Auf der anderen Leitung war es still. Die Stimme kam Jennifer bekannt vor. War es nicht... Nein! Das konnte doch unmöglich sein!
Sie war misstrauisch und traute sich anfangs kaum zu reden. Warum sollte 'dieser Brian' sie anrufen?
"Wer ist da?" Sie konnte es nicht verhindern, dass ihre Stimme zitterte. Was wenn er es wirklich war? Hieß es, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmte?
Jennifer war drauf und dran die Polizei anzurufen. Vielleicht könnten sie ihn so orten und ihr ihren Sohn wiedergeben. Und obwohl ihr ein Polizist eingebläut hatte, sobald der Entführer anrufen sollte, sie sofort die Polizei kontaktieren müsste, tat sie es nicht.
Sie wusste selbst nicht so genau warum sie es nicht tat, doch sie hatte das Gefühl somit alles kaputt zu machen.
Vorsichtshalber fragte sie nochmal nach "Wer ist da?" Vielleicht war es ja nicht mal 'dieser Brian'.
Brian ließ sich Zeit. Nur das stetige Atmen war in der Leitung zu hören.
"Brian..." Würde sie wissen wer mit ihr sprach?
Jennifer schien wie aufgeweckt zu sein. Er war es also doch! Sollte sie die Polizei rufen?
Brian schien zu bemerken, wie es nun stand. Er hatte zu viele Filme gesehen. Er wusste wie so etwas ab lief. Aber selbst in einem solchen Film zu sein? Das war wohl kaum ein bekanntes Gefühl!
"Wir brauchen keine Bullen... Ich... Ich bringe ihren Sohn zurück!" Wo Brians Stimme anfangs noch zitterte, schien sie am Ende fest zu sein. Er würde Justin zurückbringen! Ihn vergessen! So tun als ob er ihn nie gesehen hätte... nie getroffen hätte... nie... ja nie etwas für ihn gefühlt hätte!
Er redete sich ein, dass man aus Fehlern lernte. Er redete sich ein, nichts für Justin zu empfinden. Ihn nur aufgenommen zu haben, aus Mitleid. Und ihn nun wieder abzugeben, zum Recht. Sein altes Leben wieder weiter zuleben. Nur für sich verantwortlich zu sein.
Das war es doch, was er wollte! Oder nicht?
Jennifer war anfangs zu perplex um zu antworten. Das war es also? 'Dieser Brian' entführte ihren minderjährigen autistischen Sohn, nur um ihm am Ende freiwillig wieder zurückzubringen?
"Was?" Etwas besseres fiel ihr nicht ein. Schnell fügte sie noch hinzu "Aber nicht, dass ich es bedauern würde! Ich... ich will ihn jetzt zurück... Jetzt!" stotterte sie. Brian konnte es nicht verstehen. Musste er nicht derjenige sein, der unsicher war? Er wäre in ihrer Situation völlig durch den Wind gewesen. Aber vielleicht war sie es ja auch. Und versuchte nur ruhig zu bleiben. Ja, so müsste es sein!
"Jennifer.. ich bring ihnen Justin jetzt... Zeigen sie mich an... ich steh zu meinen Taten." Ja, das war Brian Kinney. Seine Stimme zitterte nicht. Sie war standfest. Er würde dafür stehen. Er würde es erklären. Mit der Wahrheit kam man manchmal weiter als mit einer Lüge. Dies lernte Brian das erste Mal hierbei zu schätzen. Und vielleicht galt es ja auch für ihn. Für ihn und Justin.
Eine raue, laute Männerstimme war vom Hintergrund zu hören. Craig? Mist! "Brian, ich... es ist unpassend. Bringen sie Justin wenn es hell wird. Ich .. ich muss auflegen."
Stille in der Leitung. Dann das ihm wohl bekannte "Auflegzeichen".
Er legte das Telefon weg. Das war es also? Er hätte mit mehr gerechnet. Mit viel mehr! Aber damit... ja, dass Jennifer so ruhig blieb, ihm zuhörte, ihn vielleicht sogar verstand? Nein, damit nicht!
Was war bloß vorgefallen?
In der selben Zeit bei den Taylors:
"Wer war am Telefon?" Craig kam mit seiner halbvollen Bierflasche bedrohlich näher an Jennifer heran "WER WAR DA DRAN?" Er hatte viel getrunken. Sehr viel. Die Alkoholfahne roch man noch von weitem.
Jennifer war froh, dass Molly dies nicht mitbekommen musste. Sie war bei Freunden auf einer Übernachtungsparty, und Jennifer schien dies nur Recht zu sein.
Denn Craig hatte sich kaum mehr im Griff.
Jennifer atmete tief durch. Versuchte ihre Stimme ruhig zu halten. Keine Anzeichen der Lüge zu zeigen die sie sprach "Es... es war die Polizei. Sie konnten Justin ausfindig machen. Er wird heute Mittag wieder zurückgebracht." Sie versuchte freudig zu klingen.
Doch das war sie nicht. Sie sorgte sich um Justin. Craig war unberechenbar. Schon im normalen Zustand. Aber betrunken? Dafür gab es keine Worte.
"Aha! Der wird was erleben wenn er wieder kommt!" Craig warf die Flasche wütend gegen die Wand, wo sie sofort in Scherben zerbrach.
Jennifer schreckte dadurch auf. Sie fasste sich ans Herz. Ließ ihre Hände aber sofort wieder sinken, als Craig sie anstarrte. "Und du? Was ist mit dir? Verheimlichst du mir etwas? Was machen sie jetzt mit diesem 'Mistkerl von Kinney'?"
Craig griff zu einer neuen Flasche die auf dem Wohnzimmertisch stand. Er öffnete sie mit seinem Zähnen und trank große Schlücke davon. Er taumelte. Stand aber dennoch noch auf seinen Beinen.
"Er... konnte entkommen... ." Was tat sie da? Warum half sie Brian? Sie wusste es selbst nicht so genau, doch er war der erste Mensch der Justin Gutes tat. Der soviel auf sich nahm, nur um Justin zu schützen. Sie wusste von Anfang an, dass seine Absichten nicht falsch waren. So behielt sie im Gegensatz zu ihrem Mann ihre Nerven. Zwar saß sie öfter am Tag weinend im Bett, weil sie Justin vermisste, sich um ihm sorgte, doch sie konnte es so recht nicht glauben, dass Brian ihm schaden würde. Nein... dafür war er zu aufgeschlossen.
Sie konnte nichts anderes tun als ihn zu schützen... . Und ganz tief im Herzen war sie auch froh, dass Justin diese Nacht nicht hier war. Und umso mehr sorgte sie sich, was wohl passieren würde wenn er es eben wieder war!
Craig würde es nicht bei Worten überlassen. Ihr traten Tränen in den Augen. Sie war hilflos. Was sollte sie nur tun? Sie wollte nur das beste für Justin und Molly. Doch sie kam einfach nicht los von Craig. Sie ängstigte sich davor, sich ihm zu widersetzen.
"DAVON GEKOMMEN? Das kann doch wohl nicht wahr sein! Ich werde dieses Schwein finden und es in Stücke reißen! Mein ganzer Ruf ist hin, durch diese scheiß Schwuchtel!"
Craig hatte sich über Brian informiert. Und ihm entging nicht, dass dieser der Stud von Pittsburghs Schwulen-Szene war. Er würde büßen! Das würde er!
"Craig, er hat keine schlechten Absi-" Doch sie wurde sofort unterbrochen.
"Ich mach ihn fertig! Diese scheiß Schwuchteln sollen verrecken!"
Jennifer schrak auf.
Craig trank seine Flasche leer. "Ich mache ihn vor Gericht nieder! Schwuchteln haben keine Chance, die Richter hassen diese Art von Menschen! Es wird leicht sein ihn runter nzukriegen." Craig taumelte wieder und setzte sich auf das Sofa "Warum bist du so angespannt?"
Wie konnte ihm dies auffallen!
"Ich? Ich mache mir nur Sorgen um Justin." Sie versuchte glaubwürdig zu klingen. Sie machte sich ja auch Sorgen um ihn, doch viel mehr beschäftigte Craig sie. Es konnte so nicht mehr weitergehen. Das war doch kein Leben für sie! Ein Leben in Angst, Trauer und Schmerz.
"Der kriegt auch noch sein Fett weg!" murmelte Craig und trank wieder einen großen Schluck aus seiner Bierflasche.
"Craig, lassen wir es einfach so. Er kommt ja wieder, und... er hat gelernt... Es war ein Fehler... bitte.. er ist doch krank! Er konnte ja auch nichts dafür..." Jennifer versuchte mit allen Mitteln Craig zu beruhigen. Doch so Recht gelang dies nicht.
"Was!" Craig stand auf. Er trat bedrohlich näher an Jennifer heran.
Brian hatte ein ungutes Gefühl dabei. War dies ein Plan um die Bullen zu rufen? Brian konnte nicht mehr klar denken. Es fiel ihm schwer Jennifers Verhalten zu durchschauen.
Warum sollte sie ihm denn helfen wollen?
Brian entschied sich dafür Justin sofort abzugeben. Vielleicht würde sich dann die ein oder andere Sache klären lassen... .
"Ich bringe Justin jetzt zurück.", murmelte er dem verdutzen Michael zu. Auch Ben schien etwas überrascht zu sein.
Das war also das gefürchtete Telefonat mit Justins Mutter?
Da lief etwas falsch. Gewaltig falsch.
Brian lief in Richtung Schlafzimmer. Wurde aber im letzten Moment noch von Michaels Hand auf seinem Oberarm aufgehalten.
Michael schaute ihn fragend an. "Und?"
"Mikey da läuft etwas falsch. Es kann ja nicht sein, dass Jennifer so schnell auflegt. Einfach so. Ich glaube sie will die Bullen holen. Ich bringe ihn jetzt zurück und vielleicht..."
Brian brach ab. Jetzt wo er so nah daran war eine wirkliche Strafe zu bekommen, erschien ihm diese ganze Flucht total verantwortungslos und völlig falsch.
Wie hatte er nur so etwas tun können? Er hoffte nur er würde nicht alles verlieren. Es war ein Fehler. Ein gewaltiger Fehler, den er nie mehr machen würde...
"Brian, vielleicht ist es ein Trick. Du solltest dich auf das schlimmste gefasst machen."
Brian schaute Michael fassungslos an. Doch er hatte Recht. Er müsste sich auf alles gefasst machen!
Er brachte noch ein leises "Okay" zustande, bevor er sich daran machte, Justin eine graue Joggingshose von Michael und ein ebenso graues T-Shirt, ebenfalls von Michael anzuziehen. Es war Justin zwar etwas groß, da er zierlicher als Michael war, aber es war besser als gar nichts. Er wollte ihn vorsichtig hoch heben, als Justin einen murrenden Laut von sich gab.
"Schh, ich bin es. Schlaf weiter." Brian wartete bis Justin wieder einschlief. Er musste erschöpft sein, wenn er so gut wie jede spannende Fahrt verschlief.
Brian trug ihn vorsichtig in Bens Wagen. Ben folgte ihm. Michael hingegen blieb Zuhause. Sie hatten es so beschlossen. Zur Sicherheit. Falls Jennifer ihn doch geortet hatte, und die Polizei dort auftauchen würde, könnte Michael wenigstens ein wenig die Sachlage klarstellen. Selbst wenn es nicht mehr viel bringen würde. Ein Versuch war es doch wert. Und heutzutage musste man eben auf alles vorbereitet sein.
Brian schaute Ben dankbar an. Ein Danke brachte er nicht zustande. Es war einfach nicht seine Art zu danken. Oder zu bitten.
Ben verstand. Er klappste Brian freundschaftlich auf die Schulter. Die Wut von vorhin schien verflogen zu sein. Brian schien wenigstens wieder zu sich gekommen zu sein. Er schien das richtige zu tun. Sich von diesem ganzen Ärger frei zu waschen. So gut es eben noch ging!
Die Fahrt verlief ruhig. Brian hatte Justin wieder auf seinen Schoß. Er wachte nur einmal kurz auf. Erblickte seinen Prinzen und schlief dann augenblicklich auch wieder ein. Der Prinz war ja da. Ihm würde nichts geschehen.
Er merkte nicht wohin es ging. Noch merkte er, dass er nach Hause musste. Das der Prinz im Begriff war sein Versprechen zu brechen.
Das erste Mal in seinem Leben.
Denn ein Brian Kinney hielt seine Versprechen. Eigentlich... .
Die Straßen von Pittsburgh waren dunkel. Nur die Straßenlaternen erhellten sie spärlich. Nicht mehr viele Menschen waren unterwegs. Die Straßen frei von Autos.
Ben ließ sich von Brian den Weg weisen. Dieser konnte es aber nur schwerlich. Zwar verfuhren sie sich kurz, enteckten aber schlussendlich doch noch das richtige Haus.
Brian hatte ein mulmiges Gefühl als er ausstieg und Justin auf seine Arme lud. Er hoffte nur, dieser würde nicht aufwachen. Er wollte nicht in seine schmerzvollen Augen sehen. Wollte es nicht sehen.
Er hatte ein mulmiges Gefühl dabei. Er würde Justin nie wieder sehen. Diese Erleuchtung verletzte ihn. Ohne das er es verhindern konnte. Er schaute in Justins unschuldiges Gesicht. Es tat weh.
Doch er musste es tun. Er würde tauschen. Justin gegen sein altes sorgloses Leben.
Ben schloss das Auto ab und schaute sich um. Die Umgebung war ruhig. Kein Mensch auf den Straßen. Er schaute auf seine Uhr. Es war 3 Uhr morgens. Wie lange hatten sie denn geredet?
Er ließ sein Blick weiter über die Umgebung schweifen. Ebenso keine Anzeichen von einem Polizei-Einsatz. Es war also doch kein Trick!
Sonst müsste doch schon längst etwas passiert sein oder?
Im Hause der Taylors brannte noch Licht. Als sie an der Haustüre ankamen und klingelten, konnte man von inneren lautes Gebrüll hören.
Brian war sofort alarmiert. Im Gras des Vorgartens lagen leere Bierflaschen. Teils kaputt getreten, teils noch ganz.
Das sah nicht gut aus! Brian war drauf und dran Justin wieder ins Auto zu bringen. Er hatte Angst ihm könnte etwas geschehen. Craig schien ganz außer sich zu sein, wie er brüllte und schrie.
Doch zu spät. Die Türe öffnete sich. Eine verängstigte Jennifer trat einen Schritt heraus und lehnte die Türe hinter sich etwas zu. Ihre Augen waren verweint.
Als sie Justin erblickte strahlte sich etwas. "Schatz." Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurück halten.
Doch von innen hörte man wieder das Gebrüll von Craig "Wer ist da an der Tür!"
"Es ist niemand!" brachte sie rufend zustande und lehnte die Türe hinter sich etwas weiter zu.
"Sie müssen weg!"
Was? Brian verstand nicht. Jetzt wo er ihren Sohn wieder zurück brachte, wollte sie, dass er wieder ging? Brian dachte immer mehr, er wäre auf einen schlechten Trip. Und sollte dies der Fall sein würde er Anita zur Schnecke machen.
Er schaute sie nur unglaubwürdig an. Was sollte er schon sagen. Er war zu durcheinander und verstand gar nichts mehr.
Wieder Gebrüll und innen. "JENNIFER, KOMM SOFORT HER!" Ein klirren. Bestimmt eine weitere zerbrochene Bierflasche.
Und das schlimmste war - Justin schien sich langsam zu regen. Er wachte langsam auf. Sah sich um. Durch das spärliche Licht der Straßenlaternen konnte er sein Haus ausfindig machen.
Nein!
Er fing an zu schreien. Sich in Brians Armen zu winden. Er wollte nicht zurück! Der Prinz hatte ihn angelogen! Er mochte ihn also doch nicht! Es war alles nur eine Lüge! Sein Versprechen war gebrochen! Und Justin wollte nie wieder vertrauen. Nie wieder verletzt werden.
Er war also doch nicht okay!
Brian war zu geschockt. Er konnte nicht anders und ließ Justin herunter. Die Tritte und Hiebe die er einkassierte vergaß er.
Anscheinend hatte Craig den Trubel gehört und schritt nun ebenfalls an die Türe "Ich hab dir gesagt du sollst herko-" er brach ab als er Brian und Justin erblickte. Der unbekannte Mann an Brians Seite war ihm in den Moment egal.
"Sofort rein!" Er schubste Jennifer von der Türschwelle ins Haus.
Brian bemerkte sofort, dass Craig zu viel Alkohol getrunken hatte. Und das nicht nur an der gewaltigen Alkoholfahne sondern auch an seinem Taumeln und seinem Lallen.
Er schien unberechenbar zu sein. Sein Handeln völlig unbedacht. Doch Brian hatte keine Angst um sich. Viel mehr um Justin. Er müsste ihn jetzt zurückbringen! Und Brian schien es so, als wäre es nicht das erste Mal, dass Craig zu viel getrunken hatte.
Nein, es war nicht das erste Mal.
Justin wollte weglaufen, doch Ben hielt ihn fest. Er drückte ihn an sich. Versuchte das Bündel zu bändigen.
"Du! Ich rufe sofort die Polizei! Du miese kleine Schwuchtel!" Craigs Worte waren hasserfüllt. Er spuckte Brian mitten ins Gesicht.
Ben horchte ebenfalls auf. Das war also Justins Vater. Der Grund, weswegen Brian die Flucht ergriffen hatte. Und Ben schien es gar nicht mehr so falsch zu sein, jetzt wo er Craig ansah.
"Und du!" Craig trat zu Justin, wurde aber sofort von Brian gestoppt.
"Einen Schritt näher und du kannst deine Eier auf dem Boden suchen!" Brians Stimme klang bedrohlich.
Und diese Tatsache ängstigte Justin nur noch mehr. Es war nicht das erste Mal, dass er seinen Vater so betrunken sah. Doch es war das erste Mal, wo auch Brian da war. Und er hatte Angst. Große Angst! Er wollte nicht zurück. Er wollte viel lieber wieder in Brians Umarmung. Nie wieder dort weggehen. Ihm gefiel es nicht, dass dieser fremde Mann ihn festhielt. Doch er konnte sich nicht wehren, der Griff war zu fest. Er wollte schreien, doch er brachte nichts heraus. Der Schock saß tief, als er auf einmal die Szene sah die sich kurz darauf vor seinen Augen abspielte.
Nein!
Sofort legte Ben einen Arm um Justins Rücken, den anderen um Justins Kopf und drückte den Jungen fester an sich. Er wollte nicht, dass er dies mit ansehen musste!
