Brian schritt zögernd zu dem zusammengekauerten Jungen an seiner Hauswand. Er blieb unschlüssig vor ihm stehen. Nicht wissend was nun zu tun war.
Der Rest seines Handelns ging in ein Rauschen von Gefühlen und seinem Blut über.
Er zog den frierenden Jungen vorsichtig hoch und begleitete ihn in seine eigene Wohung.
Er fand es ebenfalls ungewöhnlich, dass sich der Junge weder wehrte noch andere Anzeichen von Unwohlsein zeigte.
Er ließ sich einfach mit ins Loft ziehen und dann auf die große cremefarbende Couch setzen, vor dem großen "Wandschrank" und dem großen Fernseher.
Sein Märchenbuch noch immer fest umklammert sah er zu Brian hoch. Er fühlte sich warm und geborgen, wie schon lange nicht mehr. Und er fühlte etwas in seinem Bauch kribbeln, was er nicht einschätzen konnte. Es machte ihm etwas Angst doch er schaute dennoch ungebrochen in die wunderschönen grün-braunen Augen seines Gegenübers.
Brian der sich derweil vor dem Jungen gekniet hatte, nahm ihm die Jacke vom Körper und legte sie zur Seite. Als er das Buch anfassen wollte fing der Junge an zu schreien. Er sprang auf und versteckte sich in der nächstbesten Ecke des Wohnbereiches.
Brian war zu verdutzt um so schnell handeln zu können. Er sah auf den leeren Platz wo zuvor noch der verwaiste Junge gesessen hatte und bemerkte dann ein leises wimmern hinter ihm.
Er schaute zurück. Kein einziger Laut verließ seine geschlossenen wunderschön geschwungenen,sinnlichen Lippen. Selbst dann nicht, als aus dem Wimmern ein lautes Aufschluchzen gefolgt von einem leisen Weinen wurde.
Er fühlte sich überfordert mit der Situation. Selbst Gus, sein Sohn, zeigte nicht so ein Verhalten. Und in diesem Moment wurde ihm klar, dass mit dem Jungen wirklich etwas nicht stimmen musste. Doch er hatte keine Zeit sich nun um diese Vermutung zu kümmern. Es gab wichtigeres... .
Und er konnte sich bis heute hin keinen Rheim darauf machen warum er ins Schlafzimmer ging eine leichte Decke holte, wieder zurück zur Ecke schritt und sie vorsichtig dem Jungen überreichte.
Doch es geschah nichts. Er zeigte keine Reaktion. Er nahm weder die Decke an noch lehnte er sie ab. Er schaute ihn einfach nur an... ohne etwas zu sagen... .
Denn Worte waren unwichtig. Das hatte beide von früher Kindheit erfahren. Denn nicht jeder verstand sie... nicht jeder wollte sie verstehen. Und nicht jeder konnte es, dass hatten sie gemeinsam.
Brian legte sie kurzerhand einfach über seine schlotternden Knie und hockte sich wieder vor ihm.
Brian überlegte was wohl die beste Frage wäre die er dem Jungen stellen könnte. Und in dem Moment fielen ihm viele ein. Doch er wusste nicht wie er anfangen sollte. Er wollte den ohnehin schon ängstlichen Jungen nicht noch mehr verschrecken. Aber er wusste das er ihn nicht sich selbst überlassen konnte. Er wusste er müsste ihm helfen. Wenigstens für diese Nacht, bis er ihn dann am nächsten Morgen wieder Zuhause absetzen konnte. Denn anscheinend war er weggelaufen. So wie er aussah.
"Wie heißt du?" platzte es aus Brian heraus. Nicht gerade die intelligenteste Frage die man in solch einer Situation zu stellen vermochte, aber ihm fiel nichts besseres ein. Er wollte den Jungen nicht drängen. Und mit dieser Frage konnte er schließlich nichts falsch machen... oder?
Sein Gegenüber schaute ihn aus seinen blauen treuen Augen an. Das konnte er gut.
"Justin." Nur ein Whispern. Kaum verständlich. Weder Emotionen in seiner Stimme noch jedlicher Ausdruck in seinem Gesicht.
"Justin?..." Brian wunderte es nicht, dass der Junge wieder keine Reaktion zeigte. Er hatte schließlich zuvor auch nichts gemacht außer ihn angesehen. Doch es störte ihn nicht.
"Und wie alt bist du Justin?" Brian war sich nicht sicher ob er noch minderjährig war. Würden seine Eltern dann nicht nach ihm suchen? Er schaute in das blasse Gesicht von Justin und fragte sich was wohl mit dem Jungen nicht stimmte.
"Justin... 17 Jahre... 17 Jahre alt?"
War dies eine Frage? Brian wusste nicht so Recht wie er damit umgehen sollte. Der Junge sprach wiedermal sehr ungewöhnlich. Brian ahnte, dass er geistig krank war. Doch er empfand weder Ekel noch Abscheu.
"17 Jahre hm? Okay und wo sind deine Eltern?" Brian versuchte so ruhig wie möglich zu bleiben. Er brauchte Geduld um die nötigen Informationen aus dem Jungen herauszubekommen. Doch er bereute seine Entscheidung, Justin mit in sein Loft genommen zu haben nicht. Denn er wollte sich nicht ausmalen wie es ihm wohl in der kalte Nacht auf der Straße ergangen wäre. Hier war er wenigstens sicher...
Sicher...Wenigstens für diese Nacht?
"Nicht okay..." Justin schaute Brian noch immer ungebrochen in die Augen. Er fand sie interessant. Und er verfing sich darin, selbst wenn ihm das Gefühl neu erschien. So ungewohnt aber dennoch schön. Schön aber dennoch ängstlich?
"Deine Eltern? Was haben sie denn?" Brians Geduldfaden schien langsam aber sicher zu reißen, selbst wenn er sich es nicht anmerken wollte. Der Arbeitstag und die ständigen Gedanken an den verwaisten Jungen hatten ihn müde gemacht.
Und er hatte nun wirklich keine Nerven für "Justin nicht okay." kam es aus dem rosigen Mund.
Brian schaute ihn verdutzt an "Was hast du denn?" fragte Brian noch immer ruhig aber sachlich.
Justin fing an zu summen und schaute weg. Er reagierte nicht auf Brians Rufe und auch nicht auf sein Schnipsen unmittelbar vor seinem zarten Gesicht.
Brian gab auf und ließ Justin alleine. Er schritt zum Telefon und rief Professor Dr. Benjamin Bruckner an. Auch bekannt als "Ben".
Er hoffte auf seine Hilfe. Vielleicht kannte er sich ja mit solch einem Verhalten besser aus.
Doch als er anrief ging niemand ans Telefon. Er gab auch dieses Stückchen Hoffnung auf, und schritt wieder zu dem zusammengekauerten Jungen zurück.
Er fing an in seinen Hosentaschen nach etwas, zu wühlen.
Er wusste selbst nicht genau nach was.
Irgendetwas, dass ihm genaueres über seine Identität verriet? Vielleicht sein Krankheitsbild? seine Adresse? Sein verdammtes Geburtsdatum oder wenigstens seine Lieblings Eiscreme.
Himmel!
Brian war es egal. Er wollte einfach etwas von dem Jungen wissen.
Er musste...
Und sieh an. Er fand einen sauber gefalteten Zettel,einen Schlüssel,ein Handy das aber ausgeschaltet war und auch nicht anging als Brian auf den Einschaltknopf drückte. Warscheinlich war der Akku leer?
Er beschloss sich später darum zu kümmern. Vielleicht würde er ja die Nummer von Justins Eltern finden um diese zu verständigen.
Er konnte sich ebenfalls keinen Rheim darauf machen warum er es nicht gleich tat. Aber er fand es in dem Moment richtiger mehr über Justin zu erfahren, als ihn einfach wieder bei seinem Elternhaus abzusetzten. Denn das hielt er für falsch...
So falsch...
Er fand noch einen Stift und ein abgerissenes Stück Papier wo irgendwelche Kinderkritzeleien verewigt waren. Warscheinlich von Justin selbst?
"Hast du das gemalt?" fragte Brian und schaute Justin an. Es wunderte ihn nicht, dass der Junge sich nicht gewehrt hatte, als er ihm die Hosentaschen entleert hatte. Schließlich hatte er sich ebenfalls nicht gewehrt als er ihm seine Jacke über die Schultern gehangen hatte, oder als er ihn in sein Loft mitgenommen hatte. Das einzige wo er eine wirkliche Reaktion gegeben hatte, war als er sein Märchenbuch angefasst hatte.
Und darauf konnte sich Brian noch weniger einen Rheim machen, aber er bemerkte nur noch mehr wie richtig seine Entscheidung war den Jungen vorerst in sein Loft mitzunehmen. Er wollte keine Gedanken daran verschwenden was wohl passiert wäre wenn die falschen Typen an Justin gekommen wären? Schließlich war nichts unmöglich, und so wie sich Justin verhielt, so hilflos und völlig ohne eigenen Willen, wäre er ihnen von Kopf bis Fuß ausgeliefert.
Justin schaute nicht direkt zu Brian, welcher schon dachte er hätte die Frage vielleicht zu leise gesprochen?
"Hey, Justin! Hast du das gemalt?" Brian nahm sein Kinn in seine Hand und zeigte ihm das Bild. Er wusste selbst nicht warum es ihm so wichtig war, doch er wollte einfach den Jungen reden hören. Vielleicht bekam er ja mehr aus ihm heraus. Denn so wie es aussah war dieser sehr schüchtern.
"Molly...und...und Justin?" Justin nahm die Zeichnung langsam aus Brians Hand. Er hielt es fast schon wie ein Heiligtum in seinen Händen und nahm die Zeichnung die auf einem abgerissen Stück Blatt basierte an seine Brust.
Und sieh an. Er legte sein Märchenbuch dafür weg!
Brian wusste er würde sich so schnell nicht an den Jungen und vor allem an seine Verhaltensweise gewöhnen. Aber er versuchte es so normal wie möglich hinzunehmen. Er wollte Justin nicht auch schon verunsichern. Nicht hier und jetzt.
Nein, der Junge sollte Vertrauen in ihm finden.
"Molly hm? Wow, eine wirklich tolle Zeichnung." Er versuchte seine Stimme beeindruckt klingen zu lassen während er den sorgsam gefalteten Zettel neben Justins anderen Bringsel aufschlug und einen Arztbericht sah.
"Ehm... Justin?" Er machte eine kurze Pause indem er den Zettel wieder schloss "Ich hab Stifte da. Wie wäre es wenn du etwas schönes malst?" Brian klang verunsichert, was Justin wohl merkte.
Doch er sagte nichts darauf, stand wortlos auf und setzte sich an den Küchentisch, wo ihn Brian hinführte. Dieser legte ihm ein paar Stifte die in seiner Komode verstreut lagen auf den Tisch und ein paar Blätter ebenfalls.
Er war erleichtert das er Gus öfters zu Besuch hatte. Denn dieser ließ immer mal wieder einige Sachen hier liegen. Und seitdem er einen Stift in der Hand fassen konnte, kritzelte er immer mal wieder undefinierbare Sachen auf die bereitgestellten Blätter, die man auch wirklich nur durch Gus' Erklärungen entziffern konnte.
Justin nahm stillschweigend ein Stift in die Hand, sah danach zu Brian um zu wissen ob dies okay war. Dieser nickte nur mit einem gezwungenen Lächeln und sah danach wie der Junge zaghaft anfing zu malen. Er achtete nicht weiter auf die Zeichnung vom Jungen sondern begab sich an die Fensterfront, Justin immer im Blickfeld, um den Zettel zu lesen.
Doch er war nicht minder geschockt als er ihn laß. Er wusste mit dem Jungen stimmte etwas nicht. Und anscheinend war er damit sogar im Recht.
Autismus.
Daran litt Justin also... Deswegen hatte er sich auch so anders Verhalten.
Er schaute kurz zu dem Jungen rüber der vertieft in seiner Zeichnung zu sein schien, bevor er sich wieder dem Arztbericht in seiner Hand widmete.
Trennungsängste.
Bei dem Befund stoppte er und schaute wieder zu dem Jungen herüber. Er wusste was dies zu bedeuten hatte.
Wieder ließ er sich auf den Zettel ein.
Er schien die Zeilen zu überfliegen und immer nur bei einem neuen Befund zu stoppen.
Doch weiter kam er nicht. Mitten im Text stoppte er. Das Blatt war voll. Er drehte es um aber selbst da war nichts mehr verzeichnet. Als er auf die Ziffer am oberen Rand sah wusste er, dass es nur das erste Blatt von zweien war. Aber ihn interessierte es nicht.
Der Junge litt also an Autismus und an Trennungsängsten.
Langsam schien es Sinn für Brian zu machen. Er ging wieder zurück wo damals Justin zusammengekauert in der Wohnzimmerecke saß und hob sein Handy auf. Er besah es sich und beschloss es gleich morgen früh in ein Fachgeschäft zu bringen um ein Akkugerät dafür zu besorgen. Vielleicht waren ja wichtige Nummern drauf?
Von seinen Eltern? Seinen Doctor? Bekannten? Irgendjemanden den er verständigen könnte.
Es war dunkel draußen, doch im Loft leuchteten die Lichter wunderschön bemerkte Justin.
Er fühlte sich wohl, selbst wenn die Umgebung für ihn völlig fremd war.
Er wollte nicht mehr nach Hause, darüber war er sich im klaren. Er wollte für immer hier bleiben. Für immer und ewig.
Er gähnte herzhaft. Der Tag hatte ihn angestrengt und er würde es vorziehen endlich zu... schlafen?
"Bist du müde?" Brian bemerkte sein Gähnen und schritt wieder zu dem Jungen und wollte seine Zeichnung sehen. Doch Justin versteckte sie. Er hielt sie dicht an seine Brust, sodass Brian nichts erkennen konnte.
"Darf ich die nicht sehen?" Brian wollte nicht vorwurfsvoll klingen und mühte sich an einem müden Lächeln ab. Ihm schwirrten soviele Gedanken durch den Kopf und er wunderte sich nicht, dass sie alle um das blonde Bündel an seinem sündhaft teuren Esstisch handelten.
Justin antwortete nicht. Auch das wunderte Brian nicht. Der Junge antwortete anscheinend nicht auf jede Frage.
Nicht sehr gesprächig der Kleine...
"Komm du darfst auf dem Sofa schlafen." Er nahm Justin bei der Hand und führte ihn zum Sofa "Leg dich hin."
Doch Justin verstand nicht so Recht. Auf den Sofa lag man nicht! Man saß drauf! Das Bett war zum liegen und es verwirrte Justin etwas.
Er setzte sich demonstrativ nur hin und zeigte Brian damit das er nicht liegen wollte durfte oder konnte?
Brian strich sich mit seiner flachen Hand fahrig durch sein Gesicht. Er war müde, keine Zweifel und dieser blonde Bengel machte seinen ohnehin schon abgenagten heutigen Gemütszustand nicht besser.
"Nein, hin - le - gen!" Er versuchte dem Jungen klar zu machen, dass er endlich schlafen sollte. Es war schon dunkel draußen und sollten Bengel mit Autismus nicht langsam ins Traumland wandern?
Er dachte nach, sich am nächsten Tag Bücher über Autismus zu besorgen aber dann überrollte ihn der Gedanke, dass er sie doch garnicht brauchte! Justin würde wieder zu seinen Eltern kommen... Für immer... und ewig?
"Du sollst jetzt schlafen!" versuchte es Brian nochmals, aber diesmal etwas grober.
Justin sah ihn wieder aus unschuldigen Augen an, stand kurzerhand auf und begab sich zum Bett. Er legte sich drauf, deckte sich zu und machte demonstrativ die Augen zu.
Brian war anfangs wiedermal zu verdutzt um reagieren zu können. Er schaute dem Bengel nach und obwohl er etwas "Wut" empfand musste er lächeln.
Der Junge hatte ja mehr Eigenwillen als er sich anfangs gedacht hatte.
Als Brian näher schritt und sich auf Holzvertafelung setzte machte Justin wieder die Augen auf.
"Im... Bett schlafen? Nicht auf dem Soo...fa?" Das Wort schien für ihn neu zu sein, er sprach es völlig falsch aus doch es interessierte Brian nicht. Er unterdrückte ein Lächeln und schaute den blonden stadtdessen nur an und verdrückte sich einer Antwort indem er einfach aufstand, Justins Decke nochmal glatt strich und das Licht im Schlafbereich ausmachte.
Danach schritt er in den beleuchteten Wohnbereich und schaffte etwas Ordnung. Er räumte die Stifte in ein Glas und stellte es auf den Thresen ab und die Blätter als Ablage darunter.
Danach räumte er die wenigen Bringsel von Justin weg und legte sich kurzerhand ohne Decke auf das Sofa. Er wagte es nicht in den Schlafbereich zu treten, wollte er den Bengel doch nicht aufwecken.
Brian versuchte nachzudenken und leise zu sein. Zumindestens bis Justin einschlief, aber das erwies sich als schwerer als gedacht. Schließlich war er es nicht gewöhnt. Er lebte doch alleine...
Aber das tat er doch immernoch... Oder?
