Fallen from grace

Kapitel 7

Acht Stiche

Hermine schüttelte ihren Kopf. Seine schwarzen Augen drangen tief bis in ihr Inneres vor.

„Nein", sagte sie entschieden, nur um sich im nächsten Moment noch näher zu ihm herab zu beugen und den Kuss zu intensivieren, den er ihr gegeben hatte.

Erleichtert stellte sie fest, dass er zu verunsichert war, um sie von sich zu stoßen. Sie verlor sich in seinem Duft, der aufreizend und männlich ihre Sinne durchströmte, bis sie sich davon in die Knie zwingen ließ und sich letztendlich auf seinem Schoß wiederfand. Sein Geschmack war einfach zu gut, um von ihm abzulassen.

Snape ergriff die Gelegenheit, während sie nach Atem rang, um sie bei den Schultern zu nehmen. Förmlich und etwas überrascht hielt er sie auf Abstand. „Du begibst dich in Gefahr", sagte er mit raspelnder Stimme. Dann packte er sie am Handgelenk und blickte in ihre leuchtenden braunen Augen, die die Jugend und Unschuld eines Mädchens preisgaben, das an der Schwelle zum Erwachsenwerden stand.

Hermine leckte sich über die Lippen. Sie konnte sich nicht dazu entscheiden, ihn einfach so zurückzulassen. Der Kuss, den er ihr gegeben hatte, weckte das Verlangen nach mehr. Auch in ihrem Unterleib vibrierte es unmissverständlich, als sie die vielversprechende Erregung spürte, die in der Hose ihres Professors anschwoll und mit einer gewaltigen Hitze bis zu ihren Schenkeln hin ausstrahlte.

„Ich nehme das Risiko auf mich", sagte sie mit einem schelmischen Lächeln auf den feucht glitzernden Lippen.

„Weißt du, was du damit von mir verlangst?", fragte er ernst und warf ihr einen strengen Blick zu, der sie dazu veranlasste, protestierend auszuatmen.

Sei kein Narr, Severus. Natürlich weiß sie nichts.

„Nicht nur, dass sie uns früher oder später erwischen könnten ...", murmelte er weiter.

Hermine seufzte und ließ ihren Blick noch einmal auf die Wunde gleiten, die auf seiner Hand prangte. „Na gut", begann sie beschwichtigend. „Lass mich dir wenigstens helfen. Dann bin ich verschwunden."

Er hob fragend seine Brauen an.

„Weißt du, wenn ich daran denke, wie oft sich die Jungs in Schwierigkeiten bringen, kann es nicht schaden, etwas über das Heilen von Verletzungen zu lernen."

Er nickte und griff nach seinem Zauberstab, der in seinem Ärmel verborgen war. „Vermutlich hast du Recht. Ohne dich wären die beiden verloren."

Hermine ignorierte seinen Kommentar und beobachtete interessiert jeden seiner Handgriffe. Alleine seine langen schlanken Finger, die das dunkle Holz umschlossen, erhielten mehr Aufmerksamkeit von ihr, als nötig gewesen wäre. Sie war fasziniert davon, wie er ihr einen Spruch erklärte, der immer wieder im Singsang über seine Lippen rollte. Kurios wiederholte sie seine Worte, um sie zu verinnerlichen.

Kaum waren seine Wunden geschlossen, ließ er den Zauberstab im Ärmel verschwinden und blickte nervös zur Tür hinüber.

Hermine biss sich auf die Lippe. „Was ist mit den anderen Verletzungen?"

Sofort nahm er sie wieder in sein Blickfeld. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war hart und unleserlich. „Ich kann sie dir nicht zeigen", sagte er matt, die Ausläufer seiner Stimme tief und melancholisch.

„Wieso nicht?" Es war eine eigenartige Mischung aus Neugier und Fürsorge, die sie dazu drängte, bei ihm bleiben zu wollen, um sicherzugehen, dass er seine Wunden aufmerksam versorgte.

Er hob eine seiner Brauen an, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Du erwartest doch nicht etwa von mir, dass ich mich jetzt vor dir ausziehe?"

Sie unterdrückte ein Lächeln. „Schämst du dich meinetwegen?"

Seine Mundwinkel zuckten beunruhigt und ihr wurde bewusst, dass sie zu forsch gewesen war. Doch es war zu spät. „Das ist nicht der Punkt", stellte er klar. „Aber ich kann dir versichern, dass du noch nicht so weit bist, das zu sehen, was dich erwartet."

So schnell wie ihr Lächeln aufgetaucht war, verschwand es wieder. Sie fühlte einen eisigen Schauder, der durch ihren Körper jagte. Dunkle Vorahnungen über die Foltermethoden der Todesser und schaurige Erinnerungen über die Gerüchte misshandelter Gefangener ergriffen Besitz von ihren Gedanken. War es wirklich so schlimm, wie sie vermutete? Sie konnte es nur erahnen. Fest stand jedenfalls, was auch immer seine Freunde von der zwielichtigen Seite - oder Voldemort selbst - ihm angetan hatten, lastete auf ihm. Ihre Befürchtungen gingen sogar so weit, dass sie davon ausging, sein Selbstwertgefühl zu belasten, sollte sie es wagen, weiter danach zu fragen.

„Ich habe nicht vor, mich auf diese Art und Weise vor dir bloßzustellen, Hermine", setzte er nach, als sie nicht antwortete.

Wahrscheinlich hatte sie Recht, was ihre Vermutungen anbelangte. Sein Körper diente als Puffer für die Launen des Dunklen Lords. Der Zustand, in dem sie Severus ertappt hatte, war besorgniserregend. Vor allem dann, wenn man bedachte, dass er kaum einen Schmerzenslaut über die Lippen gebracht hatte, fast so, als wäre er es gewohnt, die Warnsignale seines Körpers zu unterdrücken. Er selbst hatte ihr mehr oder weniger bestätigt, dass so etwas öfter passierte. Doch wie er das aushalten konnte, ihm immer wieder gegenüber zu treten, war ihr ein Rätsel. Welche Motive konnten jemanden dazu bewegen, sich derart auszuliefern? Zu welchen Konditionen? Und zu welchem Preis? Oder war es möglich, so etwas zu erlernen? Sie fröstelte. Wenn man bedachte, dass es kaum jemanden gab, der ihn näher kannte, war es nicht weiter verwunderlich, dass er sich so zurückzog. Wie viel Zeit hatte sie inzwischen mit ihm verbracht und ihn geküsst und in seinen Armen gelegen? Sie hatte langsam sein Vertrauen gewonnen und dennoch schaffte sie es immer wieder, ihn falsch zu verstehen.

Beschämt nickte sie und streckte die Hand nach seiner Wange aus. „Ich hatte kein Recht, so etwas zu sagen", murmelte sie leise und strich mit dem Daumen über seine leicht stoppelige Haut.

Er schluckte und schloss die Augen, ohne etwas darauf zu erwidern.

Hermine erkannte, dass er verletzt war, obwohl er seine Fassade aufrechterhielt. „Es tut mir leid."

Traurig senkte sie den Blick. Ihre Empfindsamkeit ihm gegenüber wuchs immer dann, wenn sie etwas falsch gemacht hatte. Dann, wenn es zu spät war.

Taktgefühl, Hermine. Das war noch nie deine Stärke.

Sie fluchte innerlich. Er war dabei, sich ihr langsam anzuvertrauen und sie schaffte es immer wieder, ihn mit Füßen zu treten. Es war keine Absicht von ihr, es lag einfach in ihrem Naturell.

Ohne Vorwarnung näherte sie sich seinen Lippen und drückte ihm einen sanften Kuss darauf. Die Berührung war kurz und zart und dennoch voller Sehnsucht.

Hermine hielt den Atem an. Dass seine Augen noch immer geschlossen waren, verriet ihr, dass sie vorhin eindeutig zu weit gegangen war. Wieder einmal hatte sie nicht darüber nachgedacht, was ihr freches Mundwerk anrichten konnte. Genau genommen hatte er allen Grund, um nicht mehr mit ihr zu reden...

Angespannt kaute sie auf ihrer Lippe herum und suchte nach etwas, das sie sagen konnte, um die Situation zu mildern. „Als ich klein war, hatte ich mal einen Fahrradunfall", flüsterte sie gedankenverloren. „Ich habe eine Narbe über dem Po. Acht Stiche ... Wenn du willst, zeige ich sie dir ..." Sie sah, dass er dagegen protestieren wollte und räusperte sich schnell. „Irgendwann mal."

Seine Mundwinkel kräuselten sich sanft und Hermine war voller Erwartung, als sie erkannte, dass es ein Lächeln war, das sich über sein Gesicht legte. Endlich blickte er sie tief und innig an. „Ein Fahrradunfall? Ich weiß nicht, ob ich damit konkurrieren kann", murmelte er leise und verbarg sein Gesicht in ihrem buschigen Haar.

„Vermutlich nicht."

Er atmete tief ein. „Ich werde dir zeigen, was du willst. Irgendwann mal."

Sie nickte und löste sich von ihm los, um ihm in die Augen zu blicken. Ihre Hände umschlossen zärtlich seine Wangen. Er war bereit gewesen, sich ihr zu öffnen, ihr zu vertrauen. Nun lag es an ihr, es zu würdigen. „Du weißt, dass ich dazu neige, wenn es darauf ankommt, unpassende Dinge zu sagen."

Er blinzelte und seine dunklen, schön geschwungenen Wimpern flatterten. „Hermine ..."

Ihr Zeigefinger legte sich sanft auf seine Lippen. „Du bist so gut zu mir und ich schäme mich dafür, dass ich dir nicht mehr entgegenkomme. Ich sollte dir mehr Zeit geben, Severus."

Er legte den Kopf schief und nahm ihre Hand in seine. Die Wärme, die von ihm ausging, ließ ihr Herz schneller schlagen. „Das alles ist nicht leicht für mich", sagte er leise. „Aber du bist da. Und ich weiß es zu schätzen."

Sie lächelte. „Du hast keineswegs Ähnlichkeit mit dem grummeligen alten Mann aus den Kerkern, von dem sie immer erzählen."

Seine Augen blitzten auf. „Und du musst es natürlich wissen."

Hermine nickte eifrig und strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht. „Ich denke, für heute habe ich genug Unheil angerichtet. Es wird Zeit, dass ich mich wieder meinen Büchern widme, bevor die anderen zurückkommen." Sie stutzte und biss sich auf die Lippe. „Ich würde mich freuen, dich später beim Essen zu sehen. Molly hat bestimmt nichts dagegen, wenn du zu uns nach unten kommst - ganz förmlich, versteht sich."

Er brummte nachdenklich und schob seine Hände durch die Haare. „Das ist vermutlich keine so gute Idee."

„Warum nicht?"

„Was denkst du? Es ist einfach zu voll da unten. Außerdem wird Black bestimmt hoch erfreut sein, wenn ich gemeinsam mit ihm an seinem Tisch sitze und wir zusammen speisen."

Sie zuckte mit den Schultern. „Meistens ist er gar nicht da. Harry ist ziemlich enttäuscht deswegen."

„Das sieht diesem Rumtreiber ähnlich."

„Genau das habe ich mir auch schon gedacht. Und je mehr Gedanken ich mir darüber mache, umso mehr kann ich deine Abneigung ihm gegenüber verstehen. Er war schon immer ein Draufgänger, sonst hätte er wohl kaum dein Leben aufs Spiel gesetzt." Einen Moment lang sah sie, dass er verunsichert wirkte. Doch Hermine wusste genau, dass er begriffen hatte, worauf sie hinaus wollte, also fuhr sie fort. „Ich konnte nicht vergessen, was ich über ihn erfahren habe, Severus", sagte sie sanft. „Und ich habe auch nicht vergessen, dass du dich damals, ohne zu zögern, vor uns gestellt hast, um uns zu schützen, als Lupin sich in einen Werwolf verwandelt hat."

Er schnaubte leise und ließ den Blick in die Ferne gleiten. „Dass du dich daran erinnerst …"

„Natürlich tue ich das."

Gebannt beobachtete sie seine durchdringenden schwarzen Augen, die hart mit der Vergangenheit kämpften, die er am eigenen Leib erfahren musste. Es war eine seiner schlimmsten Erinnerungen, die er mit sich herumtrug. Der leichtsinnige Scherz von Sirius Black, ihn in die heulende Hütte zu locken, wo Lupin während der Zeit der Verwandlung verweilt hatte, hätte ihn vor vielen Jahren fast das Leben gekostet. Für Hermine stand außer Frage, dass Sirius schuldig war. Erst im allerletzten Moment hatte Harrys Vater eine Katastrophe verhindert, obwohl sie sich nicht über seine Motive im Klaren war. Vielleicht war er zu feige gewesen, vielleicht hatte er aber auch einfach nur Angst vor den Folgen gehabt.

„Ich denke, er ist im Unrecht", erklärte sie offen.

Snape schluckte und hob den Blick. Seine Stimme war ganz rau, als er antwortete. „Warum sagst du mir das?"

„Weil ich möchte, dass du mir vertraust. Auch dann, wenn ich nicht dabei war, als es geschehen ist, so bin ich noch lange nicht damit einverstanden, wenn jemand seine Mitschüler in Gefahr bringt. Und das hat er getan. Du hättest sterben können."

Seine Lippen bewegten sich und er suchte nach Worten. „Hermine ..."

„Es ist gut, Severus. Harry, Ron und ich, wir kennen die Geschichte, die sich damals abgespielt hat. Aber erst jetzt wurde mir bewusst, was es für dich bedeutet haben muss, als Lupin an unsere Schule kam, um dort zu unterrichten. Es tut mir nur leid, dass ich nicht schon eher dahinter gekommen bin. Die Aktion von Sirius ist unverzeihlich."

Er blinzelte. „Du solltest aufhören, dich bei mir zu entschuldigen. Vor allem dann, wenn es etwas ist, wofür du nichts kannst."

„Aber ich meine es so. Sirius ist nie erwachsen geworden, oder?"

Ein schwaches Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Es erstaunt mich, dass du die Dinge so siehst."

Sie schmunzelte. „Geht mir nicht anders. Ich denke nur, es wird langsam Zeit, dass auch mal jemand für die dunklen Gestalten Partei ergreift. Jeder hier im Haus redet von Sirius … Gut, es ist sein Haus. Aber trotzdem ... Wo bleibst du dabei?"

Er blickte sie mit hochgezogener Braue an. „Ist es wirklich das, was du vorhast? Ich bin kein Hauself, Hermine. Und es ist nicht nötig, dass du eine Rettungsaktion für mich startest."

Sie wurde rot im Gesicht. Ihre Hauselfen-Befreiungsaktion würde wohl ewig auf ihr lasten. „Das habe ich auch nicht vor. Du selbst hast gesagt, dass er dich nie akzeptieren wird. Und das ist nicht gerecht. Die anderen meiden dich, weil sie dich nicht kennen oder Vorurteile dir gegenüber haben. Aber trotzdem bist du wichtig für den Orden. Es wäre das Mindeste, dass sie dich anerkennen." Sie holte Luft und seufzte tief. „Wo wir schon dabei sind, ich sollte jetzt wirklich gehen."

Er wippte nachdenklich mit dem Kopf. „Es wird nicht funktionieren. Du kannst nicht etwas ändern, was schon so lange im Argen ist ... Außerdem bin ich kein besonders geselliger Mensch. Darum bleibe ich lieber für mich."

Sie rümpfte entschieden die Nase. „Das mag sein. Ich werde jedenfalls nicht aufhören, für das Gute zu kämpfen." Langsam stand sie auf und blickte ihn voller Wehmut an, ihre Hand auf seiner Wange ruhend. „Du verdienst es, akzeptiert zu werden, Severus. Denk darüber nach."

Er lächelte kaum merklich und Hermine löste sich von ihm los. Nachdem sie ihm dann einen letzten Blick zugeworfen hatte, verschwand sie vorsichtig zur Tür hinaus.