Kapitel 11

„... Stupor... Petrificus... Avada..."

Diese Worte erfüllten angstverbreitend die Luft und Harry zückte blitzschnell seinen Zauberstab. Dann sprang er hinter einen, schon durch den Kampf umgekippten Verkaufswagen und sah, wie jede Menge Zauberer und Hexen in panischer Hast an ihm vorbei stürmten. Was war hier los ? Schoss es Harry durch den Kopf. Hatten sie nicht gesagt, die Winkelgasse sei sicher ? Waren sie nicht deshalb heute hier her gekommen ? Doch schon im nächsten Moment beantwortete sich seine Frage von selbst, als Harry die ihm bekannten und verhassten Stimmen von Bellatrix und Wurmschwanz hörte.

„Such das Schlammblut und die kleine rothaarige Schlampe... Los, du elende Missgeburt eines Zauberers, der Meister wartet nicht gern."

Die kalte Stimme von Lestranges brannte sich förmlich in Harry´s Gehörgänge und sein Blick ging suchend durch die Winkelgasse. Wo waren Ginny und Hermine ? So weit konnten die Beiden doch noch nicht gelaufen sein ?

Schließlich fand er seine zwei Freundinnen. Die Mädchen hockten ebenfalls, hinter einer umgefallenen Bank und versuchten sich ein Bild von der Lage zu machen. Harry bemühte sich, ihnen ein Zeichen zu geben, zu bleiben wo sie waren. Doch die zwei Mädchen hatten den Schwarzhaarigen schon gesehen, deuteten sein Winken falsch und wollten so schnell wie nur möglich zu ihm. Sie standen beide auf und liefen dadurch direkt in Wurmschwanz Arme.

„Wen haben wir denn da ? Heute muss wohl wirklich mein Glückstag sein." Sagte die Ratte lachend und der schleimige kleine Wicht richtete seinen Zauberstab auf die beiden Mädchen.

In Harry stockte der Atem und plötzlich kochte die Wut in ihm hoch. Er schaute über sein Versteck und suchte Bellatrix. Sie war aber glücklicherweise gerade in ein Duell mit den Auroren verwickelt und konnte daher Wurmschwanz nicht zu Hilfe eilen. Harry nutzte dies und schlich sich mit vorsichtigen Schritten an den Verräter heran. Aufmerksam verfolgten seine Augen jede winzigste Bewegung des Todessers und der Schwarzhaarige hoffte, dass sich dieser nicht plötzlich umdrehte.

Was nun Ginny und Hermine betraf, so standen die zwei Mädchen völlig geschockt und leicht verängstigt wie angewurzelt da. Nicht einen Muskel schienen sie bewegen zu können. Etwas, das Harry sogar ganz recht kam. Denn wenn ihre Augen plötzlich auf ihn gerichtete gewesen wären, dann wüsste Wurmschwanz sofort bescheid.

Leisen Schrittes ging Harry von hinten auf den kleinen, verräterischen Zauberer zu. Dabei bemerkte er allerdings nicht, wie dieser seine Nase leicht in die Luft hielt und im nächsten Moment herum schnellte.

„EXPELLIARMUS", schrie er laut und Harry spürte, wie ihm der Zauberstab aus den Händen gerissen wurde. Dann verlor er noch den Boden unter den Füßen und wirbelte durch die Luft.

Ein lautes Knacken erklang kurz nachdem Harry wenige Meter weiter hinten aufschlug, dicht gefolgt von einem Schrei des Schmerzes. Dieses Mal hatte es Harrys Fuß erwischt, doch Harry riss sich sofort zusammen und schaute augenblicklich wieder zu seinem Angreifer.

Wurmschwanz hatte mittlerweile erkannt, mit wem er es zutun hatte und sein Gesicht zeigte ein dreckiges Grinsen. „Harry", sagte er und kam einige Schritte auf den Schwarzhaarigen zu. „Bei Merlin, was habe ich nur getan, um so viel Glück zu verdienen. Oh, der dunkle Lord wird mich reich belohnen, wenn er sieht, wen ich mitbringe."

Harry hatte sich mühsam aufgerappelt und sah sich suchend nach seinem Zauberstab um. Dieser lag allerdings nun keinen Meter von Wurmschwanz entfernt auf dem Boden und die Ratte trat immer näher an ihn heran.

„Verdammt", dachte Harry und wollte losrennen. Doch der Schmerz in seinem linken Fuß erinnerte ihn plötzlich daran, dass er eben noch gut fünf Meter durch die Luft geflogen war und nun wahrscheinlich ein gebrochenes Sprunggelenk besaß.

Einmal mehr wuchs die Wut in ihm, über seine Unfähigkeit, und seine Augen begannen zu glühen. Davon bekam Wurmschwanz allerdings nicht mehr viel mit. Denn auf der einen Seite hatte er sich wieder kurz zu den Mädchen gedreht, um sicher zu gehen, dass sie nichts unternahmen. Und auf der anderen Seite, hatten sich Harry´s Brillengläser plötzlich magisch verdunkelt.

„So, Harry, jetzt habe ich allerdings ein Problem", sagte Wurmschwanz mit hinterlistiger Stimme und sah zwischen den drei Jugendlichen hin und her. „Ich kann nur einen mitnehmen, wenn ich zum dunklen Lord appariere. Und da du derjenige sein wirst, sind die beiden Hühner da überflüssig."

Wurmschwanz hob langsam seinen Zauberstab und richtete ihn auf Ginny, deren Augen immer größer wurden.

„Ach Harry, wo ich gerade „überflüssig" gesagt habe, kam mir doch sofort eine alte Erinnerung hoch. Weißt du noch damals, auf dem Friedhof, als dieser Schönling in Gras gebissen hat. Ich denke, du bist wirklich kein Glücksbringer für Leute die dich begleiten."

Dieser Satz schien bei Harry einen Schalter umzulegen. Sein Blick ging suchend durch die Gasse und schließlich blieb er an einer zertrümmerten Bank hängen. Das nächsten was man dann in der Winkelgasse hörte, waren die angstvollen Schreie von Hermine und Ginny, das laute „Nein" von Harry und die eiskalte Stimme von Wurmschwanz. Letztere rief laut „Avada...". doch mitten im Satz brach sie ab und verwandelte sich in ein schmerzhaftes Röcheln.

Ginny und Hermine rissen ihre Augen, die sie im Angesicht des Todes geschlossen hatten, wieder auf und starrten entsetzt auf Wurmschwanz, der taumelnd über das Pflaster stolperte und versuchte, ein großes Stück zersplittertes Holz aus seinem Hals zu ziehen. Allerdings war der sofortige Blutverlust zu extrem, sodass die Ratte keine fünf Sekunden später, in einer riesigen Blutlache, tot zusammen brach.

Die Mädchen schrieen kurz entsetzt auf und sahen dann panisch zu Harry hinüber. Der Schwarzhaarige stand nämlich zitternd und von einer Aura der Macht umgeben mitten in der Winkelgasse und schien zu nichts fähig zu sein. Harrys Blick ging starr auf seine Hände, die weit nach vorn gestreckt vom Körper abstanden und so aussahen, als hätten sie das Stück Holz geschleudert.

Doch das dürfte eigentlich nicht möglich sein, würde jemand sagen, der es nicht gesehen hatte. Denn der Platz, wo diese scharfkantige Latte, diese tödliche Geschoss, gelegen hatte, war dort, wo Harry die zerstörte Bank fixiert hatte. Die Drei Jungendlichen schauten sich gegenseitig an und erst der wütende Schrei von Bellatrix Lestrange riss sie aus ihrer Starre.

Die Todesserin stürmte wütend mit gezücktem Zauberstab und einer Horde Auroren im Schlepptau, auf Harry zu und schien den Todesfluch schon auf den Lippen zu haben. Der Schwarzhaarige sah sie aber rechtzeitig, schnellte herum und biss seine Zähne zusammen. Sie mussten hier weg, dachte er und rannte, so gut er konnte und mit schmerzverzogenem Gesicht, auf seine Freundinnen zu. Dort ergriff er ihre Arme und konzentrierte sich nur noch darauf, von hier weg zu kommen.

Im nächsten Moment erfasste alle Drei das beklemmende Gefühl des Apparierens und als die Teenager wieder sehen konnten, fanden sie sich auch schon in der Diele des Grimmauldplatzes wieder. Harry ließ die beiden Mädchen augenblicklich los und brach vor Schmerzen stöhnend zusammen.

Hermine und Ginny, doch vor allem Hermine reagierten sofort und fingen den fallenden Jungen geistesgegenwärtig ab. Dann riefen sie laut um Hilfe und keine zehn Sekunden später stürmte auch schon Madame Pomfrey, die als einzigste Person hier im Haus war, die Treppe runter.

Sie erblickte die drei Teenager und Harry mit seinem unnatürlich abgespreizten Fuß. Blitzschnell zog sie ihren Zauberstab und richtete ihn auf den Boden neben dem Jungen. Es erschien, wie aus dem Nichts eine Trage und die drei Damen rollten den bewusstlosen Harry vorsichtig darauf. Dann levitierte Poppy die Trage in Richtung Treppe und fragte dabei, was denn passiert sei und ob es den Mädchen gut ging.

Hermine und Ginny hatten ihren Schock einigermaßen überwunden und sagten der Heilerin schnell, dass ihnen nicht fehle. Denn auf gar keinem Fall wollten die beiden wie Harry enden und mit allerlei Tränken vollgepumpt werden. Außerdem galt ihre Sorge ihrem Freund. Bei der einen mehr, bei der anderen im normalen Level.

Harry hatte sich glücklicherweise aber wirklich nur den Fuß verknackst und etwas zu sehr angestrengt, diagnostizierte die alte Heilerin und flößte dem Schwarzhaarigen etwas gegen die Schmerzen und das Ausgepowert sein in den Mund. Danach richtete Poppy noch schnell den Fuß und keine zehn Minuten später hätte Harry wieder aufstehen können.

Doch unser Held der Nation schlief lieber ruhig und selig, bis ihn ein lautes Trampeln im Hausflur weckte. Poppy war gar nicht glücklich darüber, zumal der Lärm immer lauter wurde und keine zwei Sekunden später fast der gesamte Orden ins Zimmer stürmte. Allen voran Molly Weasley, die auch sofort, da sie Harry erblickte, anfing ihn mit Fragen zu seinem Befinden zu bombardieren.

Harry hatte eine Menge Mühe die so schon besorgte Frau und Mutter zu beruhigen. Und es war auch nicht sehr förderlich, dass Tonks plötzlich anfing ausschweifend aufzuzählen, wen man denn alles in der Winkelgasse gefangen genommen hat und wer entkommen war. Harry bedachte die junge Aurorin mit einem strafenden Blick, den Professor Mc Gonnagal nicht besser hinbekommen hätte.

Zehn Minuten später hatte sich die Lage im Krankenzimmer allerdings wieder beruhigt und Harry wunderte sich, wieso vor allem Molly so schnell wieder verschwunden war. Er erzählte den Verbliebenen, sprich Remus und Tonks, noch mal das Geschehene aus seiner Sicht und Remus sah den Jungen besonders bei der Sache mit dem Angriff auf Wurmschwanz und der Banklatte mit einem sonderbarem Blick an.

Harry wusste aber plötzlich nicht genau, wie er diesen verstehen sollte. Denn die Augen des Werwolfes spiegelten gleichzeitig Verwunderung, Stolz und irgendwie auch ein wenig Trauer wieder. Harry wandte seinen Blick schnell betroffen ab und überlegte, was dies sollte. Die drei jungen Frauen bekamen davon allerdings nichts mit und so war es dann Poppy, die Harry für die nächsten zwei Stunden Ruhe verordnete. Und hier wunderte sich Harry erneut, denn keiner seiner Freunde sträubte sich, das Zimmer zu verlassen. Nein, sie gingen sogar recht zügig und nur Tonks blieb noch kurz zurück und stellte einen kleinen Beutel neben Harry´s Bett.

„Hier, mein Lieber, das lag noch in der Winkelgasse und ich vermute mal, es gehört dir."

Harry schaute noch mal kurz auf und erkannte den Beutel mit dem Geschenk für Hermine. Ein leises „Danke" war dann jedoch das Letzte, was der Schwarzhaarige sagte, denn Poppy´s Schlaftrank begann zu wirken.


Als Harry das nächste Mal die Augen aufschlug, war er völlig allein im Zimmer und er schaute sich leicht verwirrt um. Immer noch huschten die Gedanken von Wurmschwanz Attacke in seinem Kopf herum und der Schwarzhaarige fragte sich angestrengt, wie er es nur geschafft hatte, dieses Stückchen Holz auf den Todesser zu schleudern.

Dann kam ihm Remus Blick wieder in den Sinn und Harry wurde mit einem Male bewusst, warum der Werwolf, neben seiner Erleichterung, dass ihm, Harry, nichts passiert war, so traurig geschaute hatte. Harry Potter, der Held der Zaubererwelt hatte jemanden getötet. Und auch wenn es der Feind, ein Todesser und noch dazu der Verräter seiner Eltern war, so bekam der Schwarzhaarige plötzlich Tränen in die Augen und begann zu weinen. Immer schlimmer wurde der Schmerz in Harrys Brust und er fühlte sich schuldig und irgendwie schmutzig.

Durch seinen Zustand bekam der Schwarzhaarige nicht mal mit, wie die Tür zu seinem Zimmer leise geöffnet wurde und jemand eintrat. Es folgten Sekunden der Ruhe und dann spürte Harry, wie sich das Bett unter dem Gewicht einer weiteren Person bewegte. Der Schwarzhaarige blickt überrascht auf und sein Blick traf den von Hermine. Der braunhaarige Lockenkopf sah Harry mit fragend-traurigen Augen an.

„Harry, was ist mit dir ?" Leise versuchte Hermine heraus zu finden, was mit ihrem besten Freund los war. Doch Harry starrte nur zurück, schluchzte nur noch mehr und verriet ihr, ohne auch nur darüber nachzudenken oder Hermine bewusst anzusehen, seine Gedanken und Gefühle, was den Angriff betraf. Harry sagte ihr frei heraus, wie schmutzig er sich plötzlich fühlte und war umso überraschter über Hermines Reaktion.

Denn der Lockenkopf rüttelte plötzlich leicht wütend an Harrys Schulter und schrie den Schwarzhaarigen förmlich an.

„Harry Potter, du darfst nicht mal daran denken, dich schuldig zu fühlen. Diese Ratte hat es nicht anders verdient, für das, was er in seinem Leben und vor allem... Dir angetan hat."

„Ja aber Hermine, ich... ich habe getötet... ein Menschenleben vernichtet." Schluchzte Harry und drückte unbewusst sein Gesicht an Hermines Brust. Denn was er sich jetzt am meisten wünschte, war Geborgenheit.

Der Lockenkopf stockte kurz, hielt dann aber den Jungen ganz fest an sich. Was musste nur in ihm vorgehen, fragte sie sich und versuchte Harry weiter zu beruhigen.

„Aber es war Notwehr, Harry. Wurmschwanz wollte Ginny und mich töten. Es hieß also er oder wir. Und wenn es dir hilft Harry, ich habe von Remus gehört, dass auch dein Vater, als einer der besten Auroren, eine Menge Menschen bekämpfen und schließlich töten musste."

Harry schaute auf und wurde sich plötzlich seiner Position bewusst. Binnen weniger Zehntel einer Sekunde schoss sein Blut ins Gesicht und Harry erstrahlte in einem leuchtenden Rot. Hermine tat es ihm gleich und beide trennten sich ein wenig. Dann atmete Harry tief durch und er fragte, ob Hermine irgendwas gesehen hat und wie er es geschafft hatte, den Todesser zu besiegen.

Hermine antwortete darauf nur, dass sie und Ginny die Augen geschlossen und sich auf den Tod vorbereitet hatten. Aber sie äußerte ein weiteres Mal die Vermutung, dass Harry vielleicht zu stabloser Magie fähig war. Aber noch bevor Harry sie daraufhin ansprechen konnte, war der Lockenkopf auch schon aufgestanden und ging wie verwandelt in Richtung Harrys Kleiderschrank. Der schwarzhaarige Junge folgte ihren geschmeidigen Bewegungen und sah erstaunt auf, als sie plötzlich einige von Harrys besseren Sachen, wenn man sie so nennen wollte, heraus nahm.

„So Harry", sagte Hermine mit einem Lächeln. „Du ziehst dich jetzt erst mal schick an. Und danach geht's runter in den Salon."

Harry wollte frage wieso, doch ihm viel plötzlich wieder ein, was für ein Tag heute war. Er hatte Geburtstag und mit Sicherheit warteten all seine Freunde unten, um mit ihm zu feiern. Wie konnte er dies nur schon wieder vergessen ?

Harry sprang aus dem Bett, das leichte Stechen im Fuß vergessend und ging in Richtung Tisch, wo Hermine die ausgesuchten Sachen abgelegt hatte. Was nun den Lockenkopf betraf, selbiger hatte, kaum dass Harry aus dem Bett war, arge Probleme seinen Blick von Harry´s Körper zu nehmen. Dass dieser dann auch nur mit Boxern bekleidet vor ihr stand, machte die Sache nicht leichter.

Schließlich riss sich Hermine dann doch zusammen und verließ das Zimmer. Harry fragte sich, wieso Hermine so schnell weg war und wurde im selben Moment, da er in den großen Wandspiegel blickte, sich seiner Kleiderordnung bewusst. Die Röte schoss ihm ins Gesicht und der Schwarzhaarige hoffte inständig, dass sie bis zu seinem Eintreffen im Salon wieder verschwunden war.

TBC