Kapitel 66
Erschrocken durch Harrys plötzliches Auffahren zog Hermine ihre Hand weg, als hätte sie sich verbrannt. Dann schaute sie Harry entsetzt an und wollte wissen, was los ist. Ihr Liebster brachte aber nur die Worte „Ginny", „Damion" und „Todesser" heraus und sprang vom Sofa auf. Er musste ihnen helfen, das war sicher und zwar schnell.
Es war dann Hermine, die meinte, dass sie Professor Styls Bescheid geben müssen, doch dies dauerte Harry zu lange. Bis die Lehrer oder gar die Auroren in Hogsmeade ankämen, könnte es für ihre Freunde schon zu spät sein und mit einem sekundenschnell gefassten Entschluss sagte Harry zu seiner Liebsten. „Hermine, du gehst zu Styls und alarmierst ihn."
„Und du?", fragte Hermine zurück, da sie verwundert sah, wie Harry sich plötzlich seinen Umhang abstreifte und dann auch noch seine Schuhe.
„Ich? Ich mache mich auf den Weg, um Damion und Ginny zu helfen."
„Was? Bist wahnsinnig? Sie werden dich umbringen, wenn sie dich sehen Harry. Außerdem, wie willst du nach Hogsmeade kommen? Auf dem Besen Harry...?"
Es war mehr ein letzter Versuch, die Stimme der Vernunft, wenn man es so wollte, da diese Aufgabe nun mal Hermine zufiel. Doch sie wusste, dass Harry, sofern er sich entschieden hatte, kaum noch von seinem Vorhaben abzubringen war. Sie küsste Harry geschlagen, wünschte ihm viel Glück und beschwor ihren Freund ja vorsichtig zu sein. Dann sah sie noch, wie Harry hastig seine Hose und den Pullover auszog, alle Sachen, zusammen mit den Schuhen und seinem Zauberstab in den Umhang wickelte und in Richtung Fenster lief.
Hermine blickte ihrem Freund unsicher hinterher und die Frage, was er vor hatte und wieso er fast nackt war, schrie förmlich in den Raum. Bevor der Lockenkopf jedoch eine Antwort von Harry erhalten konnte, hatte dieser das Kleiderbündel aus dem Fenster geworfen, laut gerufen, dass er hoffte, sich mal nicht zu irren und war mit einem Satz hinterher gesprungen.
Entsetzt rannte Hermine zum Fenster und sah in die Tiefe. Dann aber musste sie ihre Augen bedecken. Ein gleißendes Licht, ein regelrechter Feuerstoß schoss ihr entgegen. Dieser dauerte allerdings nur kurz und nachdem er verschwunden war, und sich Hermines Augen wieder an das Licht gewöhnt hatten, erkannte sie tief unter dem Fenster einen Phönix, ihren Harry, der sich im Flug das Kleiderbündel schnappte und in Richtung Hogsmeade flog.
„Oh, ich glaube, der zweite Becher Rotwein war ein wenig schlecht...", sagte Ginny, während sie sich an ihren Liebsten kuschelte und Damion ein Küsschen auf die Wange drückte.
„Wir sind ja gleich da mein Schatz. Dann legen wir dich ins Bett und...".
„Mr. McKenzie...", erwiderte Ginny mit einem gespielt empörtem Gesicht. „... sie wollen doch nicht etwa meine Angetrunkenheit ausnutzen und eine junge, unschuldige Dame wie mich in eine unangemessene Lage bringen."
„Nie und nimmer", lachte Damion und küsste Ginny auf den Mund. Bevor das Mädchen aber sagen konnte, dass sie dies sehr schade fand, rannte jemand voll in die beiden hinein. Glücklicherweise reagierte Damion reflexartig und somit wurde ein Sturz verhindert. Das Nächste was Professor Styls Sohn allerdings erblickte war pures Entsetzen, geschrieben in zwei blaue, ausgemergelte Augen.
„Helfen sie mir", sagte der Mann, er mochte so an die sechzig oder siebzig Jahre alt sein, und er sank dabei mit einer flehenden Geste auf die Knie. Sofort schickte sich Damion, dem Alten hoch zu helfen. Er griff ihm unter die Arme und zog ihn zurück auf die Beine. Dabei fiel dem Gryffindor auf, dass der Mann kaum mehr als seine Freundin wog und dass die Kleidung, welcher er trug, trotz das sie aus edlerem Stoff bestand, schon mal bessere Zeiten erlebt haben musste. Als Ginny und ihrem Freund dann auch noch das Blut auffiel, zückten beide Schüler ihre Zauberstäbe.
Dies geschah keinen Augenblick zu früh, denn hinter der nächsten Ecke waren plötzlich Stimmen zu hören, Stimmen, die nichts Gutes verhießen und bei der eine besonders hervorstach. Diese Stimme, sie gehörte einem Mann, befahl seinen Gefolgsleuten, sich zu beeilen.
„ ... sucht ihn, ihr dreckigen Hunde... Er darf uns nicht entkommen. ... Der Lord braucht ihn lebend und muss dabei sein, wenn er sich öffnet ..."
Damion und Ginny verstanden nicht wirklich, was der Todesser damit meinte, doch die Reaktion des Fremden neben ihnen war eindeutig. Er begann zu zittern und sich panisch umzuschauen. Dann wurde sein Blick auf einmal glasig und einige Worte in Latein oder so verließen seine Lippen, so, als wollte er sie nie und nimmer freiwillig sagen.
„Aperire animus, dimittere secretum".
Immer wieder faselte der Mann dieser Worte und sie schienen ihm sogar Schmerzen zu bereiten. Und erst als der Lärm der herannahenden Todesser noch einmal zunahm, schien der Fremde aus seiner Lethargie zu erwachen. Ein neuer Schwall Panik schien ihn zu erfassen und er wollte wegrennen. Damion hielt ihn aber fest und ließ seine Vampirsinne die Umgebung abtasten. Dann drehte er sich um und drängte Ginny und den Fremden in die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren. Dort spürte er die geringste Präsens dunkler Magie
Ihre Flucht dauerte aber nicht lange, denn binnen kürzester Zeit waren sie umzingelt und die Todesser schienen nicht allein zu sein. Offenbar hatten die sechs Männer von Voldemorts Lakaien, welche sich ihnen gerade näherten Unterstützung durch drei Vampire. Jedenfalls rochen sie für Damion so und ihre Bewegungen waren jenseits von dem, wozu Menschen in der Lage waren. Auch schien den Verbrechern egal zu sein, dass hier zwei Jungendliche im Weg standen, denn ihr Angriff startete sofort. Glücklicherweise blieb Damion und Ginny der Überraschungsmoment. Keiner schien damit gerechnet zu haben, dass sich die Jugendlichen wehren würden und so stürzten zwei Todesser mit schmerz verzogenem Gesicht zu Boden.
Immer noch überrascht schaute der Rest der Todesser auf die Gefallenen, bevor inmitten des Zaubererdörfchens die Hölle losbrach. Flüche, angefangen von Stupor über diverse Schmerz- und Schneideflüche, bis hin zum gefürchteten Cruciatus flogen den Gryffindors um die Ohren. Allerdings wagte keiner der Todesser den Todesfluch zu benutzen, aus Angst, den fremden Mann zu treffen. Damion sah dies als ihre Chance und zog den Alten näher an sie heran. Dann drängte er in Richtung der Hauptstraße des Ortes und zum Postamt, wo bekanntlich der Apparierpunkt für Hogsmeade lag. Vielleicht schafften sie es dort hin, denn bei dieser immensen Zahl von schwarzmagischen Flüchen mussten die Auroren und das Ministerium einfach alarmieren werden und Hilfe schicken.
Bevor die Drei allerdings das Postamt erreichten, traf ein Fluch den Fremden und zertrümmerte dessen rechtes Bein. Voller Schmerz schrie er auf und sackte zu Boden. Ginny hielt an und versuchte sich um ihn zu kümmern, doch die Todesser deckten sie mit Flüchen ein und die drei Vampire kamen noch schneller voran als es die Todesser eh schon taten. Zwei von ihnen hatten Ginny fast erreicht, als sie plötzlich mitten in ihren Sprüngen stoppten, kurz in der Luft schwebten, sich gegenseitig verwundert anschauten und dann mit einem Schrei des Schmerzes in Flammen aufgingen.
Für einen Moment war alles still und jeder sah den anderen geschockt an, doch dieser Augenblick dauerte nicht sehr lange, denn mit einem Mal schien eine weitere Person in den Kampf einzugreifen. Diese Person schien es auf die Todesser abgesehen zu haben. Damion schaute sich suchend um und erblickt schließlich Harry, der wütend und mit brennendem Haar aus einer der Seitengassen gestürmt kam.
Dem Gryffindor schien es egal zu sein, mit was er angriff. Einzig dass die Todesser seine Freunde angegriffen hatten und bedrohten zählte offenbar. Und hier wurde Damion, der bisher immer mit Harry trainiert hatte bewusst, was der Junge für ein Potential, für eine Macht besaß. Rigoros bekämpfte der schwarzhaarige Gryffindor die immer zahlreicher eintreffenden Todesser. Blitzschnell feuerte er Flammensalven auf sie ab und deckte sie mit Flüchen ein, die sie zwar im Unterricht gelernt hatte, welche aber bei Harrys Macht doch sehr verheerende Auswirkungen zeigten.
Und Damion? Nun, dieser tat es ihm gleich, wobei dem Jungen sehr half, dass er nur noch zur Hälfte Mensch war. Damion Bewegungen waren manchmal für das bloße Auge nicht mehr zu erkennen. Allerdings übersah der Gryffindor in seinem Kampf mit den Todessern eine Person. Diese war der dritte Vampir und dies hatte zur Folge, dass seine Liebste im nächsten Moment von ihrem Schützling, dem alten Mann, ablassen musste, um sich selbst ihrer Haut zu erwehren.
Dies tat sie gut, wenn nicht sogar sehr gut. Immer wieder klatschten ihre Hände wie bei einem asiatischen Kämpfer in das Gesicht des Vampirs, da Zaubern mit dem Stab aufgrund der geringen Distanz nicht mehr möglich war. Dass dabei die Knöchel ihrer Hand schon zu bluten begangen, das merkte die Rothaarige nicht einmal. Der Kampf wurde härter und schneller, bis er plötzlich stoppte und Ginny und der Vampir sich etwas trennten.
„Eine würdige Gegnerin", fauchte der Blutsauger und wischte sich etwas schwer atmend sein Blut aus dem Gesicht. Ginny hingegen sagte nichts und sah ihr Gegenüber nur abwartend an. Nicht einmal ihre beiden kämpfenden Freunde konnten sie jetzt ablenken, denn sie wusste, dass zum einen Harry und Damion gut selbst klar kamen und zum anderen, dass jede Unaufmerksamkeit ihrerseits ihr Tod sein konnte. Bevor der Kampf zwischen der Gryffindor und dem Vampir jedoch weitergehen konnte geschah etwas, dass wohl keiner so recht verstand oder mit dem man gar gerechnet hätte.
Alles begann damit, dass der Vampir sich während ihrer kleinen Pause über das Gesicht wischte und dabei mit seinen langen, knöchrigen weißen Fingern Ginnys Blut aufnahm. Dieses beschaute er mit einem durstigen Blick und ein dreckiges Grinsen schlich sich in seine Visage. „Oh du wirst mir besonders gut schmecken. So jung... so voller Energie. Oh, ich liebe so kleine Wildkatzen wie dich."
Und als Geste, als wollte er sein Vorhaben für das Mädchen noch anschaulicher machen, steckte der Vampir sich den Finger in den Mund und leckte genüsslich Ginnys Blut ab. Das war dann allerdings auch das Letzte was er tat, bevor sich sein Gesicht in Schmerzen verzog. Außerdem schien es so, als würde es in seinem Mund plötzlich zischen und qualmen. Doch mehr konnte Ginny nicht mehr erkennen, denn Harry war ihr zu Hilfe geeilte und eine seiner Feuersalven streckte den Vampir nieder. Der Körper verbrannte binnen weniger Sekunden und Ginny starrte auf die Asche.
Kurz darauf hieß es jedoch für Harry, seine beiden Freunde und den fremden alten Mann die Beine in die Hand zu nehmen. Immer mehr Todesser strömten auf den Platz und dies war nun wirklich zu viel für die drei Schüler. Harry schrie, sie sollten ihm folgen und deutete in Richtung Zonkos. Damion und Ginny schnappten sich den alten Mann und stürmten los. Was sie dadurch allerdings nicht mehr mitbekamen, war eine weitere dunkle Gestalt, ein Vampir mit einem nahezu elfenbeingleichem Gesicht, der den Kampf von Ginny beobachtete hatte. Und eben jener Vampir, der sich nicht weiter um den Rest des Kampfes kümmerte, verharrte nun in seinem etwas abseits gelegenen Versteck und bedachte zum Einen die Überreste des vernichteten Blutsaugers, zum Anderen die Gestalt der sich entfernenden Rothaarigen mit einem kalkulierenden Blick.
Doch wie schon gesagt, davon bekamen Harry und seine Freunde nichts mit. Sie rannten was das Zeug hielt und versuchten Abstand zu den Todessern zu erhalten. Glücklicherweise schienen nun auch einige Auroren ins Kampfgeschehen einzugreifen und auch die Stimme von Damions Vater war zu hören. Dadurch wollte Damion zurück, um seinem Dad zu helfen. Harry sah dies aber anders und drängte seinen Freund in Richtung Ortsende. Als Harry dieses sah und sich auch einigermaßen sicher war, dass kein Todesser ihnen zu nahe kam oder ein Einwohner die kleine Gruppe sah, rief er Damions Namen und als dieser zu ihm blickte, warf er dem Gryffindor etwas zu.
„Hier Kumpel, pass auf ihn auf und haltet euch gegenseitig fest."
Bevor Styls Sohn auch nur fragen konnte, was Harry vor hatte. Fing er erst mal reflexartig den Zauberstab des Schwarzhaarigen, sah, wie sein Freund in Flammen aufging und wurde dann, zusammen mit Ginny und dem alten Mann, in die Lüfte gerissen. Harry hatte sich erneut verwandelt und trug die drei geradewegs aus der Gefahrenzone und in Richtung Hogwarts.
Hermine saß im Gemeinschaftsraum und machte sich riesige Sorgen um ihren Liebsten und ihre beiden Freunde. Was ist, wenn ihnen was geschah? Klar hatte sie Vertrauen in Harrys Fähigkeiten, doch dann war da ja noch sein Rette- Menschen- Tick und das manchmal kopflose drauf losrennen. Allein schon das Warten machte den Lockenkopf verrückt und da half es nicht, dass sie die Karte des Rumtreibers auf dem Schoss hatte, um zu verfolgen, wann ihre Freunde wieder auf dem Schlossgelände auftauchten. Eine halbe Stunde nachdem Professor Styls, den Hermine sofort alarmiert hatte, und einige der Lehrer das Schloss verlassen hatten, war es dann soweit und eine Gruppen von vier roten Pünktchen erschien auf dem leicht vergilbten Pergament. Es waren Harry, Ginny, Damion und eine Person, die Hermine nichts sagte. Sofort sprang sie auf und rannte in Richtung Ausgang des Gemeinschaftsraums. Sie musste einfach zu ihrem Freund, um zu sehen, dass es ihm und auch den anderen gut ging.
Etwas unsanft landete Damion auf seinen Füßen, schaffte es aber trotzdem, Ginny und den alten Mann so abzufangen, dass sie nicht in den Schnee fielen. Dann ging sein Blick zu Harry und er sah den Phönix fragend an.
„Meine Güte Harry, war dass ein Ritt. Und... eyh Mann, Harry, warum hast du mir nicht gesagt, dass du dich schon verwandeln kannst. Geiles Auftreten übrigens."
Damion strahlte angesichts, dass sie außer Gefahr waren und nun erst mal verschnaufen konnten. Harry hingegen hörte die Worte seines Kumpels vorerst nur durch eine Art Schleier. Seine Lungen brannten und jeder Muskel schien aufs Äußerste gespannt zu sein. Klar konnten Phönixe schwere Lasten tragen, doch das hieß nicht, dass sie dies mit der linken Pobacke machten. Außerdem musste Harry erst mit seiner Form klarkommen und dann musste es auch schnell gehen, denn während seines Fluges hatte er gesehen, dass sich auch ein Großteil der Lehrer wieder in Richtung Schloss aufgemacht hatte. Hier galt es jetzt zu verhindern, dass einige, die es nicht unbedingt wissen sollten, ihn so und in dieser Form hier sahen. Aus diesem Grund schaute der Phönix im nächsten Moment auch zu Damion auf, der allerdings den Vogel mit etwas Unsicherheit betrachtete.
„Harry, was ist los?"
„Harry? Das ist Harry?" Fragte Ginny überrascht, auch wenn sie sich selbst tadelte, wer denn der Phönix sonst sein konnte. Damion lächelte nur über die Reaktion seiner Liebsten, war dann aber eher besorgt um seinen Freund, da dieser ihn, wenn man es so wollte, regelrecht bittend ansah. Zwischendurch ging sein Kopf auch immer mal in Richtung Ginny. Doch Damion hatte keine Ahnung, was dies bedeuten sollte.
„Vielleicht kann er sich nicht zurückverwandeln? Du hast ja noch seinen Zauberstab."
Damion erwiderte jedoch auf Ginnys Vermutung hin, dass er diesen dazu nicht brauche. Eine Verwandlung zum Animagus war eine rein stablose Sache, es sei denn, man wollte einen verwandelten Zauberer oder eine Hexe dazu zwingen, ihre menschliche Form anzunehmen. Da dies hier aber nicht der Fall war, vermutete Damion, dass irgendwas anderes seinen Kumpel davon abhielt, sich zurück zu verwandeln. Der Phönix schaute Damion zu, wie dieser die unmöglichsten Hypothesen aufstellte. Sie gingen von Überlastung bis hin zu einem verirrten Fluch. In seinem Eifer die Antwort zu finden übersah der Braunhaarige sogar den ungewöhnlich Anblick, als der Phönix mit den Augen rollte. Wie konnte Harry seinem Kumpel nur klarmachen, was er wollte? Letztendlich zupfte der Phönixschnabel an Damions Umhang, doch sein Freund schien noch immer nicht zu verstehen. Schließlich gab der Phönix sogar einen leisen Pfeifton von sich, worauf der Zipfel des Umhanges Feuer fing. Dies ließ Damion aber nur empört auffahren.
„Ey Mann Harry, du verkokelst mir ja meine Klamotten."
Dieser Satz allerdings schien der Lösung des Problems aber schon näher zu kommen. Es war dann Ginny, die dies erkannte, obwohl sie ihre Antwort darauf in eher belustigender Art und Weise von sich gab. Sie schaute Harry nämlich mit in die Seite gestemmten Armen an und sagte leicht vorwurfsvoll, „Meine Güte Harry, werd endlich erwachsen und lockerer. Werd meinetwegen wie Neville, denn der würde nicht so einen Aufstand machen." Damit drehte sich die Rothaarige demonstrativ um und sagte zu ihrem Liebsten, dass er schon mal seinen Umhang ausziehen sollte.
Nun schien auch Damion zu verstehen. Und während der Phönix laut vor sich hin fiepte, erhellte ein kurzer Feuerschwall die Luft und Harry stand im nächsten Augenblick in voller Pracht und Schönheit da und griff sich dankbar den Umhang seines Freundes. Kaum seine Blöße bedeckt, drehte sich auch schon Ginny um und warf sich dankend an Harrys Hals. Auch Damion legte seinen Arm auf die Schulter des Gryffindors. Harry jedoch winkte nur ab und meinte, dass sie es zusammen geschafft hätten.
Kurz darauf fiel den Dreien aber wieder ein, dass sie nicht allein war. Es gab da ja noch den alten Mann, der nun vor ihnen im Schnee lag und bewusstlos zu sein schien. Bevor sie sich aber um ihn kümmern konnten, trafen die Lehrer, besser gesagt Professor Styls an der Spitze und auch Hermine bei ihnen ein und sowohl Harry als auch Damion wurden erst mal in den Arm genommen.
Das Ganze dauerte fast zwei Minuten. Und als die drei Kämpfer endlich wieder allein dastehen konnten, und auch die Direktorin ihre Erleichterung darüber, dass ihnen nichts geschehen war zum Ausdruck gebracht hatte, kam man schließlich dazu, sich um den alten Mann zu kümmern. Überraschenderweise waren es Professor Styls und Professor McGonagall, die zeitgleich die Identität das Mannes feststellten. Er hieß Lewingston Baxter und war nach den Informationen der zwei Lehrer früher auch nach Hogwarts gegangen.
Mehr konnte Harry aber vorerst nicht erfahren, da Mr. Baxter erwachte und einen neuen Panikanfall zu haben schien. Letztendlich beschloss man, ihn in den Krankenflügel zu bringen und da Harry und seine Freunde einmal in Reichweite waren, sollte Poppy sie auch gleich noch untersuchen.
Zuerst wollte Harry sich dagegen sträuben, doch dann kam ihm in den Sinn, dass es diesmal vielleicht von Nutzen war, in den Krankenflügel zu gehen. Stephano Styls musste schmunzeln ob des fehlenden Widerstandes seiner Schützlinge, doch er sagte nichts und so machte sich der Tross auf den Weg in Poppys Reich. Dort angekommen wurde jedem ein Bett zugewiesen, wobei Harry wieder mal sein persönliches bekam. Madame Pomfrey reichte jedem schon mal einen kleinen Stärkungstrunk.
Dann aber kümmerte sie sich um Lewingston Baxter, wobei sich Harry wunderte, dass die alte Heilerin ihm sofort einen Kurznamen gab. Sie nannte ihn einfach Lewi und dies in einer Art, dass man meinen konnte, die beiden kannten sich von früher und waren ähnlich miteinander verbunden, wie Poppy und Harry. Und während Madame Pomfrey ihren Patienten untersuchte, stellte sie fest, dass der Mann sehr starken Qualen und Folterungen ausgesetzt worden war.
Dies war dann der Moment, wo die Direktorin Poppy bitten wollte, dass sie einen Schutz herbeiholte, damit die Schüler dies hier nicht unbedingt mit anhören mussten. Stephano Styls aber unterbrach seine Chefin und meinte, dass diese Schüler am ehesten wohl die seien, die mithören sollten. So blieb der Schirm weg, auch wenn Professor McGonagall dies nicht wirklich gern sah. Einer der Gründe war wahrscheinlich auch, dass sie ihre Schüler mochte und ihnen das, was im nächsten Moment passierte, ersparen wollte, auch wenn niemand damit gerechnet hätte, dass so etwas passiert.
Mr. Baxter, oder Lewi, wie ihn Poppy versuchte anzusprechen, bäumte sich nämlich plötzlich auf und schrie nun die merkwürdigen Worte, diese Art lateinische Beschwörung laut in den Raum hinein. Professor McGonagall hielt sich ihre Brust bei all dem Schmerz, welcher der Formel beiwohnte. Zwar konnte jeder hier im Raum in gewisser Weise ein wenig Latein und man verstand auch, was die Worte „aperire animus, dimittere secretum" besagten. Doch da keiner so Recht verstand, warum sich Lewingstons Geist öffnen und das Geheimnis Preis geben sollte, da beschloss die Direktorin eine weitere Person mit einzuweihen. Sie ging zum Kamin an der Wand und rief nach Professor Flitwick.
Der kleine Lehrer für Zauberkunst war allein schon durch seine Herkunft eine Art Koryphäe im Bezug auf Zauberformeln und hatte selbst, neben Albus Dumbledore wohlgemerkt, nicht wenig Zaubersprüche in den letzten Jahrzehnten entwickelt oder verbessert. Bis der kleine Professor aber eintreffen würde, um eventuell etwas Licht ins Ganze zu bringen, hieß es warten und hoffen.
Doch Mr. Baxter kam nicht zur Ruhe. Nein, es wurde eher noch schlimmer und Harry sträubten sich die Haare beim Klang der Schmerzensschreie. Auch ihm tat es schon ein wenig weh. Dies konnte aber auch von Hermines Fingernägeln herrühren, die sich bei jedem Aufbäumen des Mannes tiefer in seinen Arm bohrten. Schließlich schien der Höhepunkt erreicht und Lewingston bäumte sich zum letzten Mal auf. Er schrie die Beschwörung regelrecht in den Raum und dann geschah es, etwas, dass so grausam und unmenschlich war, dass es wohl keiner der Anwesenden jemals wieder vergessen würde. Selbst Poppy wurde blass und wich zurück, als ihr Patient plötzlich Blut spukte und die rote Flüssigkeit aus fast jeder Körperöffnung floss.
„Damion, bring die Kinder hier raus", rief Professor McGonagall. Doch ihr Lehrer schaute nur entsetzt auf den Körper des vor ihm liegenden Mannes. Und wenn man geglaubt hatte, dass Blut war schon das Schlimmste, dann hatte man sich geirrt. Nur wenige Sekunden nachdem das Bett einem Meer aus Blut glich, durchzog den Raum ein knackendes Geräusch und die einzige Hoffnung, die Poppy noch mit verzweifelter Stimme kund tat war, dass Lewingston bitte schon tot war. Das Knacken rührte vom Schädel des Mannes her und im nächsten Augenblick sah es so aus, als würde der gesamte Kopf des Mannes platzen und etwas versuchte nach außen zu dringen.
Ginny und Hermine hatten ihren Blick schon längst voller Entsetzen abgewandt und auch Harry und Damion wollten sich diesen Anblick ersparen. Allerdings hinderte sie die geschockte Stimme der Direktorin daran.
„Bei Merlin, was ist das?" Rief sie laut und Harry schaute zurück zum Bett. Das Gesicht von Lewingston war nicht mehr zu erkennen und glich jetzt mehr einem Klumpen aus Knochen, Hirn, Blut und etwas, dass ganz und gar nicht dort hingehörte und was Harry einen Schauer über den Rücken jagte. Dieses Etwas sah aus wie ein Kristall, ein schwarzer Kristall und dann wieder nicht. Das Ding pulsierte und änderte ständig die Form oder gar den Zustand. Mal sah es fest aus, dann wieder wie eine Wolke. Schließlich löste sich das Ding vollständig aus den menschlichen Überresten und schwebte gut dreißig Zentimeter über dem Leichnam von Lewingston Baxter.
„Stephano hast du eine Ahnung, was das ist? Ist es gefährlich? Mr. Potter, und ihr anderen, geht ein wenig zurück."
Man merkte, dass es der Direktorin nicht grade leicht fiel, mit der Situation, die wohl für alle ungewöhnlich und neu war, umzugehen. Hinzu kam, dass als sich der erste bewegte, das Ding darauf reagierte. Auslöser war Poppy, die ein Tuch über Lewis Leiche decken wollte. Die schwarze Wolke, welche Harry schon mal irgendwo gesehen hatte, schien plötzlich zu wachsen und auf den Gryffindor zuzuschweben. Stephano Styls schien dies als einen Angriff zu deuten und feuerte einen Stupor ab. Der Fluch zeigte jedoch keine Wirkung außer der, dass die Wolke an Größe zunahm.
Allmählich wurde es den Anwesenden durchaus etwas komisch im Buch, zumal das Ding immer mehr in Bewegung kam. Schließlich steuerte es sogar direkt nach einigen Runden im Raum auf Harry zu. Dieser war auch kurz davor, seine Kräfte zu offenbaren und eine Feuersalve abzuschießen, doch da erklang hinter ihnen, und von der Tür her die quiekende Stimme von Professor Flitwick.
„Finite incantatem fidelius fascinatium"
Augenblicklich stockte die Wolke in ihrer Bewegung und mit einem leisen Pfeifen löste sie sich in Luft auf. Es dauerte noch einen Moment, in dem alle gebannt auf die nun leere Stelle im Raum und dann auf Filius Flitwick starrten, doch dann brachen die Fragen los bzw. die beiden Mädchen erbrachen sich und Poppy nahm sich ihrer an. Die wohl wichtigste Frage an ihren Lehrer für Zauberkunst war jedoch, „Was war das für ein Ding?"
Professor Flitwick sah alle im Raum mit großen Augen an und antwortete dann etwas unsicher, ja fast entsetzt, „Das Ding, oder besser die Wolke war ein Fideliuszauber, Minerva. Doch dass er sich frei im Raum bewegt, dass kann nur bedeuten, er wurde seinem Geheimniswahrer mit Gewalt entrissen. Bitte sagt mir, dass ihr das nicht getan habt."
„Bei Merlin nein! Filius, wie könnten wir dies jemals tun. Wir wussten ja nicht einmal was das für ein Ding war." Rief die Direktorin schockiert und sah ihren Kollegen an. Dann bat sie Flitwick näher zu treten und versuchte ihm zu erklären, was sie gerade erlebt hatten. Die Augen des kleinen Mannes wurden von Satz zu Satz größer und am meisten traf es ihn, als er den Namen des Verblichenen erfuhr. Alles was er noch sagen konnte war, „Oh mein Gott, es geht um Hogwarts" und dann brach der kleine Mann auch schon weinend zusammen.
TBC
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