Nicht nur, weil sie ihr Auto eh niemandem gern überlies, sondern auch, weil Gretchen mehrfach erzählt hatte, dass er, Marc, ein rasanter Autofahrer gewesen sei. Vom Anfahren eines Menschen wollte sie gar nicht erst anfangen.
„Gut, dann fährst du mich eben wieder", willigte Marc ein. So merkwürdig es auch für einen Mann war, er gewöhnte sich immer mehr an den Part eines Nichtfahrers. Es war nur ein kleiner Preis für die Strafe, die ihn schon nach dem Unfall mit Gabi damals einholen hätte müssen.
„Ist dir klar, dass ich für dich schon mein ganzes Sprit vergurke? Benzin ist teuer, Marc, können wir nicht einfach laufen – zu Bärbel ist es ja nun auch nicht so weit!"
„Ich will ja auch nicht zu Bärbel!"
„Nein?"
„Nein!", wiederholte Marc ebenfalls gelassen.
„Ja wohin soll's denn dann gehen?", fragte Steffi mit gerunzelter Stirn. Dies passierte ihr, seit sie bei Marc hauste wahrlich oft, es würden also viele Gesichtsmasken und Entspannungsbäder zurück in Köln sein, die ihre zarte Haut wieder verjüngen mussten. Doch was waren auch ein paar Falten, wenn man dadurch seiner Freundin und dessen ungehaltenen Freund unter die Arme griff?
Nichts.
„Zu Anna – Mehdis Frau!"
„Ja, aber der wohnt doch auch hier irgendwo, könnten wir nicht trotzdem zu Fuß..."
„Mehdi wohnt fast dreizehn Kilometer entfernt am anderen Ende der Stadt! Und ich würde mich dazu vielleicht sogar noch breitschlagen lassen, doch nicht die fast dreißig Kilometer, die ich vorhabe mit dir zu fahren!"
„Hä? Ich dachte zu wolltest zu Meh..."
„Ich will zu Anna, die gerade in irgendeiner Kirche Frescos nachmalt. Die Adresse hat mir Mehdi vorhin gegeben!"
Steffi formte ihre Lippen zu einem stummen O.
„Aber warum hat das dann nicht Zeit, bis sie wieder zuhau..."
Ungehalten versetzte Marc sein Gegenüber: „Wenn du keinen Bock hast, musst du das nur sagen!"
„N-nein, nicht doch. Ich meinte doch nur, dass...!"
„Sehr gut. Also mach dich fertig, ich würde das ganz gerne so früh wie möglich regeln. Denn ich brauche Geld – dringend!"
Steffi wollte fragen, ob Marc wirklich vorhatte, diese Anna ohne Mehdis Wissen nach Geld zu fragen, belehrte sich dann aber eines besseren. Was auch immer Marc vorhatte, er wollte nicht darüber reden, und anders als Gretchen, konnte Steffi ihn nicht durch lästige Fragen dazu ermuntern mit der Wahrheit rauszurücken.
Während Steffi im Bad war und sich den letzten Schliff versetzte, wackelte Marc ungeduldig durch das Wohnzimmer. Sein Vorhaben war eigentlich relativ einfach und in der Theorie auch umsetzbar, allerdings konnte Anna seine Entschuldigung falsch interpretieren, was der Idee große Stein in den Weg zu legen drohte.
Er seufzte, lehnte sich an die offene Terrassentür, atmete die kalte Novemberluft ein und war sich vollends bewusst, was ihn erwarten könnte.
So viele Parameter, die er nicht einzuschätzen wusste, machten ihn noch wahnsinnig, doch wenn alle anderen es schafften, einen kühlen Kopf zu bewahren, dann doch auch er. Wenn andere es schafften Gretchen irgendwie eine stütze zu sein, dann doch aber auf jeden Fall er! Dass er dafür Annas Hilfe benötigte, erschwerte ihm diesen leichtsinnigen Impuls von gestern zu verwirklichen.
Was er da von Anna verlangte, nur damit sein Herz so viel schwereloser arbeiten konnte, war in der konkreten Situation für Gretchen persönlich nicht wichtig, schließlich würde sie noch länger davon nichts wissen, doch nach ihrem Tagebucheintrag, seinem Brief, die neue Hoffnung durch den Anwalt - der feine Silberstreifen am Horizont ließen gar keinen anderen Schluss zu.
Er musste das Ding jetzt kaufen, damit sie ihn irgendwann trug und sie sich beide erinnern könnten, dass es schlimmere Zeiten gab, als die, in denen ihm ihr Tagebuchschreiben auf den Wecker ging, und ihr seine Unordentlichkeit morgens im Bad.
Irgendwann einmal...
Original Writing: 29. Oktober 2011
Original Air-Date: 15. März 2012
lg
manney
