Kapitel 86

Kapitel 86

Auf dem Weg in ihren Turm hörte Harry von verschiedensten Hogwartsschülern, die ihnen begegneten oder die sie überholten schon die abenteuerlichsten Vermutungen über Damions Freundin und Hermine schnaubte jedes Mal, wenn sie eine neue Version hörte. Harry hingegen interessierte vielmehr die Sache mit dem Wasser. Konnte es sein, dass... dass Eve vielleicht ein Elementar war und zwar mit der Kontrolle über das nasse Element? Doch um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen müsste er sie vielleicht mal allein sprechen. Es brauchten ja nicht alle wissen, auch wenn dies nach ihrem Auftritt vorhin in der Halle ohne Zweifel nicht mehr so als geheim eingestuft werden konnte.

Schließlich hatten sie das Portrait der fetten Dame erreicht und die Lady im rosa Kleidchen winkte ihnen schon ganz aufgeregt zu. „Schnell kommt, sie bringt ihn sonst um", rief das Portrait und Harry rief rasch das Passwort, um in den Gryffindorgemeinschaftsraum zu gelangen. Von dort ertönten dann auch schon laute Stimmen, wobei eine eindeutig als die von Eve zu identifizieren war und die andere ohne Zweifel einem Hauself gehörte.

„Bitte Miss, Tinny hat die Aufgabe Feuer zu machen ..."

„Aber nicht damit, du Langohr"

„Aber es ist Holz, altes Holz und... und es hat auch schon Brandspuren..."

Harry konnte hören, wie seine Freundin scharf die Luft einzog, ob der Bezeichnung für die kleine Hauselfe. Allerdings zuckte Damion kurz zusammen, als das Wort Holz aufkam und er beschleunigte seine Schritte noch.

„Klar ist es altes Holz. Ich hab es von meinem Vater geerbt und die Brandstellen sind Markierungen für jeden Hauselfen, der es gewagt hat, es anzufassen und den ich dafür erschlagen habe..."

Schließlich hatten Harry und seine Freunde den Gemeinschaftsraum betreten und sahen sich nun einer wütenden Eve und einer leicht verängstigten Hauselfe gegenüber. Beide zerrten aber jeweils am Ende eines länglichen Brettes, welches sich bei näherer Betrachtung als ein geschrumpftes Surfboard herausstellte. Ab hier griff dann auch Harry ein und befahl der Elfe förmlich, sie solle das Brett loslassen, da es wirklich kein Feuerholz war. Der Kopf der Elfe, Tinny war wohl ihr Name, wandte sich in Harrys Richtung und sie ließ kurz darauf das Board los und verschwand.

Nun lagen alle Augen auf Eve, welche die Neuankömmlinge jedoch nicht weiter beachtete, sondern vielmehr ihr Brett sorgenvoll in den Arm nahm, es akribisch auf Kratzer untersuchte und sie benahm sich wie eine Mutter, deren Baby hingefallen war. Alle im Raum schauten sie verwundert an. Alle außer Damion, der zu ihr rüber ging, beruhigend seinen Arm um Eve legte und meinte, dass es die Hauselfe nicht so gemeint und auch bestimmt keinen Schaden am Board verursacht hat.

Harry fragte sich zwar immer noch, warum sich Damions Freundin so benahm, es ging hier schließlich nur um ein Sportgerät, doch schon im nächsten Moment schalt sich der Gryffindor selbst, denn sein Feuerblitz wäre es ja im Grund auch nur, wäre da nicht die Tatsache, dass Sirius ihm diesen geschenkt hatte. Daher ließ Harry seinen Blick über das Surfbrett schweifen und bemerkte am oberen Rand einige Buchstaben, die, nachdem er seine Augen ein wenig modifiziert hatte, eine kleine Inschrift darstellten.

Simon Archibald Ocean 7-facher Weltmeister 9-facher Australiencupgewinner und liebender Vater

Irgendwie verstand Harry nun das Mädchen und hielt auch im nächsten Augenblick Hermine zurück, da sie Eve für ihr Benehmen gegenüber der Hauselfe zurechtweisen wollte. Dafür war jetzt aber nicht die Zeit.

Einige Minuten später dann war der Gryffindorgemeinschaftsraum reichlich gefüllt und neugierige Blicke waren auf die neue Gryffindor und ihre Sachen gerichtet. Harry spürte, wie Eve sich zunehmend unwohler fühlte und fuhr die niederen Klassenstufen an, sie sollen sich in ihre Zimmer begeben. Zwar maulte einige, doch im Allgemeinen wurde gemacht, was ein Siebenklässler sagte. Somit blieben also nur Harry und seine Freunde im Raum und der Schwarzhaarige begann.

„Also Eve, wie unsere Direktorin, möchten auch wir dich recht herzlich willkommen heißen und ich hoffe, du wirst dich schnell hier bei uns einleben."

Die anderen Gryffindors stimmten Harry zu und das australische Mädchen nickte und lächelte dankbar. Dann hielt sie es auch für angebracht, ein paar Worte zu sagen und meinte entschuldigend, dass sie das vorhin mit dem Elfen nicht so gemeint habe. Alles was sie in diesem Moment schützen wollte, war ihr Surfbrett und Damion unterstützte sie dahingehend, dass er sagte, dass das Brett einst einer Legende gehört hat. Harry vermutete, er meinte damit Eves Vater, doch das sollte das Mädchen schon selber erzählen, wenn es bereit dazu war.

Eine halbe Stunde später hieß es dann ab ins Bett und hier beneidete Harry Damions alte Freundin nicht wirklich, denn ohne Zweifel würden Hermine, Ginny und auch die anderen sie nicht so schnell in Frieden lassen, gab es doch was zu erfahren und sei es nur den Bräunegrad australischer Surfer betreffend. Harry und Damions verabschiedeten sich daher heute lediglich mit einem Gutenachtkuss und wenig später schlief auch ein Großteil der Gryffindors. Doch wie schon gesagt, nur ein Großteil. Die Mädchen konnten es wirklich nicht lassen und somit gab es eine Menge Mädchenkram zu besprechen, welcher jedoch half, das anfängliche Eis zwischen Eve und Hermine, aber auch zwischen ihr und Ginny, zu brechen.

Vier Uhr zeigte Harrys Uhr am nächsten Morgen, als der Gryffindor sich wieder einmal umdrehte. Irgendwie schienen die Ereignisse des Wochenendes in seinem Kopf keine Ruhe zu finden. Und nachdem Harry noch eine viertel Stunde versuchte, wieder einzuschlafen, entschied er sich dann, halt aufzustehen und in den Gemeinschaftsraum zu gehen.

Dort angekommen kam dem Schwarzhaarigen allerdings in den Sinn, dass er hier auch nur rumsitzen würde, wenn er nichts zu tun hatte. Hausaufgaben gab es nicht zu erledigen, da Ems und Professor Styls ihnen nichts fürs Wochenende aufgegeben hatten und so kam es, dass Harrys Füße ihn aus dem Gemeinschafstraum trugen und er irgendwann schließlich vor dem Wasserspeier am Fuße von McGonagalls Bürotreppe landete.

Was dies ein Zeichen? Sollte Harry vielleicht mal allein ins Archiv runter gehen? Vielleicht konnte er ja ein paar Worte mit Dumbledore wechseln? Andererseits stand der Gryffindor dann vor dem Problem, dass sowie er die Treppe aktiviert, die Direktorin einen Alarm bekam. Und dies wiederum machte ein Gespräch unter vier Augen natürlich unmöglich.

Harry stand daher etwas unsicher was er tun sollte im Gang und schalt sich dann, kurz bevor er sich entschieden hatte wieder zu gehen, einen Idioten. Wann würde er endlich begreifen und seine Fähigkeiten richtig einschätzen? Natürlich kam er ins Archiv ohne dass es McGonagall erfuhr und daher erhellte wenige Sekunden später eine kurze grelle Stichflamme den dunklen Gang.

Im Archiv angekommen, stellte sich Harrys ungewöhnliche Art zu Reisen noch auf eine andere Art als nützlich heraus, denn durch das sekundelange Aufblitzen hatte er sofort Dumbledores Aufmerksamkeit und sein ehemaliger Schulleiter und Mentor betrat seinen Bilderrahmen mit einem doch leicht müden Gesicht. Dieses erhellte sich allerdings gleich im nächsten Moment, da er Harry erkannte und er lächelte den Gryffindor an.

„Oh hallo Harry. Heute schon etwas früh auf ?"

„Ähm ja Professor", erwiderte der Schwarzhaarige und schaute sich kurz im Raum um.

„Und was verschafft mir die Ehre deines Besuches, Harry? Ich meine, es ist noch sehr früh am Morgen, Montag, wenn ich mich nicht täusche, und damit eigentlich der Tag, wo es fast keinen Schüler in Hogwarts gibt, der eigentlich bis zur letzten Minute im Bett bleiben möchte."

Dumbledore lächelte breit und Harry musste einfach mitlachen, da der alte Zauberer wie immer Recht hatte. Andererseits gab es ja da diese Tausende von Fragen in Harrys Kopf und somit erwiderte der Gryffindor.

„Stimmt Professor, doch ich konnte nicht mehr schlafen. Es ist halt ein wenig viel passiert in den letzten Tagen. Ich denke mal, sie haben es auch mitbekommen."

Dumbledores Grinsen wurde breiter. „Ach ja, die Queen und ihr kleines Dankeschön... Lord Potter."

Harry sah den alten Zauberer an und sein Gesicht wurde etwas dunkler. „Professor bitte nicht...", wollte er noch sagen, doch Albus unterbrach ihn. „Nein Harry, du bist was du bist und solltest stolz darauf sein."

„Ja aber ein Lord, Professor? Haben sie eine Ahnung, was das für mich bedeutet? Alles was ich immer wollte, war ein normales Leben, eine Familie und..." Harry hatte sich zunehmend in Rage geredet, welche Dumbledore dann aber schnell beendete, indem er nun selbst mit lauter Stimme meinte, „ HARRY JAMES POTTER, du sollst nicht immer alles als Bürde sehen. Dafür sind deine Eltern nicht gestorben."

Harry zuckte förmlich zusammen und als er sich wieder beruhigt hatte, wurde auch Dumbledores Gesicht wieder sanft. Der alte Zauberer bedachte seine Protege mit einem Lächeln und fuhr fort. „Nimm das Leben doch einfach mal so, wie es ist. Nutze die Dinge, welche dir jetzt noch als „Bürde" erscheinen und versuche das Beste draus zu machen."

Harry sah seinen alten Mentor an und dachte nach. Dann begann er auch zu lächeln und nickte. „Danke", fügte er dann noch hinzu und als Dumbledore fragte wofür und Harry meinte, dass es gut sei, wenn ihm ab und zu mal einer in den Hintern trat, da erwiderte Dumbledore mit schelmischem Gesicht „gern geschehen".

Nachdem sich die Beiden wieder etwas beruhigt hatten, begann Harry mit dem Portrait noch über andere Dinge zu sprechen, die ihn zurzeit bewegten. Dabei kam er auch auf ihren neu angekommenen Besuch aus Australien zu sprechen und Harry erzählte dem alten Zauberer, was seine ersten Eindrücke von Eve waren. Unter anderem auch seine Beobachtungen, was eine mögliche Anwesendheit eines vierten Elementars bedeuten konnte.

„Sie ist ein Elementar? Welches?", fragte Dumbledore und Harry erwiderte „Wasser".

„Oh, das ist wirklich interessant, denn gerade Wasserelementarzauberer sind selten geworden." Meinte das Portrait dann und Harry sah neugierig auf. „Warum?", fragte der Gryffindor und Albus schien kurz in Gedanken zu gehen. Irgendwie schien der alte Zauberer die Antwort zu kennen. Allerdings verdunkelte sich sein Gesicht ein wenig, als er antwortete.

„Nun Harry, Elementarzauberer sind an sich schon selten. Doch insbesondere gilt dies für diejenigen, welche die Macht über das Wasser haben. Es ist ein geschichtlicher Grund, der im neunzehnten Jahrhundert liegt. Es war die Zeit des Umbruchs in der magischen Welt und auch die Zeit des Umbruchs in der Natur, insbesondere meine ich dabei zwei Jahrzehnte, in denen es aufgrund langwieriger Regenfälle und Überschwemmungen in Großbritannien zu häufigen Missernten und Hungersnöten kam."

„Ich verstehe nicht ganz, Professor", warf Harry ein und Dumbledore hob kurz die Hand.

„Nun Harry, es war damals eine schwere Zeit, für alle und da man weder in der Zauberer- als auch in der Muggelwelt eine Erklärung für die Wetterkapriolen hatte, suchte man einen Schuldigen. Die Obrigkeit einigte sich darauf, dass es alles von Zauberern verursacht wurde, welche die Elemente beherrschten, und so wurde Jagd auf sie gemacht. Viele wurden verurteilt und getötet. Manche aber auch, wie es in Muggelengland üblich war, nach Australien oder in andere Kolonien, verbannt."

„Das ist doch idiotisch", brauste Harry auf und Dumbledore gab ihm Recht. Allerdings schloss er seine Ausführung mit der Erkenntnis, dass es durch die damaligen gesellschaftspolitischen Ansichten zu Elementaren, eine lange Zeit so aussah, als würde diese Gattung von Zauberern in Großbritannien irgendwann komplett aussterben. Dies rief bei Harry ein nahezu verständnisloses Kopfschütteln hervor und er war froh, dass es doch nicht dazu gekommen war.

Das letzte was der Gryffindor nun aber noch von Dumbledore wissen wollte war, ob es nicht doch ein Zeichen war, wenn sich gerade in dieser schweren Zeit vier verschiedene Elementarzauberer trafen und dies hier in Hogwarts, einem der wohl geschichtsträchtigsten Orte des Landes.

Dumbledore begann zu lächeln und sagte, „Ach Harry, das Schicksal geht manchmal komische Wege. Ich persönlich würde dem Ganzen nicht so viel Bedeutung beimessen und es als Zufall sehen, denn soweit ich weiß, gab es früher des öfteren Elementare in Hogwarts, wenngleich es meistens Erd und Feuerzauberer waren."

Mit dieser Aussage beendeten die Beiden das Thema und Harry merkte, dass ihn nun doch ein wenig die Müdigkeit überkam. Dumbledore ließ ihn daher allein und meinte, Harry solle noch ein wenig ruhen. Dabei deutete der alte Zauberer auf das Sofa und versprach, dass er rechtzeitig zurück war, um ihn zu wecken, damit Harry den Unterricht nicht verpasste. Dem Schwarzhaarigen war dies recht und somit verschwand Dumbledore aus seinem Rahmen.

Kaum war Harry allein, ging sein Blick durch den Raum und er fragte sich, wie sie in der nächsten Zeit vorgehen sollten. Dabei kamen ihm wieder die Horkruxe in den Sinn und dass sie eigentlich die größte Priorität hatten, egal was es für ein Geheimnis in Hogwarts gab. Daher ließ Harry das Sofa erst einmal Sofa sein und ging an die Vitrine mit den schon zerstörten Horkruxen. Er besah sich das Tagebuch von Tom Riddle, den Ring von Slytherin und auch die Halskette von Rowena Ravenclaw. Dann ging sein Blick zu einem Foto von sich, einem Zettel wo Nagini drauf stand und letztendlich den zwei freien Stellen wo später einmal die Hinweise auf Voldemort und den Kelch von Helga Huffelpuff liegen sollten.

Dumbledore war in der Hinsicht wirklich sehr genau und hatte für alles eine kleine Sammlung von Hinweisen. Und da die nächste Aufgabe wohl darin bestand den Kelch zu finden, nahm sich Harry einer ledernen Mappe an, die unter dem Glaskasten lag und blätterte darin, bis er zum Kapitel „Kelch" kam. Offenbar hatte sich Dumbledore schon ein wenig damit beschäftigt, sein Augenmerk aber noch nicht vollständig darauf geworfen. Dies würde Harry aber nun tun und somit ging er mit der Mappe zu einem der Tische, setzte sich daran und breitete die Hinweise, welche alle irgendwie aus alten Zeitungsausschnitten bestanden vor sich aus.

Doch wo sollte er beginnen? Denn eines stand schon mal fest, die Artikel waren alt, sehr alt und manches Blatt schon vergilbt. Allerdings bemerkte Harry bei näherer Betrachtung der Papierschnipsel, dass auf jedem eine römische Zahl vermerkt war. Dumbledore hatte also eine Art System und daher beschloss der Gryffindor dieses zu nutzen und den Spuren und Hinweisen dieses Rätsels so zu folgen, wie es sein alter Mentor auch getan hatte.

Ein letzter Blick auf die Uhr, der Harry sagte, dass es kurz vor Sieben war und schon ließ der Gryffindor seinen Blick über den Tisch schweifen, auf der Suche nach Hinweis Nummer eins. Diesen gefunden, richtete Harry seine Brille noch mal und begann zu lesen.

Diebstahl in der Winkelgasse...

Wie ein Bericht der Aurorenzentrale, welcher die Ereignisse der letzten Woche aufführt und der uns vom Tagespropheten nun zugänglich gemachte wurde aussagt, kam es in den letzten Tagen zu mehreren Zwischenfällen in der Winklegasse. Zum Einen wären da die Sachbeschädigungen im Tropfenden Kessel, verursacht durch mehrere angetrunkenen Jungzauberer, die wahrscheinlich ihren Abschluss in Hogwarts gefeiert haben und dann die Proteste gegen die Ankündigungen des Ministeriums, stärker mit der Muggelwelt zusammen zu arbeiten. Beides Ereignisse, die uns mal wieder vor Augen führen, dass nicht unbedingt die richtigen Leute an der Führung unserer Gesellschaft arbeiten.

Außerdem haben die Kinder der kürzlich durch ihre Hauselfe vergifteten Madame Hepzibah, beim Ministerium Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Es ging dabei um den Diebstahl zweier wertvoller Familieerbstücke, die sich schon seit Jahren im Besitz der alten Dame befunden haben sollen. Allerdings wurde in der Akte auch vermerkt, dass die Erben einen bestimmten Verdacht hegen, wer der Dieb sein könnte und es kam dabei der Name eines bekannten Ladens in der Nokturngasse mit ins Spiel. Wir vom Propheten sind dieser Information nachgegangen und haben herausgefunden, das schon kurz nach dem Tode von Madame Hepziban der ehemalig Ladengehilfe von Mr. Burke ebenfalls spurlos verschwunden ist...

Harry beendete die Artikel und es kam ihm die Erinnerung wieder in den Sinn, als er mit Dumbledore damals Tom Riddle bei der alten Hexe beobachtet hatte. Dieser Artikel hatte seinen alten Mentor also auf die Spur gebracht. Andererseits war Dumbledore aber dafür bekannt gewesen, auch kleine Dinge für wichtig zu erachten und nicht nur die Schlagzeilen zu lesen.

Mit diesen Gedanken und der Frage, was wohl aus dem kleinen goldenen Becher geworden war, ließ Harry seinen Blick nach der nächsten Spur über den Tisch wandern. Er fand dabei mehrere Artikel des Propheten, die davon handelten, dass Angriffe einer neuen Gruppe, die sich Todesser nannten, immer weiter zunahmen, oder aber, dass man Tom Riddle ab und zu gesichtet hatte. Harry war sich sicher, dass Dumbledore wohl der einzige Zauberer im Lande war, den dies wirklich interessierte.

Den nächsten Hinweis auf den Becher fand Harry zwischen all den Papieren, jedoch war es kein Zeitungsausschnitt. Nein, lediglich ein Blatt Pergament mit einigen handschriftlichen Bemerkungen, die Harrys alter Mentor darauf geschrieben hatte. Der Schwarzhaarige las sie aufmerksam durch, denn sie handelten von einer Theorie Dumbledores, dass Voldemort den Becher, oder aber auch ein anderes Horkrux, im Elternhause seines Vaters versteckt haben könnte, nachdem er ihn damals zusammen mit seinen Großeltern ermordet hatte.

Allerdings widersprach Dumbledore am Ende seiner Theorie wieder mit dem Hinweis, dass er nichts bei seinem Besuch im Little Hangleton gefunden habe. Blieb also nur die Suche nach anderen Orten, die Tom Riddle auserkoren haben konnte. Harry strich sich über den Nasenrücken und atmete mehrfach tief durch.

Dabei erregte ein etwas größeres Stück Zeitungspapier die Aufmerksamkeit des Gryffindors und dies nicht nur, weil es von einer Tragödie, wie es in großen Lettern dastand, berichtete, sondern vielmehr, da es sich um einen Bericht einer Muggelzeitung handelte. Rasch entfaltete Harry das Blatt ein wenig, damit er mehr lesen konnte als nur die Überschrift und etwas Betroffenheit breitete sich im Innern des Gryffindors aus, als er all die Kinder in ihren Nachthemdchen sah, und wie sie vor einem brennenden Haus weinend von den Feuerwehrleuten und Sanitätern versorgt wurden. Was war hier nur geschehen? Und wie passte die Zaubererwelt dort hinein? Und um diese Fragen zu beantworten zu können, begann Harry zügig zu lesen.

Großfeuer zerstört Hoffnung und Leben

Entsetzen und Furcht, beides in ungeahnten Dimensionen, sehe ich in den Augen vor mir...

Anders kann ich es nicht beschreiben, wenn ich vom Leid der Kinder berichten will, welches sich wie die Rauchschwaden über dem Londoner Himmel ausbreitet. Es ist jetzt fast vier Stunden her und immer noch versuchen die Rettungskräfte die immer wieder auflodernden Flammen, die sich binnen kürzester Zeit im Kinderheim ausgebreitet haben unter Kontrolle zu bringen. Wie und was zu dem Feuer geführt hat, weiß keiner. Doch viel schlimmer ist die Ungewissheit über die Zahl der Opfer. Wie viele werden es am Ende sein? Denn dass es welche gibt, ist gewiss, so einer der Feuerwehrleute. Mindestens zwei wurden schon gefunden und durch den leicht maroden Zustand des Gebäudes sind weitere zu befürchten, so die Einsatzleitung...

Der Artikel endete abrupt und Harry konnte am unteren Rand noch lesen, dass es eine Eilmeldung war und dass der Bericht in der nächsten Ausgabe fortgesetzt würde. Doch einen weiteren Zeitungsausschnitt fand Harry nicht, sondern vielmehr eine mit Tinte von Dumbledore hinterlassene Randbemerkung. Sie war schon leicht verwischt, doch man konnte die Worte trotzdem noch erkennen. TOM... WARUM NUR…?

Diese Frage stellte sich Harry nun auch und sein Blick ging nochmals zu den Fotos mit dem brennenden Haus, welches ohne Zweifel wohl mal der Ort war, den Tom Riddle mehr als alles anderen auf der Welt hasste... sein altes Waisenhaus. Der Ort, an dem er seine Kindheit verbrachte und der ihn durch mangelnde Liebe wohl auch zu dem gemacht hatte, was er später einmal wurde.

In Gedanken gehend, betrachtete Harry den Artikel und fragte nun auch nach dem „Warum?". Wieso mussten Kinder sterben, die vielleicht mal etwas Großes hätten werden können. Und da Harry so in den Artikel und seine Gedanken vertieft war, bekam er gar nicht mit, wie jemand den Raum betrat. Es war Professor McGonagall und sie fragte überrascht, wie Harry hier herunter gekommen war. Als die alte Hexe jedoch den traurigen Blick ihres Schülers bemerkte und sie sich erinnerte, wie Harry zu reisen im Stande war, da wurde ihr Gesicht etwas sanfter und sie sagte leise, „Ach ja, der Phönix".

Dann aber trat sie näher an Harry heran und begutachtete das, was er hier machte. Harry, nun wieder geistig vollständig anwesend, erklärte, was er gefunden hatte und fragte die Direktorin, was sie davon hielt. McGonagall jedoch schien nach einem kurzen Blick auf die Zeitungsausschnitte an etwas erinnert worden zu sein und Harry verstand nur die Worte „Albus Tod" und „Muggelbrief". Dadurch neugierig gemacht, fragte Harry, was seine frühere Hauslehrerin meinte. McGonagall erwiderte aber nur, dass dies warten müsste bis zum Abend. Es war schließlich Zeit fürs Frühstück und den anschließenden Unterricht und dass sie sich alle am Besten nach dem Abendessen hier wieder einmal einfinden sollten.

Harry schaute die alte Hexe etwas niedergeschlagen an, doch seine Erfahrung im Umgang mit der Direktorin sagte ihm, dass es sinnlos war, sich mit ihr auf einen Streit einzulassen. McGonagalls Standpunkt war klar. Der Unterricht ging vor und Streiten war sinnlos. Daher nickte Harry nur kurz, packte die Mappe mit den Zeitungsausschnitten wieder zusammen und sie gingen danach die Treppen wieder hoch ins Schloss. Dort trennten sich die Wege von Lehrerin und Schüler und während sich Professor McGonagall in Richtung Großer Halle aufmachte, führte ihn Harrys Weg in Richtung Gryffindorturm und damit in die Arme einer leicht sauer wartenden Hermine...

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