Fallen from grace
Kapitel 15
Disgraced
Hermine wollte so dringend mit Severus reden, doch genau wie bei Harry, schien das Glück nicht auf ihrer Seite zu sein. Entweder war er zu beschäftigt oder er machte sich mit Absicht rar, was keinesfalls dazu beitrug, dass sie sich besser fühlte.
Die Ferien standen nun unmittelbar bevor und wenn sie ihn nicht bald einmal ungestört erwischen würde, müsste sie sich wohl mit dem Gedanken vertraut machen, ihn für eine ganze Weile nicht zu sehen.
Wäre der Umstand, dass sie miteinander geschlafen hatten, nicht gewesen, hätte die Sache nicht einen so bitteren Beigeschmack hinterlassen. Da es aber sehr wohl geschehen war, fühlte sie sich verletzt und im Stich gelassen; dabei war es so wunderbar gewesen und Hermine war sich ganz sicher, dass er ihr während ihres intimen Aufeinandertreffens nichts vorgespielt hatte.
Am letzten Morgen vor ihrer Abreise aus Hogwarts wollte sie ihn noch einmal in seinem Büro besuchen. Etwas zerstreut öffnete er die Tür und blinzelte sie an, als hätte er mit jedem gerechnet, nur nicht mit ihr.
Hermine fühlte einen Stich in ihrer Brust, reckte steif das Kinn in die Höhe und bedachte ihn mit einem herablassenden Blick. „Lässt du mich rein? Oder soll ich gleich hier zur Sache kommen?"
Er hob seine Braue an und trat beiseite. Forschen Schrittes stürmte sie an ihm vorbei und hockte sich mit dem Hintern auf seinen Schreibtisch, die Arme fest vor der Brust verschränkt.
„Also?", fragte sie dann, während er wie üblich die Tür verriegelte.
Langsam kam er näher und schob sich mit den Fingern durch die Haare. „Also was?"
„Was hältst du von dem, was Dumbledore gesagt hat? Und warum gehst du mir schon wieder aus dem Weg?" Sie holte tief Luft. „Ich könnte dich auch fragen, warum du so tust, als wären wir uns noch nie zuvor begegnet, obwohl wir neulich miteinander geschlafen haben."
Er räusperte sich und baute sich ebenso wie sie mit vor der Brust verschränkten Armen vor ihr auf. „Immer schön der Reihe nach, ja?"
Hermine legte erwartungsvoll den Kopf schief, erwiderte aber nichts darauf.
„Zuerst möchte ich klarstellen, dass ich dir nicht aus dem Weg gegangen bin, sondern nur einfach viel zu tun hatte, Hermine", sagte er ernst. „Die Ferien stehen an und es gibt einiges zu erledigen, bevor ich Hogwarts verlassen kann."
Sie blinzelte fragend zu ihm hoch. „Was soll das heißen?"
„Dass ich die nächsten Wochen, genauso wie du, nicht hier, sondern zeitweise im Grimmauldplatz verbringen werde."
„Zeitweise?"
„Ja. Abgesehen davon rechne ich damit, einige Male zum Dunklen Lord abberufen zu werden. Und, wenn ich dann noch Zeit haben sollte, werde ich Zuhause sein."
Jetzt war die Verwirrung perfekt. „Zuhause?"
„Natürlich", entgegnete er steif.
„Aha. Und wo soll das sein?"
„Ich habe ein Haus, Hermine, wo ich mich üblicherweise während der Ferien oder an Feiertagen aufhalte, sofern ich überhaupt dazu komme. Es ist das Haus meines Vaters, also nichts Aufregendes, aber immerhin ein Dach über dem Kopf."
„Verstehe", gab sie kleinlaut zurück.
„Warum klingst du dann so überrascht?"
„Weil ich nicht wusste, dass du ein Haus hast. Aber so langsam wird mir bewusst, dass ich eigentlich so gut wie gar nichts über dich weiß."
Er seufzte angestrengt. „Fang nicht wieder damit an, Hermine. Es ist eben, wie es ist. Und so wie sich die Lage entwickelt hat, wird sich daran auch so schnell nichts ändern."
„Was soll das nun wieder heißen?", fragte sie irritiert.
„Dass wir auf der Hut sein müssen. Was mich unweigerlich zu deiner anderen Frage führt, nämlich Dumbledore."
Hermine schwante nichts Gutes, doch noch ehe sie sich damit auseinander setzen konnte, fuhr er fort.
„Albus weiß etwas, dessen solltest du dir bewusst sein."
„Oh mein Gott! Du meinst in Bezug auf uns?"
„Allerdings. Und das bedeutet, dass wir extrem vorsichtig sein müssen."
„Aber wie kann er das wissen? Woher ..."
„Das ist nebensächlich. Tatsache ist, dass wir es uns nicht erlauben können ..."
„Moment mal. Wieso ist das nebensächlich? Was soll das bedeuten, Severus?"
Er verzog die Mundwinkel und wirkte plötzlich so, als würde er sich unwohl fühlen, was Hermine keinesfalls entging, schließlich hatte sie genug Zeit mit ihm verbracht, um seine Verhaltensmuster näher kennenzulernen.
„Severus?", hakte sie unnachgiebig nach, als er nach einer Weile noch immer nichts dazu gesagt hatte. „Antworte mir!"
„Er hat seine Methoden, gewisse Dinge herauszufinden, Hermine. Belasse es einfach dabei."
„Aber ..."
„Nein, kein Aber. Er ist der Schulleiter. Außerdem würde er alles tun, um den Dunklen Lord aufzuhalten. Denkst du nicht, dass dir das genügen sollte, um dir zu zeigen, dass er Möglichkeiten hat, Dinge herauszufinden?"
„Sicher. Nur frage ich mich, warum er dann nichts gesagt hat."
Er zuckte wie von Schmerz durchzogen zusammen und fletschte die Zähne. „Das hat er. Nur eben nicht zu dir, sondern zu mir."
„Oh."
So langsam schienen sich ihre Befürchtungen zu bestätigen, dass Dumbledore allen Grund gehabt hatte, sie in sein Büro zu rufen, um ihr klar zu machen, wie ernst sich alles entwickelt hatte.
„Und was werden wir jetzt machen?"
Seine Augen blitzten mahnend auf. „Du wirst deine Ferien ordentlich und sittsam im Grimmauldplatz verbringen, während ich wie immer das Übliche tun werde, in der Hoffnung, nicht von dir abgelenkt zu werden."
Hermine sackte die Kinnlade runter. „Was?"
„In der Tat."
„Soll das heißen, wir werden uns nicht mehr sehen?"
„Vermutlich werden wir uns hin und wieder über den Weg laufen, was in diesem Irrenhaus kaum vermeidlich ist, doch für mehr wird es nicht reichen."
Sie riss die Augen auf. „Severus! Weißt du, was du da sagst?"
„Dessen bin ich mir voll und ganz bewusst."
„Und wenn ich nicht zu dir gekommen wäre, hättest du mich einfach weiterhin gemieden, ohne mir etwas zu erklären?"
„Wie gesagt, ich habe dich nicht gemieden. Ich hatte tatsächlich jede Menge zu tun. Und dabei darf ich mich nicht ablenken lassen."
„Aber so sollte es zwischen uns nicht sein!", warf sie ihm entrüstet an den Kopf. „Wir waren uns so nahe, Severus. Wie kannst du da nur von mir erwarten, dass ich dir aus dem Weg gehe, um deine Arbeit nicht zu stören?"
Er holte Luft und ließ seine Arme sinken. Mit einem Mal hatte sein Ausdruck etwas Geschlagenes an sich, das Hermine einen eisigen Schauder versetzte, denn wenn er sich so offen vor ihr zeigte, konnte das nichts Gutes bedeuten.
„Das kann ich dir selbst nicht sagen", erklärte er abwesend. „Denkst du, mir fällt es leicht, das zu tun, obwohl wir diese Vertrautheit miteinander hatten? Nachdem ich mein ganzes Leben in Einsamkeit verbracht habe und feststellen musste, dass es auch anders sein kann?"
Hermine schluckte. Als er zuvor so abwehrend begonnen hatte, dass sie schon befürchten musste, er würde einen geraden Schlussstrich unter alles ziehen, überraschte es sie nun umso mehr, dass er jetzt so auf sie reagierte.
„Severus", flüsterte sie sanft. „Dann lass es nicht zu. Lass nicht zu, dass irgendjemand oder irgendetwas zwischen uns gerät."
Er kniff die Augen zusammen. „Das kann ich nicht tun. Nicht solange ich an das hier gebunden bin."
Vollkommen unerwartet nahm er seinen linken Arm hoch und hielt ihn ihr vors Gesicht. Hermine musste nicht lange überlegen, ehe sie begriff, was er ihr damit sagen wollte. „Und was wird dann aus mir?", fragte sie traurig. „Denkst du, ich kann einfach vergessen, was wir miteinander hatten?"
Kaum merklich schüttelte er den Kopf. „Nein."
„Also? Was soll ich jetzt tun? Einfach hier raus spazieren und dich zurücklassen? Ist es das, was Dumbledore will?"
Er schluckte. „Ja."
„Aber ... Wieso hat er mir dann nichts gesagt? Wieso überlässt er es immer dir, anderen die schlechten Nachrichten mitzuteilen?"
„Ich glaube, ich verstehe nicht ganz ..."
Hermine schnaubte bitter. „Als er wollte, dass du Harry Unterricht in Okklumentik gibst, hat er es ebenfalls dir überlassen, es ihm zu sagen, richtig?"
„Ja, doch das ..."
„Nein, Severus! Siehst du denn nicht, was er mit dir tut? Er benutzt dich! Er sagt zwar, dass er dir vertraut und dass er nicht will, dass du von den anderen Mitgliedern des Ordens schlecht behandelt wirst, aber ich bin mir sicher, dass, wenn wir wieder im Grimmauldplatz sind, alles so sein wird wie immer. Nur eben diesmal ohne Sirius."
Er presste hart seine Kiefer aufeinander. „Du kannst es nicht ändern, Hermine", sagte er bitter. „Albus hat seine Gründe und er hat entschieden."
„Und wieso hast du plötzlich eine so hohe Meinung von Dumbledore?", fragte sie spöttisch.
„Diese Ereignisse haben vor langer Zeit ihren Ursprung genommen, als du noch nicht einmal zu denken begonnen hast. Wir können sie nicht ändern. Aber wir müssen gewisse Dinge tun, um den Dunklen Lord aufzuhalten."
„Wir?"
„Ja. Insbesondere ich."
„Dann wirst du es mir also nicht erklären?"
„Nein", sagte er matt.
„Verstehe", murmelte sie abwesend zurück, obwohl sie es eigentlich nicht tat.
Snape nahm die Hände hoch und legte sie auf ihre Schultern. „Sieh mich an, Hermine", sagte er ernst.
Sie spürte den Griff seiner Finger auf ihr, so wie schon unzählige Male zuvor, doch der Unterschied zu damals war, dass er jetzt etwas ganz anderes sagen würde. Etwas, das sie auf Abstand bringen sollte, wie sie instinktiv wusste. Schon alleine der Blick in seinen Augen verriet es.
„Wir haben keine andere Wahl, wenn wir ihn besiegen wollen. Ich bin ein Spion und muss in seine Reihen schlüpfen, um irgendetwas, ganz gleich, wie unbedeutend es auf den ersten Blick auch sein mag, herauszufinden."
Hermine fühlte, dass ihre Beine ganz weich wurden, als sie seine Stimme so hörte. Es war beängstigend, vor allem, weil sie nicht wusste, was noch kommen würde.
„Du musst verstehen, dass Albus nicht so nachsichtig mit uns gewesen wäre, wenn wir nicht die wären, die wir sind. Doch du als Potters Freundin und ich als sein Vertrauter, wir – wir haben eine besondere Stellung in diesem Kampf inne. Und trotzdem hatte ich kein Recht, mich dir so zu nähern, Hermine."
Zutiefst betroffen schüttelte sie den Kopf. „Und was ist mit unseren Gefühlen?"
Er seufzte. „Ich gebe zu, dass ein Teil von mir gehofft hat, dass er es nie erfahren würde, denn glaube mir, es ist sehr entwürdigend gewesen, ihm auf diese Weise gegenübertreten zu müssen. Ein anderer Teil von mir wusste aber auch, dass er mich nicht fortschicken würde, weil er auf mich angewiesen ist."
„Was meinst du damit?", fragte sie klamm.
„Dass er, dich betreffend, sehr unangenehme Dinge zu mir gesagt hat. Außerdem, wenn man es genau nimmt, könnte man meinen, ich habe durch mein Handeln meine Position ausgenutzt, was mich auf direktem Weg nach Askaban bringen würde."
„Was?"
„Hermine, hör auf damit, dir etwas vorzumachen. Ich hätte mich nie mit dir einlassen dürfen und das weißt du. Wenn das Ministerium davon erfahren hätte, was ich getan habe, wäre ich schon längst nicht mehr hier. Es ist alleine Albus und seinen Visionen von einer Zukunft ohne den Dunklen Lord zu verdanken, dass er weiterhin auf mich setzt."
Sie schluckte bestürzt. „Und wie soll es jetzt weitergehen? Soll ich ihm dafür danken, dass er ein Auge zudrückt und im Gegenzug von mir verlangt, auf Abstand zu dir zu gehen?"
Er seufzte erneut, diesmal tief und langanhaltend. „Genau genommen solltest du das vielleicht. Er hat uns eine Chance gegeben, das Geschehene wieder gut zu machen, indem jeder von uns seinen Weg geht."
„Aber das ist doch vollkommen irrsinnig! Du weißt, wie sehr ich für dich empfinde, Severus. Ich kann das nicht einfach ausblenden."
„Doch. Das wirst du müssen."
„Was? Nein!"
Er schüttelte träge den Kopf. „Hermine", sagte er dann eindringlich. „Versuch, es zu verstehen. Jeder andere Lehrer, der das mit seiner Schülerin getan hätte, wäre sofort suspendiert worden."
„Und?", warf sie sturköpfig ein. „Du bist nicht irgendein Lehrer, Severus. Wie du selbst gesagt hast, braucht er dich."
Sein Blick verfinsterte sich warnend. „Worauf willst du hinaus?", fragte er scharf.
„Ist das nicht offensichtlich? Wir gehören zusammen, Severus. Von Anfang an haben wir es gespürt, es sei denn, du willst jetzt etwas anderes behaupten."
„Nein. Aber das gibt mir noch lange nicht das Recht, mich über gewisse Grenzen hinwegzusetzen."
„Dann willst du das also tatsächlich durchziehen? Und wenn wir uns sehen? Was dann? Wir tun einfach so, als wäre nie etwas zwischen uns gewesen?"
„Das haben wir immer getan, Hermine ... Es - es geht nicht anders."
„Warum? Wie kann es sein, dass er über unser Leben bestimmen soll?"
„Nicht er, Hermine. Der Dunkle Lord. Wenn er nicht wäre, wäre ich nicht an ihn gebunden. Ich wäre frei. Und du auch, sobald du deinen Abschluss gemacht hast."
Sie starrte ihn ungläubig an. „Du meinst das ernst?"
„Ja."
Hermine biss sich schmerzhaft auf die Lippe. Etwas in ihrem Inneren verkrampfte sich scheußlich. „Und was ist, wenn ich das nicht kann? Wenn ich nicht so tun kann oder will, als würde ich dich nicht kennen?"
Er schüttelte verbissen den Kopf. „Sag das nicht, Hermine. Es würde alles nur noch schlimmer machen."
„Wie kannst du das nur von mir verlangen? Wie kann er das von mir verlangen? Das ist grausam!"
„Ja. Doch wir haben keine andere Wahl."
Hermine wollte es nicht länger mitanhören und riss sich mit einem Ruck von ihm los. Dann hopste sie von seinem Tisch und wich wie ein verwundetes Tier vor ihm zurück. „Die werden wir ganz bestimmt nicht haben, wenn du immer nur unter seiner Fuchtel stehst, Severus."
Er verzog drohend die Mundwinkel. „Vorsicht, Hermine. Damit gehst du jetzt eindeutig zu weit."
„Ach ja?", fragte sie spitz. „Wenn du dein Glück für Dumbledore aufgibst, liege ich damit wohl gar nicht so falsch, nicht wahr?"
Langsam holte er Luft. „Vielleicht ist das sogar so, aber ich kann mich in meinem Leben nicht von persönlichen Gefühlen leiten lassen. Auch dann, wenn ich Albus nur ungern Recht gebe, ist es zu riskant."
Hermine schlang ungläubig die Arme um den Körper. „Dann war es das also jetzt? Es ist vorbei?"
Sie konnte sehen, dass er die Brauen fest zusammenzog und den Blick senkte, bis ihm wieder einmal seine schwarzen Strähnen ins Gesicht hingen, um seinen Ausdruck vor ihr zu verbergen.
Als er nicht antwortete, zog sie die Nase hoch. „Verstehe, Severus. Du musst nichts sagen. Das hier reicht völlig."
Mit diesen Worten drehte sie sich von ihm weg und stolperte davon. Sie hörte ein energisches Rauschen seines Umhangs hinter sich, dann schwang vor ihren Augen die Tür auf. Im nächsten Moment rannte sie los.
