Fallen from grace

Kapitel 10

Die Ruhe vor dem Sturm

Hermine saß auf ihrem Bett und schnaubte. Sie war immer noch furchtbar wütend, nachdem sie ihren Koffer ausgepackt und ihre Habseligkeiten verstaut hatte.

Die Sache zwischen Severus und Sirius hatte sie schwer mitgenommen. Dass Severus das alles so gelassen hinnahm und ihre beiden besten Freunde so taten, als wäre nie etwas geschehen, machte es nicht leichter für sie.

„Hast du mich vermisst, Krummbein?", fragte sie leise und streckte die Hand nach dem Kater aus, der auf ihrem Schoß lag, um ihn hinter den Ohren zu kraulen. Doch der hatte offenbar andere Launen. Wütend fauchte er sie an und wischte ihr mit der Pfote über den Arm.

Hermine zuckte zusammen. „Hey, spinnst du? Du hast mich gekratzt!"

Er sprang von ihren Beinen und stolzierte mit hoch erhobenem Schwanz davon.

Hermine blieb verdutzt zurück und blickte auf den blutigen Streifen aufgerissener Haut.

„Sind denn hier plötzlich alle verrückt geworden?", rief sie ihm hinterher, doch das kümmerte ihn nicht, denn schon war er verschwunden.

Kopfschüttelnd stand sie auf und ging zum Waschbecken, um sich das Blut abzuwaschen. Zum Glück war der Kratzer nicht tief. Trotzdem ärgerte sie sich.

Die ganze Welt schien Kopf zu stehen und alles war im Begriff, sich zu wandeln. Deprimiert verließ sie den Gryffindor-Turm und wanderte durch das Schloss. Hoffentlich war Severus zuhause. Sie wollte ihn so gerne sehen und sich in seine Arme flüchten.

Zaghaft klopfte sie an der Tür zu seinem Büro und wartete.

Snape wirkte völlig übermüdet und abwesend, als er öffnete. Seine Haare standen wirr nach allen Richtungen ab und die Knöpfe an seinen Ärmeln waren geöffnet, sodass sie das weiße Hemd darunter zum Vorschein kommen sehen konnte.

Allem Anschein nach hatte er nicht damit gerechnet, dass ihn jemand besuchen würde, schon gar nicht Hermine, als er da so vor ihr im Türrahmen stand.

„Was tust du hier?", fragte er verwundert. „Ich dachte, du bist im Hauptquartier."

Sie schüttelte verlegen den Kopf. „Nicht mehr. Ich hatte genug von allem."

„Egal, wo ich auch hingehe, du scheinst mir zu folgen", murmelte er abwesend. Dann räusperte er sich und schob zerstreut seine Haare zurück.

„Oh", bemerkte sie leise. „Das war keine Absicht. Ich hatte Streit mit den Jungs. Außerdem habe ich mich so über das Verhalten von Sirius geärgert, dass ich es nicht länger dort ausgehalten habe."

„Willst du reinkommen und dich setzen?" Etwas benommen breitete er die Arme aus und trat einen Schritt beiseite.

Sie nickte. „Furchtbar gern. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schlimm es für mich ist, mit den beiden zu streiten. Aber manchmal komme ich einfach nicht drum herum."

Snape versiegelte mit seinen üblichen Zaubern die Tür hinter ihr, während Hermine gedankenverloren auf seinen Schreibtisch zusteuerte.

„Du hast ein neues Buch?", fragte sie und klang mit einem Mal ganz interessiert.

Er beugte sich über sie, als er neben ihr zum Stehen kam und versperrte ihr mit seinem Körper die Sicht. „Es gehört Dumbledore", sagte er schlicht. „Ich hätte es schon vor einer ganzen Weile lesen sollen, bin aber nie so richtig dazu gekommen."

Hermine sah zu ihm auf. Der Ausdruck auf seinem Gesicht wirkte besorgt. „Du hast immer noch keine Ahnung, wo er steckt", bemerkte sie leise. Vorsichtig streckte sie die Hand nach ihm aus und legte sie ihm auf die Wange.

Er schloss die Augen und legte genüsslich den Kopf schief. „Er ist wie vom Erdboden verschluckt", hörte sie ihn mit ruhiger Stimme flüstern.

„Aber warum tut er das? Warum lässt er uns alle im Ungewissen?"

„Weil er niemandem traut."

„Nicht einmal dir", setzte sie enttäuscht nach.

„Hermine, ich denke nicht, dass ..."

„Nein, Severus." Sie schüttelte energisch ihre wilden Locken. „Das ist nicht richtig von ihm."

„Das mag ja sein. Aber wir können es nicht ändern."

Sie nickte in Gedanken. „So langsam bin ich es leid, immer alles hinnehmen zu müssen ..."

Doch er antwortete nicht. Stattdessen nahm er sie bei der Hand und führte sie zum Sofa hinüber, auf dem er es sich bequem machte.

Hermine kuschelte sich an ihn und legte ihren Kopf an seine Schulter. „Du bist ziemlich müde, oder? Tut mir leid, ich wollte dich nicht stören."

Seine Mundwinkel rutschten sanft nach oben. „Schon okay. Was ist denn eigentlich passiert?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Das Übliche. Harry und Ron wollen einfach nicht einsehen, dass sie im Unrecht sind."

Er schnaubte unbeeindruckt.

„Was?"

Mit erhobener Braue lugte er sie von der Seite her an. „Hast du etwa was anderes erwartet?"

Hermine seufzte. „Nein. Vermutlich hast du Recht. Jetzt, wo ich dich sehe, denke ich sowieso, das wird sich schon wieder einrenken." Sie blickte ihn aufmerksam an. „Und was ist mit dir? Irgendetwas ist doch los, richtig?"

Sein Ausdruck verhärtete sich schlagartig. „Umbridge. Die ganze Belegschaft sitzt auf Kohlen. Minerva macht mich bald wahnsinnig mit ihren schlechten Botschaften."

Hermines Augen blitzten auf. „Ein Grund mehr, um endlich etwas zu unternehmen."

Severus warf ihr einen strengen Blick zu. „Das wirst du schön bleiben lassen."

Hermine aber schnaubte aufgebracht. „Warum? Irgendjemand sollte endlich etwas gegen diese Kuh unternehmen."

„Denkst du vielleicht, wir hätten uns das nicht auch schon durch den Kopf gehen lassen? Filius, Minerva und ich hatten eine geheime Krisensitzung, was schon ein Risiko an sich war. Jeder, der eingeweiht ist, könnte zu einer Gefahr für die anderen werden."

Sie sah ihn fragend an. „Und?"

Langsam schob er seine Finger durch die Haare und gähnte dabei. „Wir kamen alle zu dem selben Ergebnis: es könnte sein, dass noch mehr Personal gefeuert wird. Vielleicht hat sie vor, nach und nach die ganze Belegschaft durch Mitarbeiter des Ministeriums zu ersetzen."

„Oh mein Gott! Das ist ja furchtbar, Severus!"

Er nickte. „Allerdings."

Hermine wusste, was das bedeuten würde: auch Severus könnte seinen Posten verlieren, wenn nicht bald jemand etwas unternahm.

Angestrengt nachdenkend klemmte sie ihre Lippe zwischen die Zähne und eine Weile lang sagte keiner von ihnen ein weiteres Wort, bis Severus erneut ansetzte. „Hermine?"

Sie sah ihn an. Er hatte die Augen geschlossen und sie genoss es, ihn dabei zu beobachten, wie er entspannt neben ihr wegdämmerte.

„Versprich mir nur, dass du nichts Unüberlegtes tun wirst."

Hermine nickte kaum merklich. Doch Severus war ohnehin schon eingeschlafen.