Fallen from grace
Kapitel 16
Distraction
Die Dinge, die Severus zu Hermine gesagt hatte, lasteten schwer auf ihr. Natürlich war ihr bewusst gewesen, dass es riskant war, eine Beziehung zu ihm aufzubauen, schließlich war er nicht irgendjemand. Er war bekannt dafür, ein unnahbarer Einzelgänger zu sein, der dazu imstande war, immer dann für Unfrieden zu sorgen, wenn man es am allerwenigsten brauchen konnte. Zumindest, wenn es darum ging, ihm als Lehrer zu begegnen. Trotz allem hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt und versucht, sich ihm zu nähern. Dass sie nun so bitter enttäuscht wurde, kam ihr wie ein Schlag ins Gesicht vor. Vielleicht war sie einfach zu gutgläubig gewesen und hatte sich in Bezug auf ihn auf etwas eingelassen, dass sie jetzt bereuen musste.
Je mehr Zeit verging, umso mehr fühlte sie sich darin bestätigt, denn seit sie aus Snapes Büro gestürmt war, hatte sie nichts mehr von ihm gesehen oder gehört. Die daraufhin folgenden Tage im Grimmauldplatz zogen sich schmerzhaft zäh dahin, obwohl einige Mitglieder der Familie Weasley, sowie mitunter auch Remus und Tonks dort zugegen waren, um für den Orden die Stellung zu halten.
Wenn Hermine sich nicht in ihr Zimmer zurückzog, klammerte sie sich verzweifelt an Ron, in der Hoffnung, etwas Ablenkung von ihren trüben Gedanken zu finden. Er schien der Einzige im ganzen Haus zu sein, von dem sie sich im Moment verstanden fühlte, wenn er auch nicht über Severus und sie Bescheid wusste.
Warum sie sich in seiner Nähe so aufgehoben vorkam, obwohl sie ihren Professor derart schrecklich vermisste, konnte sie sich selbst kaum erklären, bis sich eines Abends alles ändern sollte. Gemeinsam alberten sie ausgelassen auf dem Sofa im Wohnzimmer herum. Hermine puffte Ron dabei spielerisch in die Schulter und legte ihren Arm um ihn. Ganz plötzlich trat eine seltsame Stille ein, fast so, als hätte ihre kleine Geste etwas zwischen ihnen ausgelöst. Ron sah sie auf etwas befremdliche Art an und Hermine spürte, dass ihr Herz schneller schlug als gewöhnlich, dabei hatten sie sich schon etliche Male zuvor umarmt, ohne dass es je eigenartig gewesen wäre.
„Ich glaube, ich sollte dann besser mal ins Bett gehen", erklärte sie mit geröteten Wangen.
Ron nickte kaum merklich, sogleich darauf schüttelte er aber entschieden den Kopf. „Warte."
Hermine sperrte den Mund auf, um zu protestieren, doch Ron rückte noch ein Stück näher an sie heran und schob ihr mit der Hand eine Haarsträhne hinters Ohr.
„Das ist jetzt vielleicht etwas Seltsam, aber ich fände es schön, wenn du noch bleibst ..."
Hermine starrte ihn sprachlos an. So etwas aus Rons Mund zu hören, überraschte sie wirklich.
Seine Hand strich zaghaft an ihrer Wange hinab, bis zu ihrem Hals und legte sich sanft um ihren Nacken. Hermine hatte das Gefühl, ihr Herz würde jeden Moment aus der Brust springen. Hatte er wirklich das vor, was ihr gerade durch den Kopf ging?
Noch ehe sie einen klaren Gedanken fassen konnte, näherte er sich ihr und drückte ihr einen Kuss auf den Mund.
Sie wusste kaum, wie ihr geschah, als sie seine warmen Lippen auf ihren spürte. Die Gefühle, die sie dabei überkamen, waren eigenartig, doch auch vertraut, denn immerhin kannte sie Ron seit einer schieren Ewigkeit.
Es war verrückt! Die ganze Zeit über, seit sie Hogwarts verlassen musste, hatte sie Severus nachgetrauert, wieso also sollte sie jetzt mit Ron knutschen wollen? Sie war sich sicher, dass sie nicht bereit war, sich ihm so hinzugeben, wie sie es mit Severus getan hatte. Irgendetwas in ihrem Inneren aber drängte sie dazu, sich gehen zu lassen, also gab sie nach und erwiderte den Kuss. Sie spürte seinen immer schneller gehenden Atem auf ihrer Haut und ließ zu, dass er ihren Kopf mit seinen Händen an sich drückte. Seine Zunge drang ungestüm in ihren Mund und forschte nach ihrer. Hermine ließ ihn gewähren. Im Grunde genommen war sie schlichtweg zu durcheinander, um zu wissen, was sie wollte, schließlich hatte Severus ihr klar gemacht, dass es vorbei war. Sie war verletzt. Sie war verstört. Also ließ sie es einfach geschehen. Und auch dann, wenn sie bereits jetzt tief in ihrem Inneren wusste, dass sie niemals das für Ron empfinden würde, was sie für Severus empfand, so ließ sie sich treiben.
Seine Hände wanderten ihren Rücken entlang und pressten sie immer inniger an sich. Beinahe kam es ihr vor, als würde sie kaum noch Luft bekommen, denn damit, dass er so forsch sein würde, hatte sie nicht gerechnet. Doch dabei sollte es nicht bleiben, denn schon wollte er zum nächsten Schritt übergehen. Nur mit Mühe und Not konnte Hermine ihn davon abhalten, seine Hände unter ihren Sweater gleiten zu lassen. Eigenartiger Weise schoss ihr genau in diesem Moment in den Kopf, dass sie damals bei Snape nicht so zimperlich gewesen war. Doch Ron wollte nicht so schnell aufgeben und machte sich an ihrer Jeans zu schaffen. Als er dann auch noch anfing, sie energisch auf das Sofa niederzudrücken, löste sie sich von ihm los und brachte ihn nach mehrmaligen Versuchen, ihn endlich zurückzuweisen, auf Abstand.
„Ron!"
Hermine pochte das Herz bis zum Hals, als ihr langsam dämmerte, was sie da soeben mit ihrem langjährigen Freund begonnen hatte. Ron aber saß neben ihr und sah sie an wie jemand, der vor Enttäuschung gar nicht glauben konnte, dass es so abrupt vorbei sein sollte.
Entschieden schüttelte sie den Kopf. „Lass uns das bitte nicht überstürzen", erklärte sie unbeholfen. Seine Absichten waren eindeutig gewesen. Doch es war nicht das, was sie gewollt hätte.
Sichtlich belämmert nickte er. „Okay."
Vor Erleichterung atmete sie auf. „Wir sollten morgen darüber reden, in Ordnung?"
Kaum hatte sie ausgesprochen, biss sie sich auf die Zunge. Hatte sie das eben wirklich gesagt?
Ron blinzelte. „Reden?"
Hermine räusperte sich. „Ähm, ja, das sollten wir." Sie setzte ein gequältes Lächeln auf und versuchte es erneut. „Weißt du, ich glaube nicht, dass wir das tun sollten ... Ich meine, ich will damit nur sagen ... lass es uns langsam angehen, ja?"
Er nickte. „Gut."
Ihr Lächeln erstarb. „Gut?"
„Ja. Wieso nicht?"
„Schön."
Peinlich berührt rückte sie ihre Sachen zurecht und machte ihre Jeans zu. „Also, dann werd ich jetzt mal nach oben gehen. Wir sehen uns morgen, Ron."
Er grinste schelmisch. „Nacht, Mione."
So unauffällig sie konnte, stahl sie sich davon. Zum Glück waren die Mitglieder des Ordens in der Küche beschäftigt, sodass sie niemandem über den Weg laufen musste, denn nach einer Unterhaltung mit Molly und den anderen war ihr im Moment nicht zumute.
Als sie dann in ihrem Zimmer angekommen war, ließ sie sich aufs Bett fallen und heulte los. All der Kummer und der Schmerz, die traurige Tatsache, dass sie Severus verloren hatte, brach urplötzlich über sie herein. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Ron war neben Harry ihr bester Freund. Aber war er wirklich die Lösung für ihre Probleme? Es war eigenartig gewesen, ihn zu küssen, obwohl sie ihn gern hatte. Doch er war nicht Severus. Severus aber konnte sie nicht haben. Und dennoch sehnte sie sich nach Wärme und Verständnis. Nach einer Person, die sie in die Arme nahm und zärtlich zu ihr war.
Vielleicht sollte sie es tatsächlich langsam angehen lassen und sich mit dem Gedanken vertraut machen, mit einem normalen Teenager zusammen zu sein, anstatt mit dem ungewöhnlichsten Professor von ganz Hogwarts.
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Die verwirrenden Vorkommnisse mit Ron trugen keinesfalls dazu bei, dass sie sich besser fühlte. Im Gegenteil: eigentlich hatte sich dadurch das Gefühlschaos in ihrem Inneren nur noch verschlimmert. Dennoch wollte sie nicht so schnell aufgeben, irgendwie musste sie ja auf andere Gedanken kommen.
Als dann auch noch Harry zu ihnen stieß, wurde der bittere Nachgeschmack ihrer Trennung von Snape noch von der Tatsache überschattet, dass sie bezüglich der Ereignisse im Ministerium mehrmals heftig mit ihrem besten Freund aneinandergeriet. Und das, obwohl Ron wiederholt versuchte, sich schlichtend zwischen sie zu stellen, was Hermine ihm hoch anrechnete.
Es war kein Geheimnis, dass Harry immer noch vor Wut kochte, weil Sirius gestorben war. Trotzdem fand Hermine es unerträglich in seiner Nähe und zog sich, so oft sie konnte, in ihr Zimmer zurück.
Eines einsamen Nachmittags dann, kam plötzlich Bewegung ins Haus. Unten war schon seit einigen Minuten das Rücken von Stühlen in der Küche zu hören gewesen, dann eilte eine schwergewichtige Person die Treppe hinauf, ging den Flur entlang und klopfte an das Zimmer, das für gewöhnlich der Professor bewohnte, wenn er hier war.
Sofort läuteten Hermines Alarmglocken. Sie sprang auf und sauste aufgeregt zur Tür. Von dort aus hörte sie Geräusche und gedämpfte Stimmen im Flur. Tatsächlich! Molly unterhielt sich mit Snape.
Hermine hielt gebannt den Atem an. Seine tiefe Stimme würde sie immer und überall erkennen, doch worüber er mit Molly redete, konnte sie nicht verstehen, ganz gleich, wie sehr sie ihr Ohr an die Tür presste und auf ein Zeichen oder ein Signal wartete, das ihr sagen würde, worum es sich handelte.
So plötzlich wie die Geräusche aufgetreten waren, verstummten sie wieder. Nachdem Hermine sich sicher war, dass niemand mehr im Flur stand, öffnete sie vorsichtig ihre Tür und lugte ums Eck, da erhaschte sie einen Blick auf Snapes schwarze Rückseite, der mit fast lautlosen Schritten auf dem Weg nach unten war. Es war somit kein Wunder, dass sie nicht bemerkt hatte, wann er angekommen war. Ihr Herz raste. Wenn er hier war, um irgendetwas mit dem Orden zu besprechen, würde er sicher im Anschluss wieder auf sein Zimmer kommen. Dass sie sich nach ihm sehnte und nur auf die Gelegenheit, ihn zu sehen, gewartet hatte, stand außer Frage. Doch die Stunden des Bangens zogen sich dahin und Hermine harrte verbissen in ihrem Zimmer aus, obwohl sie gar nicht wusste, wie Severus überhaupt auf sie reagieren würde, sollten sie sich tatsächlich über den Weg laufen.
Am Abend dann klopfte es ganz überraschend an ihrer Tür. Sie schreckte auf und raste los, um zu öffnen. Die Vorfreude aber wich schnell wieder der Ernüchterung, als sie Ron erblickte.
Hatte sie wirklich gehofft, Severus würde einfach so zu ihr kommen?
„Hi, Ron", begrüßte sie ihren Freund, wobei sie sich stark zusammennehmen musste, ihre Enttäuschung nicht an ihm auszulassen.
Mit den Händen in den Hosentaschen stand er vor ihr und grinste sie an. „Kommst du heut noch mal aus deinem Zimmer raus?"
Hermine nickte und folgte ihm schweren Herzens nach unten. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, länger alleine hier herumzulungern und auf bessere Zeiten zu warten. Es konnte noch Stunden dauern, ehe die Besprechungen des Ordens zu Ende gingen. Vielleicht würden die Jungs sie ja tatsächlich auf andere Gedanken bringen. Doch auch das war wohl zu viel verlangt, denn schon bald musste sie feststellen, dass Harrys Laune nach wie vor alles andere als gut war. Sich auch nur in die Nähe eines Gesprächsthemas zu bewegen, das mit Sirius zu tun hatte, war ein fataler Fehler.
Als es ihr dann zu bunt wurde, ständig zwischen den Fronten zu stehen, stand sie auf und stemmte die Hände in die Hüften. „Sirius war ein Draufgänger, Harrry, sonst hätte er sich wohl zurückgehalten, denkst du nicht? Er wusste, wie gefährlich es für ihn war, nach draußen zu gehen. Und trotzdem hat er es immer wieder riskiert."
Wütend funkelte er sie an. „Ach ja? Glaubst du, es ist ihm leicht gefallen, ständig eingesperrt gewesen zu sein, während er die anderen Mitglieder des Ordens beim Kommen und Gehen beobachten musste? Ganz besonders, nachdem Snape es ihm jedes Mal auf die Nase binden musste, dass er nichts Sinnvolles getan hat, hat er sich überflüssig gefühlt."
Hermine spürte einen Stich in ihrer Seite. „Was soll das nun wieder heißen?", fragte sie vorsichtig. Eigentlich hatte sie gehofft, dass sich nicht wieder alles um ihren Professor drehen würde, aber da hatte sie sich wohl getäuscht.
„Es heißt, was es heißt."
„Das ist jetzt wirklich unfair, Harry. Du kannst doch nicht immer Snape die Schuld daran geben, wenn Sirius sich verantwortungslos verhalten hat."
„Kann ich sehr wohl", beharrte er stur.
„Aber das ist absolut lächerlich! Hast du vergessen, was Dumbledore gesagt hat? Snape hat den Orden informiert, als wir das Ministerium gestürmt haben. Wenn er nicht so pflichtbewusst gewesen wäre, würde ich selbst sagen, dass ihm alles egal gewesen wäre, aber das war es nicht."
Ron räusperte sich. „Weißt du, Kumpel, ich stelle mich ja nur ungern auf die Seite des alten Griesgrams, aber in diesem Punkt muss ich Hermine Recht geben. Sirius war ein Draufgänger. Und Snape hat sich nach ihm erkundigt, nachdem du ihm den Hinweis mit Tatze gegeben hast. Das lässt sich nicht bestreiten. Außerdem hat er im Wald nach dir gesucht."
Zornig sprang Harry auf die Füße. „Das sagst du doch nur, weil du dich bei ihr einschleimen willst! Denkst du, ich hätte nicht gemerkt, was hier los ist?"
„Wow!", warf Ron verwundert ein. „Damit gehst du jetzt aber wirklich zu weit. Sieh mal, wir sind auf deiner Seite, aber deine Launen in den letzten Wochen sind nur sehr schwer zu ertragen."
„Das weiß ich selbst!", keifte Harry. „Aber Sirius ist tot. Und er wird auch nicht mehr zurückkommen."
„Nein, wird er nicht", gab Ron zu. „Nur wenn du uns dafür schwach anredest, wird sich nichts daran ändern."
Harry schnaubte. Dann verließ er wortlos den Raum und knallte die Tür hinter sich zu.
Verdutzt blickten sich die beiden an.
„Wer hätte gedacht, dass ich mal Snape in Schutz nehmen würde", murmelte Ron ungläubig.
Hermine setzte ein Lächeln auf. „Siehst du? Manchmal geschehen doch noch Wunder."
Er schüttelte den Kopf. „Nein, ehrlich, Mione. Ich muss zugeben, dass Harry sehr verbohrt ist, wenn es um Sirius geht, denn in diesem Punkt lag er eindeutig falsch."
Verblüfft kam Hermine auf ihn zu und ließ sich neben ihm auf dem Sofa nieder. „Ich hoffe sehr, dass er sich bald wieder beruhigt, denn wenn das mit ihm so weitergeht, bin ich mir nicht sicher, wie es weitergehen soll. Ich mache mir Sorgen um ihn, Ron."
Er nickte. „Nicht nur du, das kann ich dir versichern."
