Kapitel 29 – One Way Or Another (Blondie)
Moira, 'Ehm – pardon – Mariechen und Marc trampelten in Windeseile die Hausflurtreppe hinunter hinaus ins Freie. Seine Jacke hatte er nur spärlich über die Arme gezogen, er sah aus wie ein Grundschulkind, das nicht wusste, wie man ordentlich das Haus verließ. Doch das war ihm ehrlich gesagt absolut egal.
Nach dem ersten Anflug von Entsetzen, wie die Bestatterin sich solch ein einen dreisten Spaß erlauben konnte, hörte er ihren Worten angeregt zu, wie sie vom Donnerstag abendlichen Juristenstammtisch erzählte, bei dem Heinrich Rother verkündet hatte, dass er morgen, also heute, der blöden Landmann so richtig an den Karren pissen würde.
Und diese Fäkalsprache stammte noch nicht mal von Marc.
Den Rest, über den das Mädchen noch gesprochen hatte, Anschiss, Mutter und Entertainment, hörte Marc schon gar nicht mehr.
Da Mehdi bei sich zu Hause die Stellung halten musste, schließlich kamen seine Eltern als bald, hatte Marc ungeniert die Mitfahrgelegenheit von 'Ehm mit in Beschlag genommen, auch wenn diese sich sträubte und mehrfach betonte, dass sie es gerade so schaffen würde Moira zu Hause abzusetzen, nicht aber noch Marc, da ihre Schicht im Bestattungsinstitut achtzehn Uhr beginnen würde.
Ein ziemlich aussagekräftiger Blick ließ die kleine Braunhaarige verstummen, die Gitarren noch fixer zusammen packen, sich von Familie Kaan zu verabschieden und ihn tatsächlich mit zu nehmen.
„Na, hat dir Papi übers Wochenende seine Limousine geliehen?", witzelte Marc unbeholfen, wusste er doch nicht, ob seine Hoffnung berechtigt war, dass Gretchen wirklich entlassen worden war. Eines war ihm aber bewusst: sollte dem nicht so sein, würde dieser Totengräber ihren nächsten Krankenhausbesuch fürchten müssen. So verarschen ließ sich ein Marc Olivier Meier sicher nicht ungestraft.
„Papi ist tot. Deswegen maximal geerbt, aber nein, das ist der alte Schmuck* meiner Mutter", erwiderte die Angesprochene unfreundlich.
Unbeholfen schaute Moira zu Marc und zurück zu der Frau, die nach ihrem alten Schlüssel fischte um das Auto aufzuschließen. Während Moira sich unbehaglich hineinsetzte, blieb Marc noch einen Moment länger draußen stehen, ging ebenfalls zurück zum Heck des Wagens, wo er sich neben 'Ehm hinstellte, die gerade dabei war, die Gitarren in den Kofferraum zu hieven.
„'Tschuldigung!"
„Wofür? Für Ihr unsägliches Talent sich in ein Fettnäpfchen zu setzen, oder für meinen Verlust? Beides ist fürunsbeideeine Farce!", sie schlug die fünfte Tür extrem hart zu.
„Eww...", machte sie, rieb sich den Dreck des Schneematsches vom Auto an ihrem dicken Jeansmantel ab, und grinste ihn dann versöhnlich an.
Sie stiegen ins kalte Auto und kaum eine Minute später war man schon den verschneiten Parkplatz hinunter gefahren. Durch die schlechten Witterungsverhältnisse konnte man natürlich nicht die Höchstgeschwindigkeit von fünfzig Stundenkilometern fahren, dennoch regte Marc dieses vorausschauende Einfädeln in den Verkehr echt wahnsinnig auf.
„Kannst du nicht schneller fahren?"
„Dr. Meier, also wirklich!", 'Ehm rollte die Augen, konnte aber ein amüsiertes Grinsen nicht verbergen, das sie in den Rückspiegel warf, weshalb auch Moira leise kicherte.
Marc lehnte sich auf dem Beifahrersitz entkräftet zurück:
„Bist du dir sicher?", fragte er vorsichtig.
Ihre Lippen formten sich zu einem nach unten zeigenden Halbkreis, der ein bisschen aussah, als ob sie einen unglücklichen Smilie darstellen wollte, nickte aber eifrig: „Und selbst wenn sie nicht da sein sollte, ich bin mir sicher, dass es sich nur noch um Stunden handeln kann, bis dieses unglaublich beschissene Rechtssystem Frau Doktor Haase wieder rauslässt."
„Und in der Zwischenzeit kannst du ja auch Musik anmachen, oder?", fragte Moira, die der melancholische Ton der beiden vorn überhaupt nicht passte. Weder Marc noch Jochens Ex waren a) jemals so freundlich miteinander umgegangen, noch b) überhaupt jemals so ernst gewesen. Es beunruhigte sie ungemein.
'Ehm grinste schon wieder wissend in den Rückspiegel, machte aber das Radio an. Einige Sekunden später erklang aus den Bose-Boxen Musik ihres gekoppelten iPhones: „We're all in this together", war definitiv nicht Marcs Musikgeschmack, dafür sang Moira aus Leibeskräften mit.
„Was in drei Teufels Namen ist das?", fragte er seine Fahrerin verstört.
„HSM", sagte diese erfreut, schlug mit ihren kleinen Fingern im Takt auf das Lederlenkrad.
„High School Musical", erläuterte sie ihre Aussage, als sie an einer langen Autoschlage zum Stehen gekommen waren.
Doch Marcs Gesicht blieb noch genauso unwissend versteinert.
„Die Vorstufe von Hannah Montana? Mit Schwiegermutter-Liebling Zac Efron und Vanessa Hugens? Zanessa?"
„Auf diese Hannah Montana, da steht Lilly doch voll drauf, wie kann das sein, dass du das kennst? So gut kennst?", fragte er sichtlich belustigt und dankbar für eine Ablenkung von seinen quälenden Gedanken.
'Ehm hatte sogar die Höflichkeit zu erröten: „Nur weil ich erwachsen bin, trinken und wählen gehen darf, heißt das noch lange nicht, dass ich mich ausschließlich für die Schlaftabletten aus Politik und Wirtschaft interessiere!"
„Du bist schon erwachsen?", stichelte er freundlich.
„Ich kann di-Sie auch an der nächsten Ecke rausschmeißen und Sie fahren mit der Bahn. Viel Glück bei dem Wetter, heute noch anzukommen!", schnaufte sie.
Das Lied war zu Ende, das nächste begann: „Toki Wo Koete", und da die Autos vor ihnen sich gerade wieder in Bewegung setzten, konnte die Autofahrerin leider nicht gleichzeitig das nächste Lied ansteuern und die Handbremse lösen.
„Was ist das?", fragten Moira und Marc entsetzt.
„... Tuxedo Kamen-sama", nuschelte das Mädchen peinlich berührt, fand sie das Lied einfach wunderschön. Schnell weggeschaltet, kam das nächste Stück, was 'Ehm allerliebst auch übersprungen hätte, doch zu ihrer Überraschung bat Marc das Lied durchlaufen zu lassen. Vermutlich erinnerte es ihn an bessere Zeiten Micheal Jacksons: Tevin Campbell's „Eye To Eye" oder „I 2 I", welche Schreibweise man auch immer bevorzugte.
„Ähm..."
„Ja?", fragte sie, konnte man den Unterschied zwischen „'Ehm" und „Ähm" doch nicht wirklich raushören.
„Wo fährst du lang?", fragte Marc konfus.
„Durch die Stadt? Die Autobahn ist doch immer voll, weil dort alle lang fahren wollen!", erklärte sie logisch. Doch nicht aber für einen männlichen Mann.
„Nein! Da brauchen wir ja ewig, bieg hier ab, wir fahren über die Autobahn!"
„Herr Doktor Meier, mein Auto, meine Regeln, meine Musik und noch viel wichtiger: Meine Wege!", echauffierte sie sich, Moira auf der Rückbank gackerte prustend los.
„Hör auf zu lachen", kam es von den beiden vorn Sitzenden.
An der Auffahrt vorbei gefahren stöhnte Marc ergeben: „Jetztbrauchen wir ewig!"
„Ein wenig mehr Vertrauen in jemanden, der in seinem ersten Jahr schon weit mehr als fünfzehntausend Kilometer zurückgelegt hat!", beschwichtigte die Fahrerin.
„Hmpf", kam von Marc.
„Echt jetzt?", von Moira.
Marc schaute minutenlang desinteressiert durch das Auto, während sich die beiden Mädchen über irgendeine gespielte Musik unterhielten. Er kannte zwar die Interpretin nicht, dennoch musste er sagen, dass ihm das Lied gut gefiel und es ihm, trotz der sehr seichten Klänge, sehr gefiel. Wer MacyGrays Lied Don'tForgetMe nicht mochte, war entweder taub oder emotionslos, sprach der Totengräber voller Teenagergefühle und Marc gab ihr in Gedanken sogar Recht.
Mit einem Klettband war am Handschuhfach ein einlaminiertes Stück Papier befestigt, auf dem der grüne Audi A6 abgedruckt war und darunter viele Einzelheiten zum Wagen selbst und auch zum Fahrer geschrieben worden waren.
Daneben klebte eine gemalte Tabelle auf einem Gelbzettel mit vielen Namen, Haken und den vermutlichen Geschenken für Weihnachten.
Und Marc sah ein, dass Bestattern vielleicht der Ruf vorauseilte, geldgierige, egomane Totengräber zu sein, aber - er schaute die konzentrierte Fahrerin aus den Augenwinkeln an – eigentlich das beste war, was Jochen hätte passieren können. Und er hatte einen erheblichen Teil dazu beigetragen, dass diese Beziehung in die Brüche gegangen war. Es tat ihm... ach her je... leid!
Kaum eine halbe Stunde, noch mehr merkwürdige Musik aus aller Welt und vielen Seufzern später bog 'Ehm tatsächlich in Marcs Wohngebiet ein, schlängelte sich an den verdammt schlecht eingeparkten Autos vorbei, um kurz darauf perfekt rückwärts eingeparkt zu haben, um aus dem Wendehammer wieder hinausfahren zu können.
„Da wären wir", griente sie unverschämt, hatte sie eben doch recht behalten, dass es durch die Stadt bei diesen Wetterverhältnissen schneller ging. Marc seufzte, schnallte sich ab und wandte sich, nachdem er sich von Moira verabschiedet hatte, in dem er ihr sagte, dass sie ihrer Mutter schön auf den Wecker gehen solle, an 'Ehm.
„Tja... hmm, vielen Dank... und so", brachte er heiser hervor.
„Schon okay – und sollte Frau Doktor Haase wirklich noch nicht frei sein... so haben Sie wenigstens nicht Lillys Oma ertragen müssen!"
Er schnaubte lächelnd die Luft aus: „Wenn du mal...", begann er, wurde aber jäh unterbrochen:
„Eher friert die Hölle zu, Dr. Meier", winkte sie ab „Ich habe nicht vor, Sie so bald wieder zu sehen!"
„Aber du könntest Mariechen ja für den Sprit entlohnen", witzelte Moira. Für den beschämenden Vorschlag erntete sie von Marc einen bösen Blick. Von 'Ehm für den Namen.
„War ja nur im übertragenden Sinne gemeint", wehrte der Teenager ab.
„Sie könnten tatsächlich etwas für mich tun", die Fahrerin fasste sich überlegend an die Wange, und Marc wusste nicht, ob sie ihm gleich wieder unsympathischer erscheinen sollte, so frech schon einen Wunsch zu äußern!
„Könnten Sie Jochen daran erinnern, dass er mir bitte meine DegrassiDVDs zurückschickt?"
Marc schaute sie perplex an, nickte aber. Ein weiteres Mal verabschiedete er sich, stieg aus dem Wagen und erklomm den langen Weg zum Wohnhaus.
Moira nutzte diese Gelegenheit sich nach vorn durchs Auto zu quetschen um auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Gut, dass das hier kein Kleinwagen war.
„Ich hoffe wirklich, dass sie da ist – wenn nicht werde ich am Montag morgen tot in der Spree liegen, mit einem Skalpell tief durch meine Rippen gebohrt und mein Hemd voll mit Blut verschmiert", schüttelte sich 'Ehm theatralisch.
Moira zog die Stirn kraus: „Schau doch einfach mal hoch in sein Wohnzimmerfenster!"
Tatsächlich konnte man hinter den schneeweißen Gardinen ein warmes Licht erkennen, das sicher nicht heute Morgen von Marc Meier angelassen wurde.
Beide Mädchen grinsten sich zufrieden an.
Seine Finger zitterten, als ob er an einer schweren Parkinson ähnlichen Erkrankung leiden würde, sein Brustkorb bebte unaufhörlich schneller und jedes verdammte Mal, wenn er dachte, den richtigen Schlüssel für die Haustür gefunden zu haben, war es doch nur wieder einer fürs Krankenhaus. Durch die kaputte Lampe am Hauseingang war es noch so viel schwieriger in der Dunkelheit des Dezemberabends etwas zu sehen. Mehrfach musste er sich zusammenreißen, sich nicht zu viele Hoffnungen zu machen, denn Eines war ihm noch immer bewusst: Gretchen hatte nicht angerufen, und warum nicht, wenn sie doch wirklich frei war?
Hatte sie ihr erster Weg, wenn sie wirklich wieder frei war, vielleicht sogar zu ihrer Mutter geführt?
Kein Gedanke gefiel ihm richtig und nichts sprach für eine Freilassung Gretchens, nur das undurchsichtige Gestammel von Jochens Ex. Vielleicht war es auch nur ein perverses Heimzahlen – doch würde sie dabei nicht auch bei Lilly und deren Eltern anecken? Er brauchte Antworten, aber jede, die ihm in den Sinn kam, war von so vielen negativen Gedanken gespickt, dass er eigentlich nur wollte, dass Gretchen wirklich da war. Egal warum, wieso, oder weshalb auch immer, sie sollte einfach nur in ihrerbeiden Wohnung sein.
Die Haustüre endlich geöffnet, fischte er während des Treppensteigens auch nach dem Wohnungsschlüssel. Mit jedem Schritt den er voran ging wurden seine Befürchtungen größer, sie nicht vorzufinden. Dennoch schleppte er sich quälend langsam bis in die dritte Etage, weiter hinauf, nicht zurückblickend und mit dem Schlimmsten rechnend, dass sich die kleine Bestatterin (vielleicht noch nicht mal böse meinend) geirrt hatte.
Die Luft tief durch die Nase einatmend um sie kurz darauf durch den Mund wieder auszublasen, sagte er laut zu sich selbst: „Dann wollen wir mal!", schob den Schlüssel ins Loch, drehte ihn einmal nach rechts, wollte gleich noch einmal drehen, bemerkte aber sofort, dass die Tür schon aufsprang. Seit er denken konnte, schloss er zwei Mal seine Wohnung ab, wenn er sie verließ.
Die Tür aufstoßend, knipste er direkt neben dem Rahmen im Flur das Wohnzimmerlicht an.
Sie war da, saß auf der Couch und blickte ihn verloren einen Moment lang nur an, erhob sich und kam langsamen Schrittes auf ihn zu: Gretchen.
*Schmuck wird im Englischen für altes Auto gebraucht. Googlet mal „Schmuck" auf der dotCom Seite und ihr werdet sehen, was da kommt ;)
Original Writing: 03. November 2011
Original Air-Date: 10. April 2012
a/n:
Liebe Leserinnen,
es war mir letzte Woche einfach nicht möglich irgendetwas in den Upload zu stellen. Und nicht, wie meine immer aufgeregte Leserin Greta gemunkelt hat, weil ich es besonders spannend machen wollte, sondern schlichtweg mangels Zeit. Bitte dies zu entschuldigen. Tut mir leid. I'm so so so sorry!
Uhm... abschließend noch eine persönliche Angelegenheit zu einer Kommentatorin von Baby Love: skippingheart! (ich hoffe wirklich, dass sie das hier ließt)
Vielen vielen Dank für dein aufwertendes Review auf zu Baby Love (im übrigen hast du ein rundes Kommentar geschrieben, das 10.) ! Ich hab mich sehr gefreut und würde mich echt freuen wenn auch Rain bei dir so gut ankommt, und du nicht in der depressiven Phase Marcs aufhörst zu lesen.
Dass du mein kleines DD-Baby als Goldstück bewertet hast, schießt mein Ego in ungeahnte Höhen und ich nehme dieses Kompliment aber auch den damit erhöhten Druck, auf diesem Niveau zu bleiben und es ggf. zu verbessern, gern an. Irgendwann will man ja mal in der Platin-Liga spielen ;) Danke!
lg
manney
