2. Schuljahr 1972/1973
"Verdammt, James. Wir müssen doch irgendetwas für ihn tun können", zischte Sirius seinem besten Freund zu.
James warf ihm einen gequälten Blick zu, er verstand Sirius nur zu gut, auch er wollte ihrem Freund Remus unbedingt helfen. Schon die ganze Zeit zerbrach er sich den Kopf darüber. Es war erst zwei Wochen her, dass die Freunde von Remus' - wie James es nannte - pelzigem Geheimnis erfahren hatten. Vor zwei Wochen war Vollmond gewesen und die beiden Jungen waren ihrem Mitschüler gefolgt, als dieser sich wie üblich nach dem Abendessen mit einer Ausrede aus dem Gemeinschaftsraum geschlichen hatte.
"Aber wie? Was können wir tun um ihm zu helfen? Ich muss dich ja wohl nicht daran erinnern, was passiert ist, als wir versucht haben uns ihm zu nähern, oder?", flüsterte er zurück und deutete auf die Flicken in ihrer Schuluniform an denen Remus' Klauen sie bei ihrer überstürzten Flucht gestreift hatten.
"Nein!", antwortete er zähneknirschend, schauderte jedoch kurz bei dem Gedanken daran, wie die Klauen nur Zentimeter an seinem Gesicht vorbeigeschrammt waren.
"Ich denke schon seit Tagen an nichts anderes mehr, aber wir wissen einfach zu wenig über", James stockte kurz, "dieses Thema.", sagte er dann, um eventuellen unerwünschten Zuhörern nicht zu viele Informationen zu geben.
"Und was sollen wir dann machen? Sollen wir Remus einfach fragen und hoffen, dass er uns, ohne Verdacht zu schöpfen, einen Lexikoneintrag ausspuckt, wie man sein pelziges Problem beseitigen kann? Glaubst du nicht, dass er und seine Eltern nicht schon längst alles erdenkliche getan hätten, wenn es nur den Hauch einer Chance auf Heilung gäbe?", fragte Sirius.
James schnaubte abfällig: "Nein natürlich nicht. Ich hatte auch nicht an Heilung gedacht, eher an eine Art Erleichterung. Ihm die Schmerzen der Verwandlung nehmen, oder eine Möglichkeit ihm beizustehen."
"Tolle Idee!", meinte Sirius sarkastisch, "in zwei Wochen folgen wir ihm einfach wieder und passen den perfekten Moment ab um uns von ihm beißen zu lassen, dann können wir jedes Mal bei ihm sein, um ihm Gesellschaft zu leisten! Oder was hältst du von einem kleinen Anhänger mit der Aufschrift: 'Es sind haarige Zeiten, aber zusammen stehen wir das durch!'"
Der junge Gryffindor rollte grinsend mit den Augen: "Du weißt genau, dass ich DAS nicht gemeint habe."
Das Ganze stellte sich als größeres Problem heraus, als die beiden Jungen zuerst gedacht hatten. Es störte sie nicht im geringsten, dass sich ihr bester Freund einmal im Monat in ein unkontrollierbares, blutrünstiges Monster verwandelte, wohl aber störte es sie, wie sehr er dabei litt. Es verunsicherte ihn dermaßen, dass er es nicht einmal seinen Freunden erzählte, aus Angst, er würde sie verlieren, wenn sie diese Seite von ihm kennen lernten. Er hatte schon zu viel verloren um das riskieren zu können. Natürlich waren Sirius und James zuerst geschockt gewesen, als sie plötzlich total unvorbereitet einem ausgewachsenem Werwolf gegenübergestanden hatten. Doch nachdem sie sich in Sicherheit gebracht hatten und den ersten Schrecken verdaut hatten, war ihnen sofort klar gewesen, dass sie zu ihm halten würden und ihm um jeden Preis helfen wollten. Nur, sich jeden Monat in Lebensgefahr zu bringen war nicht der richtige Weg, das war ihnen bewusst.
"Eulenkacke!", fuchte James etwas zu laut, sodass sich einige Köpfe zu ihm umdrehten, darunter auch das von Remus Lupin, der nur zwei Plätze von ihm entfernt saß und den beiden Jungen über Peters schlafende Gestalt hinweg einen fragenden Blick zuwarf.
"Langweile ich Sie, Mr. Potter?", fragte Professor Binns.
Belustigt besah James sich seine Mitschüler, von denen die eine Hälfte bereits zu schlafen schien und die Andere es nur mit Müh und Not schaffte noch ein Auge offen zu halten. Nunja, bis auf Remus und Evans, die wie immer eifrig mitschrieben.
"Aber keinesfalls, Professor!", antwortete er sarkastisch und sah aus den Augenwinkeln, wie Sirius sich auf die Hand biss, um nicht laut zu lachen.
Geschichte der Zauberei war mit Abstand das langweiligste Fach, dass es in ganz Hogwarts gab, was wohl nicht zuletzt an seinem Lehrer - einem Geist - lag.
"Dann bitte ich Sie, Ihre Privatgespräche auf ihre Mittagspause zu verschieben. Ich schätze es nicht, wenn man mich unterbricht.", erklärte er empört und fuhr sogleich mit seinem Monolog über irgendwelche Kämpfe, irgendwelcher rivalisierender Gruppen über irgendein belangloses Thema fort.
James und Sirius taten es Peter gleich und betteten ihre Köpfe auf ihren Unterarmen und verfielen innerhalb von Sekunden in den üblichen Dämmerzustand, den Professor Binns' Unterricht hervorrief.
In ihrer Mittagspause hatten sie beschlossen Hagrid einen Besuch abzustatten. Er war der Wildhüter des Schlosses und total vernarrt in alle monsterhaften Wesen, je widerlicher und gefährlicher, desto süßer fand er sie. Irgendwie war er schon ein komischer Kautz, dieser Hagrid, aber die Rumtreiber hatten ihn bereits in ihrem ersten Jahr in Hogwarts in ihr Herz geschlossen.
"Glaubst du, er erzählt uns etwas, das uns weiterhilft?", meinte Sirius zu James.
"Keine Ahnung", meinte dieser schulterzuckend, "aber wenn wir ihn fragen, wird er uns alles erzählen was er weiß. Hagrid ist nicht der Typ, der etwas geheim halten kann."
Sirius grinste: "Stimmt, alleine die ganzen Geheimnisse, die er uns letztes Jahr verraten hat, obwohl er es gar nicht wollte!"
Sie klopften an die große Tür von Hagrids Holzhütte und nur wenig später erschien auch schon der strubbelige Kopf von Hagrid in der Tür.
Er war gut doppelt so groß, wie die beiden Jungs und sah sie erst, als er den Kopf nach unten wandte: "James! Sirius! Das ist ja 'ne Überraschung! Kommt rein, hab grad frischen Tee gemacht, wollt ihr 'n Tässchen?"
Die Jungs traten ein und ließen sich an Hagrids überdimensionalen Tisch nieder.
"Was führt euch zu mir, Jungs?", fragte der Wildhüter, als sie alle eine dampfende Tasse Tee vor sich stehen hatten.
Die beiden Zweitklässler wechselten kurz einen Blick.
Wie sollten sie am besten auf das Thema zu sprechen kommen.
"Weißt du, Hagrid", begann schließlich James, "Professor Marble hat letzte Stunde in Verteidigung gegen die Dunklen Künste etwas erwähnt, dass uns interessiert hat."
"Ja, aber sie wollte nicht weiter darauf eingehen, meinte irgendwas von wegen, das würde zu viel aus dem Lehrplan vorwegnehmen und wir würden abschweifen oder so", kam ihm Sirius zur Hilfe, als er ins Stocken geriet.
"Und da dachten wir, dass du bestimmt darüber Bescheid weißt, du liebst doch alles was mehr oder weniger als zwei Beine hat", fuhr James fort.
"Besonders, wenn es auch noch blutrünstig und gefährlich ist", pflichtete sein Freund ihm bei.
Hagrid lachte sein tiefes, dröhnendes Lachen: "Da habt ihr Recht, also worüber kann ich euch was erzählen? Feuerquappen? Thestrale? Drachen? Oder vielleicht"
"Werwölfe.", sagten sie wie aus einem Mund.
Das Lächeln des Halbriesen verrutschte für einen Moment.
"Nunja", sagte er und räusperte sich, "ziemlich üble Viecher, das kann ich euch sagen! Nicht zu spaßen mit denen…"
Die beiden Jungen hatten einen Entschluss gefasst, um eine Lösung für Remus' Werwolfproblem zu finden, müssten sie mehr darüber herausfinden. Da weder der Besuch bei Hagrid ihnen neue nützliche Informationen gebracht hatte, noch Remus ihnen als Informationsquelle zur Verfügung stand, mussten sie nun härtere Maßnahmen ergreifen.
Beim Abendessen schaufelten sie die Unmengen an Essen in Rekordgeschwindigkeit in sich hinein, nur um nach wenigen Minuten wieder von ihren Plätzen aufzuspringen.
"Wir gehen in die Bibliothek!", verkündeten sie.
"Wie bitte?! Wohin geht ihr?", fragte Remus ungläubig und schaute von seinem Buch auf.
Auch der Rest der Zweitklässler am Gryffindor Tisch hatte seine Gespräche eingestellt und starrte die Beiden jetzt an, als hätten sie so eben verkündet, dass sie gleich auf Knien rutschend am Slytherin Tisch um Essensreste betteln wollten.
"In die Bibliothek", widerholte Sirius irritiert.
"Was wollt ihr denn da? Könnt ihr überhaupt lesen?", fragte Lily spöttisch.
"Wir können noch einiges mehr als nur lesen!", sagte James und zwinkerte dem rothaarigen Mädchen zu.
Lily jedoch verdrehte nur die Augen und widmete sich wieder ihrer Nachbarin um das Gespräch, das sie soeben noch geführt hatte fortzusetzen.
"Und ihr meint, dass ihr auch die Schwelle in die Bücherei überwinden könnt, ohne dabei in Flammen aufzugehen?", grinste Alice.
"Werden wir schon sehen, wenn wir nachher aussehen, als wären wir in eine Herde Knallrümpfiger Kröter geraten, könnt ihr euch sicher sein, dass wir in Zukunft einen großen Bogen um diesen Teil des Gebäudes machen werden.", antwortete James
Die Verwunderung ihrer Klassenkameraden war durchaus verständlich, bisher hatten James und Sirius sich immer mit Händen und Füßen dagegen gesträubt, wenn man sie aus irgendeinem Grund in die Bibliothek locken wollte. Sie waren stolz darauf, bisher noch keinen Fuß dort hinein gesetzt zu haben. Niemand hätte erwartet, dass sie sich jemals freiwillig auf den Weg dorthin machen würden.
"Hast du schon irgendetwas brauchbares gefunden?", fragte James, der gelangweilt in einem Buch über magische Tierwesen blätterte.
"Nein", seufzte Sirius resigniert und warf das nächste Buch auf den Haufen mit nutzlosen Büchern, "überall steht das Gleiche drin. Werwölfe werden geächtet, sie verwandeln sich jeden Monat bei Vollmond und einmal gebissen gibt es keine Heilung."
Entnervt und kraftlos ließ Sirius seinen Kopf auf den Tisch fallen, der mit einem lauten Klonk auf der Tischplatte aufkam.
Keine Sekunde später kam Madam Pince um die Ecke geschossen, um sie zur Ruhe zu ermahnen. Geschockt starrte sie auf den Bücherhaufen, den die beiden Jungen zu verschulden hatten. Empört schnappte sie nach Luft: "Aufräumen! Sofort! Und dann raus hier! Sie beide!", zischte sie wütend und verschwand wieder.
"Ich würde sowieso kein weiteres Wort in meinen Kopf reinbekommen", murrte Sirius und erhob sich um einen Stapel Bücher wieder ins Regal zu stellen.
James tat es ihm gleich und lud sich ebenfalls den Arm voll Bücher. Als er sich daran machte die Bücher einzuordnen fiel ihm ein besonders altes ins Auge, welches er neugierig herauszog. Kreaturen der Dunkelheit stand in goldenen Lettern auf dem zerschlissenen Einband. Wie er es schon bei den gefühlten hundert Büchern zuvor getan hatte, suchte er zuerst im Stichwortverzeichnis den Begriff Werwolf und blätterte anschließend zu der entsprechenden Seite.
"Hallo? James? Hilfst du vielleicht auch mal mit?", beschwerte Sirius, der immer noch dabei war das Chaos wieder aufzuräumen.
Als er jedoch bemerkte, dass James ein Buch aufgeschlagen hatte kam er neugierig näher: "Steht da etwas nützliches drin?", wollte er wissen.
James seufzte resigniert: "Nein, das gleiche wie in den Büchern zuvor", teilte er ihm mit und las dann den Absatz über die Werwölfe vor, "Der Werwolf ist weltweit verbreitet, jeden Monat zu Vollmond verwandeln sich Muggel und Zauberer, die an Lykanthropie leiden, unter großen Schmerzen in übergroße, menschenähnliche Wölfe. Sie sind blutrünstig und unberechenbar, in seiner Tierischen Form vermag ein Werwolf nicht mehr zwischen Freund oder Feind zu unterscheiden. Der Werwolf sucht fast als einziges der phantastischen Geschöpfe zielstrebig und ausschließlich menschliche Beute. Einmal von dieser Krankheit befallen, gibt es für den Betroffenen keine Rettung mehr."
Enttäuscht klappte er das Buch zu und stellte es zurück.
"Ich hatte wirklich gehofft, dass wir etwas nützliches finden würden", murmelte Sirius und hob die restlichen Bücher vom Boden auf.
Die nächsten Wochen zogen an den Freunden vorbei, ohne dass sie groß Notiz davon nahmen. Sie waren viel zu niedergeschlagen über ihre misslungene Rettungsmission, als dass sie zu ihren üblichen Streichen aufgelegt wären und so legte sich eine merkwürdige Ruhe über die Gruppe der vier Jungs, was ganz besonders Lily Evans nicht im geringsten zu stören schien.
Gerade saßen die Gryffindors zusammen mit den Zweitklässlern der Hufflepuffs in Magische Verwandlung und schrieben einen Aufsatz über die Gefahren der Verwandlung von Tieren in Gegenstände. James jedoch saß nur an seinem Pult und beobachtete Professor McGonnagal, wie sie als Katze zwischen den Reihen patrouillierte. Er würde den Aufsatz später von Remus abschreiben.
Da ihre Zeit für den Aufsatz bald zu Ende war, machte sich die Professorin auf den Rückweg zu ihrem Pult und glitt dabei aus ihrer Animagus Form wieder in ihren menschlichen Körper.
"Das ist es!", rief James, der gerade einen Geistesblitz gehabt hatte und in seiner Euphorie von seinem Stuhl aufgesprungen war, dieser war mit lautem poltern nach hinten umgefallen. Nun hatte er ausnahmslos die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich gezogen.
"Mr. Potter", sagte die Professorin streng, "offensichtlich möchten Sie uns alle an ihrem Geistesblitz teilhaben lassen. Also, 'was ist es'?"
"Ähm...es ist...faszinierend, wie sie sich einfach so in eine Katze verwandeln können!", redete er sich schnell raus.
"Mr. Potter ich fühle mich äußerst geschmeichelt, dass sie nach eineinhalb Jahren bereits bemerkt haben, dass ich eine Animaga bin. Ich sehe, mein Unterricht hinterlässt bei ihnen bleibenden Eindruck!", erklärte sie spitz.
James ging gar nicht auf die Aussage seiner Lehrerin ein, sondern wandte sich sofort seinem Nachbarn zu: "Sirius! Findest du es nicht auch faszinierend, wie sie sich einfach so in ein TIER verwandeln kann?", fragte er aufgeregt und betonte dabei das Wort 'Tier' besonders, während er seinem besten Freund einen bedeutungsvollen Blick zuwarf.
Es dauerte eine Weile, bis auch bei Sirius der Groschen fiel und er sich auf James' merkwürdiges Verhalten einen Reim machen konnte.
"Ja!", stimmte er augenblicklich zu und fügte möglichst ungezwungen hinzu, "Sagen Sie, Professor, bringen Sie uns das auch bei?"
"Nein", sagte Sie sofort, "In Ihrem dritten Schuljahr werden wir Animagi durchnehmen, die Verwandlung in einen Animagus jedoch bringe ich Ihnen nicht bei, da dieser Prozess sehr aufwendig und vor allem gefährlich ist."
Sie bedachte die beiden Jungen mit einem säuerlichen, aber vorallem warnendem Blick.
"Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich jetzt gerne mit dem Unterricht fortfahren."
"Natürlich, Professor.", sagten die Beiden.
James richtete seinen Stuhl auf und setzte sich artig wieder auf seinen Platz.
Jedoch schaffte er es nur unter größter Anstrengung dort ruhig sitzen zu bleiben und er wusste, dass es Sirius nicht anders erging.
Endlich hatten sie die Lösung für ihr Problem gefunden.
Sie würden Animagi werden.
Wie schwer konnte das schon sein?
