Kapitel 26 – Bring On The Wonder (Susan Enan)

Es ging ihm gut – vielleicht zu gut.

Die Woche verlief wie geschmiert, er war zu seiner alten Höhe emporgestiegen, hatte endlich auch wieder festen Boden unter den Füßen, sich mit seiner Mutter und Anna ausgesöhnt, einen Anwalt für Gretchen gefunden, sein Auto abgelöst und war im Begriff es nächste Woche für zweiundzwanzig tausend Euro an den Mann zu bringen. Zwischen all diesen Dingen hatte er es geschafft, weniger an Gretchens Situation zu denken, vielmehr an die Lösung des Problems an sich.

Er fühlte sich fast normal, so, als ob er mit den Umständen abgeschlossen hatte, sie hinnahm und damit klar kommen würde. Und weil es sich so gut anfühlte, sein Leben wieder richtig zu leben, drehte sich bei ihm der Magen um.

Als er vor zwei Tagen mit Steffi am Freitagabend bei Mehdi und Anna zum Essen aufgetaucht war, hatte er das erste Mal über Stunden hinweg mehr Zeit damit verbracht, sich von den Problemen die Gretchen und ihn betrafen loszulösen. Gar nicht abzustreifen, oder zu verdrängen, sondern vielmehr das Bewusstsein um ihren Aufenthalt wahrgenommen, es hingenommen und sich damit abgefunden, dass er es nicht ändern konnte, so gern er auch wollte.

Der Abend war von Anbeginn sehr erholsam, bei einem eindrucksvollen Dinner, das Anna gekocht hatte wurde guter Wein getrunken (ja, auch Marc), gelacht und über alle möglichen Dinge erzählt. Mehdi erzählte aus dem Krankenhaus, Anna von dem Käufer, den sie gefunden hatte und Steffi unterhielt nicht nur die drei weiteren Erwachsenen mit ihrer ausgeprägten Weiblichkeit, sondern auch Lilly, die ihre anfängliche Schüchternheit beim Essen überwand. Gwenny hatte er schon bei der ersten Begrüßung für sich gewinnen können.

Gretchen blieb natürlich nicht außen vor – sie hatten sich, nachdem die Kinder im Bett waren, lang und breit über die Unfähigkeit von Juristen unterhalten, und man merkte Marc natürlich an, dass er sie vermisste.

Nur war es so viel einfacher durchzuatmen, obwohl er wusste, wo sie war.

In einer ruhigen Minute, in der Anna und Steffi in der Küche nach einem kleinen Mitternachtsimbiss suchten, fragte er deshalb Mehdi, was er hier eigentlich mache.
„Wie meinst du das, was du hier machst?"

Ich sitze hier, esse, trinke, amüsiere mich und Gretchen sitzt noch immer im Knast", gab er wütend zu, dass es ihm eigentlich so gut ging.

Doch der Halbperser schenkte ihm nur ein aufmunterndes Lächeln: „Und gerade weil du diese Gedanken hast, heißt es doch, dass du sie nicht vergisst, dass du an sie denkst. Was du hier machst, Meier, ist nichts weiter als eine Brücke schlagen, bis du sie wieder hast. Und wenn es dir dabei gut geht, dann ist das okay!"

Es half ihm nicht.

Er hatte gelacht und sich gefreut, mit Lilly geschäkert, sie auf seinen Schoß gehievt, damit sie ihm erzählen sollte, wie es ihr ging, die Noten waren, und warum sie Hausarrest hatte. Doch letzteres hatte sie verschwiegen.

Schon als sie zur Tür herein gekommen waren, musste er Schmunzeln, denn Anna hatte sich in ein schickes Kleid geworfen, Make-Up aufgetragen und damit ihre eh schon meterlangen Beine noch mehr zur Geltung kamen auch mörderische Stöckelschuhe dazu getragen. Sie wollte Steffi zeigen, dass sie eine unglaubliche Frau war, die es nicht so einfach auf sich sitzen lassen würde, wenn man ihren Mann in den Po kniff.

Und sein bester Freund bemerkte diese gespielt kindische Rivalität noch nicht mal zwischen den beiden...Frauen.

Es war ein wunderbarer Abend gewesen – ein fantastischer wäre es mit Gretchen geworden.


Am nächsten Morgen war Marc es, der Brötchen vom nächstgelegenen Bäcker kaufte, den Frühstückstisch schon weit vor sieben Uhr fertig gedeckt und frischen Kaffe aufgebrüht hatte. Steffi wollte ihm dies mit einer unmännlichen Umarmung danken, Marc währte aber distanziert ab. Denn sie hatte nicht zu dieser typischen Männerhaltung der Umarmung geneigt, sondern wollte ihn mit Ganzkörpereinsatz überrollen. Und so gern er Steffi jetzt auch leiden mochte, Umarmungen dieser Art tauschte er ausschließlich nur mit Gretchen aus.

Sie hatte es ihm noch nicht mal übel genommen, sondern einfach dumm gegrinst. Danach waren sie beide noch zu Bärbel gefahren, Steffi sich auf diesem Weg auch gleich noch mal verabschiedete, da sie den Tag darauf schon losgefahren war. Sie hatte, trotzdem er freiberuflicher Architekt war, nur ein gewisses Maß an Freizeit, was sie ausnutzen konnte. Bärbel verstand dies natürlich, im Gegensatz zu Marc. Gegen seinen Willen musste er einfach zugeben, dass es schön mit ihr die letzten anderthalb Wochen war, und nicht zu vergessen lag es auch an Steffi, dass sich Marc an Gretchens Tagebücher gewagt hatte. Er würde die kleine Diva echt vermissen.

Im Haase-Anwesen besprach man noch allerlei Dinge, ob sich noch irgendetwas getan hatte, bezüglich irgendwelcher Unterlagen, Bilder, Videos, Hinweise auf Alexis von Buren, doch Bärbel verneinte. Ebenso richtete sie von Werner aus, dass sich im Krankenhaus in der Hinsicht auch nichts getan hatte. Bis jetzt war keinem der Ärzte oder Schwestern noch etwas nützliches eingefallen – doch was wollte man auch groß erwarten, die ganze Sache war schließlich über ein Jahr her.

Gemeinsam mit Bärbel machten sie sich dann in die Innenstadt auf ins KaDeWe, um nicht ganz unbefriedigt wieder nach Hause zu fahren - hatte Steffi sich einen direkten Freispruch für Gretchen erhofft während sie hier war. Doch während die Rothaarige und der Oberarzt nur oftmals stöhnten, lobte Steffi die vielen Designerläden, bewunderte die Atmosphäre und war ganz fasziniert von dieser Würde, die dieser Bau ausstrahlte.

Ja, man konnte es auch übertreiben, dachte Marc nach den ersten Minuten. Doch es kam noch so viel schlimmer, als Steffi den Gucci-Laden erblickte und Bärbel aufgeregt hinter sich her schleppte. Marc wartete davor, konnte er sich einfach nicht dazu überwinden, diese Euphorie für Marken-Klamotten zu teilen. Natürlich kaufte er sich auch nur Lacoste-Hemden, keine Frage, nur machte er deshalb so einen Aufriss?

Nein.

Die viele Weihnachtsdekoration, die schon überall herumhing gaben Steffi aber dann zusätzlich den Rest. Sie schwärmte die ganze Zeit von „dem tollsten Einkaufszentrum der Welt". Bärbel streichelte ihr zwar immer wieder über den Kopf, als ob Steffi ein kleines Mädchen wäre, und nicht fast dreißig Zentimeter größer wie sie selbst, doch an diesem Punkt warf sie bestimmt ein, dass New York zu Weihnachten so viel beeindruckender war.

Marc grinste.

Gretchen hatte ihm schon mal erzählt, dass Jochen und sie selbst Bärbel und Franz ein Weihnachten einmal eine Reise zum Big Apple geschenkt hatten. Es war eigentlich geplant gewesen, dass die Eltern in den Sommerferien flogen, und nicht im dicksten Winter drei Wochen vor heilig Abend. Schließlich hatte Gretchen mit achtzehn Jahren vorgehabt eine Party zu veranstalten um endlich ihre Jungfräulichkeit an Marc zu verlieren, doch dieser Plan fiel ins Wasser.

Er konnte sich noch immer an ihre geröteten Wangen erzählen, weil sie sich heute noch sehr schlecht fühlte, dass es so ziemlich der einzige Grund war, ihren Eltern diese Reise schenken zu wollen, doch er fand es, um ehrlich zu sein, ganz süß. Gesagt hatte er ihr das natürlich nicht, nur aufgezogen, dass sie ja ein ganz hinterlistiger Mensch war.

Dabei fand er ihre kleinen Preisgaben aus ihrer Schulzeit wirklich schön, es erinnerte ihn an unbeschwertere Zeiten, und an viele Einzelheiten, die er schon lange dachte, vergessen zu haben. Außerdem war er ja auch ziemlich gebauchpinselt, wenn er daran dachte, dass die Mädchen früher in der Schule einen Altar in der Sport-Umkleide extra für ihn gefertigt hatten, und Gretchen ihren ganz persönlichen auch zu Hause gehabt hatte.

Der Samstag verging sehr langsam, keineswegs langweilig sondern die Stunden zogen so langsam an ihm vorbei, wie sie seit seinem neugewonnen Format nicht mehr getickt hatten. Es war einfach sehr angenehm neben den letzten aufreibenden zehn Tagen und den verschwommenen Wochen zuvor diese Normalität einkehren lassen zu können.


Heute morgen noch ein aller letztes Mal mit Steffi gefrühstückt, machte sie sich gen Mittag ans Packen, brauchte dafür die doppelte Zeit wie Marc, weshalb er sie aufzog. Kleinlaut hatte sie ihm dann gestanden, dass sie allerliebst noch hier geblieben wäre. Nicht nur, weil er das Gefühl hatte, Gretchen im Stich zu lassen, sondern weil sie auch ein wenig Angst hatte, Marc allein zu lassen. Nicht, dass er wieder in seine alten Verhaltensweisen abtauchte und die ganzen Errungenschaften in der letzten Woche für die Katz waren.

Marc wollte eigentlich direkt lospoltern, ließ er sich immer noch ungern als kranker Alki hinstellen (Alkoholiker wurden bekanntlich vom Alkohol beherrscht – Marc hingegen wollte sich betrinken, Dr. Rössel lag in dieser Hinsicht wohl als einziger richtig), besann sich dann aber eines besseren, winkte ab: „Mach dir um mich mal keine Sorgen!"

Doch sehr überzeugt hatte Steffi nicht gewirkt, als sie sich seufzend aufs Sofa plumpsen ließ, und tief stöhnte: „Du meldest dich, ja? Jeden Tag, Marc, oder ich hänge meinen Job an den Nagel, und komm dir sofort wieder aufs Dach gestiegen!"

Marc grinste im ersten Moment breit, doch nachdem der Architekt keine Anstalten machte, ihren Worten einen spaßigen Ansatz in Form eines Lächelns zu untermalen entgleisten auch ihm alle Gesichtszüge. Steffi meinte es tatsächlich ernst.

Marc atmete tief durch und ließ sich dann neben nun sie plumpsen.

Angekommen war Steffi als Gretchens Freundin. Als Gretchens beste Freundin, doch nach nur dieser Woche konnte Marc behaupten, dass sie - er, was auch immer Steffi nun mehr war – auch für ihn einen guten Freund abgab, auf den man sich verlassen konnte, beleidigen durfte, und trotzdem verstanden wurde.
„Ja, ich meld' mich, täglich, wenn du willst. Schließlich wirst du neben Bärbel die Einzige sein, die ich voll quatschen kann, und denen dieses Thema nicht irgendwann aus den Ohren raushängen wird", witzelte er, bemühte sich wirklich sehr, diese gefühlsduslige Stimmung so schnell es ging zu umschiffen.

Steffi lehnte den Kopf zurück an die Sofalehne und schaute ihn dann von der Seite mit leicht glänzenden Augen an: „Du glaubst doch nicht wirklich, dass es nur mich und Bärbel interessiert, oder? Das ist nämlich ganz und gar nicht so... Jochen und der Kaan-Clan, dieser Oberarzt aus dem Krankenhaus, deine..."

„Chefarzt", korrigierte Marc monoton. Also wirklich: Er war doch der Oberarzt!

„Eltern", fuhr sie ungerührt weiter. „Sie alle interessiert es, glaub mir!"

Marc schüttelte über so viel Sensibilität nur den Kopf: „Heulst du jetzt etwa?"
„Ach i wo", sie zog geräuschvoll die Nase hoch.

Marc grollte: „Also echt jetzt, Mann, man kann es aber auch übertreiben. Natürlich weiß ich, dass es außer mich und Bärbel auch noch andere interessiert! Das war doch nur sarkastischer Spaß!"

Steffi verzog schmollend die Lippen: „Gerade du solltest über diese Situation keine Witze reißen."

Kurze Zeit später standen sie dann unten an Steffis Kleinwagen, ihre zwei Reisetaschen im Kofferraum bereits verstaut und so war es an der Zeit, Abschied zu nehmen.

„Ruf kurz durch wenn du zu Hause angekommen bist", gab Marc einen Spruch zum besten, den er schon von seinen Großeltern kannte. Ein Beweis dafür, dass tatsächlich mit voranschreitendem Alter die Weisheit kam.

„Mach ich", Steffi streckte die Hand ganz geschäftsmäßig aus, wusste sie ja, dass Marc es einfach nicht mochte, umarmt zu werden.

Doch zu ihrer großen Überraschung zog Marc sie in eine echte, wenn auch nur einarmige, Männerumarmung und klopfe ihr herzlich auf die Schulter. Dass der Chirurg einen unheimlich festen Schlag hatte, kommentierte sie nicht. Es wäre auch einfach unpassend gewesen.

„Ich wünsch dir was, Oberarsch", witzelte Steffi letztmalig, stieg ins Auto und brauste einige Minuten später unter lautem Hupen davon.


Doch nun war er allein.

Er hatte mit einem unglaublichen Anflug von Traurigkeit gerechnet, ähnlich wie noch vor zwei Wochen, doch sie kam nicht – zumindest nicht in dem Ausmaß. Klar war er ein wenig traurig, dass Steffi jetzt wieder weg war, doch so viele wichtigere Dinge erfüllten seine Gedanken. Er würde morgen wieder anfangen zu arbeiten, er sollte deshalb früh zu Bett gehen, damit er noch vor Schichtbeginn sich in die Patientenakten einlesen konnte.

Er hatte die letzte Woche viel erreicht.

Ob es reichte?

Sicher nicht, denn wann war etwas wirklich gut genug? Nur war es vorerst alles, was er dazu beitragen konnte, Gretchen wieder bei sich zu haben und viel wichtiger sie aus dem Gefängnis zu holen.

Sie war zwar nicht der Mensch, der anderen Dinge nachtrug, aber sollte sie ihn jemals darauf ansprechen, warum er nicht mehr gemacht hatte, er konnte nicht mehr versuchen, als sie davon zu überzeugen, dass alles, was er letztendlich getan hatte, menschenmöglich war.

Vielleicht spät (zu spät?), das war wohl wahr...

Doch er hatte sein ganzes, restliches Leben Zeit, sie für diese vergeudeten Stunden, in denen er rumlag und nichts getan hatte, zu entschädigen.


Original Writing: 31. Oktober 2011

Original Air-Date: 22. März 2012

lg

manney