Kapitel 20
Als der Borg richtig erwacht war brauchte er einen Augenblick, bevor er merkte das etwas nicht in Ordnung war.
Dann begriff er.
Das war es, die Ordnung war weg. Wo vorher absolute Ordnung und Harmonie geherrscht hatte war nun Chaos. Das Chaos eines einzelnen Gedankens, einer einzelnen Person, eines Individuums.
Es war als hätte man dem Gehirn des Borg alle Energie entzogen.
Aber da war etwas.
Ganz weit hinten, in den Tiefen des Unterbewusstseins war eine einzelne kleine Flamme.
Die kleine Flamme, eine einzelne Erinnerung loderte zu einem Feuer auf, als sie nicht mehr durch das Hive unterdrückt wurde.
Schließlich trat diese Erinnerung in das Bewusstsein des Borg.
Das Bild einer jungen Frau tauchte vor dem inneren Auge des Borg auf.
Jahrzehntelang brach gelegene Teile des Gehirns begannen schlagartig ihre Arbeit aufzunehmen.
Auch in anderen Teilen des Körpers begann die Produktion von Hormonen und Botenstoffen wieder anzulaufen
Die Hormone, die die Drüsen des Gehirnes bei dem Gedanken an die Junge Frau produzierten verhinderten, dass ein bislang unterdrücvktes Bewusstsein ohne die Unterstützung der -Anderen- in den Abgrund der Verzweiflung fallen konnte.
Der Blick des Borg begann im Raum umher zu wandern, bis er an einer Gestalt haftenblieb, die in der Dunkelheit nicht richtig zu erkennen war, deren Augen aber kobaltblau leuchteten.
Dieser Anblick löste eine Kaskade von Erinnerungen aus. Auf diesen Erinnerungen surfte -Er- an die Oberfläche des Bewusstseins und stieß den Borg in den Abgrund der Stille.
Der Borg One of One war fort. John Connor war erwacht.
„Cameron?"
„John, ich bin hier", sagte sie aus dem Schatten.
„Warum stehst Du dort im Schatten?" Fragte er leise.
„Es hat... Weil...weil ich nicht mehr so aussehe wie früher", entgegnete sie traurig.
John sah lange Sekunden auf die beiden blau leuchtenden Augen.
Der Blick der blauen Augen wanderte kurz zu Boden, hob sich wieder, dann trat Cameron vor.
John Connor lag auf der Liege, den Kopf leicht erhoben. Und starrte das Endoskelett an, das gerade auf ihn zukam. Dann lies er den Kopf zurücksinken.
Cameron ging bis auf zwei Schritte heran und senkte dann den Kopf.
John lag nur da und starrte sie an.
Keiner der Anderen im Raum wagte Etwas zu sagen. Keiner von ihnen konnte sich vorstellen, was die Beiden jetzt fühlten.
Schließlich lief eine Träne aus John Connors verbliebenem Auge. Er drehte schnaufend den Kopf weg.
„Wo bin ich hier?" Fragte John, ohne Cameron weiter zu beachten.
Während Seven und der Doktor dem Erwachten alles erklärten hatte Cameron den Blick gehoben und starrte ihren Mann an. Ihre Gedanken überschlugen sich. Dann senkte sie den Blick und verließ mit hängendem Kopf die Krankenstation.
Kapitel 21
„Cameron?" Fragte John. Er hatte den Kopf gehoben und sah zur Tür, die sich hinter seiner Frau geschlossen hatte.
Der Doktor und B'Elanna sahen sich erstaunt an. Seven hob eine Augenbraue.
„Sie hat Die Krankenstation verlassen", entgegnete Seven.
„Helft mir auf", sagte John ächzend.
„Ich glaube es hat sie tief getroffen, dass Du sie so behandelst", warf B'Elanna Torres verärgert ein.
John blickte zu ihr auf und musterte sie eingehend während der Doktor half ihn aufzurichten. „Halbklingonin", sagte er fast verächtlich. „Ich hab rasende Kopfschmerzen...".
Schnell griff der Doktor zu einem Hypospray und injizierte ihm ein Medikament in den Hals worauf John Connor dankbar nickte.
„... und außerdem wusste Cameron genau, dass ich das nie zugelassen hätte. Camerons Leben war mir immer wichtiger als mein Eigenes. Sie braucht einen Dämpfer. Ich mach das nicht gerne aber ab und an muss ich sie spüren lassen, dass sie nicht die Macht über mich hat".
B'Elanna Torres, bekannt für ihr Cholerisches Temperament hatte den Mund geöffnet, um Etwas zu erwidern aber angesichts John Connors Grinsen fiel ihr absolut nichts ein.
„So, jetzt sollte ich aber hinter ihr her", sagte er und wäre fast auf die Nase gefallen, weil ihn seine Beine nicht trugen.
Der Doktor und Seven fingen ihn noch rechtzeitig auf.
„Immer langsam", sagte der Doktor. „Ihr Körper hat gerade ein schlimmes Trauma durchgemacht. Sie müssen sich zu aller erst einige Stunden regenerieren. Seven kann einen Alkoven für sie herrichten und...".
„Das geht nicht", unterbrach John den Redefluss. „Man sieht es Cameron nicht an aber auf ihre Weise ist sie das sensibelste Geschöpf, das es gibt. Ihr seelisches Gleichgewicht ist sehr zerbrechlich. Wenn man ihr nicht ab und an einen Dämpfer gibt wird sie übermütig allerdings darf man es nicht übertreiben".
„Sie hat ihren Ehemann gerettet", warf Seven ein.
John sah an sich herab. „Das was von ihm übrig ist".
„Was jetzt?" Fragte Seven in ihrer trockenen Art. „Wird sie sich nicht selbst vernichten wollen, jetzt nach dem der Mann, den sie liebt sie zurückgewiesen hat"?
John blickte Seven lächelnd an. „Seven of Nine, tertieres Element von Unimatrix 01. Cameron kann sich nicht selbst zerstören. Eine Selbstterminierungssperre ist in ihrer Kernprogrammierung verankert".
„Also ich finde das grausam", warf der Doktor ein. „Nicht selbst über mein Schicksal bestimmen zu können..."
„Das konnte ich auch nie", unterbrach John. „Meine Mutter hat mich seit ich klein war dazu erzogen einmal der Führer des Widerstandes gegen Skynet zu sein. Das und die Tatsache, dass immer wieder Maschinen ähnlich wie Cameron durch die Zeit zurückgeschickt wurden mich oder meine Mom zu töten lässt nicht viel Spielraum für Selbstbestimmung".
Er sah zu Seven. „Wo könnte sie hingegangen sein?"
„Computer! Lokalisiere Cameron Connor!"
-"Cameron Connor befindet sich auf der Krankenstation"-
Aller Blick fiel auf Camerons Kleiderstapel. An ihrem Top war der Kommunikator zu sehen.
„Was nun?" Fragte John mit steigender Ungeduld.
Seven ging zur Diagnosekonsole. „Ich werde die internen Sensoren dazu benutzen Borg Technologie aufzuspüren".
Sie hantierte einen Augenblick herum, während John mit Hilfe des Doktors näher trat.
„Frachtraum... Krankenstation... Das muss sie sein. Sie ist..."
„Janeway an Seven of Nine", unterbrach die Stimme des Captains".
Seven hob den Kopf und sah John an. „Sprechen Sie!"
„Wir orten Borg Technologie in der Shuttlerampe. Soeben wurde das Hangartor geöffnet".
„Ist das Sicherheitsfeld aufgebaut?" Fragte Seven ohne auf Janeways Bemerkung einzugehen.
„Sicherheitsfeld ist aktiviert. Was...?"
„Keine Zeit für Erklärungen! Kommen sie zur Shuttlerampe!" Rief Seven und setzte sich in Bewegung.
xxxxx
Auf der Brücke sahen sich Janeway, Chakotay und Tuvok stirnrunzelnd an.
„Sie haben die Brücke Commander", sagte Janeway beim Hinausstürmen und winkte Tuvok ihr zu folgen.
xxxxx
Seven erreichte den Eingang zur Shuttlerampe als Erste. Da dieser verriegelt war ging sie zum Eingang der Beobachtungskanzel aber auch dieser war verriegelt. Sie injizierte den Mechanismus mit ihren Assimilationsröhrchen gerade in dem Moment, als Janeway und Tuvok um die Ecke bogen.
Seven verbarg ihr erschrecken darüber, dass sie dabei erwischt wurde ihre Borg Technologie dazu zu benutzen illegal eine Tür zu öffnen.
Die Tür war offen und Seven hindurch, noch bevor der Captain sie darauf ansprechen konnte.
Bevor Janeway und Tuvok den Raum betraten sahen sie Torres und den Doktor, die John Connor zwischen sich stützend und von einem Sicherheitsmann begleitet aus dem Turbolift traten.
„Mr. Connor", sagte Janeway zur Begrüßung, neugierig auf dessen Reaktion.
„Captain Janeway, ich grüße sie", entgegnete dieser angestrengt.
Dann hörten sie Seven sprechen. Offenbar rief sie Cameron über die Lautsprecheranlage der Shuttlerampe zu, sie solle damit aufhören.
Schnell betraten die Personen die Beobachtungskanzel.
Was sie sahen war ein Schock.
Kapitel 22
Cameron stand vor dem weit geöffneten Hangartor und sah in den Weltraum.
Ohne das Sicherheitsfeld, dass verhinderte, dass die Luft im Hangar explosionsartig in den Weltraum entwich wäre jeder unbefestigte Gegenstand einschließlich Cameron, Hinaus geschleudert worden.
Was Alle so schockierte, waren die Strukturrisse, die von der Mitte des Feldes in alle Richtungen liefen, immer dann wenn Cameron ihre nun Borg-Schild geschützten Fäuste in das Feld schlug.
Offenbar konnte sie bedingt durch ihr Körperschild das normalerweise für feste Materie wie ihr Endoskelett durchlässige Feld nicht durchdringen.
„Öffnet die Tür, schnell", sagte John drängend. Er hatte die Auswirkung, die seine Maßregelung hatte offenbar unterschätzt.
„Das Sicherheitssystem hat die Türen verriegelt!" Rief B'Elanna vom Kontrollpult aus. „Cameron hat außerdem anscheinend alle Systeme verschlüsselt!"
Völlig unzeremoniell ging Seven zum Schließmechanismus und intubierte ihn.
B'Elannas Hände hörten auf Schaltungen vorzunehmen und schwebten über dem Pult, während sie auf ihre Freundin starrte.
Als sich die Tür öffnete nahm John alle seine Kraft zusammen und lief so schnell er konnte zu Cameron, die jetzt hörbar wütende Laute ausstieß. Ihre Schläge gegen das Feld wurden immer unkontrollierter.
„Du weißt, dass Du nur Deine Schilde deaktivieren müsstest um das Kraftfeld zu überwinden!" Rief er mehr feststellend als fragend.
Ruckartig hielt Cameron inne. „Bitte lass mich!" Rief sie verzweifelt. „Sieh mich an, ich bin nicht mehr Deine Cameron, ich bin nur noch ein Ding!"
John trat näher und ergriff eine ihrer Endo-Hände. „Gemeinsam bis zum Ende, erinnerst Du Dich?"
Dann trat John vor das Kraftfeld. „Also tun wirs", sagte er, wurde aber an seiner Hand zurückgerissen.
John stolperte durch den Zug in ihre Richtung.
Auge in Linse standen sie sich gegenüber. Eine von Natur aus skelettartig grinsende Maschine und ein lächelnder Mensch.
Dann in einer sanften, fließenden Bewegung glitt John auf sie zu und legte seine Arme um ihren metallenen Körper.
„Ich lass Dich nicht gehen. Das habe ich früher nicht getan und das tue ich jetzt auch nicht", sagte er leise. „Endo oder nicht, wir finden einen Weg, das haben wir immer".
„Ich liebe Dich", sagte Cameron leise. Sie hätte jetzt geweint aber ohne Tränendrüsen ging das nicht. So blieb es bei der unsichtbar digitalen Emotion ohne die analoge Reaktion des fleischlichen Körpers.
Der Doktor, von seinem Kerkerdasein durch seinen -mobilen holografischen Emitter- erlöst hatte die Szene beobachtet. Selbst kein Mensch konnte er die Probleme nachempfinden, die Cameron und John Connor haben würden.
B'Elanna Torres, Halbklingonin und Frau eines Menschen kannte diese Probleme aus ihrem früheren Leben. Von den Menschen verhöhnt, von den Klingonen verachtet hatte sie sich in eine Schale aus Aggression und Ablehnung zurückgezogen. Erst ihrem Mann Tom Paris war es gelungen ihre Schale zu durchbrechen.
Seven of Nine war ein Borg gewesen, das hieß sie war immer noch zum Teil eine Maschine. Das wiederum bedeutete, dass sie den Beiden von allen Besatzungsmitgliedern noch am Nächsten stand. Immerhin waren ihr immer wieder Besatzungsmitglieder mit offenem Widerwillen und sogar Misstrauen entgegengetreten.
Aber Niemand einschließlich der aufatmenden Kathryn Janeway konnte nachempfinden, was diese beiden Personen dort in der Schuttlerampe gerade durchmachten.
Schließlich nach einer minutenlangen Unterhaltung, bei der Cameron immer wieder in Richtung der Anderen deutete und John ihrem Blick folgte, kehrten die beiden körperlich so unterschiedlichen aber dadurch nicht weniger seelenverwandten Personen zu den Anderen zurück.
„Captain", sagte John als er mit Cameron an der Hand vor Janeway trat. „Ich entschuldige mich für diesen Vorfall, der in allererster Linie auf meine Fehleinschätzung zurückzuführen ist. Mir sind die Probleme klar, die wir Ihnen bereiten. Dennoch würden meine Frau und ich gerne Mitglieder ihrer Besatzung werden. Und ich hoffe...", John sah von Person zu Person, Dass weder Camerons noch mein Zustand etwas an der Freundschaft ändert, die man ihr entgegengebracht hat".
Kathryn sah über ihre Schulter zu Tuvok, der erkannte, dass sie seinen Rat suchte.
„Der Vorfall ändert nichts an meinen Empfehlungen für Mrs. Connor. Ich glaube immer noch, sie sinnvoll in den Sicherheitsdienst integrieren zu können", sagte der Sicherheitschef, nachdem er näher getreten war.
Janeway sah wieder nach vorne, kurz in Johns Gesicht, dann über seine Schulter auf Cameron. „Gut, ich teile sie hiermit zunächst Tuvok zu. Sie werden aber wie geplant alle Stationen durchlaufen Crewman". Dann sah sie auf John. „Was ich aber mit ihnen mache... . Immerhin waren sie Kommandierender einer Armee. Allerdings kann ich sie nicht zu einem Offizier machen. Die Besatzungsmitglieder hätten kein Verständnis für eine ehemalige Borg Drohne, die ihnen Kommandos erteilt. Bis auf weiteres bleiben sie unter Bewachung in der Obhut des Doktors. Seven of Nine wird Ihnen einen Alkoven herrichten, in dem sie sich regenerieren können".
Janeway hob stille gebietend die Hand als John den Mund öffnete um Etwas zu sagen.
„Ähnlich Seven haben sie durch Ihr Leben als Borg Fähigkeiten und Wissen, dass uns nützlich sein wird, bis wir wieder zu Hause sind. Ich hoffe, sie werden sich irgendwann ähnlich wie Seven in die Mannschaft eingliedern können". Bei diesen Worten sah sie ihm tief in die Augen. Wegtreten!"
Während Janeway zur Seite blickte und nachdenklich auf einen Punkt an der Wand starrte verließen Alle bis auf Tuvok den Raum.
„Ich hoffe dass wir keine Probleme mit der Mannschaft bekommen", sagte sie leise. Mehr zu sich selbst.
Dann blickte sie auf zu Tuvok, der neben sie getreten war.
„Gleich zwei fremdartige Personen, die noch dazu Beide mehr oder weniger Borg sind...", sagte sie mit der rechten Hand gestikulierend.
„Captain. Gemessen an der Geschwindigkeit, mit der Seven of Nine letztendlich akzeptiert wurde und die Tatsache, dass Cameron Connor bereits Freunde gefunden hat, sehe ich da keinerlei größere Probleme auf uns zukommen. Jedoch...". Tuvok unterbrach sich.
„Jedoch?" Fragte Janeway, die viel Wert auf die Meinung ihres Sicherheitschefs legte, der gleichzeitig ihr Freund war.
„...jedoch sehe ich Probleme bezüglich Cameron Connors körperlichen Zustand auf uns zukommen.
„In welcher Weise" Fragte Sie neugierig.
„Menschen sind emotional auf eine gewisse Form von körperlichem Feedback angewiesen. Cameron Connors Zustand könnte dem extrem hinderlich sein. Es dürfte selbst für John Connor ein Problem sein, Zuwendung von Jemandem zu empfangen, der dazu eigentlich nicht mehr... geeignet ist", führte Der von Natur aus emotionslose Vulcanier aus.
Janeway sah zur Tür, durch die die genannten Personen zuvor gegangen waren. „Ich verstehe was sie meinen. Hoffen wir, dass die Beiden eine Lösung finden".
Tatsächlich waren es dann B'Elanna und Tom Paris, die ein paar Tage später eine Lösung hatten.
