Kapitel30SomeOfUs(Starsailor)

Er besah sich ihr sogar noch im Schlaf gequältes Gesicht, streichelte unablässig ihre Hand, die ganz friedlich neben ihrem Kopf lag.

Es war so unwirklich, so absolut unfassbar, dass sie tatsächlich neben ihm im Bett lag. So lange war es her gewesen, dass er sie gesehen hatte, dass er sie berühren konnte, ihre Stimme gehört hatte, und ihre sonst so vor Leben blitzenden Augen ihn nahezu umbringen konnten, wenn sie ihn anstrahlte.

Doch wenig war von dem geblieben, was er in Erinnerung hatte. Jede ihrer Bewegungen hatte anders ausgesehen, erst spät war er darauf gekommen, dass dies daran lag, dass ihr Liebling-Kuschelpullover, der sonst ihre wunderbaren Rundungen betonte, wie ein nasser Sack an ihr herab hing. Sie war dünn geworden. Nicht Mode dünn, oder gar beabsichtigt, weil sie einen Honolulu-Strandbikini tragen wollte, sondern hager. Dem kleinen Speck auf den Hüften, waren hervorstechende Knochen gewichen und die leichte Wölbung eines Wohlstandsbauches war im Nichts verpufft. Tiefe rotgeweinte Augenringe erschienen ihm wie dunkle Löcher und der sonst so sinnige Mund war festzusammengedrückt.

Er presste vor Verzweiflung die Augen zusammen, als sie schon wieder begann sich hin und her zu wälzen, immer wieder diesen verfluchten Namen sagend, rufend, schreiend...

„Alexis..."


Sie war einfach nur auf ihn zugekommen und hatte sich mit beiden Fäusten an sein Hemd gekrallt. Er war so geschockt von ihrer Anwesenheit, dass er im ersten Moment vergaß zu atmen, geschweige denn zu denken, was er tun sollte, oder konnte.

Doch nachdem eine heiße Flüssigkeit sich in sein Hemd sog schaute er auf die Frau nieder, die wie eine perfekte Skulptur noch immer in seine Arme passte. Der Unterschied aber zu einem Kunstwerk war aber der, dass es keine Emotionen hatte. Sie aber weinte Sekunden lang stumme Tränen, die sie mit einem tiefen Kreischen von seelischem Schmerz endlich auch verlautbar machte. Es war wie eine Aufforderung, eine Bitte, ein Flehen, ein Winseln um Gnade, dass er endlich verstehen sollte, dass sie Hilfe brauchte. Zu stehen, nicht zu ertrinken in diesem allgegenwärtigen Dasein von Leid.

In diesem Moment klammerte auch Marc seine Arme um das blonde Bündel Mädchen, das in seinen Armen noch niemals so hilflos und einsam gewirkt hatte.

Immer fester zog er sie an seine Brust, spürte jeden einzelnen Muskel, jede Sehne, jeden Knochen bei dem jämmerlichen Versuch sie nie mehr gehen zu lassen.

Sie niemals mehr loszulassen. Sie niemals wieder herzugeben. Sie niemals mehr in einem Ausbruch dieses Schmerzes zu verlieren.

„Shhh", er drückte sie am Hinterkopf weiter an seine Schulter, bemühte sich sanfte Küsse auf ihren Schopf zu drücken um sie zu beruhigen, um sich selbst zu beruhigen, damit er etwas zu tun hatte, und nicht den Rückzug antrat.

Ja, er war kurz davor gewesen, die Wohnung zu verlassen.

Nicht etwa weil er der beziehungsgestörte Mann war, den Gretchen neu kennengelernt hatte, als sie vor fast drei Jahren in Berlin wieder aufgetaucht war, sondern weil er rausgehen wollte. Dort in die Welt, um den Verantwortlichen eine runterzuhauen, um sie solange zu quälen, bis sie die Schmerzen fühlten, die Gretchen dazu brachten, sich so selbstaufgebend in seine Arme zu hängen.

„Dir passiert nichts mehr, G...", er brach ab. Rang er doch selbst gerade nicht nur mit den Worten, sondern auch um Fassung.

Wann hatte er das letzte Mal geheult? Irgendwann im Kindergarten.

Und doch fast dreißig Jahre später nicht verlernt traten ihm schimmernde Tränen in die Augen. An die Wand des Wohnzimmers starrend, biss er sich harsch auf die Wangeninnenseite, bevor er seinen letzten Satz wiederholte: „Dir passiert nichts mehr – nie mehr, Gretchen."

Sie schrie auf, so kläglich und hoffnungslos aber mit all ihrer Kraft dahinter, sodass sich ihre geballten Fäuste für einen Moment von seinem Hemd lösten und ihre Knie den Dienst versagten. Marc strauchelte, war er auf das Nachlassen an Stärke nicht vorbereitet gewesen, fing sich jedoch schnell darauf wieder.

Er hatte oft augenrollend die Passagen in den Romanen seiner Mutter gelesen, in der eine Protagonistin so begeistert von den Küssen des Dr. Rogelts war, sodass ihr die Beine wegklappten, in selbiger Situation zu stecken, jedoch aus einem völlig anderen Grund, schnürten ihm die Luft zum Atmen ab. Das echte Leben war so viel grausamer, zu ihm, aber noch viel wichtiger, zu dem zitternden Geschöpf, das knochenlos an ihm herab hing.

„Shhh", er hatte den Kopf soweit es ihm möglich war nach unten gesenkt, küsste das von Haaren verdeckte Ohr: „Festhalten!"

In einer fließenden Bewegung schob er seinen linken Arm unter ihre Oberschenkel bis zu den Kniekehlen, drückte mit dem rechten ihren Oberkörper noch so viel näher an seinen, ehe er sie schwungvoll auf seine Arme zog und schnellen Schrittes auf die Wohnzimmercouch zustrebte. Obwohl sie gefühlte zehn Kilo leichter war, als noch das letzte Mal, als er sie auf Händen getragen hatte, war auch ihm die meiste Kraft aus den Gliedern gewichen. Für Eines aber, hatte er noch genügend Elan, noch genügend Mut und Hoffnung für sie beide, um die nächsten Worte in den Mund zu nehmen: „Ich liebe dich, vergiss das nicht. Egal was kommt!"

Es waren Worte, die an pathetischen Eigenschaften kaum zu überbieten waren, aber expressiv nicht anders gewählt hätten werden können, denn nur so stimmten sie.

Sie beruhigte sich nicht.

Immer dann, wenn er dachte, dass sie klare Sätze zu formulieren im Stande war, durchzuckten neue Schluchzer ihren Körper, ergriffen neue Heulkrämpfe ihr Dasein in seinen Armen. Doch je länger sie eingeklemmt in seinen Armen irgendwie zwischen seinen Beinen, halb auf seinem Schoß und der Couch saß, desto kälter wurde ihre Haut und umso fiebriger flackerten ihre Augenlieder zwischen dem tapferen Zukneifen, wenn sie sich an Worten versuchte.

„Es tut mir leid, so leid", hörte er ihre kratzig raue Stimme, so klein und zerbrechlich unter all den wildfliegenden Haaren, die ihrem Ton noch mehr Tiefe verlieh.

Es war diese Entschuldigung, die ihn um jegliches rationales Denken, um seine Bemühungen ihr eine Stütze zu sein und die Beherrschung seiner eh schon feuchten Augen brachte: Erste kleine Tränen bahnten sich auch aus Marcs Augenwinkeln.

„Nicht", bemühte er sich, strich ihr fahrig die Haare aus dem Gesicht um in ihre rotgeränderten Augen zu blicken, das erste Mal seit so langer Zeit.

„Entschuldige dich nicht... nichtdu", jedes Wort wurde unstetig leiser. Er küsste vorsichtig ihre Lider, bahnte sich an ihrer Schläfe einen Weg zur Partie des Hinterhauptbeins, um sein Gesicht für mehrere Minuten in ihrer Halsbeuge zu vergraben, während sie nun ihre Arme um seinen Rücken schlang. Immerzu erklommen neue Schluchzer und kleines Geheule ihren bebenden Körper.

Nach schier unendlich langer Zeit flüsterte sie, die Stirn auf seine Schulter gelehnt: „Alexis lebt!" Aber die Umstände warum sie hier war interessierten Marc nicht.

„Shhh", machte er wieder, streichelte ihr über den Rücken, an der Wirbelsäule entlang bis zum Nacken, den er bestimmend massierte, da ihm die Verspannungen unter seinen flinken Fingern natürlich aufgefallen waren.

„Ah", schrie sie vor Schmerz, als Marc es auf ihre Halswirbel abgesehen hatte.
Er schob ihr die Haare auf die rechte Schulterseite, damit er von seiner Position an der Halsbeuge bessere Sicht hatte, was seine Finger für einen wunden Punkt gefunden hatten. Vorsichtiger schob er jetzt beide Hände zum Nacken hinauf, übte leichteren Druck auf die Stelle aus und setzte auch dort, nachdem er den Nikki-Pullover zerrend beiseite geschoben hatte, kleine Küsse mit seinen trocken Lippen auf ihren Nacken. Zittrig atmete sie aus.

„Was haben die nur mit dir gemacht", formte er seine Gedanken unvermittelt in Worte.
Sie löste sich und richtete ihren Kopf von der sicheren Position an Marcs Schulter auf. Ihre Augen schwammen noch immer in Tränen, ihr Blick war aber nur noch halb so verschleiert: „Ich... ich will dir so viel sagen, soviel erklären, aber ich weiß nicht wo ich anfangen soll, Marc. Ich weiß es nicht, mein Kopf platzt, von den ganzen Informationen, die ich nicht verstehe, von dieser Situation, die auch nur ein Traum sein kann! Ich...", wurde sie jäh unterbrochen als Marc unvermittelt seine Stirn an ihre drückte und ebenfalls unter flirrendem Atem die Augen schloss: „Ein Traum ist das nicht, dafür bist du dann doch noch immer zu schwer", scherzte er, wohl wissend, dass dies nun nicht mehr stimmte. Gepeinigt, als ob sie gerade die größtmöglichen physischen Schmerzen erduldete, wimmerte sie laut zurück an seiner Schulter.

„Shhh", seine Hände nahmen die streichelnden Bewegungen über ihren Rücken wieder auf, langsam und beruhigend.

Obwohl er gehofft hatte, dass seine Worte sie zu einem kleinen Lächeln bewegen würden, musste er zugeben, dass ihm das erneute Weinen sehr viel mehr zusagte. Gewiss nicht, weil er sie verletzen wollte, sondern aus dem Grund, weil Heulen schon immer befreite. Sie sollte so viele Tränen rausdrücken, bis sie keine mehr hatte, bis sie sich der Situation gewachsen sah, aus seiner Armbeuge zu ihm aufzuschauen, um dann den Willen zu zeigen, ihm alles zu erklären.

Er hatte das Zeitgefühl verloren, wie lange Gretchen noch an seiner Schulter geweint hatte, oder wie oft sie versucht hatte weitere Sätze zu formulieren, die ihn verstehen lassen sollten. Doch erst, nachdem sie von der Couch ins Schlafzimmer gewechselt waren (Marc hatte sie abermals getragen), wo sie nun auf ihrem altbekannten Platz lag, bäuchlings in der eingehenden Schlafposition, sie sich soweit beruhigte hatte, dass ihre Atmung sich normalisierte und das Beben ihres Körpers langsam abflaute.

„Ich weiß überhaupt nicht, wie ich hier her gekommen bin", begann sie schläfrig, die Augen geschlossen.

Marc beobachtete sie von der Seite, den Kopf auf den angewinkelten Unterarm gestützt, die andere streichelte ihr vom Kopf bis zur Mitte ihres Rückens.

„Eben noch war ich im Gerichtsgebäude, dann zurück in der JVA und dann mit Rother auf dem Weg hier her. Ich hab hier stundenlang rumgesessen, glaube ich, und gebadet."

„Warum hast du nicht angerufen?", flüsterte er beklommen.

Abrupt öffnete sie die Augen, Tränen schon wieder sichtbar, und ihr Atem wieder sehr rasch und flach: „Ich..."

„Shhh. Ist auch nicht so schlimm, schließlich bist du hier!"

„Doch! Doch es ist schlimm", beharrte sie vehement, fügte in Gedanken den Satz, dass sie ein schlechter Mensch sei, hinzu.

„Nein, i..."

„Ich hab mich nicht getraut", sie presste die Augen zusammen, bemühte sich darum, die Tränen zu unterdrücken, presste aber bei diesem Versuch nur noch mehr salziges Wasser aus ihren Augenwinkeln heraus.

Ihre unverblümte Antwort traf ihn hart.

Mit belegter Stimme hakte er nach: „Warum?"

Sie schüttelte den Kopf: „Ich... weiß nicht. Ich... wusste nicht, wie du reagierst. Oder ich. Sieh mich doch nur mal an, Marc. Was denkst du nur von mir? Ich...", sie brach ab, brauchte einige Zeit sich zu sammeln, die er ihr nur zu gern gab, dennoch suchte er regen Blickkontakt mit ihr.

„Shhh... Ich sehe dich an, Gretchen, und alles was ich denke ist, wie man dir das antun konnte. Ich mache dir keine Vorwürfe, aber du weißt, dass du vor mir keine Angst zu haben brauchst", flüsterte er. „Oder?", fügte er fragend hinzu.

„Ich... natürlich weiß ich das", sie vergrub ihr Gesicht im Bettlaken, Schluchzer erfassten wieder ihren ganzen Körper.
„Ich liebe dich", hörte er zwischendurch heraus, was ihm zumindest ein kleines Lächeln abringen konnte.

Er küsste ihre Schläfe: „Ich dich auch, Hasenzahn! Und du hast keine Ahnung wie sehr."


Mehrere Stunden lag er einfach so neben ihr, während sie unruhig schlief. Immerzu streichelte er zärtlich über ihren Körper, den Handrücken, am Nacken vorbei, zog sie nah zu sich heran, wenn sie von plagenden Träumen verfolgt wurde, die sich nicht nur an ihren unruhigen Bewegungen sondern auch in ihrem angestrengten Gesicht widerspiegelte und den zuckenden Augenlidern.

Er atmete tief ein, schloss selbst während er seinem Tun nachging die Augen, damit er versichert war, dass wenn er die Lider wieder öffnete, nicht einer träumerischen Illusion erlegen war.

Die Luft ausatmend, erkannte er vor seinen Augen natürlich noch immer Gretchen, die sich nicht einen Millimeter bewegt hatte. Er würde jede Möglichkeit ausschöpfen ihr zu helfen, nie wieder sollte sie sich so quälen, wie in den letzten Stunden.

Ein schwaches Lächeln formte sich auf seine Lippen. Sie war da, und trotzdem war der Schmerz noch immer so existent, dieses winzige Bild vor Augen, diese letzten Monate nicht miterlebt zu haben.

Doch nun sie war hier bei ihm und das war alles was zählte.

Alles.


Original Writing: 03. November 2011

Original Air-Date: 19. April 2012

a/n:

skippingheart (weiß ja leider nicht, wie man dich kontaktieren kann)

also ganz zu Anfang schon mal ein doppel-Danke dafür, dass du dir die Mühe gemacht hast und dein Kommentar auf und gepostet hast. omg. Danke.

Und natürlich nicht weniger wichtig für dein Kompliment. Boha, das geht runter wie Öl. Danke, auch gerade weil du dich schwer getan hast die Geschichte zu lesen, obwohl sie weniger fröhlich und absolut anders war. Aber auch ich hab mich beim Schreiben schwer getan. Also so manches Mal hab ich echt gedacht, dass das ein mieser Plot war.

Ich weiß ja nicht, ob du möglicherweise auch „A Christmas Carol" gelesen hast, und das war so mein Punkt wo mir klar wurde, das kann es noch nicht gewesen sein mit den beiden... ein bisschen mehr muss her. Und einem Menschen wird ja leider zumeist erst dann so richtig bewusst, wie sehr man ihn braucht, liebt und vermisst, wenn er nicht mehr da ist. Und Chatacter-Death ist nicht gerade eine meiner Stärken XD

Ich nehme deine Ausführungen auch wahrlich als ein solches Kompliment auf, dass ich Marc Meier als Arschloch mit Tiefe belassen habe. Hach. Danke, danke, danke. Means a lot.

Sag, bist du eigentlich auch auf diesem rosaroten Forum angemeldet?

lg

manney