Justin erstarrte. Er schaute Brian verängstigt an. Er wollte nicht zurück nach Hause, war er doch gerade erst weggelaufen.

Justin hatte Angst... .Große Angst.

Nicht nur wegen der bevorstehenden Reaktion seines Vaters, sondern auch weil er Angst hatte, der Prinz würde nicht mehr kommen. Denn Prinzen lebten nicht da wo die Schlingepflanzen waren. Und Prinzen lebten auch nicht da wo man für immer und ewig und 1000 Jahre gefangen war. Zwischen Angst,Wut, und Trauer.

Und obwohl er gestigt behindert war, verstand er sehr viel von den Gefühlen. Und er wünschte sich er würde sie nie mehr fühlen. Er wünschte sich er würde für immer bei seinem Prinzen bleiben, sich für immer geborgen und richtig fühlen.

Sich für immer okay fühlen. Für immer... für immer und ewig.

"Wir sollten los." hörte er den hübschen Prinzen sagen. Er befreite ihn von seinem Körper sodass Justin aufstehen konnte.

Justin schien wie gelähmt zu sein. Die ganze Autofahrt herrschte eine Totenstille im Wagen.

Aber es war nicht beruhigend oder gar entspannend.

Nein es war eine bedrückende Stille, die Brian nur noch mehr die Leere in seinem Herzen spüren ließ.

Immer mal wieder schaute er auf die müde Gestalt neben sich. Justin hatte seit seiner Offenbarung kein Wort mehr gesprochen. Er hielt sein Märchenbuch krampfhaft fest und wünschte sich nun dort, in seinem Märchen zu sein.

Mit Brian, in dem wunderschönen Schloss, zwischen den wunderschönen Märchengeschichten, bei den wunderschönen Bildern.

Doch was er sah war alles andere als seiner Vorstellung gemäß.

Sie fuhren langsam die Einfahrt ein.

Justins Zuhause war hübsch. Es war groß, geräumig, und schön organisiert. Der Vorgarten war ebenfalls schön beschmückt.

Doch Justin hatte kein Auge dafür. Er würde am liebsten weglaufen. Andererseits wollte er bei Brian bleiben. Und dieser saß schließlich hier... neben ihm.

Durch die ganzen Gedanken wurde Justin müde und er bekam Kopfschmerzen. Es war etwas zu viel für den autistischen Jungen.

Doch kein Sterbenswort kam über seine Lippen. Er verhielt sich ruhig als Brian ihm die Türe öffnete und ihm aus dem schwarzen Jeep half.

Justin fand die Kutsche schön, obwohl sie schwarz war. Aber wenn sie Brian gehörte war dies okay.

Denn wenn es um Brian ging war alles okay. Ja, selbst er war ja dann okay.

Brian begleitete Justin zur Türe.

"Klingel." raunte der Prinz ihm ins Ohr.

Doch Justin rühte sich nicht. Wenn er nicht klingeln würde, dann könnte auch niemand die Türe öffnen.

Er schaute Brian aus aufrichtigen Augen an und schüttelte dann heftig den Kopf. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihm.

"Au!" maunzte er und hielt sich die Schläfe. Er schaute Brian aus tränennassen Augen an.

Brian verstand erst nicht sofort was das Problem war. "Was hast du denn?" fragte er sanft und schob sachte Justins Hand weg um sich die Stirn anzusehen. Doch da war nichts außergewöhnliches zu beobachten.

"Kopf... tut weh?" Justin schien so gut wie immer Gegenfragen zu antworten. Dies deutete auf seine allgemeine Unsicherheit hin. Er hatte so gut wie immer Angst etwas falsches zu machen, und war sich nicht sicher ob das was er sagte auch richtig war.

Brian hatte sich schon langsam an diese Redeart von Justin gewöhnt, auch wenn sie ihn immer wieder daran erinnerte das Justin anders war.

Anders als er, anders als Craig, und anders als die Welt.

Doch dies war okay. Denn Justin war okay. Und das wusste Brian, ja er hatte es ja selbst entschieden.

"Komm mit. Drinnen kannst du etwas trinken und eine Tablette nehmen." Er klingelte für Justin an seiner Haustüre, wroauf dann ein angenehmes Glockenspiel folgte. Kurz darauf wurde die Türe geöffnet.

Eine Frau mittleren Alters mit blonden Haaren und blauen Augen stand im Türrahmen und blickte auf die beiden. Als sie Justin sah stieß sie einen Freudensschrei aus und umarmte ihn.

Justin umarmte nach einer Schreckenssekunde seine Mutter ebenfalls, was Brian wunderte. Vielleicht hatet er sich ja auch geirrt und Justins Familie war nicht so schlimm wie er es sich gedacht hatte?

Doch dann sah er auch schon den Ärger anschwellen als sich plötzlich Craig neben Jennifer aufbaute.

Justins Mutter nahm Justin sicherheitshalber in Schutz und ließ ihn an ihrer Brust verschnaufen.

"Rein mit dir!" tönte die raue Stimme von Craig.

Brian schritt ebenfalls schnell ein bevor dieser Craig noch auf die Idee kam ihm die Türe vor der Nase zuzuschlagen. Doch dazu kam es zum Glück nicht mehr denn schon im nächsten Moment fand sich Brian im Wohnzimmer sitzen.

Justin saß zwischen ihm und seiner Mutter auf der Couch während Craig auf dem Sofa gegenüber Platz nahm und Justin argwöhnisch musterte.

Brian wunderte es jedoch nicht, dass Justin weder eine Umarmung noch einen verdammten Händedruck von seinem Vater bekommen. Ja nicht mal ein aufmunterndes Wort. Doch er versuchte nicht daran nachzudenken. Er durfte sich nicht zu sehr in die Familienangehörigkeiten von Justin mischen.

Er hatte ihn aufgenommen für diesen Tag, es war richtig. Und er würde ihn nun bei seiner Familie abgeben... denn das war doch auch richtig... oder?

"Justin hat Kopfschmerzen, kann er etwas zu trinken haben?" Brian schaute fragend in die Runde.

Craig seufzte und stand auf. Und bevor er sich versah kam dieser mit einer leichten Schmerztablette, da Justin keine starken vertrug, und einem großen Glas Orangensaft zurück.

Er schritt zu Justin und übergab es ihm. Dann, und Brian hätte Freudessprünge machen können, strich er seinem Sohn einmal kurz übers Haar und gab ihm einen kurzen Kuss.

Auch Jennifer lächelte als sie das sah und ließ Justin sich an sie lehnen. Sie strich ihm über den Kopf, der auf ihrer Schulter ruhte und streichelte auch seinen Arm.

"Wo ist denn dein Pullover?" fragte sie als sie über den nackten Unterarm strich.

"Armer... armer Mann!" erzählte er aufgeregt. Er wollte seiner Mutter so viel erzählen. Über seine Reise zum Märchenschloss und seinen Prinzen. Auch über die große Burg wo er so viele Stifte bekommen hatte.

"Na ein Glück das du das Shirt anbehalten hast." meldete sich Craig zu Wort der gerade ins Zimmer kam und auf den Wohnzimmertisch 3 Tassen Kaffee und eine Schüssel Zucker hinstellte "Kann ich ihnen sonst noch was anbieten Mister Kinney?" Craig schien noch recht ruhig zu sein doch Brian wusste nur zu gut aus eigener Erfahrung mit seinem Vater, dass dies täuschen konnte. Er würde ein Auge auf ihn haben, und die Unterhaltung genauestens beobachten. Denn er würde sich nicht verzeihen wenn Justin etwas zustößen würde. Und Craig schien, wie schon am Telefon mitbekommen, schnell die Kontrolle zu verlieren.

"Mi... Mister.. Kin, Kinney?" Justin verstand nicht so recht "NEIN PRINZ BRIAN!" er wirkte trotzig als er seinen Vater den richtigen Namen von den Prinzen erläuterte.

Brian musste sich ein derweil ein Lachen verkneifen während Craig seinen Sohn nur anlächelte "Justin das sagt man doch nur so." erklärte er auf die schnelle und wechselte dann direkt das Thema. Er wollte es endlich hinter sich haben und dem Jungen nun etwas Disziplin beibringen. Und das würde nicht gehen wenn er andauernd nur an sein Märchenbuch dachte und an seinen Prinzen. Sie lebten schließlich in einer realen Welt und nicht in seinem Märchenbuch!

"Justin, hör mal. Als du weg warst hab ich viel nachgedacht." fing Craig an und schaute kurz zu Jennifer. Doch Brian konnte bemerken, dass selbst diese nicht wusste auf was er hinaus wollte "Und ich bin der Meinung du musst endlich loskommen von deinen Märchenbüchern und deinen Prinzen und diesen ganzen Quatsch. Es ist nicht echt hörst du! Es ist nicht echt! DAS ALLES IST NICHT ECHT! Und es ist auch der Grund warum du keine Freunde hast und nicht zur Schule gehen kannst.

Jus' hör mal, du musst endlich versuchen dich einzuleben. Sonst wird das nicht mehr gut gehen. Du bist 17 und keine 5 mehr! Und es gibt weder einen Prinzen, noch gibt es Märchen, noch gibt es Schlingepflanzen, noch wird es je ein Schloss geben! Du wirst nie deinen Prinzen finden weil er nicht existiert. Und du wirst nie glücklich werden wenn du das nicht akzeptierst! Denn es ist das was dich kaputt macht! Gib mir jetzt dein Märchenbuch damit ich es weglegen kann. Und danach kannst du auf dein Zimmer gehen und darüber nachdenken wie du dein Leben wieder hinbekommst."

Wie naiv konnte man sein? Brian stockte der Atem. Er konnte nichts sagen. Seine Kehle war zugeschnürt. Das einzige was er tun konnte war ihn entrüstet anzustarren. Denn im Moment konnte er nichts anderes. Er hatte sich also getäuscht. Und er würde Justin sicherlich nicht hier lassen.

Doch auch Jennifer, die ihren Sohn auch so wie er war liebte schien geschockt zu sein. Sie bekam nur ein heiseres "Craig!" heraus und schaute dann zu den verstörten Justin neben sich.

Justins hatte seinen Vater zwar wörtlich verstanden doch er verstand den Sinn nicht. Er lebte doch richtig. Wieso glaubte er ihm denn nicht? Vielleicht war Craig ja krank... aber warum sagten dann alle er selber wäre es? Hier war doch der Beweis: Der Prinz saß neben ihm. Konnten sie es denn nicht sehen? Und warum sagten sie ihm, alles wäre nicht echt. Warum fingen sie ihn ein! Er wollte gehen! Er wollte hier weg. Er fühlte sich eingeengt und verwirrt. Er verstand sich selbst nicht mehr und ihm wurde alles zu viel. Seine ganze Gedankenwelt schien ihn zu ersticken. Warum? Warum war er nicht okay!

"Nein!" Justins Stimme hallte noch sekunden später im stillen Raum nach. Er wusste selbst nicht warum er schrie. Er wusste nicht was sein Vater meinte. Er wusste nicht warum er nicht okay war. Er wusste ja nicht mal warum er hier bleiben musste, warum ihn denn niemand verstand. Seine Gedanken schwirrten herum und Justin bekam Panik. Er fing an zu weinen und zu schreien.

Brian befreite sich mit viel Mühe aus seinem Schockmoment und versuchte Craigs Rede in den Hintergrund zu drängen. Stadtdessen fing er an sich mit den herumschlagenden Justin abzumühen. Er fing seine Hände an und zog ihn fest an sich. So fest, sodass dieser nicht im stande war sich zu bewegen. Denn es war okay. Es war okay.

Justin schrie noch mehr. Er wollte das seine Gedanken endlich aufhörten da zu sein. Er wollte Ruhe. Er wollte Ruhe!

Von weitem hörte er seine Mutter schreien "Craig! Bist du verrückt! Er kann einen Rückschlag bekommen!" Dann fing sie an zu weinen.

Warum weinte Mama? Warum weinte sie denn? Warum war alles denn so eng. Bald fühlte er sich müde. Sehr müde. Er lehnte ausgebrannt an Brians Schulter der ihn in seinen Armen hielt und streichelte "Sie... Sie sind nicht okay! Sie sind nicht OKAY!" Brians Stimme war leise, und völlig kraftlos. Er zitterte während er den zierlichen Körper an sich gedrückt hielt.

Doch die Aussage traf Craig dennoch. Er schaute auf seinen Sohn und wusste erst jetzt was er angestellt hatte. "Justin...?" Er stand auf, schritt zu den beiden herüber und wollte Justin am Arm berühren doch Brian schrie "STOP!"

Dies schreckte Justin wieder auf und er befreite sich durch einen heftigen Adrelaninschub aus Brians Armen. Er stand auf und versteckte sich in einer Ecke. Er kauerte sich auf den Boden zusammen und hielt seine Beine an seinen Körper gepresst. Ängstlich schaute er zu seinen Prinzen.

Er mochte es nicht wenn er sauer wurde.

Brian wurde erst dann bewusst was er getan hatte. Er verschwendete keinen weiteren Gedanken mehr an Craig oder an die noch immer leise weinende Jennifer, und ging zu Justin.

Er zog ihn sanft hoch und nahm ihn in den Arm "Komm mit. Wir gehen zurück ins Schloss." Er schaute bei den Worten zu Craig und betonte das Wort "Schloss" extra ausgiebig. Denn er verstand Justin. Obwohl sie zwei unterschiedliche Welten waren.

Mit den Worten ging er mit Justin in Richtung Türe.

Doch da hatte er wohl die Rechnung ohne Justins Vater gemacht, denn dieser lief ihnen hinter her und stellte sich vor die Türe.

Justin bekam wieder Panik und drückte sich noch fester an Brian der es zuließ, und ihn beruhigend streichelte. Er machte sich große Sorgen um Justin. Doch er konnte sich jetzt nicht um ihn kümmern. Er musste erstmal hier weg mit ihm. Zum Schloss, ja zu ihrem Schloss.

"Zur Seite!" Brian sprach extra leise wegen Justin aber seine Aussage wirkte dennoch nicht minder bedrohlich.

Doch Craig dachte nicht mal daran "Was denken sie eigendlich wer sie sind! Justin ist mein Sohn! Er ist noch minderjährig und ich habe das volle Recht auf seine Entscheidungen! Er bleibt hier!" Craig machte sich da weniger Sorgen Justin zu beunruhigen, denn er spie die Worte lauthals aus.

Brian hatte genug gehört. Er konnte es immer noch nicht fassen. Seine Gedanken hatten sich in dem Moment ausgeschaltet. Alles was zählte war Justin. Er nahm ihn fest an sich, drückte Craig, dem er durch sein jüngeres Alter und sein körperliches Training überlegen war, weg und zog Justin mit sich zum Jeep.

"Das wird ein Nachspiel haben!" raunte ihm Craig noch ins Ohr bevor er ihn gehen ließ.

Er rannte ihnen nicht hinterher. Denn was sollten die Nachbarn wohl denken wenn er Justin schreiend und um sich kämpfend ins Haus ziehen würde gefolgt von einem wütenden jungen Mann der sich das nicht gefallen ließ.

Craig hatte lange gebraucht um sich ein hohes Ansehen zu verschaffen, und das würde er nicht fallen lassen durch einen autistischen Bengel und deren neu gewonnenen Freund.

Stattdessen ließ er sie erst einmal ziehen und schaute ihnen hinterher. Justin schien ruhig in der Gegenwart von Brian zu sein, und er schaute ihnen nach wie sie mit dem schwarzen Jeep verschwanden.

Es würde ein Nachspiel haben. Das wusste Craig. Denn Justin war sein Sohn und er würde hier leben ob er es wollte oder nicht. Er würde ihm Disziplin beibringen und ihm seine Märchenbücher vom Kopf drängen.

Denn er hatte sich schließlich nicht umsonst die Jahre mit dem Quälgeist abgemüht.

Denn sie sollten eine Familie sein! Eine perfekte Familie! Ob Justin es wollte oder nicht!