Kapitel 33

„OH SHIT", dachte Harry voller Entsetzen und war sich danach auch gar nicht mehr so sicher, ob er es nicht auch laut ausgesprochen hatte, denn Hermine, die vor ihm lag, erwachte ebenso. Sie brauchte allerdings noch einige Sekunden um sich zu orientieren, doch dann wurde sie knallrot und schien zu hoffen, dass sie der Erdboden verschlingen würde.

„Pro... Professor, es ist nicht so, wie es aussieht", kam es eher quiekend aus Harrys Mund, doch schien seine Tonwahl keinen Eindruck auf die alte, stets streng blickende Hexe zu machen. Vielmehr plusterte sie ihre Nasenlöcher etwas auf und sagte „Aufstehen... Anziehen... Mitkommen!!!"

Harry war für den ersten Moment wie gelähmt und auch Hermine rührte sich nicht. Nicht einmal, als die mehr als nur enttäuschte Stimme ihrer Lieblingslehrerin erklang. „Ms. Granger, Mr. Potter noch niemals, ich betone niemals in meiner Laufbahn habe ich solch ein Verhalten, solch einen Bruch der Regeln, wie sie es getan haben, von zwei Schülern erlebt."

Harry wollte protestieren, zumindest im hintersten Teil seines Kopfes, denn Sirius und auch Remus hatte ja in so manchen Gesprächen im Grimmauldplatz so manches Erlebnis zum Besten gegeben. Allein der Überlebenswille drängte den Gryffindor dazu, in Anbetracht der Situation seinen Mund zu halten. Somit war es an Hermine etwas zu sagen und das Erste, was Harry hörte, waren die verzweifelten Worte seiner Freundin, ihrer Professorin zu versichern, dass nichts geschehen sei. McGonagall schien dies aber überhaupt nicht hören zu wollen. Scheinbar war die Enttäuschung wirklich sehr groß und nicht einmal Harrys Bemerkung, dass sie ja beide ihre Sachen noch anhätten oder dass ja auch noch andere Schüler hier im Raum waren drangen durch.

Als die Direktorin dann aber anfing richtig laut zu schimpfen und ihrerseits ihre Meinung kund tat, indem sie sagte, dass Harry und Hermine keine Ahnung hätten, was sie da taten und was für ein Licht auf Hogwarts fallen würde, wenn so etwas bekannt werden würde, da geschah etwas, dass wohl niemand im Raum jemals wieder vergessen könnte. Harry sprang nämlich plötzlich auf, stellte sich schützend vor Hermine und sprach die Direktorin mit einer nicht ihm gehörenden Stimme an.

„Herr Gott, Minerva, jetzt lass die beiden doch endlich auch mal was sagen. Du bist ja schlimmer als deine Mutter."

Augenblicklich verstummte jeder Laut im Raum und es kam einem sogar so vor, als würde dies auch für ganz Hogwarts gelten. Keiner der Anwesenden war zu einer Reaktion fähig oder zumindest sagte niemand etwas. Wäre ja auch gar nicht möglich gewesen. Harry stand nämlich nur da, als wäre er in Trance, Hermine sah entsetzt zwischen ihm und Professor McGonagall hin und her und die Direktorin sah ihren Schüler mit einem mörderischen Blick an. Dabei waren ihre Lippen so stark zusammengepresst, dass sie durch den Blutverlust schlohweiß strahlten. Die Linie, welche sich dadurch bildete, hätte übrigens jedem Chirurgen oder Narbenspezialisten den Medizinnobelpreis beschert. Doch das hier nur nebenbei.

Aber es blieb nicht bei diesem Zustand. Binnen weniger Sekunden hatte McGonagall ihre Sprache wieder und einzig die Anweisung, ihr zu folgen hallte durch den Raum. Harry und Hermine standen immer noch leicht unter Schock, als sie den Raum, vorbei an Parvati und Lavender, verließen. Kurz bevor sich die Tür aber gänzlich schloss, hörten sie noch McGonagall mit eisiger Stimme „Kein einziges Wort" sagen und der Weg zur Schlachtbank konnte beginnen.

Glücklicherweise war Sonntag und so begegneten Harry und Hermine lediglich zwei Slytherins, die als Vertrauensschüler ihre Frühpatrouille durchführten. Zehn Minuten später standen die Drei dann schließlich im Büro der Direktorin und McGonagall bot ihren Schülern nicht einmal einen Stuhl an. Sie setzte sich lediglich hinter ihren Schreibtisch und versuchte sich zu sammeln. Vielleicht brauchte sie wieder ein wenig mehr Wut um vor allem ihre Lieblingsschülerin anschreien zu können.

Den Anreiz bekam die alte Hexe aber auch schon im nächsten Augenblick, denn Harry, scheinbar immer noch in Trance, erhob sich einfach und trat an den großen Schreibtisch heran. Dort schnappte er sich ohne zu fragen einen ihm von Dumbledore stets angebotenen Zitronenbonbon, welche die Direktorin als Andenken an ihren Freund und ehemaligen Schulleiter aufgehoben hatte, steckte ihn in den Mund und machte im nächsten Augenblick ein Gesicht wie ein Gourmet, der einen Trüffel probieren durfte. McGonagalls Nasenlöcher wurden nun noch um einiges größer und sie wollte gerade aufspringen, da tat Harry etwas noch viel irreres. Er schien sich an etwas zu erinnern, zückte seinen Zauberstab, ging geradewegs zu Dumbledores Portrait, lächelte und tippte den schlafenden Zauberer direkt auf die Stirn.

„Harry, bist du irre?", rief Hermine entsetzt und wollte den Gryffindor davon abhalten, das wertvolle Gemälde zu beschädigen. Ihr Freund nahm die Worte aber gar nicht wahr. Nein, Harry sah nur noch ein Ziel und fuhr deshalb mit seinem Zauber, den wirklich keiner der anderen beiden so richtig verstand fort. Das Portrait begann im nächsten Moment leicht violett zu leuchten und dieses übertrug sich dann auch auf den Gryffindor. Als das Licht wenige Sekunden später wieder verschwand, sackte Harry merklich zusammen und sah sich nun einer mehr als nur wütenden Direktorin gegenüber.

„Haben sie den Verstand verloren, Mr. Potter?" Fuhr McGonagall den Schwarzhaarigen an. Harry blinzelte jedoch nur und schien nicht zu verstehen, was die alte Hexe von ihm wollte. Auch schien er verwundert zu sein, dass er im Büro der Direktorin war und sah sich unsicher um.

Dies musste bei McGonagall allerdings der letzte Tropfen gewesen sein, der ihr Fass zum Überlaufen brachte. Ähnlich wie bei Dumbledore früher, baute sich um sie eine Aura der Macht auf und sie trat auf Harry zu. Das der Gryffindor wenige Sekunden später noch lebte, verdankte er einzig und allein Hermine, die mit schockiertem Gesicht und zitterndem Finger hinter die Direktorin deutete und der Stimme, welche sie überhaupt erst dazu veranlasste. Sie kam von Dumbledores Portrait und begann mit einem lauten Gähnen. Sofort schauten die anderen Zwei zum Gemälde und bemerkten, dass der alte Zauberer sich in seinem Stuhl räkelte.

„Uuahhh", schallte es, unterlegt mit eben jenem Gähnen, durch den Raum, gefolgt von einem bissigen Kommentar seitens Dumbledore über die Bequemlichkeit seines Holzstuhles. Dann lächelte er Harry, Hermine und der Direktorin sanft zu und sagte „Hallo". McGonagall schaute ungläubig, bis sich kleine Tränen in ihren Augen bildeten.

„Na, na Minerva, sehe ich wirklich so schlimm aus", fragte Harrys Mentor in seiner altbekannten Art und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. McGonagall schüttelte entsetzt ihren Kopf und Dumbledore lachte nun offen. Dann erhob er sich aus seinem Stuhl, ging einige Schritte und fragte nebenbei, wie sich jeder fühle. Harry und Hermine sagten leise, dass es ihnen prima ginge und bekamen dafür von ihrer Direktorin einen bösen Blick zugeworfen.

McGonagall hingegen schien sich etwas unbehaglich zu fühlen. Sei es, weil der alte Zauberer sie so überrascht hatte, oder weil sie es nicht gewohnt war, über ihr Befinden in Gegenwart von Schülern zu sprechen. Dumbledore schien jedoch, wie auch schon früher, seine Kollegin sehr gut zu verstehen und meinte, dass sie sich unbedingt mal richtig unterhalten müssten.

Bevor er sich dann aber an Harry wandte oder dieser eine Frage stellen konnte, machte Dumbledore plötzlich ein gespielt panisches Gesicht und sagte, „Oh Merlin nein! Was haben sie nur getan? Ich hatte doch extra geschrieben, wie ich mir mein Portrait vorstelle."

„Professor, was ist los?" fragte Harry besorgt, da er nicht wusste, was sein Mentor meinen könnte. Für ihn sah das Bild doch normal aus und unterschied sich nicht sehr von denen der anderen früheren Direktoren.

„Was los ist? Was los ist, Harry? Ich bin betrogen worden und nun dazu verdammt, hier in aller Ewigkeit ohne mein wahres Glück zu verweilen."

Danach ging sein Blick suchend durch McGonagalls Büro und verweilte schließlich auf den Schreibtisch, besser gesagt auf der kleinen silbernen Schale mit den Zitronenbonbons, von denen sich Harry gerade unbewusst wieder einen in den Mund gesteckt hatte.

„Betrogen Albus? Aber wie? Ich verstehe nicht ganz?", fragte McGonagall überrascht, da sie befürchtete ihren alten Freund in irgendeiner Weise enttäuscht zu haben. Dumbledore deutete nun zusätzlich auch auf Harry und setzte nach. „Und Harry muss mit seinem Handeln auch noch Salz in die Wunde streuen. Ich bin wirklich am Boden zerstört"

Nun war wohl jeder im Raum verwirrt und der Gryffindor begann sich sogar etwas schuldig zu fühlen, obwohl er nicht einmal wusste, warum. Dies blieb auch so, bis ihm der Geschmack in seinem Mund bewusst wurde und er anfing zu lachen. ‚Ja', dachte der Gryffindor, ‚so einen Auftritt und solch einen Humor, das schaffte nur Dumbledore'. Und genau in dem Moment, wo Harry Hermine und der Direktorin seine Entdeckung erklären wollte, da durchzuckte ihn ein anderer Gedanke wie ein Blitz. Er begann teuflisch zu grinsen und sah zu Dumbledore auf.

„Und Professor, was bekomme ich, wenn es mir gelingt, diese Ungerechtigkeit abzustellen?"

Dumbledore lächelte seinen ehemaligen Schüler sanft an und antwortete, „Alles was du willst, soweit es in meinen Kräften steht."

Nach diesem Satz legte der alte Zauberer mit einem breiten Lächeln seine Hände bittend aufeinander und war sogar bereit auf die Knien zu gehen, doch da schritt Professor McGonagall ein. Sie hatte bisher nur zwischen Harry und dem Gemälde hin und her geschaut und noch nicht wirklich verstanden, dass die Beiden sich einen Spaß erlaubten. Doch als es so aussah, als würde Harry den größten Zauberer des letzten Jahrhunderts demütigen wollen, da wurde es ihr zu viel. Sie forderte Harry auf, sofort sein Treiben zu beenden und sah sich nun zwei lachenden Zauberern gegenüber. Doch das, was die alte Hexe danach noch sehr viel mehr schockte, war die Tatsache, dass Harry seinen Zauberstab erneut zückte und in Richtung Schreibtisch zeigte.

Der Gryffindor wusste nicht, woher er plötzlich diesen Zauber kannte, doch es kam ihm so vor, als hätte er ihn schon oft ausgeführt. Harry richtete seinen Stab auf die kleine Silberschale und sagte laut und deutlich „duplicare". Ein leichter Lichtblitz durchzuckte den Raum und eine Sekunde später standen zwei Schalen auf dem Tisch. Eine davon levitierte Harry kurz darauf in Richtung Dumbledores Gemälde und kurz bevor sie die Leinwand berührte hörte man aus seinem Mund „ integrio portraium". Sofort schien das Bild an der Silberschale zu ziehen und sog sie förmlich in sich hinein.

Was auf diese Aktion Harrys hin folgte waren, neben dem erstaunten Aufstöhnen von Hermine und der Direktorin, der Freudenschrei Dumbledores aus dem Portrait. Der alte Zauberer klatschte wie ein kleines Kind in seine Hände und steckte sich keine zwei Sekunden später einen Zitronenbonbon in den Mund.

„Ooaah", entfuhr es Dumbledore und sein Gesicht sah nun genauso aus, wie das von Harry vor wenigen Minuten, nämlich wie eben jenes, eines Gourmets, der gerade eine seltene Kostbarkeit probierte und er lächelte in den Raum. Dann sah er die Direktorin an und fragte schelmisch, ob etwas währe. McGonagall schien den Tränen nah und ihre erste Frage bestand lediglich aus einem leisen „Warum?".

Doch darauf bekam sie keine Antwort. Jedenfalls nicht heute, denn Dumbledore meinte, dass müsste er ihr in Ruhe erklären. Somit blieb den Dreien nur, dem alten Zauberer zu erzählen, was sie für wichtig hielten und was derzeit in der Schule so vor sich ging. Harry fragte sich allerdings, wieso Dumbledore dies alles wissen wollte. Es schien ihm fast so, als wäre dies nicht der Mann, den er noch gestern Abend getroffen hätte. Besonders als man auf das Thema Stephano Styls kam, machte das Portrait einen verwunderten, ja sogar überraschten Eindruck.

Harry fragte seinen alten Mentor, ob etwas nicht stimme und bekam ein ungutes Gefühl im Bezug auf seinen Lehrer. Doch Dumbledore lächelte im nächsten Moment nur und entschuldigte sich kurz. Sein Blick wurde starr und völlig regungslos stand er nun in seinem Bilderrahmen. Die Direktorin befürchtete schon, dass das Bild seine Magie verloren hatte, doch zwei Minuten später lächelte Dumbledore ihr auch schon wieder zu und sagte, „Ja natürlich, ich hatte Stephano Anfang des letzten Jahres gebeten, nach Hogwarts zu kommen. Doch scheinbar kam seine Bestätigung erst nach meinem Tode. Er wollte sich erst noch um seinen Sohn kümmern. Dieser hatte wohl einen schlimmen Unfall oder so. Verzeiht mir, wenn ich dies nicht sofort wusste, doch als Portrait hat man nicht mehr alle Erinnerungen seines früheren Selbst."

Harry sah daraufhin ein wenig traurig auf den alten Zauberer und befürchtete, dass dieser ihm nun einige Fragen gar nicht mehr beantworten konnte, doch Dumbledore schaute den Gryffindor direkt an und das berühmte Funkeln in seinen Augen erschien.

„Harry, das bedeutet jedoch nicht, dass du von nun an allein bist, denn wenn es wirklich wichtig ist, kann ich jederzeit mit mir in der anderen Welt in Verbindung treten und Antworten besorgen."

Harry fiel ein Stein vom Herzen und er atmete erleichtert aus. Dies hatte allerdings zur Folge, dass er sich nun den fragenden Blicken von Hermine und Professor McGonagall gegenüber sah. Die beiden wussten ja nichts von seinem Ausflug ins Reich der Toten. Glücklicherweise wurde er aber vor möglichen Fragen gerettet, da zum einen Dumbledore darum bat, noch kurz allein mit der Direktorin zu sprechen und zum anderen, da sich plötzlich Hermines Magen meldetet. Er verlangte nach Frühstück und so entließ die Direktorin ihre beiden Schüler.

Harry war dies nur recht. Und obwohl er selbst auch noch Fragen hatte, drängte er seine Freundin, die sich schon wieder an das Portrait von Dumbledore wandte, bestimmt aber freundlich aus dem Büro der Direktorin. Schließlich hatte er nicht ganz vergessen, wieso sie hier waren und da er heute wirklich keine Lust auf eine Standpauke hatte, machte Harry auch erst am Fuße der Treppe halt. Dort schaute er einer leicht verwirrten Hermine tief in die Augen, legte sanft seine Hände um ihre Hüften und gab ihr einen langen Guten- Morgen -Kuss.

Zwanzig Minuten später waren beide Gryffindors auf dem Weg zur Großen Halle. Sie mussten einfach noch mal hoch in ihren Turm, um sich etwas frisch zu machen und nun hieß es, sich den anderen Schülern zu stellen. Zuvor trafen sie aber im Gang vor der Halle auf Damion und der Braunhaarige begann auch gleich zu grinsen.

„Na Harry, du Tier, auf dem Weg deine Reserven zu erneuern ?"

Harry verschluckte sich fast und sah seinen Freund mit riesigen Augen an. Dann wurden er und Hermine knallrot und der Gryffindor versuchte sie zu verteidigen. „Wir... wir haben doch gar nichts getan..."

Damion grinste noch breiter und sah die Beiden abschätzend an, und das mit einem Blick, der Harry überhaupt nicht gefiel. Beendet wurde die kurze Spannung zwischen den beiden Jungen, indem Styls Sohn seine Hand auf Harrys Schulter legte und mit beruhigender Stimme sagte, „Harry, das weiß ich doch. Allerdings bin ich nur einer von den vierhundert Bewohnern dieses Schlosses und urteile nicht vorschnell. Doch du musst zugeben, dass, wenn du früh aufwachst, und zwar neben einem der hübschesten Mädchen Hogwarts, und dies auch noch im Beisein von Parvati und Levander tust, dass dann, nun ja dann mein lieber Harry, du nun mal ein Problemhast."

Im nächsten Moment verloren Harry und Hermine sämtliche Farbe im Gesicht, denn ihnen wurde gerade bewusst, wie tief sie wirklich in der Patsche saßen. Bevor sie aber anfangen konnten, sich etwas auszudenken, wie sie den Schaden so gering wie möglich halten konnten, kam Damion ganz nah an Hermine heran und flüsterte, „Siehst du Hermine? Ich hatte Recht und ihm wurden die Augen geöffnet. Allerdings weißt du auch, was dies für mich bedeutet."

Harry hörte die Worte des Braunhaarigen auch und bekam, im Anbetracht des breiten Grinsens von Damion, plötzlich ein ungutes Gefühl im Bauch, zumal er zugeben musste, dass sich der Gryffindor und Hermine auch sehr gut verstanden. Doch bevor ihn die Eifersucht überkommen konnte, vernahm er Hermines amüsierte Antwort.

„OK, du Menschenkenner. Du hast die Wette gewonnen und ich schulde dir beim Weihnachtsball einen Tanz."

Harry sah verwirrt zwischen den Beiden hin und her und wollte wissen, was dies zu bedeuten hatte, doch da meldete sich Hermines Magen erneut und so setzten sie ihren Weg zum Frühstück fort. Damion wünschte ihnen Glück und ging in die andere Richtung. Ihm drückte die Blase und außerdem konnte er die Vermutungen und Gerüchte, die inzwischen in der Große Halle umherschwirrten nicht mehr hören.

Am Portal zur Halle angekommen, wandte sich Harry noch mal Hermine zu und küsste sie aufmunternd auf den Mund. „Komm schon, wir schaffen das und lassen uns gar nicht erst das Wasser abgraben", sagte Harry und nahm ihre Hand in die seine. Dann atmete er tief durch, spürte, dass Hermine es ebenfalls tat und drückte die schwere Holztür auf.

Sofort verstärkte sich der Lärm im Inneren der Halle und viele von Harrys Mitschülern begannen zu johlen. Hauptsächlich waren es die Jungen, während die Mädchen anfingen, Hermine mit giftigen Blicken zu erdolchen. Wie konnte sie es auch wagen, denn Jungen der lebt für sich zu beanspruchen?

Doch Harry und Hermine blieben tapfer und schritten auf den Gryffindorhaustisch zu. Dort wurden sie von Ron mit einem breiten Grinsen erwartet und der Rotschopf wies rasch ein paar Fünftklässler an, zu rutschen. Dann sah er erwartungsvoll in Richtung seines besten Freundes und seiner besten Freundin. Dabei bemerkte er, dass sie beide Händchen hielten und Harry befürchtete, dass Ron nachher zu Madame Pomfrey musste, um sich den Grinsmund, der nun fast von Ohr zu Ohr ging, nähen zu lassen.

Seinem Kumpel eine passende Antwort auf dieses Gesicht zu geben, dazu kam Harry aber nicht mehr. Denn plötzlich wurde er von der Seite angerempelt und etwas Rothaariges rannte weinend an ihm vorbei.

‚Oh nein, Ginny', dachte Harry plötzlich entsetzt und sah etwas hilfesuchend zu Hermine. Seine Freundin schien aber ebenfalls geschockt und in ihrem Gesicht machte sich die Erkenntnis breit, dass Ginny wohl doch noch Hoffnungen gehabt hatte. Und dies, obwohl sie jedem immer erzählte, dass sie über Harry hinweg war. Nun war guter Rat teuer und Harry beschloss, ihr nachzugehen. Er fragte Hermine leise, ob sie allein klar kommen würde und seine Freundin nickte leicht. Dann küsste sie Harry noch mal kurz, was den Lärmpegel wieder ansteigen ließ und rannte dann in Richtung Tür.

„Hermine, wo will Harry hin?", fragte Ron verwundert und sah seinem Freund nach. Hermine konnte über die zeitweilige Blindheit des Rothaarigen nur den Kopf schütteln und meinte, dass Harry noch was klären müsse. Dann wurde ihr Blick mit einem Male ernst und ein leicht wütendes Glitzern flammte auf. Sie drehte sich zu der Person, die neben Ron saß und auch zu der ihm gegenüber sitzenden.

„So Ladys, ich glaube, wir haben noch etwas auszudiskutieren...", begann Hermine, wurde aber von einer noch viel ernsteren Stimme unterbrochen.

„In der Tat, das haben wir", sagte Professor McGonagall mit schneidender Stimme, da sie gerade in der Großen Halle erschienen war und das hier herrschende Durcheinander erleben musste. „Ms Brown, Ms Patil, welches von meinen Worten haben sie nicht verstanden?"

Parvati und Levander sahen sich im nächsten Moment erschrocken an und ihre Blicke wanderten dann zu ihren Schuhen und auch die anderen Gryffindors schafften es nicht wirklich, den Blickkontakt zu ihrer früheren Hauslehrerin zu halten.

„Zehn Punkte von Gryffindor für jeden, dafür, dass sie meinen Anweisungen nicht Folge geleistet haben und zwei ihrer Mitschüler, die nach genaueren Untersuchungen nichts von alledem, was sie hier verbreiten, getan haben, so in der Öffentlichkeit bloßstellen. Dies ist eines Gryffindors unwürdig und macht mich traurig."

Mit diesen Worten drehte sich die Direktorin zum Lehrertisch und schickte sich an, ihr Frühstück einzunehmen. Hermine wunderte es zwar, dass sich ihre Professorin auf ihre Seite gestellt hatte, doch war sie auch ein wenig froh, Schützenhilfe im Bezug auf die Gerüchte bekommen zu haben. Sie setzte sich schließlich auf einen der von Ron freigehaltenen Plätze und sah den Rothaarigen etwas genauer an. Scheinbar war ihr bester Freund nun in einer Zwickmühle, da er mit Sicherheit die ganze Sache mit den Gerüchten über sie nicht guthieß, dann aber auch mit Parvati ging und sich entscheiden musste, für wen er Partei ergriff. Was Hermine nicht wusste war, dass es nicht wirklich die Schuld von Rons Freundin war, sondern wieder einmal Levander ihren Mund nicht halten konnte.

Harry beeilte sich, Ginny noch zu erwischen, bevor sie irgendwo verschwand, wo er keinen Zugriff auf sie hatte. Er konnte ja schlecht ins Mädchenklo stürmen. Deshalb versuchte er das Hallen ihrer Schritte im Wirrwarr der Gänge zu orten. Es dauerte einige Momente, doch dann wurden die Geräusche mit jedem Schritt klarer. Sie lief also schon mal nicht nach oben und dies bedeutete, der Gryffindorturm schied aus. Blieben bei näherem Nachdenken nur die Ländereien oder das befürchtete Mädchenklo. Rasch beschleunigte Harry seinen Gang und stoppte im nächsten Moment wieder abrupt ab, da Ginny scheinbar nicht mehr rannte. Irgendetwas musste sie aufgehalten haben und zwei Sekunden später erkannte Harry auch, wer dies gewesen war. Allerdings fragte sich der Gryffindor mit Entsetzten, ob diese Person sich wirklich an besten für diese Situation als Barriere eignete. Es war schließlich... Damion.

Rasch bog Harry um die nächste Ecke, stockte dann aber und blieb etwas verdeckt hinter einer Ritterrüstung stehen. Sein Blick ging besorgt zu Ginny und dem ihr gegenüber stehenden Gryffindor. Er horchte, was die beiden sprachen.

„Morgen Ginny", begann Damion mit normaler Tonlage und ohne seine gewohnten Spitzen. Scheinbar ahnte er woher die Tränen in ihrem Gesicht stammten, doch Rons Schwester schien nur das Gesicht durch ihre tränengetrübten Augen wahrzunehmen und ihre Mimik verdunkelte sich.

„Was willst du McKenzie?"

„Nichts, ich bin nur auf dem Weg zur Großen Halle"

„Ach, und das soll ich dir glauben? Das ist doch hier wie ein gefundenes Fressen für dich, oder?"

Nun machte Damion einen etwas verletzten Eindruck und dies kannte man ja nun gar nicht von Styls Sohn. Allerdings fing er sich schnell wieder und sagte, „Ach komm schon Ginny, denkst du wirklich so von mir?"

Der Rotschopf sah Damion kurz und eindrücklich an und begann dann wieder zu weinen. Nun war es so weit und Harry wollte sich zu erkennen geben, doch da bemerkte er, wie Damion seinen Arm um Ginny legte und mit etwas leiserer Stimme meinte. „Bitte Ginny, hör auf zu weinen. Das kann man sich ja nicht mit ansehen. Du musst endlich verstehen und loslassen."

„Ja, aber warum tut er mir das an", schluchzte Ginny, die Worte des Jungen nicht wirklich wahrnehmend und eine neue Welle von Tränen floss über ihr Gesicht. „Er hat... hat mit mir Schluss gemacht und dann... und dann schläft er mit Her... Hermine."

Harry stockte das Herz, denn Ginny tat ihm plötzlich so leid. Nicht wegen Hermine oder dass er sich in sie verliebt hatte. Nein, dafür nicht, doch dafür, dass er nicht gemerkt hatte, dass seine Freundin scheinbar allen etwas vorgemacht hatte. Damion schien aber zu versuchen Ginny zu beruhigen.

„Also, erstens Ginny, hat Harry nicht mit ihr geschlafen. Und wenn du mal überlegst von wem das Gerücht stammt, dann weißt du, dass ich Recht habe. Und dann muss ich sagen, meine kleine Feuerblume, dass du ein wenig egoistisch bist. Ich kenn zwar nicht den Grund, warum Harry damals mit dir Schluss gemacht hat, doch glaub mir, dieser Junge tut nichts unüberlegt...", Damion grinste kurz, „Na ja, meistens jedenfalls. Und dann meine ich gehört zu haben, dass es sogar du warst, die schon kurz nach eurer Trennen wieder einen neuen Freund hatte..."

Harry hörte dem Braunhaarigen, der nun etwas lauter und bestimmter mit seinen Worten wurde zu und seine Augen wurden immer größer.

„Na ja, ich wollte über ihn hinweg kommen, wollte mit meinem Leben weiter machen, doch es hat nicht geklappt. Keiner war wirklich wie Harry...", sagte Ginny nun völlig niedergeschlagen. Damion sah sie nun nachdenklich an und seine goldenen Augen schienen das Mädchen fast zu durchdringen. Harry befürchtete schon, er wandte vielleicht Leglimens an, doch da fuhr Ginny fort und Damions Augen wurden für seine Verhältnisse wieder normal.

„Ich... ich weiß einfach nicht mehr weiter, weiß nicht, was ich will", kam es leicht verstört aus dem Mund der Gryffindor. „ Ich meine, immer, wenn ich einen Jungen kennen gelernt habe, passiert irgendwas tief in mir. Meist erkenne ich schon nach dem ersten Kuss, ob ich einmal weiter gehen möchte. Und wenn es so war, wenn mein Körper ja sagte, dann hatten die dämlichen Kerle plötzlich Angst vor mir."

„Liegt dann wohl am Weasley- Temperament", sagte Damion mit einem Lächeln. Daraufhin fing sich der Gryffindor einen bösen Blick ein und Ginny stemmte ihre Hände in die Hüften. „Danke McKenzie, das habe ich jetzt echt gebraucht."

Damion hob abwehrend seine Hände und sah in Ginnys Augen, die nun wieder voller Energie blitzten. Er fand es sogar erstaunlich, wie schnell man bei der Rothaarigen einen Stimmungswechsel erleben konnte.

„Ho ho Ginny, beruhige dich. So war es nicht gemeint."

„Wie dann McKenzie?", fauchte Rons Schwester und trat näher und mit einem drohenden Funkeln in den Augen an den Braunhaarigen heran. „Wieso musst du mich jeden Tag ärgern? Wieso tust du das?"

Damion bemerkte den geringen Abstand zwischen sich und dem Mädchen und schien mit einem Male sehr genau nachzudenken, was er als nächstes tun sollte. Harry beobachtete dies von seinem Posten aus mit zunehmender Neugier, denn so in eine Ecke gedrängt und zu einer Antwort genötigt hatte er seinen Freund noch nie gesehen. Und die Tatsache, dass der Gegner Ginny hieß, machte es noch spannender. Was würde er tun, um sich da heraus zu kämpfen?

„Nun Ginny...", begann Damion mit leicht unsicherer Stimme. „ich tue es doch nie, um dich wirklich zu ärgern bzw. um dich zu verletzen..."

„Ach?", kam es ungläubig von Ginny und sie trat unbewusst noch näher. Dies schien bei Damon dann der ausschlaggebende Punkt gewesen zu sein und er sagt, „Nein, Ginny, ich tue diese wohl eher deshalb."

Und bevor sich Ron Schwester versah, hatte Damion seine Hände auf ihre Oberarme gelegt, zog sie an sich und drückte ihr sanft einen Kuss auf die Lippen. Harry verschluckte sich hinter seiner Rüstung, doch wurde sein Husten durch ein viel lauteres Geräusch im Gang übertönt. Es rührte von einer schallenden Ohrfeige seitens Ginny her und als Harry wieder einigermaßen den Durchblick hatte, sah er zwei Dinge. Erstens Damion, der seinen Blick mit zunehmender Traurigkeit senkte und von Ginny wegtrat und dann den Rotschopf selbst, der mit entsetztem Blick dastand und den Schlag, der mehr ein Reflex war, schon sichtlich bereute.

Dann ging alles sehr schnell, fand Harry. Er selbst wollte zu den beiden hinüber gehen, Damion wusste nun ja woran er war und sich wegdrehen und Ginny tat etwas, dass dann beide Jungen zum Erstarren brachte. Sie griff plötzlich nach Damions Arm, wirbelte ihn so herum, dass er gegen eine Wand gedrückt wurde und zwei Sekunden später war sie es dann, die den Braunhaarigen küsste.

Harry stockte mitten in der Bewegung und ihm fielen fast die Augen heraus. Allerdings hatte er noch so viel Selbstkontrolle, dass er es schaffte, sich wieder hinter seine Rüstung zu begeben. Von dort aus beobachtete er, wie die beiden sich immer stürmischer küssten und zwischendurch hörte er auch, wie Damion versuchte Ginny zu sagen, dass ihm sein ganzes Verhalten leid tat. Von hier an, so dachte Harry plötzlich, sollten die Zwei allein klar kommen und mit einem Grinsen im Gesicht, schlich der Gryffindor langsam aus der Gefahrenzone. Er konnte es immer noch nicht fassen. Damion und Ginny, die beiden größten Streithähne der letzten Wochen, könnten vielleicht ein Paar werden?

Mit schnellen Schritten bewegte sich Harry zurück in Richtung der Großen Halle. Nicht nur, dass er unbedingt seinen Freunden das Erlebte erzählen musste, nein, auch der Anblick der beiden sich küssenden Gryffindors sagte ihm, dass er etwas vermisste, nämlich Hermine.

Fünf Minuten später trat er gelassen und mit einem Lächeln durch das Portal und ging schnurstracks zu seinem Platz. Dort wartete Hermine mit leicht verwundertem Gesicht und Harry konnte nicht anders und musste sie küssen. Dies bescherte beiden allerdings leicht rote Wangen und wieder ein paar Pfiffe.

Dann fragte Hermine jedoch, was mit Ginny sei und auch Ron horchte nun auf. Harry schaute seine Freundin mit einem geheimnisvollen Blick an und antwortete, „Ach, Ginny geht's gut. Sie hat jemanden gefunden, mit dem sie reden kann und ich denke sie arbeitet gerade daran, über mich hinweg zu kommen."

„Was? Wer?", fragte Ron neugierig und sah nachdenklich in Richtung Halle. Scheinbar versuchte er zu erkennen, wer möglicherweise fehlte, doch wir sprechen hier von weit über zweihundert Schülern und so war dies ja wohl ein sinnloses Unterfangen. Bevor Ron aber Harry über die Identität der ominösen Person weiter fragen konnte, kam die Post und mit ihr der Tagesprophet...

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