Kapitel 111
„Was meinen sie damit, er habe sie gefunden, Miss Granger?", fragte die Direktorin überrascht, doch ihre Lieblingsschülerin antwortete nicht. Erst jetzt schien ihr so richtig bewusst geworden zu sein, dass Harry, dass ihr Freund sich vor ihren Augen aufgelöst hatte, dass er weg war und zitternd und weinend sank sie auf ihre Knien.
Steph trat ganz nah an sie heran und zog Hermine tröstend in seine Arme. „Er ist nicht weg, Hermine. Er wird wieder kommen und alles wird gut." Hoffnungsvoll schaute Harrys Freundin auf und wischte sich die Tränen weg. Dabei bemerkte sie, dass ihre Hand immer noch vom goldenen Handschuh umschlossen war und das bedeutete, dass das Schwert auch noch aktiv sein musste. Zwar hatte sie es auf dem Boden abgelegt, doch die Klingen waren noch zu sehen. Daher nahm sie die Waffe, legte sie zurück in die Truhe und erst dann verschwand der Handschuh und zurück blieb der goldene Armreif.
„Ja aber wo kann er sein, Professor?", schluchzte die Gryffindor und schaute in die Richtung, in welche auch Harry geblickt hatte, kurz bevor er verschwunden war. Die beiden Erwachsenen folgten dem Blick ihre Schülerin, doch konnte man außer dem Gebirge auf der anderen Seite des Sees nichts erkennen. War Harry entführt worden? Doch wie sollten der oder die Entführer durch die Schutzschilde gekommen sein? Besonders die Direktorin schien dies zu beschäftigen und so beschloss man erst einmal sich darum zu kümmern. Steph half Hermine Harrys restliche Sachen zusammen zu sammeln und danach verließen sie den Astronomieturm.
Allerdings ging es nicht so wie Hermine es gedacht hatte, ins Büro der Direktorin. Nein, Steph führte seine Schülerin geradewegs in die andere Richtung und zwar hin zur Großen Halle. „Aber ...", wollte die Gryffindor aufbegehren. Doch Damions Dad schüttelte nur mit dem Kopf. „Nein meine Liebe, das schafft die Direktorin ganz allein. Wir zwei gehen jetzt erst einmal was essen und danach sehen wir weiter. Immer noch widersprach der Verstand dieser Entscheidung ihres Lehrers. Allein dass sich der Magen von Harrys Freundin lautstark meldetet, entkräftete ihre Aussage, sie habe keinen Hunger.
In der Großen Halle mit ihrem Lärm und geschäftigem Treiben merkten sofort Harrys engste Freunde, dass etwas nicht stimmte. Ron ließ seinen Löffel fallen und kam zu den beiden Neuankömmlingen herüber geeilt. „Hermine, was ist los? Ist was mit Harry passiert?" Das war der Punkt, wo sich die Gryffindor nicht mehr im Griff hatte und zu weinen begann. Ron nahm sie in den Arm und versuchte das Mädchen zu trösten. Dabei ging sein Blick fragend zu Steph und während sich im Bauch des Rothaarigen eine böse Vorahnung ausbreitete, formte sein Professor nur das Wort „später" mit seinen Lippen.
Ron nickte verstehend und führte Hermine in Richtung Gryffindortisch. Bevor sie sich aber niederlassen konnten, erklang eine ihnen wohlbekannte Stimme, auch wenn diese mit einem ungewöhnlich zornigen Ton unterlegt war.
„Also das glaube ich jetzt aber nicht. Ich bin keine halbe Stunde ..."
„HARRY", rief Hermine entsetzte und auch Ron schien der Schock in den Gliedern zu sitzen. Er schaffte es nicht einmal seinen Arm von Hermine zu nehmen, was bei seinem besten Freund den Blick noch etwas schärfer werden ließ. Dann jedoch bemerkte Ron sein Tun und riss wie vom Blitz getroffen seine Hand weg.
„Es … es ist nicht so wie du denkst Harry …"
„Ist es nicht Ron? Nun das ist schade …" – Harrys grinste plötzlich von Ohr zu Ohr. – „… für mich sah es nämlich so aus, als würde mein bester Freund meiner Liebsten in der schweren Zeit helfen …"
Bevor der Gryffindor die beiden aber weiter ärgern konnte, und das Lachen in der Großen Halle noch lauter wurde, stürmte Hermine zu ihrem Freund und küsste ihn stürmisch. „Mach … das … niemals …wieder." Jedes Wort wurde von einem Kuss unterbrochen und ein Außenstehender hätte vermutet, dass sich die beiden Jahrzehnte nicht gesehen hatten. Dann wollte Hermine aber wissen wo ihr Freund gewesen war und nicht nur sie. Nein auch der Rest der Großen Halle starrte auf das Paar in der Hoffnung etwas zu erfahren.
Harry lächelte jetzt aber nur geheimnisvoll und holte aus seinem Umhang dass Bildnis seines Ahnen hervor. Er hielt es seiner Liebsten hin und fragte, was mit dem Bild nicht stimmte. Dass Hermine aber noch schneller war als er selbst, dass überraschte den Gryffindor dann doch. Hermine brauchte keine zwei Minuten bevor sie laut sagte „bei Merlin" und dann begann sich aufzulösen. Harry der just in dem Moment von Steph angesprochen wurde konnte nur noch mit dem Kopf schütteln und rufen „Sorry Professor, ist eine Familienangelegenheit. Ich erkläre es später." Damit ergriff er auch schon Hermines Arm und beide verschwanden wieder vor den Augen aller.
Sie bekamen nicht einmal mehr mit, dass die Direktorin just in diesem Moment die Große Halle betreten hatte und erstaunt Harrys Namen rief. Bevor sich die alte Hexe aber aufregen konnte, dass man sie einfach ignorierte, war Stephano zu ihr geeilt und sagte beruhigend, dass alles in Ordnung sei und sie Harry einfach vertrauen müssten. Allerdings sahen das scheinbar nicht alle im Raum so, denn ein leichter Tumult entstand an den verschiedenen Haustischen, wobei sich ein Schüler aus Huffelpuff besonders aufregte.
„War ja klar, dass Potter wieder mal bevorzugt wird", sagte ein Junge namens Alfonso Dickson, worauf sich zum Erstaunen aller jemand vom Slytherintisch erhob und ihn anfuhr. „Ach halt doch die Klappe Dicker Sohn", meinte Pansy Parkinson und bedachte den Huffelpuff mit einen angewiderten Gesicht.
Dies konnte wiederum Dickson nicht auf sich sitzen lassen, denn dass die Schlangen mit seinem Namen spielten hasste er eh wie die Pest. Er stand also auf und drehte sich direkt zu Pansy. „Oh Parkinson ist wohl jetzt ein Potterfan? Liegt wohl daran, dass dich der Held vor der ganzen Schule abgeknutscht hat."
Ein kollektives Aufstöhnen ging durch den Raum. Doch das war noch gar nichts im Vergleich zu dem, was keine drei Sekunden später geschah. Wie ein Blitz überbrückte Pansy den Abstand zum Huffelpufftisch und dort scheuerte sie Dickson eine, das es noch bis in die Kammer des Schreckens schallte. „Du Arsch, er hat mir und meinem Baby das Leben gerettet. Aber das scheinst du ja nicht kapiert zu haben. Ebenso wenig wie das, was Potter noch für uns getan hat. Du hast überhaupt keine Ahnung wie weit sein Handeln reicht. Du nicht, du dummes Schlamm … du dummes Muggelkind."
„Miss Parkinson, ich erlaube nicht…" Bevor die Direktorin aber weiter sprechen konnte, schnellte Pansys Kopf herum und sie fuhr plötzlich auch die Direktorin an.
„Nein Professor, diesmal nicht. Ich habe Recht und das wissen sie auch. Dickson weiß nichts und redet von Dingen, die er nicht versteht. Bei Merlin, sie sind eine McGonagall und ihre Mutter war eine Dumbledore. Beides Namen, die vor hundert Jahren jeden respektvoll den Kopf senken ließ." - Und während die letzten Worte noch wie eine Rechtfertigung klang, so war das was nun aus Pansys Mund folgte eher eine Anklage. „Professor, sie verlangen, dass wir reinblütigen Hexen und Zauberer Muggelkunde belegen, damit wir sie besser verstehen. Aber lehrt einer von ihnen Professoren, diesen Kindern etwas wie Tradition oder Familienmagie? Die Muggelgeborenen sind in unsere Welt gekommen, nicht umgedreht. Sie sollten sich zumindest auch ein wenig dafür interessieren. Oder was glauben sie, warum so viele alte Familien sich Vol …Voldemort angeschlossen haben? Weil er sie genau bei diesen Punkten angepackt hat…"
Die ganze Halle starrte nun auf das blonde, schwangere Mädchen und selbst die Direktorin brauchte einige Sekunden um sich zu fangen, denn so hatte noch nie ein Schüler mit ihr geredet. Allerdings konnte sie eine Maßregelung im nächsten Moment vergessen, denn scheinbar hatte sich Pansy ein wenig zu sehr aufgeregt und sie griff sich nun an den Bauch und verzog vor Schmerzen das Gesicht. Sofort war eine Person an ihrer Seite und half ihr. Es war Theodore Nott und was nur wenige in der Halle wussten, er war auch die Person, die seit kurzem Pansys Freund war und der später wohl auch die Stelle des Vaters ihres Babys einnehmen würde. Jetzt galt es aber erst einmal, der Slytherinschülerin zu helfen und so brachte er Pansy in den Krankenflügel.
Begleitet wurde er dabei von Professor Styls und der Direktorin. Beide gingen allerdings etwas hinter ihnen und so konnten die zwei Schüler, welche eh mit sich beschäftigt waren, nicht hören, wie Styls zu seiner Chefin sagte, „Also irgendwie hat Pansy ja recht, Minerva. Oder meinst du nicht?" Das Gesicht welches die Direktorin daraufhin machte sprach Bände, doch Steph sah dies mal nicht als negativ.
***
„Aahh", entfuhr es Hermine als sie der Strudel des Portschlüssels losließ und Harry musste schnell reagieren damit seine Liebste nicht auf den Boden knallte. Das nächste was der Gryffindor sah war, wie Hermine mit großen Augen in jede Richtung starrte. Sie waren wie schon Harry zuvor in der riesigen Halle gelandet. Nur dass diese jetzt aussah, als wäre hier alles brandneu und die Hauselfen hatten gerade das Putzen beendet.
„Harry wo sind wir?", kam es als verständliche Frage und Harry erklärte mit kurzen Worten was auch er erst in den letzten Stunden erfahren hatte. Und Hermine wäre nicht Hermine wenn sie ihren Freund nicht schon nach den ersten Sätzen unterbrochen hätte und ihm die alles entscheidende Frage stellte.
„Harry, du hast vorhin gesagt, WIR brauchen deine Hilfe. Wen hast du mit wir gemeint?"
„Nun, das dürfte dann wohl ich sein", erklang eine Stimme hinter der Gryffindor und im nächsten Augenblick verdrehte Harrys Freundin auch schon die Augen und kippte nach hinten über. Der Gryffindor musste nun schon ein zweites Mal reagieren und warf dementsprechend Godrics Geist einen eher bösen Blick zu.
Dieser lachte jedoch nur und macht dann ein Geste, die man sonst nur von Bowlingspielern her kannte und Harry glaubte sogar zu hören, dass der Geist leise sagte „Strike. Ich kann es also noch. Die Frauen kippen um wenn sie mich sehen."
Harry kam nicht umhin auch kurz zu lachen, erweckte seine Freundin dann aber und der Geist von Godric stellte sich der jungen Lady noch mal richtig vor. Natürlich wurde er nun mit Fragen bombardierte und so ging es den ganzen Weg bis sie schließlich vor der Säule mit der Messingplatte ankamen.
Hier legte nun Hermine ihre Hand auf die Gedenkplatte und es geschah das, was Harry schon im Schloss der Potters gesehen hatte. Der steinerne Boden, die Platten verschoben sich geräuschvoll. Doch wo das letzte Mal der Glaswürfel mit Trexus aufgetaucht war, wurde heute ein schmaler Gang freigegeben. Und eben diesen Gang gingen Harry und seine Freundin hinab und folgten dabei der langsam vor ihnen schwebenden Silhouette des Hogwartsgründers.
Die Treppe war schmal, stellte Harry fest, und schien tief in den Berg hinein zu führen. Gespannt fragte sich der Schwarzhaarige was ihn wohl erwartete. Seiner Freundin schien es nicht anders zu ergehen, doch hatte sie immer noch einige Fragen, welche sie Godric stellte. Eine davon war dann schließlich auch, ob der letzte Vers des Gedichtes der Kobolde stimmte und man konnte sehen wie sich das Gesicht des Geistes veränderte. Er wurde ernst und schaute die Gryffindor direkt an.
„Meine liebe Hermine, du bist so jung und dennoch klüger als ich es in deinem Alter war. Ich hab schon versucht es Harry zu erklären, die Kobolde vor tausend Jahren waren eine Rasse mit der man sich nicht einlassen durfte. Sie hatten nicht einmal annähernd unser Gefühl von Eigentum oder Richtig und Falsch. Und ich in meinem jugendlichen Leichtsinn habe den wohl größten Fehler meines Lebens gemacht."
„Aber Menschen zu beschützen und später Hogwarts zu gründen ist doch kein Fehler Sir", wollte Hermine dem Geist widersprechen, doch Godric hielt kurz an, hob die Hand und sagte, „Das meine ich ja auch nicht. Ich meine es war ein Fehler mich mit den Kobolden einzulassen und für sie auf Drachenjagd zu gehen. Ich war geblendet vom Hass auf diese Tiere, dafür was sie unserem Volke angetan hatten. Und so war ich ein leichtes Opfer für die Kobolde. Sie sagten, sie würden mir helfen gegen die Tiere zu kämpfen. Sie würden mir die Waffen der Reinheit fertigen, damit ich die Welt befreie. Doch ich wurde hintergangen."
„Hintergangen Sir?", fragte nun Harry überrascht.
„Ja Harry, hintergangen. Die Kobolde wollten niemals, dass es uns besser ging. Sie wollten, dass ich ihnen die Möglichkeit gab, ihre neu gegründete Bank Gringotts für uns Zauberer interessanter zu machen. Sie wollten an unser Gold und dies mit einer List. Harry, ich hab dir doch gesagt, dass mein Vater schockiert war als er erfuhr, was ich getan hatte, denn ich hatte in nur wenigen Jahren beinahe dafür gesorgt, dass alle Urdrachen vom Antlitz der Welt verschwunden waren. Harry, du musst verstehen, alle Urdrachen sind Weibchen, riesige Exemplare, verbunden mit den magischen Flüssen der Erde, die zur Fortpflanzung keine Männchen brauchten. Doch sie schaffen es durch ihre Magie einen Lockruf in die entlegensten Winkel der Welt zu schicken und somit auch zu den männlichen Exemplaren anderer Drachenrasen, welche durch einen Zauber in den Höhlen von Gringotts gebannt waren. Und egal wie stark dieser Zauber war, den Ruf der Natur schaffte er nicht zu bezwingen und so kam es oft zu Ausbruchsversuchen."
„Und deshalb wollten die Kobolde die Weibchen töten? Das ist doch verrückt?" empörte sich Hermine, die fassungslos zwischen Godric und Harry hin und her schaute. „Haben die Kobolde den Verstand verloren oder jemals daran gedacht, wer ihre Schätze beschützt, wenn der letzte Drachen gestorben ist?"
„Das haben sie Hermine. Oh ja, das haben sie und zwar in einer Denkweise die es selbst jetzt nach so vielen Jahren noch schlecht werden lässt. Es gibt Zauber, dunkle Zauber, die bewirken, dass ein Drache nicht sterben kann. Man muss das Tier dazu verstümmeln. Hast du schon mal einen Drachen von Gringotts gesehen? Jedem Tier da unten fehlt zumindest ein Drittel des Schwanzes. Die Kobolde haben sie abgeschnitten und vernichtet. Ich selbst habe es gesehen und andere Geister, die ab und an hier vorbeikommen, haben es mir oft bestätigt. Die Kobolde sind oft grausamer als du denkst. Eine Grausamkeit, die erst durch ihre verlorenen Kriege mit den Menschen gemildert wurde. Zwar wurde ihnen nicht verboten die Schätze weiter durch Drachen zu schützen, aber es gibt alle dreißig Jahre, wie ich gehört habe eine Inspektion des Ministeriums, welches alte Tiere selektiert und sie erlöst. Ihre Qualen wären sonst unendlich."
Harry merkte beim letzten Satz dass Godric noch mehr sagen wollte, doch es dann nicht tat und vielmehr die beiden Gryffindors bat ihm weiter zu folgen. Einzig den Hinweis, dass er froh war, dass niemals ein Urdrache in die Hände von Gringotts gelangt war, ließ Harry erahnen wie sehr sich Godric schuldig fühlte für das was er getan hatte, denn diese hätten, so wie sich Godric bei seinen Erzählungen anhörte, nicht einmal zwanzig starke Zauberer erlösen können.
Schließlich schien der Gang, die schmale Treppe, ein Ende zu finden und Harry war gespannt was kam. Seine Freundin hingegen stoppte kurz und sah den Geist vor sich mit nachdenklichem Blick an. „Aber Sir, sie haben immer noch nicht gesagt, ob das Gedicht der Kobolde stimmt. Sind sie derjenige, der den Pakt gebrochen hat? Und wenn ja, dann verstehe ich es nicht. Sie sagten doch, sie ließen einen letzten Drachen leben und kehrten zu ihrem Vater zurück. Doch dieser Drache wurde später von ihren Schülern erlegt. Wieso sind sie dann also verflucht?"
Godric stockte in seiner Bewegung und es kam Harry so vor als hätte seine Liebste den Geist geschlagen. Allerdings brauchte sein Vorfahr nicht wirklich zu antworten, denn sie hatten gerade den schmalen Gang verlassen und standen nun in einer riesigen Höhle. Eine Höhle deren Anblick Harry fast das Herz aussetzten ließ und nur leise, und mit gebrochener, ungläubiger Stimme, sagte er schließlich … „Weil sie ihn nicht getötet haben …"
Harry wusste nicht ob das Bild welches sich ihnen bot grausam oder von Gott geschaffen war. Sie standen jetzt am Rande einer Höhle deren Ausmaße man nur erahnen konnte und deren Wände, deren Decke und die unzähligen herabhängenden Zapfen offenbar aus Kristallen bestanden. Kristalle, die in sämtlichen Farben des Regenbogens leuchteten und alles in ein bizarres Licht tauchten. Einige schienen sogar zu pulsieren wie das Blut in einem menschlichen Körper. Doch das war es nicht was Harrys Blick bannte.
Nein, es war das Schauspiel welches sich im Zentrum der Höhle darstellte, denn dort stand das Abbild eines riesigen Drachen, welcher sich über einem Nest voller Eier aufgebaut hatte und dessen Kopf gen Höhlendecke brüllte. Um die Bestie herum standen vier Statuen. Zwei davon waren männlich, junge Männer kaum älter als Harry selbst und die anderen beiden waren zwei bildhübsche Mädchen. Harry wusste sofort, dass es sich dabei um die Schüler der vier Gründer handelte.
Gustav, Elenor, Natanael und Casandra standen um den Drachen herum, die Anstrengung war ihnen ins Gesicht geschrieben und aus ihren erhobenen Armen trat etwas hervor, was wie gelbes Glas aussah. Jeder die vier schien einen Strahl auf den Drachen abzufeuern und Harry fragte sich, warum man sie so dargestellt hatte. Was hatte dies zu bedeuten? Und warum machte es für den Gryffindor den Anschein, als würden alle fünf hier vor ihm stehenden Figuren, sprich sowohl der Drache als auch die vier Statuen von diesem sonderbaren gelben Glas überzogen zu sein, welches das Pulsieren des Lichtes der Höhle reflektierte.
Harry schaffte es nicht seinen Mund zu schließen so atemberaubend war der Anblick. Er vergaß sogar für einen Moment, dass die vier Jugendlichen beim Kampf mit dem Drachen gestorben waren, dass sie sich geopfert hatten und dies hier ihr Denkmal war. Doch warum hier unten wo keiner es sah? Und warum hatten die Gründer alles in ihrer Macht stehende versucht, damit niemals ein Mensch etwas davon erfuhr? Und mit einem Male traf den Gryffindor die Erkenntnis, die grausame Erkenntnis, dass dies dort vor ihm keine Statuen waren.
Harrys Blick ging zum Godrics Geist und er bemerkte wie sein Vorfahr auf die Knien sackte. „Oh Nath", schluchzte er und seine Hand lag auf der Schulter seines Schülers.
„Oh Merlin", entfuhr es Harry und er sah geschockt zu Godric. „Was ist passiert, Sir?" Der Geist brauchte aber noch einige Sekunden bevor er antworten konnte. Gebrochen sagte er, „Sie waren so jung und doch so mächtig. Sie hätten die mächtigsten Zauberer und Hexen werden können. Doch die Magie war zu stark."
Godric schaute seinem Nachfahren nun direkt an und sprach weiter. „Harry, wir können nur vermuten, was hier unten geschehen ist. Doch Salazar und Rowena meinten, dass die vier ohne Zweifel ihre Elementarkräfte gebündelt haben, um den Drachen hier in dieser Höhle ein für alle Mal fest zu halten."
Harry schaute den Geist mit großen Augen an und wollte schon was erwidern, aber Godric schien noch nicht fertig zu sein. „Etwas, dass ihnen ja auch gelungen war. Doch dann muss etwas schief gelaufen sein, mein Junge. Vielleicht war einer von ihnen verletzt, oder einer konnte sich nicht konzentrieren. Nun, jedenfalls hat die immense heraufbeschworene Magie die Oberhand gewonnen und wurde unkontrollierbar und etwas Gewaltigeres ist geschehen. Harry du kennst das Gemälde von mir. Du hast gesehen, dass der See unterhalb der Schwestern früher kein See war, oder?"
Harry nickte und dann wurde er blass. Godric erzählte ihm daraufhin, dass die Urgewalt der Elemente über das Tal gekommen waren und während ein völlig neuer Gebirgszug entstand und die weitläufige Bucht abgrenzte und so in einen See verwandelt hat, sei das Fischerdorf Whaleharbor dem Wasser zum Opfer gefallen und vom Erdboden verschwunden. Und mit ihm unzählige Familien und Tiere.
Die Gedanken in Harrys Kopf begannen zu rasen und er versuchte sich das alles gerade vorzustellen. Obwohl, wenn er es recht bedachte, konnte man sich die Ausmaße dieses Ereignisses nur schwer vorstellen, besonders für die Zeit in der es geschehen war. Es musste wie aus den biblischen Geschichten über die Menschen gekommen sein.
Allerdings keimte neben diesen Vorstellungen in Harrys auch der Gedanke auf, der sich ihm beim Betreten der Höhle schon geformt hatte und sein Blick ging zum Kopf des Drachens. Warum in Merlins Namen war der Geist seines Vorfahren noch hier auf dieser Welt, wenn doch Nathanael und eine Freunde es geschaffte hatten den Drachen zu versteinern und zu besiegen.
Und wie Harry so schaute, bemerkte der Gryffindor, dass seine Freundin die ganze Zeit nichts gesagt hatte und still in Richtung Drachen starrte. „Hermine", fragte Harry leise, doch keine Reaktion kam. Harry trat an seine Liebste heran und berührte sie an der Schulter. Allerdings traf ihn dabei der Schlag und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ein mächtiger Blitz löste sich von Hermines Körper und schleuderte den Gryffindor quer über den Boden.
Doch Harry war schnell wieder auf den Beinen und rief panisch nach seiner Freundin. Hermine gab jedoch kein Zeichen von sich, das zeigte, ob sie ihren Freund mitbekam. Sie stand einfach nur da und starrte den Drachen an. Harry zückte seinen Zauberstab und überlegte, irgendetwas auf den Drachen abzufeuern, doch da schwebte Godric plötzlich in die Bahn und er hinderte seinen Nachfahren daran.
„Nein Harry, tu nichts. Er tut ihr nicht weh", rief der Geist und Harry sah ihn geschockt an.
„Wer? Wer tut ihr nicht weh? Der Drache? Heißt das, er … er lebt?"
Wie auf ein Zeichen blinzelten die riesigen Augen der Echse plötzlich und aus dem steinernen Körper trat so etwas wie ein Grollen hervor. „Oh Merlin", flüsterte Harry und ging einige Schritte zurück. Godric nutzte dies und schwebte vor das Gesicht des Gryffindors.
„Harry es ist kompliziert, es dir zu erklären. Über tausend Jahre wird das Ganze nun schon versteckt gehalten und ich bin darüber nicht unbedingt stolz."
„Stolz Sir? Ich verstehe nicht ganz. Wie kann der Drache noch leben?", fragte Harry überrascht und allein das Gesicht des Geistes ließ ihn erahnen worauf sie hier gestoßen waren. Godric schien nun seinen ganzen Mut zusammen zu nehmen schaute Harry direkt an.
„Harry, ich hab dir doch gesagt, dass es Dinge in der Geschichte gibt, auf welche ich nicht stolz bin und die, sollten sie ans Licht kommen, die Geschichte doch ein wenig durcheinander bringen. Siehst du Harry, alles begann mit der letzten Schlacht und damit, dass sich unsere Schüler für unseren Traum und unsere Zukunft geopfert haben. Und glaub mir, hätte ich auch nur geahnt was die vier vorhaben, ich hätte es verhindert. Doch als ich mit Salazar und den beiden Frauen hier diese Höhle endlich erreicht hatte, war es schon zu spät. Unsere Schüler waren tot, bei lebendigem Leibe von flüssigem Diamant überzogen…"
„Diamant?", fragte Harry und Godric nickte.
„Ja Harry, Diamant, dem härtesten Material, welches man bis dahin kannte und erschaffen durch die kombinierte magische Energie von Nathanael und seinen Freunden. Und während es sonst ein faszinierender Anblick für einen Menschen wäre, dieses kristalline Material zu bestaunen, war es für uns das Schrecklichste was du dir vorstellen kannst, denn wir sahen nur den Tod unserer geliebten Schüler und unbändige Wut stieg in uns allen vieren auf. Dann, nachdem wir den ersten Schock überwunden hatten, merkten wir, dass der Drachen noch lebte und ich war sofort bereit auch seinem Leben ein Ende zu setzen."
„Aber sie taten es nicht und damit kam es zum Fluch, richtig?", mischte sich Harry ein.
„Nein, so war es nicht. Es war viel schlimmer, denn Salazar, der Gustav wie einen Sohn geliebt hatte, war in der Zwischenzeit, wo ich mit mir haderte, ein wenig auf Erkundungstour gegangen und hatte erkannt, dass der Drache nicht ohne Grund hier in dieser Höhle war. Wenn du genau hinsiehst Harry, wirst du etwas zwischen den Beinen des Tieres und seinem Schwanz entdecken. Der Drache war hier, um sein Nest zu beschützen. Ein Nest, wie ich es noch nie gesehen hatte und wie es wohl sonst auch noch nie ein Mensch zu Gesicht bekommen hat. Harry, wir sprechen hier immerhin von einem Urdrachen und diese Tiere brüten nur an entlegensten und schwer zugänglichen Orten der Welt. Orte von hoher Magiekonzentration und die Schwestern des Lichtes oder besser das Gebirge um sie herum sind ein solcher Ort gewesen wegen …"
„… der magischen Linien der Erde", vervollständigte Harry den Satz, da er plötzlich an seinen ersten Besuch in Potter Castle erinnert wurde, wo Trexus Hermine die ganze Sache versucht hatte zu erklären. Godric nickte und sah seinen Nachfahren etwas stolz an.
„Ja genau Harry, wegen dieser Linien, die unsere Erde wie ein Netz umspannen und alles und jeden mit Magie durchziehen, den einen mehr, den anderen weniger. Das ist der Grund warum die Urdrachen keine Männchen brauchten. Ihre Eier werden nach dem Legen von der Erde selbst genährt und können so Jahrhunderte, ja Jahrtausende überdauern bis die Magie es für nötig erachtet, dass ein Tier schlüpft. Und es ist auch der Grund für meinen Fluch und meine Schuld …"
Beim letzten Satz konnte man ganz deutlich heraushören, dass da noch mehr war und Harry sah den Geist fragend an. Godric ging kurz in sich und meinte dann. „Harry, ich weiß, dass du mich jetzt verurteilen wirst, doch jeder Mensch macht Fehler, beim dem der eine schwerer wiegt und der andere nicht. Und ich will auch gar nichts schönreden oder von dir Absolution bekommen. Doch wir vier waren damals jung, so voller Träume und nachdem wir dies, den Tod unserer Kinder hier gesehen haben, so voller Zorn und Wut. Und in eben dieser Wut haben wir … haben wir …"
„Haben sie Sir?", hakte Harry nach.
„Taten wir vier das, wofür ich die Kobolde vorhin verurteilt habe. Wir haben den Drachen verflucht. Haben ihn verstümmelt und mit dunkelster Magie dazu gezwungen bis in alle Ewigkeit hier in dieser Höhle zu bleiben. Doch es kommt noch schlimmer …" – Godric flüsterte jetzt nur noch und die Worte allein schienen ihn schon zu quälen.- „… denn in unserem Zorne sollte die Bestie auch dafür bezahlen, dass sie uns unsere Schüler genommen hat und so führten wir zwei Rituale durch. Eines sorgt dafür, dass dem Drachen und dem Gelege stetig Magie entzogen wird und diese dann in die Schwestern des Lichtes, besonders jedoch nach Hogwarts einspeist wird und das andere Ritual, das im Nachhinein viel fatalere, war der wohl größte Vergessenszauber, den die Welt jemals gesehen hat."
„Oh mein Gott", entfuhr es Harry, der nur allmählich zu verstehen begann, was sich hier vor tausend Jahren zugetragen hatte.
„Das kannst du laut sagen, Harry. Möge uns Gott einst vergeben. Denn was wir getan haben war wohl alles andere als menschlich. Ich selbst brauchte über fünfzig Jahre, um hinter das Geheimnis unserer Tat zu kommen. Ich habe das Rätsel um die Schwestern selbst lösen müssen und in dieser Zeit auch die Tragweite meiner früheren Drachenjagd erkannt."
„Tragweite, Sir?",hakte Harry nach.
„Ja Tragweite Harry. Denn all das, was ich dir vorhin über die Natur der Drachen, über Gringotts und die Kobolde erzählt habe, habe ich erst kurz vor meinem Tode erfahren. Das war auch der Punkt, wo ich beschloss, den Schaden zu begrenzen. Ich begann eine erneute Suche. Eine Suche nach der Möglichkeit den Lauf der Natur wieder in die richtige Bahn zu lenken. Eine Suche, die jedoch niemals erfolgreich sein sollte. Einerseits durch einen Streit mit meinem schon mehrere Jahre toten Jugendfreund Salazar Slytherin, denn Sal war damals derjenige, welcher in der Höhle hier dafür verantwortlich war, den Drachen zu verstümmeln. Er war es, der dem Tier die Beine, die Klauen, anschnitt und sie dann vernichtet oder zumindest versteckt hat. Und dann gab es da noch die Tatsache, dass ich bei meinem letzten Besuch hier auf dem Rückweg verunglückt bin. Und somit nahm das Schicksal seinen Lauf."
Harry schaute seinen Ahnen mit weiten Augen an und während er sich fragte, was wohl noch kam, und er erneut besorgt zu Hermine schaute, kam dem Gryffindor plötzlich eine Erinnerung in den Sinn. Hatte Godric gesagt, sie haben dem Drachen die Beine abgeschnitten? Und hatte er gesagt, dass Salazar Slytherin dafür verantwortlich war? Und mit einem Male traf es ihn … Zabini. Bevor er sich aber weiter darum kümmern konnte, stieß Hermine einen spitzen Schrei aus und sackte zusammen.
Sofort war Harry bei ihr und fing sie auf. Dabei erschrak er, denn wo das Gesicht seiner Freundin fast zu glühen schien, waren ihre Hände und der Rest ihres Körpers eiskalt. Panisch fühlte Harry nach dem Puls seiner Liebsten. Er war schwach, sehr schwach und Harry wurde klar, dass er sofort zu Madame Pomfrey musste. Außerdem schien sich unter den geschlossenen Lidern der Gryffindor etwas Blut zu sammeln. Einzelne Tropfen traten zwischen den Wimpern hervor und dies brachte Harrys Herz zum Rasen.
Wütend und besorgt schaute der Phönix zum Kopf des Drachens hinauf, wollte ihn verfluchen und es kam ihm so vor, als würde in den Augen der Bestie so etwas wie Zufriedenheit aufblitzen. Doch vielleicht bildete sich Harry dies auch nur ein. Auf alle Fälle verabschiedete er sich hastig von Godric und versprach wieder zu kommen. Doch erst galt seine ganze Kraft Hermine. Er Hob sie hoch und sein Feuer umhüllte beide Körper. Godric beobachtete das Schauspiel fasziniert, bevor er sich zum Drachen umdrehte und leise fragte, „Was hast du nur getan?" Ein Grollen durchschnitt die Höhle und es klang nicht wirklich schuldig, vielmehr befreit…
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