Kapitel 24
Als Harry sich auf sein Bett im Jungenschlafsaal fallen ließ, bemerkte er zum ersten Mal die Person, welche bei der eben stattgefundenen Geschenkübergabe gefehlt hatte. Es war Damion und der braunhaarige Junge stand mal wieder an seinem scheinbaren Lieblingsplatz und schaute auf die Ländereien von Hogwarts.
„Und, hat sich Hermine gefreut?" Fragte der Braunhaarige, ohne sich vom Fenster wegzudrehen.
„Ja sehr", antwortete Harry. „Doch warum warst du nicht mit unten?"
Damion drehte sich kurz um, sah Harry mit müden Augen an und meinte, er habe verschlafen. Als Harry ihn daraufhin skeptisch anblickte, zuckte der Gryffindore sogar zusammen, denn eines hatte Harry in den letzten drei Wochen gelernt. Damion war ein Frühaufsteher und scheinbar nichts konnte dies ändern. Deshalb verbesserte sich der Junge nochmals und sagte mit ertappter Stimme, er habe sehr schlecht geschlafen und einen Alptraum gehabt.
Nun verstand Harry es besser und ließ die Sache auf sich beruhen, denn ein Alptraum konnte einem wirklich den Schlaf rauben. Und die Tatsache, dass Damion auch sehr verschwitzt aussah, unterstrich seine Aussage zusätzlich. Sicher hatte der Braunhaarige von seinem Unfall geträumt und Harry sah nun, da Damion sein Pyjamaoberteil ausgezogen hatte, unbewusst auf die immer noch sichtbaren Narben.
Zwei Minuten später wechselte Harry aber das Thema und der Schwarzhaarige wusste nicht wieso, doch er erzählte Damion, was eben unten geschehen war. Ursache dafür war auch die Frage seines Gegenübers in Bezug auf den spitzen Schrei von Hermine. Damion grinste, als er dies hörte und meinte auch, dass sich Ginny wieder einkriegen würde. Allerdings verwendete er dabei wieder eine Bezeichnung, von der Harry wusste, sie würde den Rotschopf auf die Palme bringen. Damion nannte sie Feuervogel in Anspielung auf ihre Haarfarbe und Harry war damals dabei gewesen, als er dies schon einmal getan hatte. Es war grausam gewesen und zwei drei Erstklässler begegneten Rons Schwester seit dem nur noch mit einem gewissen Abstand.
Harry fragte Damion mit ernster Stimme, warum er Ginny, die ja mal ganz kurz mit ihm zusammen war, immer ärgern musste. Styls Sohn sah Harry mit verschmitztem Gesicht an und sagte,
„Ach weißt du Harry, ich will sie doch nicht ärgern, denn wenn ich das wollte, würde ich andere Bezeichnungen verwenden. Nein, es ist wohl eher die Tatsache, dass Ginny etwas an sich hat, das mir ein vertrautes Gefühl beschert. Irgend etwas stimmt mit ihr nicht und dass zeigt sich auch darin, dass sie schon wieder einen neuen Jungen im Schlepptau hat."
„Echt", fragte Harry überrascht.
„Ja echt, Harry. Und dabei schien sich die Sache mit dem Huffelpuff letzte Woche so gut anzulassen. Gestern Abend aber war er wieder solo und machte sogar einen eingeschüchterten Eindruck. Also ich denke, wir sollten Ginny ein wenig beobachten."
Harry konnte immer noch nicht glauben, was er da hörte. Was sollte denn mit Ginny sein? Sie versuchte halt einen neuen Freund zu finden und Harry fand dies gut. Warum sollte denn auch jeder wegen ihm kein eigenes Leben haben? Und das einzige, was Ginny vielleicht ein wenig anders machte, war halt die Geschichte mit ihren Vorfahren. Harry sah noch ein letztes Mal zu Damion, der nun ins Bad ging und danach überlegte er, ob man für den Abend noch was brauchte.
Die kleine Geburtstagsparty für Hermine war ein voller Erfolg geworden und die letzten Gryffindores waren so gegen drei Uhr ins Bett gekommen. Doch das wusste Harry nur vom Hören. Nein, er war schon viel früher gegangen, denn Professor Styls Warnung lag ihm deutlich im Ohr.
Allerdings hatte die Tatsache, dass ein Großteil seiner Mitschüler noch schlief den Vorteil, dass keiner Harry fragte, was er heute, an einem Sonntag, für Unterricht habe. Somit machte sich der Schwarzhaarige auf den Weg zu Professor Styls und dieser erwartete ihn auch schon im Raum der Wünsche.
„Ah Harry, schön dass du schon auf bist. Ich meine gehört zu haben, dass Professor McGonagall fast soweit war, euch heute Nacht noch einen Besuch abzustatten. Gryffindore muss wirklich sehr laut gewesen sein. Ihr könnt von Glück reden, dass ich es auf meine Kappe genommen habe und Minerva für ihre Lieblingsschülerin so gut wie jedes Auge zudrückt."
Harry sah seinen Professor mit großen Augen an und schloss danach die Tür zum Raum der Wünsche, welcher heute wieder mit jeder Menge Kissen am Boden bestückt war. Professor Styls bat Harry, sich zu setzen und warf sich danach selber auf den Teppich.
„So Harry, ich denke heute fangen wir an, in deinen Geist einzutauchen. Du musst unbedingt ein Gefühl für dich selbst bekommen und wie es in dir aussieht. Und dafür nehmen wir uns eine kleine Hilfe. Ich hoffe doch, du hast gestern nichts getrunken."
Professor Styls sah den Gryffindore abschätzend an, doch Harry schüttelte schnell seinen Kopf. Nein, das hatte er nicht, denn erstens wusste er ja nicht, was Styls heute vorhatte und dann war Harry nicht wirklich in der Stimmung gewesen, bei Rons kleinem Bierwettbewerb mitzumachen. Allerdings ließ Harry die Gedanken daran im nächsten Moment fallen, als sein Blick auf etwas traf, dass ihm doch fast die Augen übergehen ließen. Es war Professor Styls oder vielmehr die kleine Schachtel in seiner Hand.
Styls öffnete sie und entnahm etwas, dass Harry schon mal bei Dudley gesehen hatte. Dass es dies aber auch in der Zaubererwelt, oder schlimmer, in der Hand eines Lehrers gab, das wollte bei Harry nicht in den Kopf. Styls bemerkte den Blick seines Schülers und fing an zu lachen.
„Ach komm schon Harry, du kennst doch bestimmt den Spruch, Früh am Morgen nenn Joint und der Tag ist dein Freund."
Als Harrys Blick immer geschockter wurde, fuhr Professor Styls das Gas ein wenig zurück. Er stand kurz auf und holte eine kleine flache Metallschale. Diese platzierte er zwischen sich und Harry und legte das länglich gedrehte Papierröllchen hinein.
„So Harry, nun entspannen wir uns ein wenig. Doch zuvor ein wenig Aufklärung, denn anhand deines Blickes glaube ich, du deutest da etwas falsch. Dies hier... - Styls hob den Joint hoch-... ist kein Gras oder so was. Nein, es sind indische Heilkräuter. Eben solche, aus denen ich auch Damions Spritzen herstelle. Sie werden nun mal in dieser Form angeboten, haben aber nichts mit den Drogen der Muggel gemein. Obwohl, die Sache mit den Joints stammt von den Zauberern. Sie kannten damals noch keinen Tabak und versuchten, sich mit allerlei Kräutern Entspannung zu verschaffen."
Harry schaute seinen Lehrer immer noch etwas ungläubig an und wartete darauf, dass Styls im nächsten Moment das kleine Röllchen entzündete. Doch dem war nicht so. Professor Styls nahm es nur und brach es über der Metallschale in zwei Hälften. Dabei erklärte er weiter.
„Es ist jetzt schon einige Jahrzehnte her, da haben die Zauberer das Zeug hier noch pur geraucht und einige Muggel haben es ihnen nachgemacht. Doch dann erkannten die ersten Hexen die Gefahren ihres Handelns und man ließ davon ab."
„Aber die Muggel haben weiter geraucht?", fragte Harry dazwischen und Styls lächelte.
„Ja, das haben sie. Doch nicht mehr die Kräuter der magischen Welt. Sie wussten einfach nicht, wo man sie findet und haben daher nach anderen Möglichkeiten gesucht. Schließlich fanden sie einen für sie geeigneteren Stoff und woila, die wilden Siebziger konnten kommen. Doch das soll unsere Sorge nicht sein. Denn wir wollen ja nicht high werden, sondern uns lediglich ein wenig entspannen. Ach und Harry, eines musst du mir versprechen. Solltest du mal in die Verlegenheit kommen, dass man dir so ein Tütchen hier anbietet, rauche es nicht."
„Warum?", fragte Harry, obwohl er wusste, dass er sich niemals mit Drogen einlassen würde. Zu viel hing von ihm ab, als dass er so leichtsinnig mit seinem Leben spielen würde.
„Nun, Harry, die Folgen wären nicht sehr angenehm. Die Kräuter sind nämlich alles andere als harmlos. Ok, sie machen nicht süchtig, doch ich versuche es dir mal so zu erklären. Ein Zug vom, ich sage einfach mal Joint, lässt dich etwas entspannen. Zwei Züge, du bekommst Probleme stehen zu bleiben und dein Geist wird leicht willenlos. Drei Züge, du kannst dich nicht mehr bewegen, weil deine Muskeln sich so entspannt haben, dass sie ihren Dienst verweigern und nach vier Zügen gilt dies auch für Muskelgruppen, die dich damit in eine äußerst peinlich Situation bringen könnten. Der Fünfte ist dann der finale Zug. Er wird wahrscheinlich dein Herz zum Aussetzen bringen."
Harry sah seinen Lehrer mehr als nur geschockt an und fragte sich daher, wieso er dann überhaupt daran dachte, das Zeug zu verwenden. Styls schien diese Frage wieder mal in seinem Gesicht ablesen zu können und beschwor daher einen kleinen Becher Wasser. Diesen schüttete er über die grünlich schimmernden Kräuter, schwenkte das Ganze und entzündete es schließlich mit seinem Stab.
„Aber so" – Professor Styls sah zu Harry auf –„nehmen wir der ganzen Sache ihre Gefährlichkeit und können uns auf das Wesentliche konzentrieren."
Harry verstand zwar noch nicht ganz und es wurde ihm auch ein bisschen mulmig. Sein Blick wanderte auf die kleine Schale und fasziniert beobachtete er, wie die ersten Bläschen aufstiegen. Sie zerplatzten an der Oberfläche und ein schwerer, süßlicher Geruch breitete sich aus. Harry bekam das Gefühl von absoluter Zufriedenheit und seine Muskeln entspannten sich zunehmend.
Professor Styls forderte ihn auf, sich hinzulegen und Harry kam dem mit Freude nach. Dann bemerkte er, dass sich Styls neben ihn legte und anfing leise Instruktionen zu geben. Er wollte, dass Harry seine Augen schloss und an nichts dachte. Allerdings spürte Styls, dass dies bei Harry nicht so einfach war und ihm kam eine andere Idee.
„Weißt du Harry, normalerweise sage ich immer, die Menschen sollen alles fallen und ihren Körper arbeiten lassen. Doch du hast wahrscheinlich schon zu viel erlebt, als dass du dies so einfach könntest. Du bis von deinem Wesen her zu viel, wie soll ich sagen, ähm Beschützer. Du kannst einfach nicht loslassen und daher probiere ich jetzt einfach mal was anderes aus. Es ist eigentlich die erste Stufe, oder der erste Schritt zur Leglimens. Doch was soll's?"
Harry wollte eigentlich überrascht hochfahren, doch sein Körper war zu sehr entspannt, als dass er dies überhaupt konnte. Deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als seinem Lehrer zuzuhören und sich auf die ihm gestellten Aufgaben zu konzentrieren. Professor Styls begann damit, Harrys Brille mit einzubeziehen. Er wollte, dass Harry sie veränderte und zwar so, dass sich ihre Gläser verspiegelten, allerdings auf der Innenseite.
Harry fragte sich zwar wieso, doch er machte es. Styls schien zu wissen, was er tat und so kam es, dass Harry nach einem Moment der Konzentration in das Grün seiner Augen sah und sich nun darauf konzentrieren sollte, hinter diese Augen zu blicken.
Nun machten sich die ersten Zweifel im Kopf des Gryffindores breit. Wie sollte das denn gehen? Hinter die Augen schauen? Harry war nach gut zwanzig Minuten auch fast soweit, zu Styls zu sagen dass er es nicht schaffte. Doch dann lächelte ihn plötzlich ein Gesicht an. Es war sein eigenes Gesicht, doch wie war das möglich? Je ein grünes Auge war ja OK, aber Harry erkannte neben seinen Augen, auch seine Nase und den Mund, so wie er es jeden Morgen im Spiegel tat. Im nächsten Moment wurde sein Abbild aber immer kleiner und schien sich in die Augenhöhlen zurück zu ziehen.
Nein, dachte Harry und versuchte es festzuhalten. Er konzentrierte sich ganz stark darauf, die Konturen nicht zu verlieren und es fühlte sich plötzlich so an, als würde er durch einen Tunnel gezogen. Und dann sah er sie, die Gryffindores und wie sie gestern Hermine zum Geburtstag gratulierten.
Harry wusste nicht genau, was er getan hatte und blickte sich etwas ratlos um. Doch dieser Moment der Schwäche reichte aus, damit es ihn plötzlich wieder nach hinter zog. Ein stechender Schmerz in seinen Augen und der Gryffindore lag schreiend auf dem Boden im Raum der Wünsche.
Der Schmerz ebbte aber schnell ab und Harry versuchte rasch, etwas zu erkennen. Seine Augen trafen dabei auf die von Professor Styls und der braunhaarige Mann lächelte.
„Harry ich bin beeindruckt", sagte er und reichte dem Schwarzhaarigen seine Brille, die ihm vom Gesicht gerutscht war. „Ich habe noch niemanden gesehen, der sich so schnell über seinen Körper hinwegsetzen konnte und es geschafft hat, dem natürlichen Schutzinstinkt zu trotzen. Liegt aber vielleicht auch an deinen Augen selbst. Remus hat mir da ein wenig verraten und vielleicht können wir das ja nutzen."
Harry sah seinen Lehrer mit großen Augen an und verstand nur Bahnhof. Was hatte er denn geschafft? Doch schon im nächsten Moment traf es ihn... Leglimens. Er war in seinen eigenen Geist eingedrungen. Er hatte eine Erinnerung gesehen und mit dieser Erkenntnis wollte Harry aufspringen. Er landete aber nur mit einem schmerzhaften Stöhnen auf den Kissen und fühlte sich total ausgelaugt. Dann hörte er Professor Styls lachen und spürte, wie dieser seine Hand nahm. Er wollte dem Schwarzhaarige aufhelfen und sagte dabei,
„Harry, ich habe dir schon mal gesagt, wir sind Zauberer und keine Übermenschen. Und das Eindringen in einen Geist ist genauso Kräfte zehrend wie ein Marathon. Ich schlage daher vor, du beginnst auch dein Fitnesstraining wieder ein wenig ernster zu nehmen. Das hier war schließlich erst ein kleiner Anfang."
Mit diesen Worten beendete Professor Styls die heutige Stunde und entließ den Schwarzhaarigen in den Sonntag. Harry war auf dem richtigen Weg, konnte es aber immer noch nicht fassen und er fühlte sich zugleich ein wenig stolz. Und mit diesem Gefühl machte er sich auf den Weg zum Gemeinschaftsraum. Mal sehen, ob seine Mitschüler schon aufgestanden waren.
Im Gryffindorturm angekommen musste der Schwarzhaarige allerdings feststellen, dass ein Großteil seiner Freunde noch schlief und dass um halb Zwölf mittags. Einzig Ginny, Hermine und Damion befanden sich im Gemeinschaftsraum und der Braunhaarige war gerade dabei, Rons Schwester zu ärgern. Ginny verteidigte sich dieses Mal allerdings nicht mit Worten, sondern mit dem Stab. Als sie aber merkte, dass Damion, als Sohn des Lehrers für VgddK, sie gekonnt blockte, ging sie wenige Sekunden später wütend stampfend in Richtung der Mädchenschlafsäle. Damion steckte seinen Zauberstab weg und bemerkte Harry. Er kam auf ihn zu und grinste.
„Unsere Kleine hat heute wirklich Feuer im Hintern. Wenngleich ihre Kommentare ein wenig bissig waren."
Harry sah Damion abschätzend an und Hermine verdrehte genervt die Augen. Auch der Lockenkopf konnte es einfach nicht verstehen, dass sich die beiden immer öfter fetzten. Dann aber bemerkte sie Harrys Blick und sah den Gryffindor leicht besorgt an.
Doch Harry war gerade in Gedanken. Er ließ sich den letzten Satz von Damion noch mal durch den Kopf gehen und fragte sich, ob diese Bemerkung nur so daher gesagt war, oder ob der Braunhaarige etwas über das kleine Familiengeheimnis der Weasleys wusste. Und wenn ja, würde er es weiter verraten? Ginny hätte mit Sicherheit ein um einiges schwereres Leben dadurch. Harry entschied sich, den Jungen ein wenig näher unter die Lupe zu nehmen. Doch bevor es soweit war, brauchte der Gryffindore erst einmal einige Minuten Ruhe. Er ging in Richtung des Sofas am Kamin und legte sich hin. Es war dann Hermine, die ihm später noch eine Decke überlegte. Doch das bekam Harry gar nicht so richtig mit. Er schlief den Schlaf des Gerechten und sollte auch nicht vor vier Uhr am Nachmittag wieder erwachen.
Es waren zwei Wochen vergangen, in denen nicht wirklich viel passiert war. Harry hatte es zwar im Unterricht bei Professor Styls schon geschafft, schneller in seinen eigenen Geist einzudringen und ihn auch willentlich wieder zu verlassen, Doch irgendwie sah Harry dies nicht wirklich als einen Erfolg. Sein Geist war ja immer noch ein offenes Buch.
Heute nun war der Tag, an dem sie das erste Quidditchtraining absolvieren wollten. Es war sonnig und windstill, ein geradezu perfekter Tag dafür. Und so wie Harry es von seiner Mannschaft gehört hatte, konnte auch nicht einer wirklich in den Ferien üben oder fliegen. Das Ministerium hatte diesbezüglich schärfere Regelungen getroffen, damit man die Gefahr von möglichen Angriffen der Todesser verringerte. Harry fand dies ja eigentlich richtig, doch in Hinsicht auf den Hauspokal war es nicht wirklich hilfreich.
Bevor sich die Gryffindormannschaft allerdings in die Lüfte erhob, übergab Harry offiziell seine Befehlsgewalt an Ron und die anderen akzeptierten dies auch ohne zu murren. Zuerst flog man sich heute jedoch lediglich ein wenig ein. Man brauchte einfach wieder das Gefühl für den Besen. Harry erging es da nicht anders und so flog er nicht gleich die waghalsigsten Manöver.
Oben in der Luft angekommen und sich ruhig schwebend einen Überblick verschaffend bemerkte Harry dann auch die vereinzelten Zuschauer. Es waren hauptsächlich Sechs- und Fünfklässler. Aber auch Parvati, Hermine und Damion sah man von hier oben. Der Braunhaarige saß allerdings etwa abseits und neben ihm jemand, den man eigentlich nicht gern beim Training sah. Es war ein Slytherin. Harry erkannte die grünsilberne Uniform und flog etwas tiefer, um genauer zu erkennen, wer es war.
Schließlich reichte die Nähe aus, um Genaueres zu sehen und ein wenig erleichtert stellte Harry fest, dass es sich nur um Blaise Zabini handelte. Der Schwarzhaarige war nicht wirklich eine Bedrohung, denn Quidditch schien nicht übermäßig bei ihm auf der Interessenliste zu stehen. Außerdem war er nicht mal mit einem Mannschaftsmitglied befreundet und taktische Manöver übte heute auch keiner.
Nach Ende des Trainings flog Harry noch eine Runde und hielt schließlich bei den Beiden an. Er grüßte kurz und wollte schon weiterfliegen, doch dann fiel sein Blick auf Damions sehnsüchtiges Gesicht. Scheinbar juckte es dem Gryffindore wirklich, mal auf dem Besen eine Runde zu drehen. Doch was sollte Harry tun? Sich in die Angelegenheiten zwischen Damion und seinem Vater einmischen? Nein, dass durfte er nicht. Nicht, wenn er die Stunden mit Styls überstehen wollte. Er hatte gerade ein wenig Vertrauen zu seinem Lehrer gefasst, auch wenn den Mann manchmal eine geheimnisvolle Aura umgab. Harry verabschiedete sich, da Ron gepfiffen hatte und dankte seinem Freund im Stillen sogar dafür.
Gegen Acht am Abend stand wieder etwas Neues auf Harrys Plan. Hermine hatte endlich ein Einsehen gehabt und nach reichlichem Überlegen beschlossen, dass es Zeit war, die ersten Schritte in Hinsicht auf stablose Magie zu probieren. Natürlich hatten sie niemanden darüber informiert. Möglicherweise würden die Lehrer es sogar verbieten. Doch das konnte Harry nicht riskieren.
Harry traf sich mit Hermine im Raum der Wünsche. Der Lockenkopf hatte nämlich in Erfahrung gebracht, dass der Raum mit seiner eigentümlichen Magie selbst als eine Art Schutzzone dienen konnte. Außerdem hatte nicht mal der Direktor, oder in ihrem Fall die Direktorin wirklich starke Macht auf den Raum. Und Harry wurde bei dieser Information klar, dass Malfoy es gewusst haben musste. Sonst hätte doch Dumbledore was gegen das Verschwindekabinett unternommen.
Die zwei Gryffindores fanden einen gemütlich eingerichteten Raum vor, ähnlich dem, den Harry von seinen anderen Stunden her kannte. Sie setzten sich beide auf die Kissen und überlegten, wie man anfangen könnte. Harry hatte dabei vor allem das Buch, welches ihm Doc beim Anpassen seiner Brille ans Herz gelegte hatte im Sinn. Zwar hatte er nicht alles verstanden, was der Autor so niedergeschrieben hatte, doch die Grundidee war ihm schon klar.
Somit versuchte es Harry zuerst mit ein wenig Meditation. Doch mit einem Anfall von Frust brach er diese zehn Minuten später wieder ab. Hermine wollte ihm aufmuntern und sagte, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen wäre, aber das half dem Schwarzhaarigen nicht wirklich.
„Sag mal Harry, als du damals Wurmschwanz abgewehrt hast, was hast du da genau gemacht?"
Harry versuchte sich auf die Frage von Hermine hin genau zu erinnern. Doch alles was ihm in den Sinn kam war, dass er nicht wollte, und dass von ganzem Herzen, dass ihr und Ginny etwas passierte. Harry stutzte zwar, da ihm Hermine zuerst in den Sinn gekommen war und nicht Ginny, die ihm doch eigentlich wichtiger sein sollte, doch dies behielt er natürlich für sich.
Hermine versuchte daraufhin eine andere Lösung zu finden. Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum und schlug ein Buch nach dem anderen auf. Harry, der sie lächelnd dabei beobachtete, beschäftigte sich jedoch in Gedanken dann aber mehr mit Pierre de Carvanes Theorie vom magischen Kern. Musste man den nicht erst mal finden und ihn nutzbar zu machen? Aber andererseits nutzte Harry ihn doch eigentlich schon durch seine Augen? Konnte man ihn nicht auch mit anderen Körperteilen verbinden?
Und währen Harry so auf den Kissen lag und an nichts anderes dachte, verspiegelten sich seine Brillengläser wie von selbst. Harry bemerkte dies auch erst wenige Augenblicke später, da er Hermine nicht mehr sah, sondern wieder das Grün seiner Augen.
Harry überlegte, was dies sollte. Stimmte was mit seinen Augen oder gar der Umgebung nicht? Doch dann überkam ihn die Neugier und er drang in seinen Geist ein. Allerdings, und hier war der Schwarzhaarige am meisten überrascht, sah er dieses mal keine einzige Erinnerung. Nein, vielmehr sah er sich wie in einem Spiegel vor sich stehen, jedoch splitterfasernackt und Harry hoffte, dass Voldemort nicht gerade jetzt zuschaute und eine kostenlose Peepshow dadurch bekam. Auch wusste der Gryffindore nicht, warum er sich gerade so sah. Doch dann durchzuckte seinen Geist ein Gedanke. Harrys Blick schien sich zu verändern und wanderte über seinen Körper, seine Hände, den Kopf und die Brust, bis er schließlich auf Höhe des Herzens stehen blieb.
Danach, und Harry hatte keine Ahnung woher er dies plötzlich wusste, konzentrierte er sich darauf, durch die leicht blasse Haut zu schauen, bis er schließlich sein schlagendes Herz vor sich sah. Na ja, Harry glaubte, dass es sein Herz war. Größe und Position stimmten schließlich und es pulsierte auch. Doch dann zweifelte Harry ein wenig, denn die Farbe stimmte nicht. Das Ding war nicht rot, sondern leuchtete grün und strahlte auch irgendwie in alle Richtungen.
Harry konzentrierte sich noch mehr und erkannte, nachdem sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten, kurz darauf zwei dünne, jedoch unregelmäßig Linien, die ebenso pulsierten, wie das Ding in seiner Brust. Harrys Blick folgte den Linien und stellte überrascht fest, dass eine zu seinem rechten Arm ging und die andere irgendwo im Kopf endete. Harry erinnerte sich an die Erklärungen, die Doc ihm damals zu seinen Brechanfällen gegeben hatte und vermutete, dass dies die Kanäle zum Wirken der Magie waren. Und wie Harry nun mal war, neugierig und voller Tatendrang, ging sein Finger in Richtung der vor ihm dargestellten Brust.
Wie in Trance näherte er sich dem magischen Kern, wollte ihn berühren und dass, ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Und dann geschah es. Ein Blitz, kaum sichtbar, löste sich aus dem Kern und verband sich mit seinem Finger. Ein unbeschreiblicher Schmerz durchfuhr seinen Geist und von ganz weit hinter ihm, hörte er sich schreien. Panik stieg in Harry auf und er versuchte die Verbindung zu lösen, doch dies schien gar nicht so einfach zu sein. Es war eher andersrum. Die eben noch dünne Linie wurde immer stärker und Harry fühlte sich schwächer und schwächer. Er wollte hier raus. Doch wie nur? Immer weiter stieg seine Angst und er versuchte, den nackten Körper von sich zu stoßen. Doch alles was geschah war, dass immer weitere Verbindungen entstanden. Das letzte was Harry dann noch wahrnahm, waren die panische Stimme von Hermine, seine Schmerzensschreie und dass der ehemals kleine Riss in seinem magischen Kern nun doppelt so groß war. Schließlich sah Harry nur noch grün und fiel in ein tiefes, dunkles Loch...
