Fallen from grace
Kapitel 14
Anordnungen
Seit dem Kampf im Ministerium hatte sich viel verändert. Sirius war tot. Dumbledore war wieder da. Hermine hatte mit Snape geschlafen und Harry schien unsagbar wütend auf alles und jeden zu sein. Selbst dann, wenn er es vielleicht nicht mit Absicht tat, wurde Hermine das ungute Gefühl nicht los, dass etwas furchtbar falsch war.
Als dann der Tag kam, an dem Dumbledore sie früh am Morgen in sein Büro bestellte, sollten sich diese Vermutungen bestätigen. Hermine war derart aufgelöst, dass sie schon fürchtete, er hätte das mit Severus und ihr herausgefunden, was der ganzen Situation noch die Krone aufgesetzt hätte.
Deutlich nervös betrat sie das Büro des Schulleiters und fand dort Harry vor, der sie mit einem unsagbar zornigen Blick begrüßte. Ob das aber an ihrer Anwesenheit oder seiner allgemeinen schlechten Stimmung lag, konnte sie auf die Schnelle nicht sagen.
Nachdem der Schulleiter sie aufgefordert hatte, an seinem Tisch Platz zu nehmen, schwang hinter ihr die Tür auf und Snape trat ein.
Hermine stockte fast der Atem, als sie herumfuhr und ihn sah. Er wirkte auf eindrucksvolle Weise kühl und zurückhaltend, so wie er es immer getan hatte. Trotzdem entging ihr nicht, dass auch er etwas neben sich zu stehen schien, während er zum Tisch geschwebt kam und mit etwas Abstand zwischen Harry und ihr stehen blieb.
Natürlich tat er so, als hätte er sie kaum wahrgenommen, doch Hermine wusste es besser. Verbissen hockte sie auf ihrem Stuhl, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um ihn zu berühren, da die angespannte Atmosphäre jedoch alles andere als das begünstigte, lugte sie vorsichtig zu ihm empor, um irgendein Zeichen von ihm zu erhalten. Wie es in der Gegenwart anderer üblich war, kam aber nichts von seiner Seite zurück.
Snape starrte von oben herab mit finsterer Mine seinen Vorgesetzten an und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Sie wollten mich sehen, Schulleiter", bemerkte er süffisant.
Hermine schauderte. Dass es ihm nicht behagte, hier antanzen zu müssen, war offensichtlich.
Dumbledore faltete seine Hände ineinander und nickte. „Gut, dass du da bist, Severus", sagte er milde, Snapes angespannte Kiefer aber verhärteten sich dadurch nur noch mehr.
Harry rollte mit den Augen. „Ja, natürlich ..."
Ungerührt fuhr Dumbledore fort: „Die Umstände erfordern es, einige Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass sich in den kommenden Wochen keine weiteren Katastrophen ereignen."
Harry schnaubte lautstark protestierend vor sich hin und Snape zog finster seine Brauen zusammen. Vermutlich passte es ihm genauso wenig wie Hermine, dass der Schulleiter Dinge im Schilde führte, in die er nicht eingeweiht war.
„Wie ihr alle wisst, habe ich Professor Snape vor gut einem Jahr gebeten, seine ursprüngliche Arbeit im Kampf gegen Voldemort wieder aufzunehmen."
„Das ist wieder einmal typisch!", stieß Harry zornig aus. „Woher wollen Sie wissen, dass Sie sich auf ihn verlassen können?"
„Ich vertraue Professor Snape", sagte Dumbledore und blickte Harry streng an.
„Und warum tun Sie das? Durch diese Okklumentikstunden mit ihm hat meine Narbe noch heftiger als sonst geschmerzt."
Hermine biss sich auf die Lippe. Sie wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte. Am liebsten wäre es ihr ohnehin gewesen, nicht hier sein zu müssen, denn in einen neuerlichen Zwiespalt in Bezug auf Harry und Severus zu geraten, wäre für ihre Gefühlswelt alles andere als hilfreich gewesen.
Unbeholfen räusperte sie sich. „Professor?"
Dumbledore blinzelte sie an. „Ja, Miss Granger?"
„Ähm, ich verstehe das nicht ganz, Professor. Was hat das alles mit mir zu tun?"
Der Schulleiter rückte seelenruhig seine Brille zurecht. „Nun, da Sie so tatkräftig an der Seite Ihres Freundes Mr. Potter stehen, sehe ich keinen Grund, Ihnen die Dinge vorzuenthalten, die er Ihnen ohnehin mitteilen würde."
Hermine wurde rot im Gesicht und Harry stieß ein weiteres Schnauben aus. Kaum war eine peinliche Stille eingekehrt, wurden alle vom sanften Rascheln von Snapes Umhang aus den Gedanken gerissen, der sich mit seinem schwebenden Gang vom Geschehen wegbewegte und neben das Fenster stellte, um nach draußen in die aufgehende Sonne zu blicken.
Aller Augen richteten sich auf ihn, da erfüllte auch schon der tiefe Klang seiner Stimme den Raum. „Ist das wirklich nötig, Albus?"
Energisch fuhr er herum und starrte seinen Schulleiter mit glühenden schwarzen Pupillen an.
Dumbledore nickte bedächtig und fixierte ihn mit seinem Blick. „Ja."
Snape holte tief Luft, dann nahm er die Hände hoch und legte die Fingerspitzen vor der Brust aneinander.
„Ich sehe da nur ein kleines Problem, Schulleiter", sagte er in einem leisen und auch sehr süßlichen Tonfall, der Hermine einen Schauder verpasste.
Es schien ihr unbegreiflich, dass er es immer wieder schaffte, derart unnahbar zu wirken, obwohl er doch in ihrer Gegenwart so sanft sein konnte.
„Das dachte ich mir, Severus", entgegnete Dumbledore gelassen. „Doch du kannst sicher sein, dass ich mir alles genau überlegt habe."
Snapes Brauen zogen sich tief zusammen und offenbarten die dunkle Furche in ihrer Mitte.
„Davon gehe ich aus", murmelte er zwischen seinen fest aufeinander gepressten Kiefern hervor.
Dumbledore setzte ein mildes Lächeln auf. „Gut." Nachdem er seinen Oberkörper gestrafft hatte, räusperte er sich und wandte sich an Harry. „Da du der alleinige Erbe des Hauses im Grimmauldplatz bist, Harry, liegt es bei dir, zu entscheiden, wie es mit dem Hauptquartier des Ordens weitergehen soll."
Hermine hielt den Atem an. Dass Dumbledore so schnell zu diesem schmerzhaften Thema übergehen würde, hätte sie nicht gedacht, doch vielleicht war es absichtlich geschehen, um endlich alles zu klären.
Neben sich konnte sie sehen, dass Harry schluckte. „Sie können es haben", sagte er bedrückt. „Ich brauche es nicht."
Dumbledores Augen blitzten auf. „Nicht so voreilig, Harry. Eines Tages wirst du froh sein, eine Erinnerung an Sirius zu haben, wenn es dir auch heute anders vorkommen mag. Doch wenn du tatsächlich bereit bist, uns das Haus weiterhin zur Verfügung zu stellen, muss ich dir einige Bedingungen aufbürden, an die du dich in diesem Fall zu halten hast, denn die Belange des Ordens haben äußerste Priorität."
Wie gleichgültig zuckte Harry mit den Schultern. „Wie gesagt, Sie können es haben."
„In Ordnung, Harry", sagte Dumbledore milde. „Doch sei dir dessen bewusst, dass ich es als Oberhaupt des Ordens nicht dulden kann, wenn auch nur eines der Mitglieder herablassend behandelt wird. Das gilt ohne Ausnahme."
Harry sperrte den Mund auf, als ihm bewusst wurde, was das zu bedeuten hatte. „Sie reden von ihm?", fragte er lauthals und deutete dabei mit den Augen in Snapes Richtung.
Dumbledore nickte. „Wie gesagt, ich vertraue Professor Snape."
Wütend verschränkte Harry die Arme vor der Brust und starrte ohne ein weiteres Wort die Tischplatte an.
„Gut", sagte Dumbledore schlicht. Er sah aus, als würde er keinen Raum für weitere Diskussionen lassen, was Harry dazu brachte, seine Lippen zwischen die Zähne zu klemmen, um einen wütenden Aufschrei zu unterdrücken. „Das bringt mich zum nächsten Punkt, nämlich zur Ferienordnung für Miss Granger und Mr. Potter."
Hermine holte Luft. „Ferienordnung?"
„Ja, Miss Granger. Nach den jüngsten Ereignissen ist es unumgänglich, sich genauestens zu überlegen, wo Sie und Mr. Potter Ihre Ferien verbringen werden. Und da es keinen besseren Ort als den Grimmauldplatz dafür gibt, werden Sie sich dort einfinden. Es ist am sichersten so."
„Aber … ich dachte, wir könnten vielleicht in den Fuchsbau ..."
Dumbledore schüttelte gemächlich den Kopf. „Bedaure, Miss Granger, doch nach dem Angriff auf Mr. Weasley vor einigen Monaten kann ich es nicht verantworten, die Familie noch mehr ins Zentrum des Geschehens zu rücken, als es ohnehin schon der Fall ist. Das Ministerium hat ein Auge auf Arthur geworfen und es ist anzunehmen, dass er unangenehme Besuche von Mitarbeitern verschiedener Abteilungen über sich ergehen lassen muss, wobei Ihre Anwesenheit für Wirbel sorgen könnte."
Hermine nickte belämmert. „Verstehe … Und was ist mit Harry?"
Harry schnaubte wieder einmal, als wüsste er genau was er zu erwarten hatte.
„Wie in den vergangenen Jahren auch wird er bis zu seinem Geburtstag bei seiner Tante und seinem Onkel ausharren müssen, um den magischen Schutz aufrechtzuerhalten, der ihm auferlegt wurde. Im Anschluss wird er sich zu Ihnen gesellen."
Kopfschüttelnd fluchte Harry vor sich hin. „Kann denn nicht einmal etwas positiv verlaufen? Warum muss immer alles so enden, dass ich dabei das Nachsehen habe?"
„Tut mir leid, Harry, aber es ist der einzige Weg, um sicherzugehen, dass du nicht unnötig in Gefahr gerätst. Das Ministerium ist im Umbruch. Es wird von Toms Leuten überwacht und wir wissen nicht, wem wir noch trauen können."
Harry rollte kommentarlos mit den Augen, dann wurde es still im Raum. Aus den Augenwinkeln warf Hermine einen verstohlenen Blick zum Fenster hinüber, wo immer noch stumm und reglos Snape ausharrte, als würde er nur darauf warten, von seinem Vorgesetzten entlassen zu werden.
Endlich wandte sich der Schulleiter ihr zu. „Sie und Mr. Potter können gehen, Miss Granger. Severus, du bleibst bitte noch auf ein Wort."
Ein finsteres Schnauben drang aus Snapes Kehle hervor und Hermine bekam erneut ein ungutes Gefühl. Hoffentlich ging das mal gut.
