Sommerferien 1974

Die Sommerferien waren genau so schlimm, wie Sirius das ganze Schuljahr befürchtet hatte. Seit der magische Hut den jungen Black entgegen der Familientradition nicht nach Slytherin sondern nach Gryffindor gesteckt hatte, war ihm bewusst, dass er nicht mehr zur Familie gehörte. Blutsverräter nannten sie ihn. Bei seinen Verwandten war er schon lange nicht mehr willkommen und seine Eltern nahmen ihn in den Sommerferien auch nur auf, weil sie ihn während dieser Zeit nicht nach Hogwarts abschieben konnten, doch zu Hause fühlte er sich in dem düsteren Haus schon längst nicht mehr.

Diese Ferien, seit Sirius es im vergangenen Jahr in die Quidditch Hausmannschaft geschafft hatte, war es besonders schlimm. Letztes Jahr kam auch Regulus, Sirius' kleiner Bruder, nach Hogwarts und seine Eltern ließen natürlich keine Gelegenheit aus ihm unter die Nase zu reiben, wer ihr Lieblingssohn war. Sie betonten immer wieder wie perfekt er die Ideale der Familie verkörperte, Slytherin, Reinblütigkeit und eine nicht zu leugnende Neigung zur Schwarzen Magie.

Sirius seufzte bedrückt, er hoffte wirklich, dass Regulus noch die Kurve bekam, bevor er genau so wurde, wie seine Eltern Orion und Walburga ihn haben wollten. Als sein Bruder kleiner war, hatte er zu Sirius aufgesehen und für ein paar Jahre hatte Sirius die Hoffnung gehabt, dass auch Regulus einer der wenigen Normalen in der Familie werden könnte. Doch schon bald musste er einsehen, dass sein kleiner Bruder sich viel zu sehr von seinen Eltern und seiner durchgedrehten Cousine Bellatrix beeinflussen ließ. Irgendwann kam dann der Tag, an dem Regulus seinem Bruder die gleiche Abscheu entgegen brachte, wie er es vom Rest seiner Familie gelernt hatte. Doch der Hass seines Bruders verletzte Sirius mehr, als es all die Verachtung und Gewalt seiner Eltern in den vergangen Jahren vermocht hatten.

Er hielt sich ein kaltes, feuchtes Tuch an die Wange, auf die sein Vater ihn zuvor geschlagen hatte, sie war aufgesprungen und blutete. Musste sein Vater denn immer gleich zuschlagen? Er hatte doch lediglich gefragt, ob er in den Ferien seinen besten Freund James Potter besuchen durfte. Orion Black hatte sich fürchterlich aufgeregt und die Familie Potter als Blutsverräter beschimpft, er würde nicht zulassen, dass sein Sirius mit solchem Abschaum verkehrte, es war schon schlimm genug, dass Sirius selbst so missraten sei, hatte er gebrüllt.

Traurig starrte er auf James' Brief, in dem er ihn zu sich nach Hause einlud. Er würde wohl auch noch den Rest der Ferien in dieser grün-silbernen Hölle festsitzen. Schon mehrmals hatte er versucht die Slytherinfarben in seinem Zimmer durch das Rot und Gold der Gryffindors zu ersetzen und jedes Mal hatte es in einigen Blessuren für ihn geendet.

Seufzend erhob sich Sirius von seinem Bett und verließ sein Zimmer, es war 18 Uhr und das hieß bei den Blacks, dass es Abendessen gab. Er schlurfte durch den düsteren Flur in den Salon. Dort saßen bereits seine Eltern an den Enden der großen Tafel und warteten auf ihre Söhne. Ihr Hauself Kreacher lief eilig zwischen Küche und Salon hin und her, um die Speisen zu bringen. Kurz nach Sirius betrat auch Regulus das Zimmer, der selbst in den Ferien in grün, schwarz und silber gekleidet war und stolz sein Slytherin Abzeichen zur Schau stellte. Mit stolzem Blick betrachtete Orion seinen Sohn und verkündete: "Ich bin sehr froh, dass wenigstens einer unserer Söhne nicht missraten ist und sich für den richtigen Weg entschieden hat!"

Provokativ zog sich Sirius den Pullover mit dem Gryffindor Wappen über, den er zum letzten Weihnachten von seiner Lieblingscousine Andromeda bekommen hatte, eine der wenigen Guten aus seiner Familie.

"Zieh das aus!", kreischte seine Mutter sofort.

"Regulus darf auch das Wappen seines Hauses tragen!", antwortete Sirius trotzig.

Er wusste genau, dass er so am besten einen Streit vom Zaun brechen konnte. Er wusste genau so, dass er diesen Streit niemals gewinnen könnte, doch es war ihm egal. Er ertrug diese Seitenhiebe nicht mehr. Gryffindor bedeutete ihm alles, es war seine Familie, und niemand durfte etwas beleidigen an dem ihm etwas lag.

"Dieses Wappen hat in diesem Haus nichts zu suchen!", kreischte seine Mutter weiter.

"Zieh es aus!", befahl nun auch sein Vater mit bestimmter Stimme.

"Nein.", entgegnete er.

"Zieh es aus!", forderte sein Vater noch einmal.

"Nein!", wiederholte Sirius und funkelte seinen Vater an.

Das Gesicht seines Vater färbte sich rot vor Zorn, als er seinen Zauberstab zog und ihn auf Sirius richtete: "Imperio!", donnerte er.

Der Junge spürte, wie der Fluch seinen Verstand zu vernebeln begann und ihm den Willen seines Vaters aufzwingen wollte.

"Zieh den Pullover aus.", befahl die säuselnde Stimme in seinem Kopf bei dem Versuch seinen Willen zu brechen, "Leg ihn einfach weg."

Doch Sirius' Verstand ließ sich nicht verdrängen, zu oft hatte ihm sein Vater schon seinen Willen aufgezwungen, zu oft hatte er nachgegeben. Nicht dieses Mal. Sein Vater musste sich schon etwas besseres einfallen lassen, um ihn seinem Willen zu unterwerfen, so einfach würde er es ihm nicht machen.

"Nein.", wiederholte er deutlich.

Die Faust seines Vaters traf ihn unvorbereitet mitten ins Gesicht und seine Nase knackte unheilvoll. Der Schlag warf ihm vom Stuhl und als er mit dröhnendem Kopf auf dem Boden aufkam, konnte er spüren wie das Blut aus seiner Nase floss.

Erneut erhob sein Vater den Zauberstab gegen ihn, und mit einem wortlosen Schlenker hing ihm der Pullover in Fetzen vom Körper. Das große Gryffindor Wappen, das auf seiner Brust prangte, war in der Mitte durchgerissen.

Erfüllt von all dem Hass, den er seiner Familie entgegenbrachte, rappelte er sich vom Boden auf und stürmte aus dem Salon.

Das Maß war voll. Er hatte genug.

Hier würde er keine Sekunde länger bleiben.

In seinem Zimmer schmiss er wahllos einige seiner wenigen Habseligkeiten, die Lehrbücher, Schuluniform und andere Schulsachen in den großen Koffer und schnappte sich seinen Besen. Erst jetzt hielt er inne. Was hatte er vor? Er konnte doch nirgendwo hin! Sein Blick viel auf den Brief von James, der noch immer auf seinem Bett lag. Er hatte ihm angeboten, dass er auf Besuch kommen könne, aber gleich für den Rest der Ferien? Konnte er seinen besten Freund darum bitten? James war das, was in Sirius' Leben am ehesten einer Familie gleichkam, sie waren beinahe so etwas wie Brüder, doch würden James' Eltern ihn für die Ferien aufnehmen? Andererseits blieb ihm sonst keine Wahl, einen Versuch war es wert. Er las noch einmal die Adresse auf James' Brief und zog dann unter lautem Gepolter seinen Koffer die Treppen hinunter.

"Was soll das werden?!", fragte sein Vater, der sich drohend vor ihm im Gang aufbaute.

"Mir reichts! Ich gehe!", verkündete Sirius und blitzte seinen Vater wütend an.

"Das wirst du nicht!", knurrte sein Vater.

"Doch!", widersprach Sirius und marschierte zur Kommode im Salon, um sich aus der Schale eine Hand voll Flohpulver zu nehmen.

Walburga saß noch immer am gedeckten Tisch und beobachtete das Geschehen mit unbewegter Miene.

"Lass ihn doch gehen, Orion", sprach sie schließlich und legte in ihre nächsten Worte all die Abscheu und Kälte, die sie ihrem Sohn seit Jahren entgegenbrachte, "Aber glaub bloß nicht, dass du dich jemals wieder hier blicken lassen brauchst! Wenn du gehst bist du in dieser Familie nicht mehr erwünscht!"

Sirius schnaubte abfällig: "Ich war in dieser Familie noch nie erwünscht. Ihr seid doch alle froh, wenn ich weg bin!"

"Sirius Orion Black!", donnerte sein Vater wütend, "Du kehrst dieser Familie nicht den Rücken!"

Der Junge war sich sicher, dass sein Vater ihn nicht um seinetwegen hier behalten wollte, schließlich hasste er ihn abgrundtief. Jedoch verbreiteten sich Gerüchte in der Zauererwelt rasend schnell. Es wäre der nächste Skandal, den Sirius über die Familie Black bringen würde, erst Gryffindor und dann das.

"Doch, Vater!", sagte Sirius und spuckte das letzte Wort aus, als wäre es giftig.

Er konnte sich gerade noch unter dem ersten wortlosen Fluch seines Vaters wegducken, als ein regelrechter Hagel an Flüchen um ihn herum hereinbrach.

Er nahm die Beine in die Hand und hechtete mit dem Koffer in der einen und dem Flohpulver in der anderen Hand auf den offenen Kamin zu. Er warf das Pulver ins Feuer und beobachtete wie die Flammen sich grün verfärbten, sofort sprang er hinterher und rief panisch: "Potter Anwesen!"

Gerade als, ein Cruciatus Fluch ihn zu treffen drohte, spürte er, wie er in das Flohnetzwerk gesogen wurde und dem Haus der Blacks entkommen war.

Nachdem er durch einige Kamine gereist war, erblickte er einen großen Tisch, an dem er seinen besten Freund James mit seinen Eltern sitzen sah und wusste, dass er hier raus musste.

Er wurde aus dem Kamin geschleudert und kam hustend auf dem Teppich im Wohnzimmer der Potters zum liegen. Bei seiner Bruchlandung hatte er einen Glastisch zerstört und die Scherben schnitten ihm schmerzlich in die Haut. Das Gemisch aus Ruß und Blut, das seine Haut bedeckte brannte in den offenen Wunden, die er den Flüchen seines Vaters und der Landung im Glastisch der Potters zu verdanken hatte.

"Bei Merlin!", rief Mrs. Potter, die bei dem Krach erschrocken von ihrem Stuhl hochgefahren war.

"Sirius!", rief James überrascht und schaute seinen besten Freund erschrocken an.

Er gab ein geradezu jämmerliches Bild ab, wie er dort am Boden kauerte, der Pullover in Fetzen gerissen, schmutzig und Blut überströmt.

Sirius lächelte schwach: "Tut mir Leid, wenn ich beim Essen störe", brachte er hervor, wobei seine Stimme brüchiger klang, als ihm lieb war, "Ich wusste einfach nicht wohin…"

Als ihm jetzt auch noch Tränen in die Augen traten senkte er beschämt den Kopf und wischte sich mit dem dreckigen Ärmel über das Gesicht, als er seine gebrochene Nase berührte sog zischend Luft ein.

Mrs. Potter war sofort um den Tisch herumgelaufen und eilte zu dem verletzten Jungen. Als sie Sirius erreichte die eine Hand nach ihm ausgestreckt, in der Anderen den Zauberstab um seine Wunden zu verarzten zuckte der Junge zurück und sah sie mit ängstlich geweiteten Augen an. Euphemia Potter krampfte sich bei diesem Anblick das Herz zusammen. Ungeachtet der Scherben, die sich in ihre Knie bohrten, ließ sie sich neben Sirius auf dem Boden nieder, den Zauberstab ließ sie auf den Boden fallen.

"Es ist alles in Ordnung", sagte sie mit sanfter Stimme, "du bist in Sicherheit."

Als die Worte in Sirius' Verstand sickerten, konnte er sich nicht länger zusammenreißen. Schluchzend holte er Luft und wäre auf dem Boden zusammengesackt, hätte James' Mutter ihn nicht aufgefangen und an ihre Brust gezogen.

James schaute bestürzt auf das Bild, das sich ihm bot. Er hatte gewusst, dass Sirius kein gutes Verhältnis zu seiner Familie hatte - abgesehen von seiner Cousine Andromeda. Er freute sich nicht darauf, in den Ferien nach Hause zu fahren und hatte so gut wie nie etwas über seine Familie erzählt. Aber dass es bei ihm zu Hause so schlimm war, hätte James sich in seinen schlimmsten Alpträumen nicht ausmalen können.

Als er Anstalten machte aufzustehen, um seinen besten Freund ebenfalls tröstend in die Arme zu nehmen, legte Fleamont Potter ihm die Hand auf die Schulter und drückte ihn sachte wieder zurück auf seinen Stuhl. Schweigend schüttelte er den Kopf und so blieb James nichts anderes übrig, als tatenlos zu zusehen, wie sein bester Freund in den Armen seiner Mutter seiner Trauer, Angst und Erleichterung freien Lauf ließ.

Sirius spürte wie Mrs. Potter die Hand nach ihrem Zauberstab ausstreckte und verkrampfte sich unwillkürlich in ihrer Umarmung.

"Schhh", machte sie beruhigend und flüsterte, "Ich möchte nur deine Wunden verarzten."

Noch nie war Sirius in den Genuss einer mütterlichen Umarmung gekommen, er konnte sich nicht einmal daran erinnern ob Walburga ihm jemals die Hand in einer freundlichen Geste auf die Schulter gelegt hatte. Und jetzt lag er hier in den Armen einer fremden Frau und ließ sich von ihr trösten und verarzten! Was mochten die Potters nur für einen Eindruck von ihm haben? Er war doch beinahe 15 Jahre alt!

Als all seine Wunden verarztet waren, wischte er sich mit dem Ärmel erneut über das Gesicht und sagte mit brüchiger Stimme: "Tut mir Leid."

Er deutete auf den zerstörten Couchtisch.

"Nicht", meinte Euphemia Potter beschwichtigend und mit einem gemurmelten, "Reparo", setzte sich der Tisch wieder zusammen.

"Was ist mit dir passiert, Junge?", fragte James' Vater, als Sirius sich wieder beruhigt hatte.

Beschämt senkte Sirius den Blick und biss sich auf die Unterlippe. Er wollte ihnen nicht erzählen, wie er von seinen Eltern behandelt wurde, es war ihm peinlich. Außerdem würden die Erzählungen ihm die Geschehnisse nur wieder allzu deutlich ins Gedächtnis rufen.

Die Potters bemerkten Sirius' Unbehagen was dieses Thema anging.
"Schon in Ordnung, Sirius. Du musst es uns nicht erzählen, wenn du nicht bereit dazu bist", sagte Mrs. Potter und strich ihm liebevoll über den Rücken, "Aber wenn du doch einmal darüber sprechen willst, möchte ich, dass du weißt, dass wir immer ein offenes Ohr für dich haben werden."

Mr. Potter legte seiner Frau zustimmend die Hand auf die Schulter und liebevoll lächelten sie dem Jungen zu.

Sirius wusste gar nicht, wie ihm geschah. Wie war es möglich, dass diese beiden Fremden ihm so viel Liebe und Unterstützung entgegen brachten und seine eigenen Eltern so grausam zu ihm waren?

Ein dankbares Lächeln schlich sich auf sein Gesicht: "Ich danke Ihnen, Mr. und Mrs. Potter!", sagte er höflich.

Schmunzelnd winkte James' Vater ab: "Bitte Sirius, für James bist du schon längst wie ein Bruder und gehörst zur Familie. Nenn' mich Fleamont und meine Frau heißt Euphemia.", bot er an.

Die beiden Jungen grinsten sich an und endlich lagen sie sich in den Armen, um sich angemessen zu begrüßen.

Euphemia erhob sich vom Sofa: "Ich richte dir das Gästezimmer her, Sirius.", beschloss sie und stieg die Treppen nach oben in den ersten Stock.

"Wie wäre es, wenn du Sirius mal herumführst, James?", schlug sein Vater vor und machte sich daran den Tisch abzuräumen.

James warf seinem Freund einen fragenden Blick zu und als dieser nickte, zog er ihn hinter sich her und führte ihn durch das Haus und über das Anwesen.

Als Mrs. Potter am nächsten Morgen das Zimmer ihres Sohnes betrat um ihn zu wecken, schlich sich ein Schmunzeln auf ihre Lippen. Natürlich hatten sich die Jungen nicht daran gehalten, als sie sie gestern Abend zu Bett geschickt hatte. James und Sirius lagen nebeneinander in James' Bett gekuschelt und hatten die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen.

Egal was für ein Lausebengel ihr Sohn sein konnte, bei diesem Anblick wusste sie, dass sie in seiner Erziehung alles richtig gemacht hatten.

Vorsichtig ließ sie sich auf der Bettkannte nieder und weckte die beiden Jungen sanft.

"Guten Morgen, ihr Lausbuben.", sagte sie lächelnd.

"Guten Morgen, Mum!", grinste James verschlafen.

"Morgen", meinte auch Sirius und erklärte sofort, "tut mir Leid, ich wollte nicht alleine sein und dann hat James angeboten…"

"Schon gut", sagte Euphemia verständnisvoll und strich Sirius eine Haarsträhne aus dem Gesicht, "ich hab da schon eine Idee!"

Sie schwang ihren Zauberstab und sagte deutlich: "Geminio!"

Einen Augenblick später lag neben James' Bett die gleiche Matratze, wie im Gästezimmer nebenan.

Die Jungen grinsten sich an, es war wirklich etwas eng in James' Bett geworden.

"Das ihr mir aber nicht wieder bis in die Puppen aufbleibt!", ermahnte sie die Beiden.

"Niemals!", versprach James hoch und heilig, warf Sirius jedoch einen Blick zu, der genau das Gegenteil aussagte.

Euphemia wusste diesen Blick nur zu gut zu deuten. Kopfschüttelnd erhob sie sich: "Zieht euch etwas an und kommt dann runter zum Frühstück."

Das Leben bei den Potters bewirkte bei Sirius Wunder. Schon bald war er wieder der Junge, den James aus Hogwarts kannte. Aufgeweckt, glücklich und für jeden Spaß oder Streich zu haben.

Die Tage vergingen wie im Flug und als die Hogwartsbriefe der Jungen mit den Einkaufslisten eintrafen war Sirius zum ersten Mal in seinem Leben traurig, dass die Ferien so gut wie zu Ende waren. Die Potters hatten ihn mit einer Selbstverständlichkeit und Herzlichkeit aufgenommen, die Sirius nicht für möglich gehalten hätte. Nicht einmal hatten James' Eltern ihm das Gefühl gegeben, dass sie ihn weniger liebten wie ihren eigenen Sohn. Vom ersten Moment an hatten sie ihn in ihre Familie aufgenommen, wie einen verlorenen Sohn. Einmal hatte Euphemia James sogar gesagt, dass er sich eine Scheibe von Sirius abschneiden könne, weil er ihr ohne Murren bei der Hausarbeit half, als der Hauself Raegal auf einem Botengang war.

Kurz vor Ferienende machte sich die ganze Familie Potter mit Sirius auf in die Winkelgasse, um die neuen Schulutensilien für die Jungen zu besorgen.

Der erste Stopp war Gringotts, wo Sirius Geld für die Einkäufe aus seinem Verlies holen musste.

Zielstrebig ging er auf den Kobold zu, der sich um die Finanzen der Familie Black kümmerte.

"Sirius Orion Black erwünscht Einlass in seine Schatzkammer!", sagte er mit fester Stimme und legte einen kleinen goldenen Schlüssel vor den Kobold auf dessen Pult.

Zuerst schien der Kobold keinerlei Notiz von dem schwarzhaarigen Jungen zu nehmen, doch dann schob er langsam das Pergament zur Seite und sah ihn über den Rand seiner Brille abschätzig an.

"Sirius Orion Black, ja?", hakte der Kobold nach.

Sirius nickte.

"Nun, Mr. Black. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass ihr Verlies vor wenigen Wochen gekündigt wurde. Es wurde geräumt und der Inhalt wurde in ein anderes Verlies transferiert.", erklärte der Kobold sachlich, und doch konnte er die Schadenfreude nicht gänzlich aus seinem Gesicht verbannen.

Sirius starrte ihn wie vom Donner gerührt an: "Wie bitte?", fragte er ungläubig.

"Ihr Verlies wurde geräumt. Sie sind nicht länger Kunde bei Gringotts.", sagte er und warf dem Jungen einen genervten Blick zu, als er dessen Schlüssel vom Pult aufhob und an sich nahm.

Sirius konnte nicht fassen, dass ihm seine Eltern das antaten - er war sich sicher, dass sie es waren, niemand sonst hatte Zugriff zu seinem Verlies - wie sollte er denn jetzt seine Schulbücher kaufen? Konnte er überhaupt ohne Schulunterlagen nach Hogwarts zurückkehren?

Was sollte er denn jetzt machen?

"Lass uns gehen, Sirius Schatz", meinte Euphemia mitfühlend und zog ihn sachte aus der Zaubererbank ins Freie.

"Aber - aber wie soll ich denn jetzt meine Schulbücher bezahlen? Und ich brauche auch noch einen neuen Kessel!", stammelte Sirius, seinen alten Kessel hatten er und James Ende des 3. Schuljahres bei einem kleinen Streich in die Luft gejagt.

"Genau so, wie auch James seine Schulsachen zahlt", erklärte Mr. Potter lächelnd.

Sirius schaute den Mann, dem James wie aus dem Gesicht geschnitten war, ungläubig an.

Wie bei allen Hogwarts Schülern kamen natürlich auch James' Eltern für die Schulkosten ihres Sohnes auf.

"Nein! Das kann ich nicht annehmen!", wehrte Sirius sofort ab und überlegte fieberhaft nach einer Alternative, "Ich - ich werde einfach zu meinen Eltern gehen und sie um Geld für die Bücher beten!"

Er war nicht erfreut über seinen Lösungsansatz, abgesehen davon wusste er die Antwort seiner Eltern bereits, doch eine andere Möglichkeit sah er nicht.

Fleamont Potter ging vor Sirius in die Hocke, um sich auf einer Augenhöhe mit ihm zu unterhalten: "Hör mal zu, mein Junge", sagte er sanft, doch mit einer Bestimmtheit, die keine Widerrede duldete, "An dem Tag, an dem du durch unseren Kamin in unser Wohnzimmer gefloht bist, bist du Teil unsere Familie geworden. Du bist ein gleichwertiges Mitglied, auch wenn du einen anderen Nachnamen trägst und anderes Blut in deinen Adern fließt. Wir lieben dich genau so, wie du bist und werden für dich sorgen, genauso wie wir immer für James sorgen werden. Du bist erst 14 und solltest dich auf dein viertes Jahr in Hogwarts freuen und dich nicht darum sorgen, wie du deine Bücher bezahlen kannst. Sei einfach der glückliche und unbeschwerte Junge, der du in den letzten Wochen bei uns warst, kannst du das für mich tun?"

Sirius' Mund war vor erstaunen leicht geöffnet und Tränen der Rührung glitzerten in seinen Augen.

Langsam nickte er und als Mr. Potter die Arme für eine Umarmung ausbreitete, flog Sirius ihm so schwungvoll um den Hals, dass er beinahe nach hinten umkippte.

"Danke!", hauchte er.

James drängte sich an Fleamonts anderer Seite in die Umarmung mit rein und als auch noch Euphemia Potter ihre drei Jungs von hinten umarmte und James und Sirius liebevoll durch die Haare strich, drohte Sirius' Herz vor lauter Glück und Liebe zu zerbersten.

Er wusste immer noch nicht, womit er diese Familie verdient hatte.

"Habt ihr jetzt alles von euren Listen?", erkundigte sich Mrs. Potter, als sie gegen Nachmittag durch die Winkelgasse schlenderten.

"Jap!", sagten James und Sirius wie aus einem Mund.

"Gut, dann treffen wir uns in einer Stunde bei Florean Fortescues Eissalon", bestimmte Mr. Potter, nahm den Jungen die Tüten ab und drückte stattdessen jedem von ihnen fünf Galleonen in die Hand.

Die beiden wussten schon genau, worin sie das Geld investieren würden. Zuerst würden sie sich bei Freud und Leid mit allerhand neuen Scherzartikeln eindecken, was danach noch übrig war, würden sie in Sugarplums Süßwarenladen für Süßigkeiten ausgeben.

Als sie nach getaner Arbeit auf dem Weg zum Eis Café waren, viel ihnen eine Traube von Schülern auf, die sich vor dem Schaufenster von Qualität für Quidditch drängten, in der der neu erschienene Nimbus 1500 ausgestellt war.

Selbstverständlich drehten sich alle Gespräche der Beiden für den Rest des Tages nur um diesen Rennbesen.

"Wir würden uns freuen, wenn du uns an Weihnachten wieder besuchen würdest, Sirius", bot Euphemia dem Jungen an.

Sirius schaute sie mit großen Augen an: "Ist das euer Ernst?", wollte er ungläubig wissen.

"Unser voller Ernst", sagte jetzt Fleamont und legte ihm väterlich die Hand auf die Schulter.

Es war der 1. September und James und Sirius standen am Gleis 9 ¾, um sich von den Potters zu verabschieden.

Sirius freute sich schon wahnsinnig auf ihr viertes Jahr in Hogwarts, aber gleichzeitig bedeutete es das Ende des besten Sommers seines Lebens.

"Ich würde wirklich gerne in den Weihnachtsferien zu Besuch kommen!", strahlte Sirius.

"Wie oft müssen wir es dir denn noch sagen? Du wirst bei uns nie zu Besuch sein, mein Junge. Wir freuen uns immer, wenn du nach Hause kommst.", seufzte Fleamont, lächelte Sirius aber väterlich zu.

Die Bedingungslosigkeit mit der Fleamont und Euphemia Potter ihn in ihre Familie aufgenommen hatten machte ihn jedes Mal aufs Neue sprachlos und unendlich glücklich.

"Hey! Und was ist mit mir?", warf James gespielt beleidigt ein.

"Du darfst natürlich auch jederzeit zu uns auf Besuch kommen!", versprach ihm seine Mutter und wuschelte ihm neckend durch die Haare.

James warf seinem besten Freund einen genervten Blick zu: "Ich glaube du hast mich soeben als ihren Lieblingssohn abgelöst.", gestand er, was die vier zum lachen brachte.

Mrs. Potter drückte ihren beiden Jungs zum Abschied einen Kuss aufs Haar und Mr Potter, zog sie Beide noch einmal in eine väterliche Umarmung.

"Jetzt macht dass ihr reinkommt! Sonst fährt der Zug noch ohne euch ab!", scheuchte James' Mutter sie liebevoll fort.

"Bis Weihnachten!", riefen Sirius und James und verschwanden im nächsten Moment im Zug um sich ein leeres Abteil für ihre Clique zu sichern.