Brian schrak auf, als auf einmal etwas in seiner Hose vibrierte. Er nahm es heraus und sah, dass es Justins Handy war.

Anscheinend hatte er es nach dem Telefonat noch bei sich behalten.

Er besah sich den Namen auf dem Display und musste hart schlucken.

Es war Craig.

Brian wusste nicht genau, ob er den Anruf annehmen sollte, oder nicht. Er hatte Respekt davor, Respekt es würde Konsequenzen für ihn haben?

Nichts desto trotz nahm Brian den Anruf an. Vielleicht ließ sich ja die Sache mit ruhigen Worten klären?

"Hallo?" Er sprach leise, um Justin nicht zu stören, und schritt dann mit schnellen Schritten in die Küche, Justin immer im Blickfeld.

"Justins Vater, wo ist mein Sohn?" Craig Stimme hörte sich drohend an, doch Brian blieb unbeeindruckt. Da musste schon mehr kommen, um ihm diese Information zu entlocken.

Und auch, wenn er wusste, dass es immerhin Justins Vater war, und er ein Recht dazu hatte es zu erfahren, ließ sich Brian nicht beirren.

"Ihm geht es gut." Er hoffte Craig damit etwas zu besänftigen. "Aber er kommt nicht zurück."

Er wusste selbst nicht wie seine Stimme so ruhig und gelassen bleiben konnte, wenn tief in ihm ein wahrer Wirbelsturm wehte.

"Ich will meinen Sohn zurück haben, SOFORT! Sie haben kein Recht, ihn bei sich zu behalten, das ist Kindesentzug. Sie bringen ihn sofort her oder es wird Konsequenzen haben, das schwöre ich Ihnen!" Craigs Geduldsfaden schien endgültig gerissen zu sein. Er ließ sich doch nicht von einem "Möchtegern Ersatz-Daddy" in seine Erziehung einmischen.

Doch Brian hatte schon damit gerechnet, weswegen ihm diese Aussage auch nicht mehr viel ausmachte. Er wusste, es würde Konsequenzen haben, also warum nun den Unwissenden mimen?

Er würde Justin nicht zurückbringen! Nicht zu Craig. Er könnte sich selbst nicht nur Ruhe bringen, im Wissen, dass Justin derart behandelt und unterdrückt werden würde.

"Ich werde ihn nicht gegen seinen Willen zurück bringen, Mister Taylor! Wenn er mir sagt, er möchte zurück, dann spricht nichts dagegen."

Damit wäre ja schließlich so einiges geklärt... Oder?

"Ich lasse mir doch nicht von Ihnen vorschreiben, wann mein Sohn nach Hause kommt oder nicht! Sie bringen ihn jetzt sofort her, oder ich hetze ihnen alle erdenklichen Klagen an den Hals! Letztendlich werde ich ihn sowieso zurück haben, also überlegen Sie es sich zweimal, ihn noch weiter bei sich zu verstecken!" Craigs Stimme war so laut, dass Brian das Handy etwas weiter von seinem Ohr entfernte, um nicht die volle Dröhnung von Craigs Sprechorgan abzubekommen.

Und da sagte man, laute Musik würde die Ohren schädigen. Brian verstand trotz jahrelanger Disco Besuche immer noch alles haargenau, und er wusste, mit Craig konnte man keine Kirschen essen.

Langsam bekam Brian Zweifel. Doch er wollte Craig nicht seinen Willen geben.

Doch bei Brian riss so allmählich auch der Geduldsfaden. "Und Justin wird sich nicht länger von Ihnen derart behandeln lassen! Nur weil Sie sein Vater sind, heißt es nicht, dass sie alles mit ihm machen können, was Ihnen so in den Sinn fä werde ihn nicht gegen seinen Willen zu Ihnen zurück lassen! Und wenn es über das Gericht geklärt werden muss, dann wird es eben so sein! Denn letztendlich geht es nicht um sie, oder um mich! Es geht um Justin! Und dann geht es ja wohl auch darum, wo ER hin will! Ich sage es Ihnen nochmal, ich werde Justin nicht gegen seinen Willen zu Ihnen zurück bringen! Sie können mir mit allem drohen, aber ich habe noch genug Verstand um zu wissen, was das richtige ist!"

Brian schien so langsam bewusst zu werden, was dieser Mann für ein Typ Mensch war. Und immer wieder sah Brian seinen eigenen Vater in Craig wieder.

Wie sehr hätte sich Brians Leben verändert, hätte nur jemand ihn vor seinem Vater beschützt? Es hätte so einiges gerettet. Und vielleicht wäre Brian dann nicht dieser gefühlskalte Mensch gewesen. Doch zu seinem Unglück, hatte es niemand getan.

Aber eines wusste Brian. Er konnte Justin nicht zurück lassen. Es würde den Jungen zerbrechen. Schon alleine wenn er an die Aussage von Craig dachte, als er Justin dort abgeliefert hatte.

Brian konnte es noch immer nicht glauben. Und er hoffte Craig würde langsam selber verstehen, dass alles, was er tat, falsch war. Er Justin damit immer mehr zerbrach. Und Brian fand es dann auch nicht mehr so ungewöhnlich, dass Justin an Trennungsängsten litt. Bei so einem Trauma von Vater!

Und bevor sich Brian versah, hörte er, dass ihm so bekannte Tönen.

Craig hatte aufgelegt. Ohne noch etwas zu sagen.

Und Brian wusste es war nun endgültig. Doch warum aufgeben, wenn er doch nun sowieso mitten drin im Schlamassel steckte? Da nützte es auch nichts mehr alles rückgängig machen zu wollen!

Brian legte das Handy, ohne weiter über das Gespräch nachzudenken, weg und schritt langsam wieder die Stufen ins Schlafzimmer hoch.

Er schaute auf die noch immer schlafende Gestalt und war insgeheim erleichtert, dass Justin nicht aufgewacht war.

Denn er wüsste nicht, wie er erklären sollte, wer am Telefon gewesen war. Und auch, dass sein Vater alles erdenkliche tun würde, um ihn wieder zurückzubringen.

Dahin, wo die bösen Schlingeplfanzen und das Monster namens Craig Taylor war.

Brian hoffte auf Jennifer, vielleicht konnte diese Craig ja ein wenig zur Vernunft bringen.

Denn was nützte es, wenn Justin wieder zurück kam? Er würde bei der nächsten ihm dargebotenen Gelegenheit wieder weglaufen und vielleicht würde er dann nicht so ein Glück haben und bei einem stinkreichen Werbechef wortwörtlich vor die Füße laufen.

Er schritt mit leisen Schritten wieder zur Küche und schaute in den Kühlschrank. Doch dieser war wie immer, außer einem großen Biervorrat, und einigen Schüben von Annita so gut wie leer.

Er brauchte auf jeden Fall wieder etwas Essbares im Haus. Denn er konnte den Jungen ja wohl schlecht mit einer Bierflasche zufrieden stellen.

Er dachte nach und beschloss, Justin einfach ins Dinner zu fahren. Dort könnte er auch direkt Debbie kennen lernen. Vielleicht aß der Kleine ja dann etwas.

Brian dachte nach, was er zwischenzeitlich machen sollte. Denn er würde Justin nicht aufwecken.

Nein, er sollte noch etwas schlafen, und wenn er aufgewacht war, würde ja immer noch genügend Zeit sein, für einen Besuch in der Liberty Avenue.

Brian wusste zwar, dass diese Umgebung nicht gerade die beste für einen autistischen Jungen darstellte, doch er hoffte auf Debbies mütterliche Fürsorge, die ihm schon seit er 14 Jahre alt war auffiel, ihm die Last mit Justin etwas abnehmen würde.

Er erinnerte sich daran, Mel anzurufen und bereitete sich schon mal darauf vor, seine "Erzfeindin" um eine Gefallen zu bitten.

"Hallo?" Brian war etwas überrascht, dass sie sofort an ihr Handy ging, doch umso besser. Denn so schneller er es hinter sich hatte, umso mehr Zeit hatte er für sich. Denn während Justin schlief, konnte er wenigstens wieder in seinen eigenen Charakter zurück steigen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, ob es nicht der beste Umgang für einen autistischen Jungen sein würde.

"Brian Kinney, was verschafft mir denn heute die Ehre?" Doch ihre Stimme spiegelte puren Sarkasmus und dazu auch noch Spott wieder.

Brian atmete noch einmal tief durch.

"Melanie, das würde etwas viel werden um es am Telefon zu besprechen, deswegen schneid dir deine Hörner ab damit du später auf die Straße gehen kannst, denn wir treffen uns in ungefähr 2 Stunden im Dinner."

"Und warum sollte ich meine wertvolle Zeit ausgerechnet mit dir verschwenden?" Sie war kurz davor aufzulegen, doch dann hörte sie wieder Brians Stimme.

"Wenn dir irgendwas an deinem Job liegt, dann beweg deinen abgefranzten Körper einfach dort hin! Es geht nicht um mich. Und das sollte dich ja dann umstimmen." Brian seufzte, warum war es so schwer einfach nur einmal um etwas zu bitten?

Vielleicht weil er es nie tat? Denn ein Brian Kinney brauchte eigentlich auch keine Hilfe. Ein Brian Kinney schaffte alles alleine.

Korrektur! Fast alles.

Melanie dachte sich verhört zu haben. Hatte sie da richtig gehört? Es geht nicht um ihm? Um wem denn dann? Und seit wann um alles in der Welt kümmerte sich Brian Kinney, das egoistische Schwein, dass auch noch nebenbei mit ihrer Lebenspartnerin Lindsay befreundet und Vater ihres Sohnes war, um andere Menschen? Bat sogar für diese um Hilfe?

Anscheinend hatte sie zu lange nachgedacht, denn schon im nächsten Moment, noch bevor sie etwas sagen konnte, hörte sie Brian auflegen.

Ja, dass war wieder der Brian Kinney wie sie ihn kannte.

Sie seufzte tief durch und überlegte, was ihn wohl so beschäftigte, dass er sie um Hilfe bat.

Klar, war es nicht das erste Mal, dass sie ihn beruflich vertrat, doch meistens bat Lindsay sie darum. Und sie konnte ihrer Lebenspartnerin einfach keinen Wunsch abschlagen.

Selbst nicht, wenn es um den fiesesten und dazu noch egoistischsten Hengst in ganz Pittsburgh ging.

Brian hingegen hätte schreien können. Warum musste alles was Justin betraf so verdammt kompliziert sein?

Doch es war zu spät um etwas daran zu ändern. Und er trug nun die volle Verantwortung für seine Taten. Dies nagte mehr an Brian, als er zugeben mochte.

Grundsätzlich hatte er vorgehabt auch die restliche "Gang" ins Liberty Dinner zu versammeln, doch er wollte sich nicht die Blöße geben, und vor ihnen Mel um etwas zu bitten.

Brian wusste zwar, dass Mel dies sowieso wieder hinausposaunen würde, aber sie müssten trotzdem nicht dabei sein.

Brian schritt langsam zum Bett. Es wurde Zeit, dass er Justin weckte. Zwar hatten sie noch gut 2 Stunden Zeit bis zu ihrem, um ehrlich zu sein unvereinbarten Termin, denn im Grunde genommen hatte Mel nicht zugesagt. Nein, stattdessen war wieder der volle Brian Kinney im Einsatz, und hatte seiner einzigen Hilfe sinngemäß die Türe vor der Nase zugeschlagen.

Und das, indem er aufgelegt hatte. Er hätte ihre Hilfe wirklich gebrauchen können... aber vielleicht entschloss sie sich ja doch noch dazu, zu kommen? Denn wann hatte sie schon die Gelegenheit, Brian Kinney so hilfsbedürftig zu sehen?

Brian setzte sich auf Holzvertäfelung und rüttelte langsam an Justins Schulter.

"Hey, aufwachen." Er war zwar nicht liebevoll, aber immerhin sanfter, als wie er seine Twinks weckte, falls sie mal durch Brians Künste zu begeistert waren um nach Hause zu gehen.

Justin grummelte etwas im Schlaf und drehte sich dann zur Seite, Brian den Rücken zugewandt.

"Justin, ich hab nicht ewig Zeit! Komm schon!" Er rüttelte wieder an Justins Schulter.

Und langsam tat sich etwas in dem zierlichen Jungen. Er blinzelte erst bevor er freie Sicht auf seine blauen Augen gab.

Doch er schaute nicht wirklich entspannt aus. Eher unzufrieden.

Wahrscheinlich war er einfach nur müde, erklärte sich Brian diese Feststellung.

"Na komm schon, aufstehen. Wir gehen in ein Diner, da kannst du etwas essen."

Justin schien nicht ganz zu verstehen "Hmm?"

"In ein Diner. Dort essen wir etwas." Brian versuchte mit seiner wenigen restlichen Geduld an die Sache heranzugehen. Denn es nützte weder ihm noch Justin etwas, wenn Brian seine Nerven verlor. Und er schien kurz davor. Doch dieser Zustand hatte nichts direktes mit Justins Unverständnis zu tun. Eher damit, dass er mit den Nerven an eine Grenze stieß, die er zuvor selber noch nicht kannte.

Justin sagte darauf nichts mehr. Es dauerte eine Weile bis er aus dem Bett stieg, und dann unsicher zu Brian schaute.

"Deine Sachen sind dort." Er zeigte auf die andere Betthälfte und übergab sie ihm kurz darauf. "Zieh dich schon mal um, ich mach mich auch kurz frisch."

Mit den Worten verschwand Brian ins Bad, und war froh, wieder ein wenig Zeit für sich zu haben.

Er schaute in den Spiegel und besah sich sein Gesicht.

Er war hübsch, und er wusste es selber, doch er sah gestresst aus. Und müde, aber das war kein Wunder. Er hoffte nur, dass sich die Lage verbessern würde. Er brauchte endlich wieder etwas Ruhe.

Langsam massierte er die Entspannungsmaske auf seine gestresste Gesichtshaut. Sie hatten schließlich noch etwas Zeit, und Brian tat es gut, etwas für sein Aussehen zu tun.

Denn es gab ihm das Gefühl, wieder er selbst zu sein.

Der selbst verliebte nach ewiger Jugend strebender Brian Kinney.

Er hatte wohl vergessen die Türe abzuschließen, denn schon im nächsten Moment tapste ein, nur mit Unterhose bekleideter Justin herein.

Er schaute unsicher zu dem Prinzen herauf und erschrak als er sein Gesicht sah.

"Schnee?" Justin versuchte die Maske mit seinem Finger zu berühren, doch Brian klapste ihn leicht auf die Finger "Nein!" lachte er.

Doch er verstand im ersten Moment nicht, warum Justin ängstlich zurückwich. Er hatte ihn doch gar nichts getan? Es war doch nur ein leichter Klaps, der außerdem auch noch nur zum Spaß diente. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Justin dies als einen neuen Grund, für eine Angstattacke sehen würde.

Doch nach einigem Zögern seitens Brian schritt er etwas näher zu Justin, der aber stattdessen nur weiter zurückwich.

Brian verstand, und blieb stehen. Er hielt jedoch ungebrochen mit Justin den Augenkontakt. Er wollte ihm versichern, dass von ihm keine Gefahr ausging. Und auch wenn es Brian ungewöhnlich fand, versuchte er diesen Gedanken in den Hintergrund zu schieben, und sich im Moment nur auf Justin zu konzentrieren.

"Hey, das war doch nur Spaß." Seine Worte waren vorsichtig, und er lächelte leicht.

Er streckte seine Hand, mit der er ihm zuvor den Klaps gegeben hatte, Justin entgegen.

Er war vorsichtig und bemühte sich darum, Geduld zu haben.

Justin sah Brians gestreckte Hand und berührte sie, nach einem scheuen Blick in dessen Augen.

Er beruhigte sich langsam wieder. Von dem Prinzen war keine Gefahr zu erwarten, dies begriff er langsam immer mehr.

Justin hatte bei den Klaps gedacht, er würde ihn wie sein Vater anschließend schlagen. Er hatte Angst, als Brian ihn zurecht wies und bekam noch mehr Angst als dieser ihn mit seiner Hand auf seine eigene schlug. Und auch wenn es nicht fest war und es Justin nicht weh getan hatte, hatte er Panik bekommen.

Denn er hatte schon zu viele schlechte Erfahrungen mit seinem Vater gemacht, als dass er noch solche Späße verstand.

Denn Zuhause gab es keinen Spaß. Dort war alles ernst. Ernst und böse. Und niemand kam ihm dort zur Hilfe. Nicht mal seine Mutter konnte etwas dagegen tun, wenn ihn Craig schlug. Und Justin verstand es bis heute nicht.

Was hatte er denn falsch gemacht?

Brian hingegen ahnte langsam, warum der Junge so verängstigt auf laute Geräusche, und derartige Berührungen reagierte.

Denn er selbst konnte es nachvollziehen. Er versuchte sich in Justins Position zu denken, und ihm wurde klar, dass Craig bei der ganzen Sache eine enorme Rolle spielte.

Denn warum sonst sollte der Junge so verängstigt sein?

Hatte Brian Craig nun schon miterlebt, wie schnell er die Kontrolle verlieren konnte. Da kam es Brian auch nicht komisch vor, wenn ihm auch das ein oder andere Mal die Hand ausrutschte.

Er besah sich Justins halbnackten Körper, doch er konnte zum Glück keine blauen Flecken, oder Blutergüsse sehen.

Er war erleichtert. Denn er wollte nicht, dass Justin etwas getan wurde... weil... ja weil ihm der Junge etwas bedeutete?

"Na komm zieh dich an." sagte Brian ruhig, als sich Justin von dem Schreck erholt hatte.

Dieser schritt langsam zu seinen Sachen und fing an sich anzuziehen. Doch eine Jacke hatte er immer noch nicht.

Brian bemerkte schnell, dass er den Jungen nicht so raus schicken konnte. Er suchte nach einer passenden Jacke für ihn, in seinen eigenen Kleiderschrank, wurde er aber nicht fündig. Die meisten Jacken würden Justin nicht passen, da er schmaler und auch kleiner war als er. Doch Brian fand eine dunkelblaue Strickjacke die wohl ein Twink bei ihm vergessen haben musste. Sie müsste von der Größe er ungefähr passen. Zwar war sie immer noch etwas zu groß, aber immerhin besser als seine Sachen.

Er übergab sie Justin und war froh, als dieser sie ohne Wiederworte an nahm.

Und was sagte man? Ihm fielen Brians Worte in Kinnetik ein. "Da...danke?" Er schaute wieder verunsichert zu den Prinzen hoch, der jedoch lächelnd nickte.

Und wieder ließ diese einzige Geste Justin strahlen. Er zog sich langsam, für Brian ewig, um und schaute dann wieder zum Prinzen.

"Fer...tig?" Seine Worte waren völlig unaufgefordert, und Brian freute es, dass der Junge ein wenig sicherer in seiner Umgebung wurde.

"Hast du Hunger?" fragte er während er Hausschlüssel, Autoschlüssel, Handy und Brieftasche in seine Hosentaschen verstaute.

Justin brauchte lange um die Frage zu beantworten, nickte aber dann zaghaft mit den Kopf und ließ ein leises "Ja" vernehmen.

"Dann komm, wir gehen jetzt essen." Er schritt zur Lofttür und schaute zurück.

Justin kam langsam angetapst und schaute dann unsicher zurück.

Brian wurde langsam bewusst, was Justin wohl denken könnte. "Wir gehen in ein Diner." seine Stimme war ruhig und zeigte keinerlei Hektik an. Und dies nicht nur weil sie Zeit hatten. Er wollte den Jungen Sicherheit vermitteln. Zu nichts zwingen.

Doch um ehrlich zu sein hätte er eigentlich sagen wollen Wir gehen nicht nach Hause zum Essen, keine Angst.

Doch er brachte es nicht heraus. Stattdessen beließ er es dabei, sachlich zu antworten.

Justin brauchte eine Weile um diese Worte zu verstehen.

Dann, langsam und vorsichtig, schritt er mit den Prinzen ins Treppenhaus und wartete, bis dieser die Alarmanlage einschaltete.

Es war unbewusst, dass Justin hinblickte, doch er sah die Nummern die Brian eingab.

War dies der Schlüssel zum Prinzenschloss?

Justin wollte sich gerade auf den Weg machen, die Treppen herunter zu steigen, doch er wurde von den Prinzen aufgehalten.

Dieser griff ihn sanft und vorsichtig am Arm und zog ihn, immer darauf bedacht, keine erneute Angstattacke auszulösen, in den Aufzug.

Als sie drinnen waren erklärte er es mit diesen einfachen Worten: "Geht schneller.", und drückte auch schon im nächsten Augenblick die Taste für das Erdgeschoss.

Justin kannte Aufzüge, wenn er mit seiner Mutter beim Arzt war, oder auch bei seltenen Einkäufen, wo er mit durfte, doch er mochte diese Maschinen nicht.

Er fühlte sich unwohl und hoffte immer, es würde schnell vorbei sein.

Und das war es auch.

Unten angekommen stellte Brian Justin vor sich hin und zog ihm den Reißverschluss seiner Strickjacke höher. "Wir müssen dir auf jeden Fall neue Sachen kaufen, eine Winterjacke sowieso.", bemerkte er.

Dann ging er vorwärts, blieb jedoch abrupt stehen, als er Justin nicht neben sich sah. Dieser stand noch immer unschlüssig vor dem Aufzug.

Brian stöhnte genervt auf und zwang sich zum wiederholten Male an diesem Tag zur Geduld und zur Ruhe.

Er schritt wieder zu Justin "Was ist denn?"

Doch Justin antwortete nicht. Stattdessen nahm er Brians Hand und schaute dann unsicher wieder zu ihm herauf.

Brian hätte jeden anderen wegen diesem offensichtlichen Drang für seine Nähe ausgelacht, ja gar verspottet.

Aber bei Justin behielt er seine Gossensprache bei sich. Stattdessen schaute er nur zum jugendlichen Gesicht herunter.

Doch als er ein Lächeln von Justin dort sah, musste er hart schlucken.

Zögernd erwiderte er das Lächeln und stoppte, als er ihm eine verworrene Haarsträhne aus dem Gesicht streichen wollte.

Es war doch nicht richtig...

"Komm." Er schritt Hand in Hand mit Justin zum Jeep.

Doch als Brian ihn anwies einzusteigen, war es diesmal Justin der zögerte.

Doch der Prinz hatte ihm gesagt, sie würden nicht nach Hause fahren. Und wenn es der Prinz sagte, dann stimmte es schließlich ja auch. Denn er war der Prinz, das war doch klar!

Er überdachte alles zwei Mal, bevor er dann langsam mit Brians Hilfe einstieg.

Brian versuchte sich einzureden, er hätte ihm nur geholfen, aus Angst er würde vielleicht ausrutschen?

Doch in Wirklichkeit wollte er ihn berühren. Einfach nur berühren und ihm zeigen, dass er da war.

Das alles, was gerade passierte, echt war! Und dieses Gefühlschaos, indem sich beide befanden, mehr als nur real war.

Denn das war es. Und dennoch war es ein neues Märchen für Justin, und ein neues Kapitel für Brians Leben.

Brian ging zum Fahrersitz und stieg gekonnt ein. Er schaltete den Motor an und fuhr los.

Keine Hektik. Sie hatten ja noch Zeit.

Brian schaute auf seine sündhaft teure Armbanduhr und bemerkte, dass sie noch gut 1 ½ Stunden hatten.

Er beschloss spontan, einem ganz besonderen Laden einen Besuch abzustatten. Natürlich mit Justin.

Für Justin.

Brian fuhr in eine der exklusivsten Straßen in Pittsburgh.

Er parkte sein Auto gekonnt am Straßenrand, bevor er ausstieg und kurz darauf Justin half, dasselbe zu tun.

Justin schaute begeistert auf den großen Laden, mit den großen Panoramafenstern, von denen man alles gut sehen konnte. Innen waren schöne Kleidungsstücke, sorgsam aufgehangen oder gefaltet. Der ganze Laden war in warmen Cremefarben gestaltet. Vieles war mit Gold veredelt worden. Die Lichter waren angenehm, und als sie eintraten, wurden sie freundlich und galant begrüßt.

Doch Justin schrak etwas zurück als ein Mann mit schnellen Schritten auf ihn zu kam und ihn fragte, ob er ihm helfen könnte.

Er vergrub sein Gesicht in Brians Arm und genoss, den schönen Prinzengeruch, der auch auf seiner Kleidung zu riechen war.

Brian schien diesmal nicht verwundert über diese Reaktion zu sein. Und auch, wenn er Justin nur einen Tag lang kannte, gewöhnte er sich langsam an seine ungwöhnliche Verhaltensweise.

Denn für ihn war es okay. Für ihn war schließlich auch Justin okay.

"Nein, wir kommen schon klar. Danke!", gab er dem Mann zur Antwort und schaute dann zu Justin "Du musst schon die Sachen angucken, nicht meinen Ärmel, sonst weißt du doch gar nicht, was dir gefällt."

Justin verstand erst nicht, worauf der Prinz hinaus wollte. Wo waren sie denn überhaupt? Hier war alles so schön und teuer? Vielleicht waren sie ja in Brians Prinzenschneiderei?

Genauso wie in seinen Büchern.

Justin bemerkte erneut, dass er sein Buch gar nicht mehr hatte. Doch er bekam keine Panik. Denn der Prinz war ja jetzt da. Dann brauchte er sein Buch doch auch nicht mehr. Denn solange Brian da war, war alles okay.

Justin schaute sich erstaunt um. Er war noch nie in einem solch schönen Platz gewesen.

Und selbst wenn Brian diese Reaktion nicht ganz verstand, da er es ja schließlich gewöhnt war, seine Kleidung nur von den besten Marken und Häusern zu kaufen, musste er auflachen als er Justins bewunderte Augen sah.

"Na komm, gucken wir schnell was du brauchst, noch bevor dir die Augen vielleicht raus fallen." Er schmunzelte, und war insgeheim froh, als er sah, dass Justin sich freute.

Justin schaute sich um, ließ aber nicht Brians Hand los. Er zog ihn überall hin mit. Selbst in die Umkleide, nachdem Brian ein paar Teile für Justin gefunden hatte.

Denn dieser hatte zwar bei vielen Teilen gestaunt, traute sich aber nicht diese an zufassen. Er hatte Angst er würde sie kaputt machen. Und der Prinz würde dann wütend mit ihm sein.

Denn er machte alles kaputt. Das hatte er von seinem Vater so eingebläut bekommen. Er machte alles kaputt, ja selbst Familien, selbst Familien machte er kaputt...

Doch Brian beobachtete genau Justins Blicke, und nahm immer diese Teile an sich, die Justin besonders lange und ausgiebig anschaute.

Justin hatte keine weitere Zeit, sich um seinen Vater Gedanken zu machen. Während Brian die Sachen auf seinen Schoß tat und sich auf den dargebotenen Stuhl setzte, schaute sich Justin in der großen Kabine um.

Doch mehr als den einen schönen, großen Wandspiegel, ein paar Haken für die Kleidung, einen schönen vergoldeten Hocker und die schönen Fliesen auf denen er stand, fand er nicht. Ach ja... und der Prinz! Aber dieser war ja immer da. Justin lächelte bei den Gedanken, und schaute glücklich zu Brian.

"Zieh das hier mal an." Brian erwiderte das Lächeln kurz, und übergab dann Justin einen dunkelblauen leichten Kapuzen-Pullover.

Justin nahm ihn an sich, und zog sich etwas umständlich um.

Brian schaute ihn dabei belustigt zu. Der Kleine konnte aber auch tollpatschig sein.

Er half den Jungen die restlichen Sachen auszuprobieren. Aber auch nur, weil langsam die Zeit drängte. Denn wenn sie noch pünktlich ins Diner wollten, mussten sie sich nun etwas beeilen.

Brian musste selber zugeben, dass er die Zeit ganz vergessen hatte. Sonst brauchte er nie lange für eine kleine Shopping-Einlage, aber diesmal war es auch etwas anderes.

Denn Justin war ja da... Und Justin war... ja er war ja auch anders?

"Gefallen sie dir?" fragte Brian als die beiden an der Kasse standen, und er seine Kreditkarte zückte.

Justin antwortete nicht. Er nickte nur eifrig und staunte dann, wie wohl die Kasse funktionierte. Und die wunderschöne Karte, die der Prinz der Kassiererin gab.

"Einen schönen Tag noch.", lächelte diese, als sie alles ordentlich gefaltet, in eine große Papiertüte mit der Aufschrift "Canada Goose" legte.

Justin wusste weder, was dies bedeutete, noch hatte er eine Ahnung, wie viel diese Sachen gekostet hatten. Doch er wusste, dass sie schön waren, genauso wie der Prinz.

Brian nahm die Tüte an sich, und suchte nach der Jacke die er Justin gekauft hatte. Als er fündig wurde übergab er sie dem Jungen. "Hier, zieh die an."

Justin war froh, die schöne Jacke anziehen zu dürfen, und lachte als er sich damit im Wandspiegel, des Ladens sah.

"Schön!" freute er sich und sah zum Prinzen herüber. Dieser lächelte ebenfalls.

"In der Tat, bei dem Preis!" Er nahm Justins Hand wieder in seine und beide gingen gemeinsam zurück zum Jeep.

Wieder half er den Jungen auf den Beifahrersitz, und verstaute kurz darauf die Tüte im Kofferraum, bevor er selbst auf den Fahrersitz Platz nahm.

Justin befühlte derweil seine Jacke. Sie war schön warm, in einem hübschen dunkelblau, und hatte an ihrer Kapuze weiches Fell. An seinem Ärmel war ebenfalls die Aufschrift "Canada Goose", die er zuvor auf der Tüte gesehen hatte.

Justin erinnerte sich wieder an Brians Worte in der großen Burg mit den vielen Menschen, und den schönen bunten Stiften.

"Danke?" Justin erlernte das Wort langsam ohne Stottern auszusprechen. Denn bei dem Prinzen dachte er es so oft. Zwar sagte er es nicht immer laut, aber er dachte fast jeden Augenblick daran. Und er hoffte, der Prinz wusste, wie dankbar er war.

Brian fühlte eine angenehme Wärme, als er die aufrichtigen und dankbaren Augen von Justin sah.

"Bitte."

Im Diner war es derweil leerer als sonst. Es war nicht üblich, dass dort viele Tische frei waren, denn sonst war es immer bis zu den letzten Plätzen randvoll. Denn Debbie war sehr beliebt in der schwulen Community, und dass nicht nur durch ihre warme, mütterliche Art, sondern auch dadurch, dass sie sich öffentlich für Die Rechte der Homosexuellen Szene in Pittsburgh einsetzte.

Als die beiden ins Diner kamen, bemerkte Brian sofort die ruhige Stimmung. Er fand es angenehm. Und auch Justin schien sich nicht bedrängt zu fühlen. Aufmerksam schaute er sich im Diner um.

Sein Blick blieb an der Theke hängen. Er fand es aufregend, dass man dort sitzen konnte.

Fragend schaute er Brian an, und dieser verstand, als er Justins Blick zu deuten begann, der immer wieder zur Theke abschweifte.

"Komm mit." flüsterte er ihm ins Ohr.

Justin der diese Geste gefiel lachte laut auf, während er Brian zur Theke folgte. Sie setzten sich auf die mittleren Hocker nebeneinander und warteten, bis Debbie von der Küche zurück kam.

Als diese Brian sah wurde jedoch ihr Blick finster.

"Was fällt dir ein den Mann meines Sohnes mitten in der Nacht anzurufen, obwohl du weißt das sie an diesem Tag eigentlich -" Ach ja der Anruf, als Brian den frierenden Justin in der ersten Nacht zu sich genommen hatte. Den hatte Brian ganz vergessen. Doch Debbie stoppte als sie die zierliche Gestalt neben Brian bemerkte, welche nun ängstlich zu Debbie schaute.

Er wollte sich unbedingt verstecken, doch er hatte Angst, hier waren noch andere Menschen, und er fand keine sichere Ecke wo er Mollys Trick, beide Hände vor die Augen zu legen, anwenden konnte. Er blieb an seinen Platz. Dachte nach, wo er sich Schutz suchen könnte, und sein Blick haftete kurz darauf auf dem Prinzen.

Bewusst nahm er Brians Hand, die auf dessen Schoss war und drückte sie ganz fest, während er immer wieder scheue Blicke zu der wütenden Frau warf.

Sie hatte zwar nicht laut geredet, aber er bemerkte die offensichtliche Wut in ihrer Stimme.

"Es ist okay." Brian beruhigte Justin indem er ihm einmal über die Knöchel strich und sich dann wieder von seiner Hand losband.

"Debbie, das ist Justin, und deswegen bin ich hier..." Brian bemerkte Debbies Blick der fragend zu Justin gerichtet war "Er...er ist Autist." brach es zögernd aus Brian heraus "Und... ich muss mit dir reden." Wieder eine kurze Pause. "Dringend!"

Debbie dachte erstmal sie hätte sich verhört. Was hatte denn das nun zu bedeuten? War es ein neuer Streich von Brian? Oder machten die beiden gerade ein Rollenspiel? Aber dieser Junge, wie hieß er nochmal gleich? Justin! Er konnte niemals Brians neue Beute sein. Der Junge war doch gerade mal ein Kind! Und außerdem vollkommen nicht Brians Typ. Blond, blaue Augen und völlig unschuldig. Sie fand ihn zwar ganz niedlich, begriff aber nicht, warum er denn mit Brian zusammen unterwegs war?

"Ehm... Brian - ?" Debbie wusste erst nicht was sie sagen sollte.

Brian stöhnte genervt auf. Wieso war es denn so schwer es zu akzeptieren?

"Was willst du essen?" Er schaute fragend zu Justin, und ignorierte Debbie in dem Moment gekonnt.

Diese wollte erst empört zu einer weiteren Standpauke ansetzen, doch Justins ängstliches Wesen ließ sie inne halten.

Brian erhielt keine Antwort. "Justin, entweder du sagst mir jetzt was du willst, oder ich bestelle einfach etwas was ich gerne mag, und das wird dann gegessen!" Er konnte nicht verhindern, dass er etwas rau klang. Und dies bemerkte wohl auch Justin, der nun noch unsicherer und ängstlicher wirkte.

Brian seufzte auf, ließ denn Jungen alleine zur Ruhe kommen. "Debbie mach ihm-"

"Ich weiß schon" wurde er von Debbie unterbrochen "Schätzchen dich kriegen wir wieder hin.", lächelte sie Justin zu und schaute Brian, als sie Justins Blick woanders spürte, noch einmal wütend an.

Und Brian wusste, dies würde eine deftige Standpauke von Debbie bedeuten. Und er wusste auch schon den Ursprung:

Justin!

Sie bereitete für Justin einen Salat, Pommes, Fischstäbchen, ein paar Chicken Nuggets. Alles was Kinder so gerne mögen. Danach übergab sie ihm noch eine große Schüssel voller Süßigkeiten "Lass es dir schmecken, Schätzchen."

Doch Justin schaute nur undefinierbar auf das Essen und danach zu Debbie.

"Es ist okay, iss." meldete sich nun auch Brian zu Wort, und nickte ihm zu.

Justin erinnerte sich wieder mal an die Worte vom Prinzen, als sie in der Burg waren.

"Danke!" sagte er fest zu Brian.

"Nicht jemanden vergessen?" lachte nun auch Brian, auf Debbies entrüsteten Gesichtsausdruck hin.

Justin schaute nur ganz kurz zu Debbie und flüsterte ein leises "Danke?" hin.

Brian bedeute Debbie, dass es okay war.

Er stand auf. "Ich muss nur kurz mit Debbie reden. Ich bin gleich dort drüben." Er zeigte damit auf das kleine glaslose Fenster was zur Küche hin zeigte.

Justin wollte erst mitkommen, wurde aber von den Prinzen aufgehalten, als dieser ihm versprach, immer im Blickfeld zu bleiben.

Dies beruhigte Justin etwas, und er ließ sich wieder auf sein Essen ein. Es schmeckte gut. Und er merkte immer mehr, wie hungrig er eigentlich war.

Und wie sehr... ja wie sehr er Brian mochte?