Kapitel 39
Das nächste Mal, als Harry seine Augen langsam öffnet, musste es so gegen vier Uhr am Nachmittag gewesen sein, denn die Sonne schickte sich an, hinter den Wipfeln des verbotenen Waldes zu verschwinden. Vorsichtig hob Harry seinen Kopf in Richtung Nachttisch und tastete nach seiner Brille. Endlich wieder klarer sehend schaute er sich im Raum um und erkannte, dass sämtliche störenden Vorhänge verschwunden waren. Doch Harry schien der Einzige zu sein, der wach war und so überlegte er, was man mit der Zeit die ihm blieb anfangen konnte.
Klar, man hätte laut rufen können um einen Gesprächspartner zu finden, doch das hätte auch Poppy auf den Plan gerufen und eine ältere Dame wütend zu sehen, dafür hatte Harry dann doch wieder nicht die Muse. Allerdings stellte der Gryffindor beim Rundblick durch den Krankensaal fest, dass er sich getäuscht hatte, denn bei näherer Betrachtung fand er das Bett seines besten Freundes leer vor. Damit stellte sich aber die Frage, wo Ron wohl war. Hatten ihn seine Eltern oder gar das Ministerium mitgenommen? Parvati lag ebenfalls allein in ihrem Bett und schlief auffallend ruhig.
Doch die Antwort auf das Fehlen seines besten Freundes musste einige Augenblicke später einem sehr viel dringehrendem Bedürfnis des Gryffindors weichen und so versuchte Harry langsam aufzustehen. Allerdings stellte er dabei sehr schnell fest, dass ein neues Sprunggelenk, auch wenn von einer Halbgöttin in Weiß erschaffen, ebenso eingearbeitet werden musste, wie ein Paar neuer Quidditchhandschuhe. Ein stechender Schmerz durchzuckte seinen Fuß, der nun wackelig zitterte und mit dem damit verbundenen Aufstöhnen weckte Harry schließlich seine Liebste.
Hermine sprang sofort alarmiert auf und kam zu Harry ans Bett geeilt. Sie versuchte Harry zu stützen, doch auf die Frage hin, wie sie Harry helfen konnte, wurde der Gryffindor nur rot und meinte, dass es wohl die einzigste Sache sei, wo das eben nicht ging. Dies rief auch bei Hermine ein leicht rotes Gesicht hervor und so kam es, dass sie ihren Liebsten lediglich bis zum Bad führte.
Dort angekommen und die wenigen Meter bis zum Klo noch gehumpelt, verschaffte sich Harry schließlich Erleichterung und kam danach wieder auf die Frage bezüglich Ron ins Grübeln. Abgelenkt wurde er aber schon im nächsten Moment wieder durch ein Stöhnen und das Geräusch von laufendem Wasser, aus dem Nebenraum. Jemand schien im Krankensaal, oder besser in den dazugehörigen Waschräumen zu duschen. Harrys Neugier wuchs und wie von selbst bewegten sich seine Beine auf die Badezimmertür zu. Im Hinterkopf hoffte der Gryffindor noch, dass es sich bei der Person nicht um Poppy handelte, doch er hatte Glück und sah nur den nackten, allerdings mit allerlei blauen Flecken übersäten Körper von Ron.
Der Rothaarige schien Harry noch nicht bemerkt zu haben und so rief er ihn leise. Ron stockte in seinen Bewegungen, die sehr nach einer Massage seiner Oberschenkel aussahen, drehte sich um, erkannte den Störenfried und lächelte seinem Freund zu.
„Na Harry, alles klar?", fragte der Rotschopf und machte dabei ein Gesicht, als wäre er wie neugeboren.
„Sicher doch", antwortete der Gryffindor rasch. „Die Frage sollte doch aber eher sein, ob es dir gut geht."
Ron begann zu grinsen und ließ einen weiteren Schwall heißen Wassers über seinen Körper laufen. Dann drehte er sich um und wollte sich sein Handtuch nehmen, doch dazu kam es nicht, denn Harry stand plötzlich vor ihm und bevor er sich versah, hatte der Schwarzhaarige seine Arme um ihn gelegt.
„Harry, was soll...", kam es unsicher aus Rons Mund, doch sein Freund unterbrach ihn und sagte nur leise "Danke".
„Wofür?" erwiderte Ron leicht unsicher und war umso überraschter, da Harry ihn anfuhr.
„Wofür, du Idiot? ... Dafür, dass du mir das Leben gerettet hast. Mensch, ich hatte in Gedanken meiner Mum schon guten Tag gesagt, als Greyback über mir stand. Und dann kommst du, zerreißt ihn einfach und rettest nebenbei auch noch Hermine und Ginny und ..."
Weiter kam Harry nicht, da ihm gerade bewusst geworden war, wie nahe seine Worte der Wahrheit kamen und sich einige Tränen aus den sonst so strahlend grünen Augen lösten. Ron hingegen brauchte noch einige Sekunden, um zu begreifen, was in seinem Freund vor sich ging. Er strich Harry über den Rücken und versuchte seinen Kumpel zu beruhigen.
„Ist doch gut Harry, wie oft hast du das denn schon getan. Oder ist es das nicht, wozu Freunde da sind ?"
Dann aber fühlte sich der Rothaarige in Harrys Gegenwart zunehmend unwohler und drückte seinen Freund sanft aber bestimmt von sich. „Kumpel es ist besser, wenn wir uns vielleicht nicht gerade jetzt umarmen, auch wenn mir mein Arsch auch auf Grundeis ging und mir unsere Freundschaft fast so wichtig ist, wie Parvati."
Harry schaute auf und sein Blick traf ihr Spiegelbild an der gegenüberliegenden Wand. Sofort wurde ihm bewusst, wo und in welcher Position sie sich gerade befanden und somit löste der Gryffindor leicht verlegen die Umarmung. Allerdings überkam ihn dann auch wieder der Übermut und er wollte Ron kurz striezen, indem er fragte, ob Harry ihn mit seiner Geste auf bestimmte Gedanken gebracht habe.
Die ganze Sache ging aber nach hinter los, als Ron mit einem Grinsen sagte, „Nein Harry, dass nicht unbedingt, aber du solltest wissen, dass ich schon über zwanzig Minuten hier leicht verzweifelt dusche, um Parvatis Geruch aus der Nase zu bekommen. Wir haben immerhin noch die Tage des Vollmondes und meine Sinne sind gereizt bis zum Getno."
Harry sah seinen Kumpel verwirrt an und brachte lediglich ein „Häh" über seine Lippen. Was hatte das denn zu bedeuten? War Ron vielleicht auf Fleisch aus? Und wie passte Parvatis Geruch hier her? Ron schien die Fragen förmlich lesen zu können und mit einem hinterlistigen Grinsen fuhr er fort.
„Was ich meine Harry ist, dass du nicht nur nach dir selbst, also deinem dir angeborenem Krankenhausgeruch riechst, sondern Hermine ein riesiges Duftspolster auf deinen Schlafanzug geweint hat. Und eben diese Düfte weiblicher Natur, solltest du sie nicht bald loswerden, könnten uns in die unangenehme Lage bringen, dass ich hier vor dir stehen und ein Horn aufbaue."
Im nächsten Moment verschluckte sich Harry, dem etwas von Rons Duschwasser über den Kopf lief so dermaßen, dass Ron nicht anders konnte, als loszulachen. Der Rothaarige hielt sich förmlich den Bauch, während Harry versuchte, nach Luft zu schnappen. Und da half es nicht, dass sein Freund noch einen nachlegte und Harry die Vorstellung nahe legte, was passiert wäre, wenn in genau diesem Moment ein anderer Lust auf ein Bad gehabt hätte.
Zwei Minuten rauschten dann zwei Duschkabinen und die beiden Gryffindors sprachen über die Geschehnisse des letzten Tages. Dabei fassten alle Zwei den Entschluss, dass sie noch lange nicht so weit waren um effektiv zu kämpfen und dass sich dies schnell ändern müsse. Schließlich kam man auch auf Damion zu sprechen und Ron meinte, dass den Jungen, auch wenn sie Kumpel waren, doch ein sehr dunkles Geheimnis umgab, denn wie konnte ein Mensch, der scheinbar zu jedem Spaß zu haben war, auf der einen Seite so liebevoll mit seiner kleinen Schwester umgehen und dann plötzlich einen Angreifer mit dem Todesfluch niederstrecken? Einen Fluch den die meisten Zauberer nicht einmal beherrschen wollten.
All diese Dinge beschäftigten die zwei Jungen und so verging die Zeit. Allerdings hatte Harry noch eine andere Frage, beruhend auf der Zeit, in der er gelauscht hatte im Kopf und schon der Gedanke daran ließ sein Gesicht ein wenig rot werden. Ron schien dies zu bemerken und sprach seinen Freund darauf an. Nun konnte Harry nicht einmal mehr zurück und mit immer verlegener werdender Stimme fragte er schließlich, „Und, wie war es?"
„War was, Harry? Die Verwandlung ? Oh das willst du nicht wirklich wissen, auch wenn ich weiß, dass du den Cruciatusfluch und auch Snapes Sommersüppchen erleiden musstest."
„Ähm, nein Ron.", unterbrach Harry rasch. „Ich meinte nicht die Verwandlung. Ich dachte da eher an Parvati und..."
Mit einem Male wurde auch Ron knallrot und ein ungläubiges „Woher?" verließ seinen Mund. Harry, nun selbst ein wenig überrascht von seinem Verhalten flüsterte, dass er es zufällig gehört hat und wie es ihm weh tat, als er anfangs noch dachte, dass die ganze Sache nicht so abgelaufen war, wie man es sich selber wünscht, dass es nur das Tier in Ron gewesen war.
Ron sah seinen Freund mit großen Augen an und wollte dann mit zunehmendem Unbehagen wissen, wer denn nun noch alles davon wusste. Harry nannte die Namen wie Poppy, Styls und McGonagall und besonders bei Letzterer schien sein Freund bereit, im Boden zu versinken. Bevor man aber weiter über das Thema sprechen konnte, wurde die Tür geöffnet und Madame Pomfrey betrat den Raum.
Und genau in diesem Moment wäre einem Außenstehenden niemals möglich gewesen zu glauben, dass die beiden Jungen gestern noch schwer verletzt, ja halb tot waren. Sei es nun Ron oder Harry, beide sprangen gazellengleich aus ihren Duschen und hasteten blitzschnell zum Regal mit den Handtüchern. Poppy grinste als sie dies sah und hielt es nicht mal für nötig, wegzuschauen. Fast hätte Harry in einem Anfall von Mut was gesagt, doch dann fiel sein Blick auf die Person, die Poppy mit langsamen Schritten folgte. Es war Neville und er schien noch leicht wie in Trance zu sein.
„Oh, schön Jungs, dass ihr schon nass seid. Dann könnt ihr euch gleich ein wenig um euren Freund kümmern."
Die beiden Gryffindors sahen Madame Pomfrey entgeistert an und schienen vorerst nicht zu etwas fähig. Poppy hingegen schwang ihren Zauberstab und zauberte einen Hocker herbei, den sie unter einem der Duschköpfe platzierte. Dort geleitete sie Neville hin, ließ seinen Umhang verschwinden und setzte ihn ab. Schließlich drehte sie sich wieder zu Harry und Ron und grinste,
„Ach kommt schon Jungs, es gibt da nichts, was ich nicht schon mal gesehen hätte und ich meine euch alle Beide."
„Aber was sollen wir tun Madame Pomfrey?", fragte Harry leicht unsicher und zog den Knoten seines Handtuchs noch fester. Poppy sah Harry überrascht an und erwiderte. „Na nach was sie es denn aus, Mr. Potter. Sie sollen Mr. Longbottom ein wenig beim Waschen helfen, da ich auf seine Verletzungen nicht noch mehr Magie anwenden kann."
Harry fragte sich zwar wie die alte Heilerin dies meinte, denn soweit er sich erinnern konnte benutzte Poppy bei jedem ihrer Patienten ihren leichten Reinigungszauber, doch dann galt es hier einem Freund zu helfen und beide Jungen stimmten zu. Poppy dankte ihnen und meinte, sie würde in einer viertel Stunde wieder da sein.
Ron und Harry machten sich an die Arbeit und während sie Neville vorsichtig mit Wasser benetzten und seine Wunden großzügig dabei ausließen, meinte Ron im Spaß, dass es wohl eine Person hier im Schloss gab, die nun liebend gern mit ihnen tauschen würde. Harry war sofort klar, dass Luna gemeint war, doch nachdem Poppy letzte Nacht schon ein Pärchen, entgegen ihrer persönlichen Grundansichten, in einem ihrer Betten hatte zusammen schlafen lassen, wäre dies wohl zu viel für sie gewesen.
Somit kam es, dass die beiden Jungs sich um Neville kümmerten und irgendwann wieder ihr Gespräch von vorher aufnahmen. Zwar hatte Harry es nicht noch einmal angesprochen, doch Ron meinte plötzlich mit leicht rotem Gesicht, dass es das Geilste und Schönste gewesen war, was er bisher erlebt hatte und dass nicht mal Malfoy als Frettchen an dieses Gefühl herangereicht hätte. Harry musste bei diesem Vergleich grinsen, wunderte sich dann aber auch wie es kam, dass Ron, den es im vierten Jahr fast einen Herzkasper beschert hatte Fleur zum Tanz zu bitten, heute so locker mit ihm über ein Thema sprach, dass Harry immer noch ein wenig verkrampft dastehen ließ.
Nach der abgesprochenen Zeit betrat Madame Pomfrey wieder den Raum und verpasste dem nun gründlich gereinigten Neville ein paar neue Verbände. Harry und Ron zogen sich in der Zwischenzeit an und kurz darauf gingen alle Vier zurück in den Krankensaal, wo auch schon die nächste Überraschung wartete. Doch hier war es Ron, der sich von einer auf die andere Sekunde unbehaglich fühlte, denn am Bett von Parvati standen zwei Erwachsene, die Harry zwar noch nie gesehen hatte, die aber durch ihre traditionelle indische Kleidung nur Parvatis Eltern sein konnten.
Harry sah zu Ron herüber und sein Kumpel schien immer langsamer zu werden. Es schien fast so, als würde er versuchen unerkannt zu bleiben, doch kaum das Mr. Patil, einen großgewachsenem Mann mir außergewöhnlich schwarzem Vollbart und sehr mystisch funkelnden Augen die beiden Jungen erblickt hatte, rief er Ron auch schon zu sich heran. Harry wünschte seinem Kumpel leise viel Glück und der Rothaarige ging langsam und mit gesenktem Haupt seinem Schicksal entgegen. Harry überlegte schon Ron beizustehen, doch dann wiederum bedeutete sein Freund ihm, dass er dies schon schaffe.
Das sich Ron aber zu Unrecht Sorgen gemacht hatte, zeigte aber schon die nächste Geste von Parvatis Dad. Der Mann musterte zwar ganz kurz das Auftreten und die Erscheinung des Gryffindors, doch danach zog er ihn in seine Arme und bedankte sich tausendmal für die Rettung seines Engels. Ron versuchte ihn klar zu machen, dass er alles für Parvati geben würde und Mr. Patil erwiderte, dass er dies doch wüsste. Dabei strich seine Hand über die Stelle mit der Narbe von Greybacks Biss und irgendwie schien es zwischen den beiden Männern einen kurzen Moment des Verstehens zu geben.
Nachdem sie sich wieder gelöst hatten, begann Mrs. Patil, übrigens eine wunderschöne Frau mittleren Alters, die verriet woher ihre Töchter ihre Schönheit hatte, sich bei Ron zu bedanken und meinte immer wieder, sie würde jeden Tag für ihn beten. Harry fühlte sich für seinen Freund richtig glücklich und ging langsam zu Hermines Bett hinüber. Dort küsste er seine Freundin, die das ganze Schauspiel, wie wohl jeder Andere im Raum auch, beobachtet hatte und bedeutete ihr, sie solle ein wenig rutschen. Als er aber versuchte die Decke anzuheben und seine Freundin meinte, dass sie eigentlich gerade als der Besuch kam dabei war, sich umzuziehen und sie daher nichts anhatte, da wurde Harry halt wieder zu Harry und ließ mit hochrotem Kopf die Decke wieder fallen. Rasch drückte er Hermine noch einen Kuss auf den Mund und verschwand in Richtung seines eigenen Bettes. Hermine konnte nur kopfschüttelnd grinsen und tastete derweil weiter nach ihrem Slip. Zwischendurch ging ihr Blick aber kurz zu Damion und auch er hatte ein breites Grinsen in seinem Gesicht.
Eine halbe Stunde später verließen die Patils zusammen mit Ron und Parvati den Krankenflügel, um einige Minuten allein zu sein. Dass die zwei Gryffindors aber wieder hierher zurückkommen mussten, dass wusste Harry allerdings schon, da Poppy sie alle noch mindestens eine Nacht zu Beobachtung haben wollte. Dies war jedenfalls die offizielle Variante für Harry und Co., ein Alibi, wenn man es so wollte. In Wahrheit gab es im Schloss nach dem Angriff auf Hogsmeade eine unglaubliche Menge Eltern, die besorgt hergereist waren, um nach ihren Kindern zu schauen und auch, um sich bei Harry und den anderen zu bedanken. Und genau davor wollte Professor McGonagall ihre Schüler beschützen und somit war a ) der Krankenflügel für alle tabu und b) mussten alle Besucher mit Sonntagabend das Schloss verlassen haben, damit die Schule fortgeführt werden konnte.
Am nächsten Morgen war dann der Termin der Freilassung und Harry und seine Freunde machten sich auf den Weg, ihre erste Malzeit des Tages wieder in der Großen Halle einzunehmen. Der kleine Trupp musste aber noch ein wenig langsamer als sonst laufen, da Neville noch einige Probleme hatte. Schließlich war einer der Holzsplitter auch durch seinen Oberschenkel geschossen und dieser brauchte halt ein wenig länger, um völlig wieder hergestellt zu sein.
Unterwegs trafen sie auch Professor McGonagall und Luna. Die Beiden schienen sichtlich erfreut, die Schüler wieder auf dem Damm zu wissen und besonders Luna zeigte dies, indem sie ihrem Freund vor allen einen dicken Kuss auf die Lippen drückte. Die Direktorin ließ zwar ein „Hmm hmm" verlauten, doch ein Husten, von dem man nicht wusste, von wem es kam, welches aber sehr stark nach „neidisch" klang, brachte die alte Hexe nur dazu, schnell weiter zu gehen.
In der Großen Halle angekommen versuchten die Schüler so schnell wie nur möglich ihre Plätze zu erreichen, nicht dass noch irgendwer auf die Idee kam, ihnen einige Worte des Dankes an den Kopf zu werfen. Doch da die Direktorin selbst noch nicht saß, schienen Harry und seine Freunde Glück zu haben.
Doch wie sagte man so schön? Der Schein kann trügen. Noch bevor eine ebenfalls überrascht wirkende Professorin McGonagall etwas tun oder selber sagen konnte, waren sämtliche Schüler aufgestanden und hatten begonnen zu applaudieren. Und nicht nur sie, nein auch das gesamte Lehrerkollegium hatte sich erhoben und klatschten einem sichtlich verlegenen Harry und dessen Freunden Beifall.
Schließlich hatten sich die Schüler wieder hingesetzt und die Direktorin ließ ein paar Worte des Dankes verlauten. Dabei mahnte sie aber auch, die Sache nicht zu sehr ausufern zu lassen, zumal der Tagesprophet schon in seiner extra erschienenen Abendausgabe am Vortag heillose Geschichten zusammen gesponnen hatte. Irgendwie war Harry in dem Moment froh darüber, dass man ihn und seine Freunde im Krankensaal eingesperrt hatte. Hermine schien die Anspannung im Körper ihres Freundes zu spüren und drückte unter dem Tisch sanft seine Hand.
Einer der Gründe für Harrys Verspannung war nämlich, dass es irgendwie durchgesickert war, dass Ron von Greyback angefallen wurde. Zwar nannte keiner der Reporter etwas von einem Biss, doch Harry spürte ganz deutlich, dass einige Blicke auf seinem Kumpel lagen. Das dann vereinzelte Slytherins auch noch Bemerkungen losließen half der Sache nicht wirklich, zumal Ron immer noch mit dem Mond zu kämpfen hatte und anfing, einige der Schlangen anzufunkeln. Als dann eine besonders bösartige Bemerkung kam, die meinte, man müsste so etwas Unwürdiges sofort von der Schule verweisen, machte sich Ron sogar bereit aufzuspringen.
Umso überraschter war es dann aber für alle, dass Pansy Parkinson plötzlich aufstand und um ihren Tisch herum ging. Viele der anderen Hogwartsschüler folgten ihrem Gang und manche dachten mit Sicherheit, da es ja fast so aussah, als wäre sie auf dem Weg zum Gryffindortisch, dass sich die neue, älteste Vertrauensschülerin auch dazu hinreißen lassen würde, eine Spitze abzugeben. Doch stattdessen bekam einer ihrer eigenen Hauskameraden ihren Zorn zu spüren. Sie kippte nämlich plötzlich eine ganze Kanne Kürbissaft über einen Sechstklässler und schrie ihn an.
„Du solltest dich schämen und versuchen, mir heute aus dem Weg zu gehen. Wenn Weasley sich nicht geopfert hätte, wäre Patil etwas widerfahren, von dem du nicht mal eine Vorstellung hast. Du bist eine Schande, Montgomery. Du willst ein Reinblüter sein? Du willst für Ehre und Traditionen im Namen des Hauses Slytherin stehen und bist als Erster wie ein Feigling abgehauen, als die Todesser aufgetaucht sind."
Der angesprochene Junge war sprachlos. Doch da ging es ihm nicht allein so. Viele fragten sich, ob Pansy Parkinson gerade für einen Gryffindor gesprochen hatte, doch die leicht übergewichtige Hexe war noch nicht fertig. Sie baute sich weiter vor Montgomery auf und fauchte ihn aufs Neue an. Bevor sie aber ihren Gegenüber verhexen konnte, weil dieser nun ebenfalls meinte sich verteidigen zu müssen und abfällig bemerkte, dass das Blut der Weasleys jetzt noch durch das eines Halbblutes verunreinigt sei, schritt die Direktorin ein. Sie kam auf die Beiden zu und sagte mit kalter, strenger Stimme, „Das reicht ihr Zwei."
Beide Slytherin trennten sich ein wenig und Professor McGonagall nahm sich zuerst den Jungen vor. Sie schleifte ihn fast in die Mitte der Halle und sah dann in die Runde.
„Ich muss sagen, ich bin erschüttert. Noch nie, und ich betone, noch nie habe ich erlebt, dass ein Schüler, ein Mitglied einer der ältesten englischen Zaubererfamilien so dermaßen vor meinen Augen beleidigt wurde. Und es ist mir auch ein Rätsel, wie sich junge Menschen, die dem Hause Slytherin angehören, welches für seine Schlauheit und nüchterne Betrachtungsweise bekannt ist, es zulassen können, dass die Medien unwahre oder sogar falsche Informationen in ihre Köpfe pflanzt."
„Was meinen sie bitte damit?", fragte Pansy Parkinson mutig und sah zu Ron herüber. Dieser bekam dies allerdings nicht wirklich mit, denn nachdem der Gryffindor gedacht hatte, dass dies alles als Geheimnis behandelt werden würde, schien er nun in einer Art Schock zu sein und Harry vermutetet, dass die größte Sorge seines Freundes nun war, wie wohl die Anderen darauf reagierten. McGonagall schien ähnlich zu denken und wandte sich nun an die gesamte Halle.
„Was ich damit meine, Ms. Parkinson und ihr Anderen auch ist, dass auch wenn Mr. Weasley im Kampf mit Greyback verletzt wurde, er sich nicht in einen Werwolf verwandelt hat. Fragen sie mich nicht wieso es so ist. Doch wie schon bei seinem älteren Bruder Bill Weasley, ein früheres Opfer desselben Werwolfs, scheint eine gewisse Immunität gegen den Fluch vorzuliegen. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass sich Mr. Weasley für Ms. Patil geopfert hat. Ich denke im Hause Gryffindor findet sich noch ein gutes Beispiel dafür, welchen Schutz die Liebe und die Opferbereitschaft manchmal darstellen kann."
Dass die Direktorin dabei Harry direkt ansah, brachte dessen Gesicht noch mehr zum Leuchten, als es dies eh schon tat. Viele kannten ja die Geschichte von Harry und dem Opfer seiner Mutter und da Dumbledore den Glauben in selbige immer schon gestärkt hatte, wusste Harry von vielen Schülern, dass sie es als wahr erachteten. Der Gryffindor versuchte dieses Mal aber auch gar nicht, von sich abzulenken, diente McGonagalls Geschichte heute doch dazu, von Rons anderem Geheimnis, dem eigentlichen Grund für seine Nichtverwandlung, abzulenken.
Zwei Minuten später schien auch der letzte Schüler die Geschichte geschluckt zu haben und man kam zur Bestrafung der Unruhestifter. Pansy bekam zehn Punkte abgezogen wegen Verschwendung von Nahrungsmitteln und Montgomery durfte sich die nächsten vier Wochen auf Strafarbeit mit Hagrid freuen.
Als dies dann endlich Geschichte war, konnten Harry und die anderen Gryffindors endlich auch das Frühstück genießen. Doch Gott schien heute seinen guten Tag zu haben und daher wurde auch das gemütlich Beisammensitzen in der Großen Halle schon bald wieder gestört. Dieses Mal durch die Schulalarmglocke. Sofort nach Verhallen des Signals, welches anzeigte, dass sich mehr als fünf fremde Personen dem Schloss näherten, wollte eine leichte Panik ausbrechen, doch die Direktorin schaffte es, wie schon früher Dumbledore, dass die Halle sehr schnell wieder ruhig wurde. Hilfreich dabei war auch, dass das Gemälde des alten Direktors hoch oben, über dem Lehrertisch mitteilte, dass keine Gefahr bestand.
Mit sichtlicher Erleichterung starrte nun jedes Augenpaar auf die hölzerne Tür der Halle und war gespannt, wer wohl Einlass zum Schlosse erbat. Wie durch Zauberei wurden die Türflügel auch keine fünf Minuten später aufgedrückt und eine Gruppe Hexen und Zauberer betrat die Große Halle. Sie alle kamen Harry irgendwie bekannt vor, doch erst als der Gryffindor die Anführerin der Gruppe erkannte wurde ihm klar, dass es sich um Leute aus Hogsmeade handelte. Sie alle führten irgendein Geschäft im kleinen Zaubererdörfchen und sie alle waren Madame Rosmerta gefolgt, die nun auch sehr zielstrebig in Richtung Gryffindortisch ging.
Und während sie dies tat, bemerkte Harry, dass einige der jüngeren Schüler anfingen zu strahlen und sogar der Gruppe manchmal zuwinkten. Und diese Grüße wurde auch erwidert, eine Tatsache, die den Schwarzhaarigen etwas verwunderte. Schließlich wurde Harry aber aus seinen Gedanken gerissen, da die Stimme der Direktorin erklang.
„Einen wunderschönen guten Morgen, Rosi. Was verschafft uns den euren überaus überraschenden Besuch?"
„Nun Direktorin", erwiderte die Wirtin des Drei Besens. „Wir sind heute alle hier hoch ins Schloss gekommen, um uns bei Mr. Potter und allen Anderen, die geholfen haben, dass unseren Kindern nichts geschehen ist, unseren persönlichen Dank auszusprechen."
Harry spürte regelrecht, wie er rot wurde und auch langsam in seinem Stuhl zusammen sank. Wieso musste man immer ihn loben, wenn man mal einen kleinen Sieg erfahren hatte? Konnte man es nicht einfach hinnehmen? Er versuchte doch auch nur, am Leben zu bleiben. Mit diesen Gedanken verdunkelten sich seine Augen ein wenig und eigentlich wollte er nur noch raus hier.
Doch da schien er der Einzige im Raum zu sein, der das so sah. Denn erneut standen alle im Raum auf und begannen leicht zu klatschen. Als Diesem dann wieder verhallt war, traten zwei Zauberer aus der Gruppe hervor und holten mehrere Pakete aus ihren Umhängen. Harry stöhnte leicht auf, ebenso wie Ron und die Mädchen, denn es handelte sich bei den Paketen um ihre Einkäufe vom Wochenende, an die sie überhaupt nicht mehr gedacht hatten.
„Nun Harry, ich glaube, das hier gehört noch euch." Sagte Madame Rosmerta mit einem Lächeln und die beiden Zauberer legte die Einkäufe auf den Gryffindortisch. Danach bedankten sie sich noch mal und kehrten zur Gruppe zurück, die sich wieder auf den Weg machen wollte. Allerdings wurden die Hexen und Zauberer noch einmal von Professor McGonagall zurück gerufen.
„Ach komm schon Rosi. Jetzt bleibt noch kurz und sagt auch euren Kindern guten Tag."
Harry war zwar noch kurz verdutzt, sah aber, wie es in einigen der Gesichter zu leuchten begann. Sofort war die Halle mit verschieden Rufen erfüllt und die Hexen und Zauberer gingen zu den verschiedenen Haustischen. Meist waren es Schüler der unteren Klassenstufen, die ihre Mütter, Väter oder andern Verwandten begrüßten. Am meisten überraschte es Harry, dass Madame Rosmerta einen kleinen Erstklässler in die Arme schloss. Später erfuhr er aber, dass es nicht ihr Sohn sondern ihr Neffe war.
Die ganze Familienzusammenführung dauerte noch gut eine halbe Stunde und Professor McGonagall hatte deshalb auch verkündet, dass der Unterricht erst zur dritten Stunde beginnen würde. Dies rief natürlich Beifall hervor, den die Direktorin nur mit einem Lächeln zur Kenntnis nahm. Gegen Elf machten sich Harry und seine Freunde schließlich auf den Weg zum Kerker, da Zaubertränke auf dem Plan stand und somit sollte eine weitere Unterrichtswoche endlich beginnen.
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