Kapitel28LetMeEntertainYou(RobbieWilliams)

esärgertmichirgendwie,dassdiesesKapitelnichterstdasdreißigsteseinkonnte-.-

Gretchen war aufgeregt.

Um es präziser auszudrücken, ihre Hände schwitzten, ihr Auge flackerte verdächtig und ihr Mund war ausgetrocknet. Sie hatte zwar schon zwei weitere Haftprüfungstermine miterlebt, dennoch waren ihre Nerven sichtlich angespannt.

Als sie vor fast einer Stunde in das Gerichtsgebäude geführt worden war, und man sie einige Minuten vor dem Saal warten ließ, in dem sie auch schon das letzte Mal gewesen war, konnte sie sich gegen das mulmige Gefühl nicht wehren, warum ihr Anwalt noch nicht da war. Er war nicht ein Mal unpünktlich gewesen, und auch ihre Termine zu Besprechungen waren immer eingehalten worden. Doch um zehn Minuten vor elf war weit und breit keine Spur von ihrem Rechtsbeistand – ungewöhnlich.

Genau dieser Umstand machte sie auch so unruhig.

„Wir sollten schon mal reingehen", die Staatsanwältin führte Gretchen in den mit Teppich ausgelegten Raum, nachdem ihr von dem Polizisten, der sie auf Schritt und Tritt begleitete, die Handschellen abgenommen worden waren.

Der Richter saß schon an der kurzen Seite des Tisches über ihre Akte gebeugt, tief in Gedanken. Gretchen hatte, seit sie ihm das erste Mal begegnet war, Mitleid mit dem armen Mann. Obwohl man gerade von der ersten Garnitur der Juristen eine eigene Meinung erwartete, so hatte sie ständig das Gefühl, dass die Staatsanwältin ihn mit all ihren Ausschmückungen manipulieren konnte. Nicht im illegalen Handeln durch Nötigung oder gar Erpressung, sondern viel mehr durch... ja was? Sexuelle Vertrautheit vielleicht?

„Richter Seidl, Sie sind schon hier?", bezirzte die blonde Frau den sitzenden Mann, noch während sie ihren teuer aussehenden Mantel ablegte und darunter ein langer weißer Anzug hervorstach. So sehr sich diese Frau auch bemühte jugendlich zu wirken, konnte man ihr die 50+ eindeutig ansehen. Zähne knirschend setzte sich Gretchen auf einen Stuhl der diagonal der Staatsanwältin, die neben dem Richter Platz genommen hatte, stand.
„Gott, bin ich zu spät?", polterte der Oberkommissar Becker die Tür hinter ihnen herein, sein grauer Trenchcoat mit vielen kleinen Schneeflocken bedeckt und das schüttere, aber gefärbte Haar stand zu allen möglichen Himmelsrichtungen von seinem Kopf ab.
„N-nein, nein", winkte der Richter ihn heran, schaute aber nicht einmal von seiner Akte auf.

Gretchen wurde übel. Wo war verdammt nochmal ihr Anwalt?

„Eine Ahnung, wo Ihr Anwalt ist, Frau Haase?", fragte die Staatsanwältin ebenfalls sehr nervös, was Gretchen jedoch überhaupt nicht wahrnahm, da sie sich so sehr darüber aufregte, dass sogar von Akademikern geflissentlich ihr Titel einfach so unter den Tisch gekehrt wurde.

Ja, ihr war der Zusatz ihres Namens nie sonderlich wichtig, auch dass Marc zu seinem „Hasenzahn" ein Doktor hinzusetzen sollte, war niemals ernst sondern nur flapsiger Spaß, doch in dieser Situation war es anders. Man wollte sie degradieren, ihr das Gefühl vermitteln, Abschaum zu sein, wegen eines Mordes, den sie nicht begangen hatte. In jeder anderen Situation hätte sie über den Dingen gestanden, doch in dem konkreten Moment misslang ihr die Contenance.
„Haben Sie ein Problem, Frau Staatsanwältin Landmann, oder warum vergessen Sie meinen Titel?", krächzte die Assistenzärztin heiser. Ihr war so sehr zum Heulen zu Mute – wo verdammt war nur ihr Anwalt!

„W-was? Nein, nicht doch, nur...", sie fächerte sich in dem erhitzten Raum mit der Hand Luft zu.

„Was Henriette sagen wollte, Frau Doktor Haase", sprang der Kommissar schlichtend ein „Jedes Mal, wenn Rother zu spät kommt, hat er waghalsige... Dingeveranstaltet, die... nun sagen wir mal, unvorhersehbar waren!"

Unvorhersehbar?

Das war nicht deren Ernst, oder? Sollte das heißen ihr Anwalt schmiss so kurz vor Weihnachten das Handtuch? Tränen schossen ihr in die Augen. Dabei war er vor drei Tagen noch so voller Elan, hatte ihr Mut gemacht, dass vielleicht so kurz vor Weihnachten eine Milderung möglich war. Von Freigang hatte er gesprochen, oder Besuchsrecht vielleicht. Warum war er nicht hier?

„Geben wir ihm eine halbe Stunde", verkündete der untersetzte Richter mürrisch, schob seine Akten zusammen und verließ darauf das Zimmer. Als ob er Zucker in der Hosentasche hätte, folgte ihm die Staatsanwältin.

„Machen Sie sich mal keine Sorgen, wird schon alles", ermutigte der übrig gebliebene Mann Gretchen, lehnte sich zurück in seinem Schwingstuhl und schaute auf die Uhr.


Doch auch nach einer halben Stunde war weit und breit nichts zu sehen, der Richter war mit seiner weiblichen Begleitung zurückgekommen, mit einem Kaffeebecher in der einen Hand, die Akten unter den Arm geklemmt.

„Hat er sich gemeldet?", fragte das Oberhaupt der Runde, nachdem er sich geschmeidig wie eine Raubkatze wieder auf seinen Platz niedergelassen hatte.

„Nope", antwortete der Kommissar, worauf die anderen beiden nur theatralisch seufzten.

„Gut, Frau Dr. Haase, sind Sie damit einverstanden, die Verhandlungen zu vertagen?"

Gretchen schaute den Richter unschlüssig an: „Auf wann denn vertagen?", sie schluckte schwer, war ihr doch vollkommen klar, dass vor Weihnachten und zwischen den Jahren ein solcher Termin nicht mehr anberaumt würde.

Sich die Brille hochschiebend, schaute der Mann in seinen dicken Terminplaner: „Siebter – wie sieht's bei dir aus, Henriette?"

Die Angesprochene schaute flüchtig in ihren Organizer im Handy: „Also vor dem Einundzwanzigsten ist es schlecht."

Gretchens Unterlippe bebte verdächtig. Sie zitterte am ganzen Körper, wollte schreien, treten, toben, wie sie so sachlich über ihr Leben beschließen konnten. Über Weihnachten, über das neue Jahr, über ihr letztes bisschen Hoffnung, was sich in diesen Sekunden fast verabschiedet hatte, als ihr ein rettender Einfall kam: „Probieren Sie Herrn Rother doch auf dem Handy anzurufen – ich bin mir sicher er wird bald kommen, und solange können wir doch auch schon ohne ihn anfangen!", bettelte sie.

Mitleidig wischte sich der Richter von seiner Stirn über die Haare zum Hinterkopf, doch die Landmann mischte sich vorher schon ein: „Das ist keine gute Idee, Frau H- Dr. Haase. Sie haben ein Recht auf einen Anwalt, und den sollten Sie wahrnehmen, schließlich weiß er was das Beste für Sie in der Situation ist!", damit stand sie auf und wand sich der Tür zu. Elegant ihren Mantel über einen Arm geworfen.

Gretchen hatte das Gefühl augenblicklich zu platzen. Ihr ganzer Brustkorb zog sich zusammen, ihre Atmung ging immer flacher und sie spürte diesen pochenden Schmerz im Schädel, der sie in eine willkommene Schwärze befördern würde.

Sie wollte nicht mehr zurück, sie hatte genug, sollte sie doch endlich jemand aus diesem Albtraum aufwecken – bitte!

Noch bevor die Staatsanwältin die Klinke der Tür heruntergedrückt hatte, sprang diese von außen auf und in jugendlichem Auftreten stolperte Gretchens Anwalt in einem perfekt sitzenden Anzug in den Raum hinein: „Aber, aber, Henriette, du willst schon gehen?"

Die Mid-Fünfzigerin stöhnte augenrollend, während Gretchen das Herz bis zum Hals schlug.
„Ich wollte gerade gehen, jawohl. Wenn du es nicht einmal im Leben schaffst, pünkt-"

„Also so stimmt das nun auch nicht", der Einwurf vom Richter kam unerwartet, das verschmitzte Grinsen im Gesicht ebenfalls „er ist sonst immer sehr pünktlich. Die paar Minuten wirst du wohl noch haben, nicht wahr, meine Gute?"

Die Nase kraus ziehend ging die Staatsanwältin auf ihren Platz zurück und RA Rother schloss die Tür hinter sich. Ein versprechendes Funkeln in seinen Augen konnte Gretchen unverkennbar erspähen, doch wusste sie nicht, was er vor hatte. Noch immer war sie ganz benommen. Was war nur gerade passiert? Hatte etwa irgendein Schreiberling im Himmel doch noch Mitleid mit ihr, weshalb er ihre Geschichte in die richtigen Bahnen verlaufen ließ?


„Große Juristerei ist Entertainment", begann ihr Anwalt, entledigte sich seines Mantels, den er zerknüllt auf seinen Stuhl legte, er selbst aber stehen blieb. Vom Kommissar war ein ungeduldiges Stöhnen zu vernehmen: „Rother, kommen Sie zum Punkt, und halten Sie uns nicht mit irgendwelchen Floskeln auf."

Gretchen schaute ihren Anwalt selbst irritiert an. Ein leichter Wasserschimmer war noch immer in ihren blauen Augen zu erkennen.

Nachdem ihr Anwalt sich aber der Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen in diesem Raum bewusst wurde, schaute er Gretchen eindringlich an: „Wie geht's Ihnen, Gretchen?", fragte er schon fast väterlich besorgt, sah er doch ihre zitternden Glieder und die schweißnasse Stirn, die mit dem bleichen Hautton einen kränklichen Eindruck machte.
Aber anstatt eine Antwort zu geben, schüttelte Gretchen nur ihren Kopf. Sie wollte es hinter sich bringen, sollte er hinschmeißen, sollte er irgendetwas tun, nur bitte, man sollte sie in Ruhe lassen. In Ruhe leiden und heulen lassen. Sie war am Ende...

Beruhigend nahm Rother eine ihrer Hände in die Seine, tätschelte sie leicht, bevor er sich wieder den anderen Menschen mit ergonomischer Professionalität widmete.

„Um mein Verspäten verständlicher zu machen: Ich habe große Neuigkeiten, die von enormer Wichtigkeit sind."

„Ach was?", hustete der Oberkommissar.

„Wie immer!", provozierte die Staatsanwältin, nur der Richter hörte dem Anwalt gebannt zu.

„Ich werde versuchen mich kurz zu halten, deshalb benötige ich eure ungeteilte Aufmerksamkeit", spie er böse. So kannte Gretchen ihren Vertrauensmann überhaupt nicht!


„Denn während du, liebe Henriette, dachtest schon den Fall deines Lebens vor Augen gewonnen zu haben", polterte der eben noch so ruhige Anwalt los „habe ich ihn gelöst. Und zwar nicht mit irgendwelchen Indizien, oder infamen Unterstellungen meiner Mandantin gegenüber!". Auf dem Teppich hätte man den dumpfen Fall einer Stecknadel fallen hören können.

„Schlichte Ermittlerarbeit haben meinen Mitarbeiter auf den wahren... die wahren Täter gebracht. Er hat sie bis nach Italien verfolgt. Unter falschen Namen, versteht sich. Doch während Sie hier", ein eiskalter Blick streifte den Oberkommissar „sich auf den erstbesten Täter eingeschossen haben, hielten Sie es nicht mal für nötig, anderen Spuren nach zu gehen."

„Ich... verstehe nicht. Täter? Plural?", warf der wohl einzig vernünftige Mensch in diesem Raum ein: Richter Seidl.

„Gleich wirst du verstehen, Emil!"

Tief Luft holend kramte der Anwalt aus seiner Aktentasche einen zerschlissenen Hefter hervor. Gretchen wusste was da drin war. Fotokopien mumifizierter Überreste, die Alexis darstellten: „Ich habe mir erlaubt, diese Bilder einer forensischen Archäologin vorzulegen. Sie konnte sich natürlich nicht speziell festlegen, kannte sie nur den unqualifizierten Bericht des Gerichtsmediziners, doch konnte man den Todeszeitpunkt sehr sicher nach hinten verschieben, da durch die hohe Trockenheit in den Wandgewölben des Anwesens, die Überreste schneller verwesten... trockneten. Was auch immer. Das, war der erste Weg in eine andere Richtung zu ermitteln!"

Der Mann hatte sich in Rage geredet, atmete kurz durch, trank ungefragt einen Schluck Wasser aus dem Glas der Landmann.
„Ein weiterer Schritt war die Befragung der Mitmenschen des Verstorbenen. Und nicht etwa diese gefälligen Fragen, die du", er schaute direkt in die Augen seines weiblichen Gegenübers „nur stellen wolltest! Deshalb habe ich gesucht und mit Hilfe einer engagierten Schwester, die mit meiner Mandantin eng zusammenarbeitete... arbeitet, eine unglaubliche Entdeckung gemacht. Ihre Aussage werdet ihr sicher noch zu Protokoll nehmen können – nächste Woche, wenn sie Zeit hat. Ihr Name ist...", er wühlte in seinen Notizen herum: „Sab... eine Frau Vögler."
„Sabine?", fragte Gretchen quietschend, stand sie doch kurz vor der Hyperventilation.

„Genau", berichtigte sich der Anwalt schuldbewusst, war seine Sauklaue schlimmer als die eines jeden Arztes.

„Sie hat sich vor etwa einer Woche bei mir gemeldet, fand sie beim Heraussuchen ihrer Weihnachtsdekoration noch einen alten Film, auf dem sich zufälligerweise noch ein Foto befand, das eine Woche vor der Hochzeit meiner Mandantin geschossen wurde."

Auch dieses kramte er dann aus seiner Aktentasche. Nur spärlich konnte Gretchen erkennen, was darauf gedruckt war, doch ein Teil von dem Gesehenen ließen sie erinnern. Sie stand mit Alexis, dessen Mutter, ihren Eltern und weiteren Gästen vor dem Anwesen und Sabine hatte alle mit ihrem überdimensionalen Hut und Sonnenbrille gebeten zu lächeln.

„Ich verstehe nicht...", die Staatsanwältin runzelte die Stirn. „Wo ist denn da drauf Alexis von Buren?"

Ein selbstgefälliges Lächeln legte sich auf die Lippen ihres Anwalts, er verschränkte die Arme vor der Brust: „Und ab diesem Punkt, wehrte Kollegin, ist Juristerei mehr als Paragraphenreiten." Verächtlich schnaufend verschränkte sie ebenfalls die Arme vor der Brust: „Oh, ja, natürlich auch noch großes Entertainment, was?"

Gretchen verstand nicht, da auf dem Tisch, zwar auf dem Kopf, lag doch ein Bild mit ihr, Alexis und anderen Gästen ihres Polterabends. Was zum Teufel meinte man damit, dass Alexis da nicht drauf war. Ihr brummte der Kopf.

Bestimmt ging ihr Anwalt zur Tür, öffnete diese ruppig und bat dann nacheinander Menschen herein, jeweils im Begleitschutz eines...

Ihre Augen erkannten hinter einem nebelartigen Dunst in den hereingeführten Personen zu erst aberwitzige Figuren. Eine kleine rothaarige Frau in Designerklamotten, einen hochgewachsenen Mann mit lustigen Kotletten und einem fülligen Rauschebart. Daneben stand eine alte ungeschminkte Schabracke, in ihren späten Sechzigern.

Das Bild war sehr witzig, doch die Bedeutung hinter den nächsten Blicken, die Gretchen erhaschen konnte, waren alles andere. Entsetzen. Hoffnung. Wut. Abneigung. Ekel. Freude.

„Und wer sind diese Kasper?", fragte der Richter gereizt.

„Darf ich vorstellen: Dottore Tutti und seine Schwester Sophia, also known as Frank und Franziska Muffke alias Alexis und Elizabeth von Buren: seit längerem gesuchte Verbrecher der Interpol."


Ihre Atmung beschleunigte sich um ein Vielfaches, das vorher leichte Pochen in ihrem Kopf wurde zu unerträglichen Schmerzen und ihr ganzer Körper fühlte sich an, als ob er von einem LKW überrollt worden war.

„Sternchen, jetzt schau nicht so", der Mann mit dem Bart schaute sie flehend an, doch die Bilder, die Worte, diese neue Situation konnte ihr Gehirn nicht annähernd so schnell in Informationen umwandeln, wie sie es sich gewünscht hätte.

Gretchen nahm die ganzen Fragen, die von Richter, Staatsanwältin und Kommissar kamen überhaupt nicht mehr wahr, geschweige denn die Antworten, die ihr Anwalt nur zu gerne bereit war zu geben. Nur diese drei Gestalten am Ende des Raumes hatten ihre Gedanken gefangen genommen – ja noch nicht mal die drei daneben stehenden Privatdetektive registrierte sie.

Alexis war tot! Man hatte sie in diese Hölle geschickt, weil sie ihn angeblich umgebracht hatte, und nun stand er da. Das konnte nicht sein, ihr Anwalt musste perfekte Double engagiert haben, sie träumte vielleicht, oder sie saß in irgendeiner Gummizelle in einer Zwangsjacke, weil sie verrückt geworden war, unter Medikamente gestellt.

All der Schmerz, die Tränen, diese Traurigkeit dafür, dass Alexis gar nicht tot war.
„Frau Doktor Haase, alles okay bei Ihnen?", fragte der Richter besorgt.

Ihren Trancezustand mit hektischen Kopfbewegungen abschüttelnd, wandte sie sich an zu dem Mann in der anderen Richtung, der direkt besorgt aufsprang.

„Ganz ruhig – trinken Sie was", er kippte ihr Wasser ein, doch ihr Blick ging ein weiteres Mal zu den Menschen an der Tür.

Sie bekam kaum Luft, atmete hektisch ein und aus, wie eine Ertrinkende krallten sich ihre Finger so stark an die Lehnen ihres Schwingstuhls, damit sie hier blieb. In dieser Welt, ein Anker...

„Raus, sofort – alle", sie hörte die Stimme ihres Anwalts nur sehr dumpf brüllen, sie verstand nichts mehr. Ihr Kopf, ihre Gedanken, alles in ihrem Oberstübchen war wie leergefegt.

„Gretchen, alles okay! Ruhig atmen, wie beim Kinder kriegen!", lachte Rother unbeholfen, schaute den letzten Verbliebenen, Richter Seidl, aufmunternd an.
Doch ein erfreutes Lächeln kam ihr nicht über die Lippen. Ihre Atmung wollte sich nicht beruhigen, sie wollte aufspringen, schreien, doch war sie wie gelähmt in all ihren Handlungen.

„Hast'e 'ne Tüte?", fragte der Anwalt haltlos, kannte er solche Situationen nur aus dem Kino und TV.

Der Richter verneinte, griff aber nach einer seiner Akten, entnahm eine Klarsichtfolie: „Tut's das auch?"

„Gretchen?", sie schaute ihn mit Tränen verschleiertem Blick apathisch an, wusste zumindest noch, wie ihr Name war und reagierte.

„Ich werde Ihnen jetzt diese... Hülle vor den Mund halten! Kennen Sie sicher aus schlechten Arztsendungen, nicht wahr? Ich werde Sie nicht ersticken, okay?", er warte noch nicht mal auf eine weitere Reaktion, stülpte ihr die Öffnung über Mund und Nase, hielt sie zwar sanft aber bestimmend am Hinterkopf fest und löste den intensiven Augenkontakt nicht einen Moment.
Nach nur wenigen Sekunden schon beruhigte sich ihre Atmung, ihre Augen flackerten noch immer fiebrig, doch ihrer eben noch aschfahlen Gesichtsfarbe überkam ein gesünderer Rotton.
Die Schmerzen in ihren Gliedern wurden weniger, aber dieser anhaltende stechende Schmerz im Hinterkopf blieb weiterhin vorhanden.

„Besser?", fragten beide Männer wie aus einem Mund, worauf sie stumm ein Nicken andeute, weil sie ihrer Stimme nicht traute, und auch ihrer Atmung nicht, die, wenn sie den Mund öffnete, vielleicht wieder schneller werden würde.

„Gut! Nicht, dass Sie als freier Mensch uns jetzt von der Klinge hopsen", witzelte der Anwalt.

Gretchen schaute erschrocken zum Richter, der sich auf die Schreibtischkante gesetzt hatte.

„N-nun, nurwenn das wahr ist und..."

Böse funkelte ihr Anwalt den Richter an, ließ sich dabei aber vor Gretchen in die Hocke, streichelte ihr beruhigend über die Finger: „Ich denke, was der Herr Richter Seidl sagen wollte, Gretchen, ist, dass Sie vielleicht noch nicht gänzlich aus dem Schneider sind, aber ich weiß, dass Sie unschuldig sind, und durch die neuen Ergebnisse sind bei anderen Zweifel aufgekommen", er schaute den Richter erneut frech an.

„Sie dürfen nach Hause, Gretchen!"


Original Writing: 01. November 2011

Original Air-Date: 29. März 2012

lg

manney