Fallen from Grace

Kapitel 8

Unerwünscht

Hermine hatte keine ruhige Minute mehr gehabt, seit sie Severus in seinem Zimmer zurückgelassen hatte. Die Tatsache, dass er in diesem Zustand war, der offensichtlich zu seinem Alltag gehörte, nagte schwer an ihr.

Wie konnte er nur damit leben? Und vor allem, wie konnten die Mitglieder des Ordens so ignorant sein und einfach so tun, als würden sie nichts davon ahnen, was er durchmachen musste, während er für sie spionierte?

Eine Vielzahl an Fragen schoss ihr durch den Kopf, auf die sie keine Antwort fand. Zu allem Übel kamen Harry, Ron und Ginny viel früher von ihrem Ausflug zurück, als ihr lieb war, womit die Grübeleien über ihren geheimnisvollen Professor ein jähes Ende fanden.

Als auch die Erwachsenen zurück waren, war es endgültig vorbei mit dem Frieden im Haus. Molly stürzte sich darauf, das Abendessen zuzubereiten und verteilte jede Menge Aufgaben an alle Anwesenden.

Während Hermine und Ginny beim Kochen für die ganze Mannschaft halfen, erledigten Harry und Ron Botengänge quer durch das ganze Haus. Bald hatten sie genug davon, treppauf, treppab Berge von getrockneter Wäsche zu verteilen. Lediglich die Zwillinge hatten ihren Spaß: sie sollten den Tisch decken, was keine besonders gute Idee war, weil sie jede Gelegenheit, bei der ihre Mutter nicht hinsah, dazu nutzten, um mit den Tellern Frisbee zu spielen. Es war ein Wunder, dass sie nicht der Reihe nach zu Bruch gingen.

Endlich saßen alle in der Küche beisammen und stürzten sich hungrig aufs Essen, als plötzlich Snape im Türrahmen erschien. Hermines Herz setzte aus, sobald sie seine vertrauten Umrisse ausgemacht hatte. Eine eigenartige Stille legte sich über den Raum.

„Professor", murmelte sie mit einem sanften Lächeln in seine Richtung, ohne seinerseits auch nur eine Reaktion zu erhalten.

Schnell räusperte sie sich. Doch die anderen waren ohnehin zu überrascht von seinem Erscheinen, als dass sie ihr eigenartiges Verhalten bemerkt hätten.

Keiner wagte es, weiter zu essen. Die Zwillinge sahen aus, als würden sie an den Bissen in ihren Mündern ersticken. Selbst Mr. Weasley und Ron hielten inne und starrten den unerwarteten Besucher an.

Unweit von ihr konnte sie ein unfreundliches Schnauben hören: ohne Zweifel Sirius.

Hermine hielt angespannt die Luft an, während sie ihn beobachtete. Noch immer waren die Spuren von Snapes Verletzungen zu sehen, wenngleich niemand davon Notiz zu nehmen schien.

Harry und sein Patenonkel wechselten düstere Blicke. Es war kein Geheimnis, dass beide den unerwarteten Auftritt des dunklen Zauberers missbilligten, obwohl er nichts weiter tat, als im Türrahmen zu stehen.

„Severus", rief Mrs. Weasley mit schriller Stimme. „Setz dich doch." Schon sprang sie auf, um ihm einen Teller und Besteck zu holen.

Hermine war, als hätte sie ein Funkeln in den Augen ihres Professors gesehen, gefolgt von einem kaum merklichen Grinsen.

Er deutete ein Nicken mit dem Kopf an und kam lautlos näher. Ein Stuhl schabte über den Boden, dann wurde es wieder still.

Kaum hatte er sich gesetzt, lud Molly ihm eine ordentliche Portion selbstgemachten Kartoffelbrei auf, dazu ein Stück Fleisch und eine herrlich duftende Soße.

Sirius ballte die Hände zu Fäusten, doch Snape entfaltete seelenruhig seine Serviette und legte sie auf den Schoß.

Mr. Weasley räusperte sich. „Ich bin nie dazu gekommen, mich für das Tonikum zu bedanken, Severus."

Die Zwillinge grinsten einander frech zu.

„Hört, hört", murmelte Fred.

„Dad hält eine Rede", antwortete George.

Mrs. Weasley klatschte unsanft ein Geschirrtusch auf die Anrichte. „Seid still!"

Ihr Aufschrei hielt die beiden jedoch nicht davon ab, sie nachzuäffen.

Ron und Harry prusteten hinter vorgehaltenen Händen los.

„Jedenfalls hat es hervorragende Dienste geleistet, nachdem ich von dieser Schlange angegriffen wurde", fuhr Mr. Weasley in freundlichem Ton fort, als hätte es die Unterbrechung nie gegeben.

Obwohl Hermine wusste, dass er nicht absichtlich vergessen hatte, ihm zu danken, war es ein deutliches und auch trauriges Zeichen dafür, dass Snapes Bemühungen und Leistungen ohne Anerkennung hingenommen wurden.

Severus nickte matt, ohne sich daran zu stören. „In der Tat."

Endlich traute Hermine sich wieder zu atmen. Auch die anderen tauten langsam auf, abgesehen von Sirius, der immer noch stocksteif und höchst angespannt auf seinem Stuhl saß.

Als Severus zum Besteck griff, machte sie es ihm automatisch nach, in der Hoffnung, die Stimmung etwas aufzulockern. Noch ehe er das erste Häppchen Fleisch abgeschnitten hatte, schaufelte sie bereits riesige Ladungen Kartoffelbrei in den Mund.

„Langt ruhig tüchtig zu", forderte Molly bei ihrem Anblick die Jungs auf. „Wir haben noch jede Menge Nachschlag."

Das ließen Ron und die Zwillinge sich nicht nochmal sagen. Schon sah es so aus, als würden sie um die Wette hamstern.

Hermine lächelte verlegen und würgte den Brei runter. Mal sehen, wem zuerst schlecht werden würde.

Sirius starrte unterdessen wie gebannt auf Snapes Teller, vor allem darauf, wie dieser das Essen nach jedem Bissen in kleine, mundgerechte Portionen zerteilte und sie dann andächtig mit der Gabel zum Mund führte.

Irgendwann wurde es ihm zu bunt und er schlug mit der Faust auf den Tisch, sodass alles wackelte.

Snape schluckte und legte langsam das Besteck an den Tellerrand.

„Schluss jetzt!", zischte Sirius in die plötzliche Stille hinein. „Dumbledore – dieser alte Narr! Was auch immer er im Schilde führt, das hier geht eindeutig zu weit! Es war nie die Rede davon, dass er mit uns zusammen isst."

Snape saß aufrecht auf seinem Platz und blickte ihn mit seinen dunklen Augen an, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. Dennoch konnte Hermine sagen, dass er jeden Moment darauf gefasst war, in einen Kampf verwickelt zu werden. So eigenartig angespannt hatte sie ihn noch nie erlebt.

„Das ist mein Haus", höhnte Sirius und warf demonstrativ seine unordentlichen Locken in den Nacken. „Ich stelle es dem Orden zur Verfügung, aber gewiss nicht dem hier."

„Sirius", sagte Molly vorsichtig. „Er gehört zum Orden."

Er lachte auf. „Aber er gehört auch zu den Todessern!"

Snape blieb immer noch reglos, lediglich seine Kiefer arbeiteten angestrengt. Vollkommen still und zurückhaltend wartete er ab, was geschehen würde. Die Fassade, die er in der Gegenwart anderer aufzog, war blitzschnell an ihren Platz zurückgekehrt, ohne dass sie den Übergang zwischen diesen beiden Verhaltensmustern gespürt hätten. Vermutlich war es noch nicht einmal jemand anderem außer Hermine aufgefallen. Sie bezweifelte stark, dass irgendwer in der Lage war, diese Veränderung an ihm zu bemerken. Er verhielt sich wie ein Killer. Jeder Fehler, den Sirius sich jetzt erlaubt hätte, wäre blutig zu Ende gegangen.

Sie schauderte, als die eisige Stimmung in der Küche ihren Höhepunkt erreichte.

Snape kostete die Pause gezielt aus. Dann, ganz langsam, legte er die Serviette auf die Tischkante, erhob sich von seinem Platz und richtete sich hinter dem Stuhl zu seiner vollen Größe auf.

„Ich werde mich zurückziehen", sagte er an Molly gewandt. „Das Essen war vorzüglich." Er nickte Arthur zu und ging lautlos in Richtung Tür.

Sirius schnaubte erregt. „Wage es ja nicht, noch einmal hier zu erscheinen, Snivellus!"

Severus hielt inne und starrte ihn mit seinem durchdringenden Blick an. Dann zog er die Mundwinkel zurück und fletschte die Zähne. „Du solltest aufhören, dich für etwas Besseres zu halten, Black." Die Art und Weise, wie er den Namen des verhassten Rumtreibers aussprach, ließ Hermines Nackenhaare senkrecht nach oben schießen. „Ich riskiere hier mein Leben, während du dich heimlich zu deinem Vergnügen aus dem Haus schleichst."

„Wenigstens gibt es unter uns noch welche, die ein Leben haben, du alter Griesgram!", bellte Sirius zurück. „Vom Vergnügen ganz zu schweigen."

Snapes Augen blitzten auf. „Ich wünschte, du würdest endlich erwachsen werden. Dann hätten wir vielleicht eine Chance, voran zu kommen."

Sirius lächelte belustigt, erwiderte aber nichts darauf. Erst, als Severus ihm den Rücken zudrehte und zur Tür eilte, rief er ihm hinterher. „Wenn James noch hier wäre, würden wir das vielleicht wirklich."

Der dunkle Zauberer hatte es schwer, seine Wut im Zaum zu halten. Doch er wusste auch, dass Sirius nur darauf wartete, ihn an der richtigen Stelle zu reizen. An der Stelle, die am meisten schmerzte. „Wie mutig ihr doch wart", entgegnete er trocken, die Kiefer fest aufeinander gepresst. „Zu viert gegen einen."

Abermals drehte er sich vom Schauplatz weg und verschwand wie ein Schatten zur Tür hinaus.