Fallen from grace

Kapitel 17

Desaster

Nach diesem aufwühlenden Ereignis schlenderte Hermine Hand in Hand mit Ron aus dem Wohnzimmer. Sie hatten noch ein wenig geplaudert und alberten ausgelassen miteinander herum. Ron grinste bis über die Ohren hinaus, als er plötzlich Snape erblickte, der soeben aus der Küche kam. Wie vom Blitz getroffen blieb dieser stehen und starrte den Weasley-Jungen an. Das Grinsen auf Rons Gesicht erstarb.

Auch Hermine fuhr vor Schreck zusammen, als sie ihn sah. Keiner von ihnen hätte damit gerechnet, dass sie ausgerechnet dem Professor über den Weg laufen würden. Fast schien es ihr, als würde die Zeit stillstehen, während sie alle nur dastanden und warteten, was geschehen würde.

Snapes Gesicht wirkte finster wie eh und je, dennoch erkannte sie, dass sich seine Brust vor Aufregung deutlich hob und senkte. Hermine wusste sofort, dass es ihm keinesfalls entgangen war, dass sie mit Ron Händchen hielt, doch irgendwie brachte sie es nicht fertig, sich von ihm loszulösen.

Snapes Lippen bebten und seine Hände ballten sich an den Hüften zu Fäusten. Unmissverständlich wurde Hermine klar, dass er Ron am liebsten auf der Stelle aus dem Weg geräumt hätte, also zerrte sie in ihrer Verzweiflung an seiner Hand und zog ihn hinter sich her die Treppe hoch. Kaum hatten sie die Hälfte der Stufen zurückgelegt, hörten sie die Küchentür laut knallen. Dann wurde es schlagartig wieder still.

Ron seufzte erleichtert. „Mann, das war vielleicht schräg. Einen Moment lang dachte ich, der springt mir gleich an die Gurgel."

Sichtlich erschüttert nickte Hermine. „Kann man so sagen ..."

Nach diesem kleinen Desaster hatte sich jeder von ihnen auf sein Zimmer zurückgezogen. Mit Tränen in den Augen lag Hermine im Bett und starrte ins Nichts hinein. Dass sie so unvorsichtig sein würde, hätte sie selbst nicht gedacht. Natürlich würde es Severus mitnehmen, sie so innig mit Ron zu sehen, doch ihn hatte sie ebenso wenig verletzen wollen, denn immerhin war er seither für sie da gewesen, was man von Severus nicht behaupten konnte. Außerdem hatte sie nicht ahnen können, dass er ausgerechnet in diesem Moment aus der Küche kommen würde.

Warum musste nur immer alles so verfahren sein? Ihre Gefühle für Snape waren immer noch da. Und das würde sich wohl auch nicht so schnell ändern. Was sie hingegen mit Ron hatte, war vollkommen anders. Die Dinge, die sie miteinander verbanden, waren ungezwungen und freundschaftlich, obwohl sie sich geküsst hatten und vereinbart hatten, zu beobachten, wie es sich zwischen ihnen entwickeln würde.

Irgendwann schlief sie endlich ein. Es war deprimierend und ermüdend zugleich, nicht weiter zu wissen, da war es eine Wohltat, nicht mehr daran denken zu müssen.

Hermine war so fertig, dass sie nicht mitbekam, wie sich mitten in der Nacht leise die Tür zu ihrem Schlafzimmer öffnete und sich eine Gestalt ihrem Bett näherte. Zu tief war sie mit ihren Träumen beschäftigt, als dass sie sich mit dem Gedanken befasst hätte, dass jemand zu ihr kommen würde, mit dem sie am allerwenigsten gerechnet hätte.

Erst dann, als sich eine Hand auf ihren Mund legte, wurde sie wach. Verschreckt wollte sie sich aufsetzen, doch Snape hielt sie mit einem warnenden Ausdruck auf dem Gesicht zurück und drückte ihre Schulter zielgerichtet auf das Bett nieder.

„Was willst du hier?", nuschelte Hermine mit ängstlich geweiteten Augen unter seiner Hand hervor. Erst jetzt zog er sie zurück, während seine andere immer noch auf ihrer Schulter ruhte, um sie davor zu bewahren, dass sie sich auf ihn stürzen konnte. Insgesamt hatte die Situation etwas Befremdliches an sich, denn er war bedrohlich finster über sie gebeugt, sodass ihr Puls nicht eine Sekunde zur Ruhe kam.

„Wenn du mich nicht augenblicklich loslässt, werde ich schreien", setzte sie schnell nach.

Er aber schüttelte fast schon belustigt den Kopf. „Ich bin ein Spion, Hermine. Denkst du nicht, dass ich mit solchen Sachen umgehen kann?" Seine tiefe Stimme versetzte ihr einen eisigen Schauder, doch er war noch nicht fertig. „Die Tür ist sorgsam verschlossen und der Raum durch einen geräuschdämpfenden Zauber abgeschottet. Wenn du also schreien willst, tu dir keinen Zwang an. Doch außer mir wird dich niemand hören."

Ihr schlug das Herz bis zum Hals. „Schön", sagte sie zitternd. „Was willst du von mir?"

„Reden."

Sie blinzelte zu ihm hoch. Das flackernde Licht der Kerzen, die er bei seinem unerwarteten Einbruch angezündet hatte, ließ die dunklen Schatten um seine Augen noch besser zur Geltung kommen, als sie sie in Erinnerung hatte. „Das wäre zu einfach", setzte sie an, „nachdem du mir verboten hast, mich dir zu nähern, denkst du nicht? Also, raus mit der Sprache! Was willst du wirklich?"

Er schluckte hart und zögerte seine Antwort hinaus, das Gesicht wie schon so oft zuvor von langen schwarzen Strähnen verhangen. „Dich sehen."

„Schön, das hast du", entgegnete sie bissig. „Dann kannst du ja jetzt wieder verschwinden ..." Sie zerrte an ihrer Schulter und warf ihm einen bitterbösen Blick zu, bis er endlich von ihr abließ und sie sich aufsetzen konnte.

Snape reckte seinen Oberkörper in die Höhe und holte blitzschnell mit seinem Zauberstab einen Stuhl herbei, auf dem er sich niederließ.

„Ich meine es ernst", zischte sie zornig, als sie sich unmittelbar darauf gegenüber saßen.

Er nickte kaum merklich und verschränkte seine Hände vor dem Schoß ineinander. „Das ist mir nicht entgangen."

„Also?", fragte sie ungeduldig.

„Warte, Hermine", sagte er so eindringlich, dass sie sich auf die Zunge beißen musste, um ihm nicht das erstbeste Schimpfwort an den Kopf zu werfen, das ihr in den Sinn kam. „Ich brauche etwas Zeit. Das ist nicht so einfach für mich."

„Ach ja? Denkst du, dass es für mich einfach war?" Voller Erwartung starrte sie ihn an. Und wieder einmal musste sie erkennen, dass es schwer war, aus ihm schlau zu werden. Insgeheim hoffte sie natürlich, dass er ihr endlich erklären würde, dass es sinnlos war, gegen ihre Gefühle anzukämpfen, die sie füreinander hatten. Doch das hielt sie eher für unwahrscheinlich.

Er schluckte. „Du hast dich gut mit Weasley arrangiert", stellte er leise klar.

Hermine nickte und zog dabei die Nase hoch. Dass er ausgerechnet so beginnen würde, hatte sie nicht erwartet. „Was willst du, Severus?", frage sie kühl.

„Dich sehen."

Beinahe hätte sie aufgelacht. „Das hatten wir bereits."

„Ja."

Sie seufzte. Diese knappen Antworten passten ihr gar nicht. Nur mühsam konnte sie sich zügeln und schnaubte ihn an. „Wirklich, Severus! Dafür ist es reichlich spät, findest du nicht?"

Seine Mundwinkel wurden zu schmalen, schmerzverzerrten Linien. „Musstest du das ausgerechnet hier tun?"

Hermine blinzelte ihn irritiert an. „Was?"

„Musstest du ausgerechnet hier mit ihm herum machen, wo du wusstest, dass ich ebenfalls im Haus bin?"

„Woher willst du wissen, dass ich davon wusste?", fragte sie abschätzig.

Er legte den Kopf schief. „Ich habe gehört, wie du zur Tür gerannt bist, als Molly mir gesagt hat, dass die Sitzung des Ordens anfängt."

„Ha. Und warum hast du mir nicht gesagt, dass du hier bist? Ich habe dich vermisst, Severus. Ich wollte mit dir reden, aber du hast dich einfach zurückgezogen." Sie schluckte. „Wie lange bist du eigentlich schon im Haus?"

Er senkte den Blick und erneut fielen ihm etliche Haarsträhnen vor die Augen. „Seit heute Morgen."

„Und? Hast du da einmal daran gedacht, dass ich dich sehen will? Nein. Vermutlich nicht, denn du wolltest mich ja loshaben."

„Das ist nicht wahr!", knurrte er düster.

„Ach ja? Was ist dann wahr?"

„Du wusstest, dass ich dich nicht gehen lassen wollte, Hermine. Aber ich musste es tun. Nur hätte ich nie gedacht, dass du so schnell einen Ersatz finden würdest. Das hat mich überrascht."

Wütend riss sie die Augen auf. „Nun mach aber mal halblang! Du warst es doch, der Abstand von mir wollte, nicht andersherum."

„Davon kann keine Rede sein", schnaubte er bitter. „Ich habe getan, was ich tun musste, Hermine. Wie oft muss ich dir das noch sagen?"

Sie rollte übertrieben mit den Augen. „Ja, so wie immer. Du tust, was Dumbledore von dir verlangt. Aber wenn ich etwas tue, weil ich nicht weiter weiß, würdest du am liebsten den Killer in dir raushängen lassen, nicht wahr? Und wage ja nicht, es abzustreiten. Ich habe deinen Ausdruck gesehen, Severus. Da hätte nicht mehr viel gefehlt, bis du dich vergessen hättest."

Snape kniff die Brauen zusammen. „Schön. Ich gebe zu, dass ich nicht damit gerechnet habe, dass du dich dem Erstbesten an den Hals werfen wirst."

„Moment mal! Ron ist nicht irgendwer. Er ist mein Freund und wir kennen uns schon eine ganze Weile, wenn du dich erinnerst. Außerdem wüsste ich nicht, was dich das angeht! Du hast Dumbledore für dich entscheiden lassen. Hör also bloß auf, mir Vorwürfe zu machen, ja?"

Er nahm die Hand hoch und fuhr sich damit durch die Haare. „Du hast Recht. Ich hätte das nicht sagen sollen. Genau genommen hätte ich nie hierher kommen dürfen. Es - es war ein Fehler."

Ihr sackte die Kinnlade zu Boden. „Warte! Ist das dein Ernst? … Du – du willst einfach weiterhin den Sturkopf spielen, weil du dir nicht eingestehen kannst, dass du immer noch etwas für mich empfindest?"

„Gefühle sind hier fehl am Platz", beharrte er eisig. „Das habe ich dir schon einmal erklärt."

„Pah! Das ist jetzt wirklich das Dümmste, was du je von dir gegeben hast."

Er schnaubte. „Und wenn schon. Es spielt keine Rolle. Ich hoffe nur, du wirst glücklich mit ihm."

„Aber … Was? Severus!"

Wütend funkelte er sie an. „Was willst du von ihm, Hermine?"

Sie sah in sein vertrautes Gesicht und erkannte, wie verletzt er war. Doch sie war mindestens ebenso verletzt, schließlich hatte sie sich die Situation nicht ausgesucht.

„Ich weiß es nicht, Severus. Außerdem glaube ich nicht, dass dich das etwas angeht", entgegnete sie trotzig.

Er presste die Kiefer aufeinander. „Ist das alles?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Aber ich bin dabei, es herauszufinden."

„Das ist nicht komisch", knurrte er warnend.

Hermine rollte mit den Augen. „Also schön. Wir sind Teenager und sammeln Erfahrungen ... Das ist doch das, was du ursprünglich für mich wolltest, oder?"

Ungläubig zog er seine Brauen in die Höhe. „Willst du damit etwa sagen, dass du etwas für ihn empfindest?"

Hermine stockte und suchte nach Worten. „Er ist mein Freund, Severus. Ich hab ihn gern."

„Ja, das weiß ich selbst, obwohl mir immer noch ein Rätsel ist, was du an ihm findest, denn er ist nicht gerade der Hellste. Du hingegen ..."

Sie nahm abwehrend die Hände hoch. „Lass es, okay? Es hätte mich auch wirklich gewundert, wenn du das verstanden hättest."

„Sag mir nicht, was ich tun soll, Hermine. Ich bin nicht wie er. Ich habe es satt, von anderen herumkommandiert zu werden."

„Das ist doch wohl ein Witz! Von Dumbledore und Voldemort lässt du dich sehr wohl herumkommandieren. Aber wenn es um Gefühle geht, ziehst du den Schwanz ein und verkriechst dich vor allem und jedem."

Snape wandte den Blick von ihr ab, dann wurde es still zwischen ihnen. Etliche Sekunden vergingen, ehe er sich von seinem Stuhl erhob und wie verloren vor ihr stand.

„Hast du mit ihm geschlafen?", fragte er mit belegter Stimme.

Hermine traute ihren Ohren kaum. „Was? Wieso fragst du das?"

Er ließ seine Kiefer knacken. „Hast du? Oder hast du nicht?"

Sie schüttelte den Kopf. „Was geht dich das an?" Tränen schossen in ihre Augen. Sie konnte das alles nicht glauben. „Wieso soll ich mich vor dir rechtfertigen, Severus?"

Er ballte die Hände zu Fäusten. „Beantworte einfach nur meine Frage, Hermine. Bitte."

Mit trockener Kehle schluckte sie und stieß ein ersticktes „Nein" aus.

Sie hörte, wie er scharf die Luft in seine Lungen einsog, dann beugte er sich zu ihr hinunter und umfasste mit seinen Händen ihr Gesicht. Noch ehe sie wusste, wie ihr geschah, drückte er seine dünnen, vibrierenden Lippen hart und fordernd auf ihre.

Hermine fühlte sich, als würde ein Blitz durch ihren Körper fahren, bis in die Tiefen ihres Unterleibs hinein. Sie atmete seinen vertrauten Duft ein und sah verstört sein zerfurchtes Gesicht vor sich. Ihre Hände schossen begierig nach oben und vergruben sich in seinen Haaren. Sofort wusste sie, dass sie sich angekommen fühlte. Dass sie ihn begehrte wie nichts anderes.

Seine Daumen strichen zärtlich über ihre Wangen, seine Zunge verschmolz mit ihrer. Es war perfekt, genauso wie es sein sollte, ohne dass sie sich dabei seltsam fühlte.

Dann, so plötzlich, wie er sich über sie gebeugt hatte, zog er sich wieder zurück. Sein Atem ging schnell, seine Strähnen nahmen ihr die Sicht auf seine Augen. Dennoch erkannte sie, wie schwer es ihm fiel, sich von ihr loszulösen.

Hermine wollte schon protestieren, doch er kam ihr zuvor und schüttelte den Kopf. Dann öffnete er den Mund.

„Ich werde jetzt gehen, Hermine. Und ich möchte dich um einen Gefallen bitten."

Wie berauscht nickte sie, denn noch immer konnte sie die Wallungen spüren, die in ihrem Körper brandeten, nachdem er sie so leidenschaftlich geküsst hatte.

„Ich liebe dich, Hermine Jean Granger. Aber wir dürfen uns nicht mehr treffen."

Wie geohrfeigt riss sie die Augen auf. „Was?"

Er hob die Hand und legte seinen Zeigefinger auf seine Lippen, zum Zeichen, dass sie still sein sollte, dann machte er lautlos einen Schritt zurück. Dann noch einen und noch einen, bis er bei der Tür angelangt war.

Hermine starrte ihn ungläubig an. „Warte, Severus! Bist du verrückt? Wie kannst du nur so etwas sagen und dann einfach gehen?"

Sie wollte aus dem Bett springen, doch noch ehe sie dazu kommen sollte, erloschen die Kerzen und sie blieb in völliger Dunkelheit und wie erstarrt an der Kante sitzen. Im nächsten Moment hörte sie ein leises Geräusch und wusste, dass es zu spät war. Er war fort. Und instinktiv wurde ihr klar, dass dies ihr Abschied voneinander gewesen war.