Verschließe dein Herz vor mir.
Ich möchte dich nicht leiden lassen.
Ich möchte dich nicht brechen.
Und doch wird es geschehen, wenn du mich hineinlässt.
Was mir einmal widerfuhr, macht mich zu einem von denen, die anders sind.
houseghost
xxx
Fallen from grace
Kapitel 18
Die Defensive
Erst nach diesem Aufeinandertreffen wurde Hermine wieder so richtig bewusst, dass sie sich nicht in Severus getäuscht hatte. Er empfand wirklich weitaus mehr für sie, als sie zu hoffen gewagt hätte, sonst hätte er nicht so etwas zu ihr gesagt, denn für jemanden wie ihn war es ungewöhnlich, überhaupt so aus sich herauszugehen.
Umso trauriger war sie nun, dass es kein Zurück zu geben schien. So entschlossen, wie er diesmal gewesen war, hatte er sich Gedanken darüber gemacht, ob er sich Dumbledore widersetzen konnte oder nicht. Er konnte es nicht. Es gab keinen Ausweg für ihn. Nicht einmal Hermine blieb das verborgen, obwohl sie am liebsten alles getan hätte, um die Schuld auf ihn zu wälzen, damit sie sich besser fühlen konnte.
Genauso schleppend wie die Ferien begonnen hatten, krochen sie nun weiter dahin, bis endlich der Tag kam, an dem sie gemeinsam mit Harry und den Weasleys in die Winkelgasse aufbrach, um ihre Schulsachen zu besorgen. Dass auch dort wieder Überraschungen auf sie warteten, zeigte ihr erneut, wie sehr sie aufgrund ihrer Freundschaft zu Harry im Mittelpunkt des Geschehens steckte: Malfoy war mit zwielichtiger Begleitung vor ihren Augen aufgetaucht. Und wo er war, konnte der Ärger nicht weit sein. So zumindest entschieden die Jungs, die sich einen Spaß daraus machten, Draco auszuspionieren. Hermine gab sich geschlagen und schloss sich ihnen an. Das Ergebnis ihres Ausflugs aber ließ alle drei verwirrt zurück und sorgte dafür, dass sie sich wieder einmal in heiße Diskussionen verstrickten, ob Draco denn nun ein Todesser geworden war oder nicht. Wenigstens ging es diesmal nicht um Sirius oder Severus, was ein schwacher Trost für Hermine war.
Bis zum Ende der Ferien gab es kein weiteres Zeichen von ihrem Professor, ganz so, wie sie es befürchtet hatte. Erst beim Festessen in Hogwarts sollte sie ihn wiedersehen.
Der Anblick von Severus, der wie üblich am Lehrertisch saß, versetzte ihr einen schmerzhaften Stich. Vor allem, weil er einmal mehr so tat, als hätte er sie nicht gesehen. Lediglich einmal trafen sich ihre Blicke und Hermine rutschte buchstäblich das Herz in die Hose. Seine schwarzen Augen brannten sich tief in ihre, bis sie es nicht mehr ertrug und den Kontakt unterbrach. Schwermütig zog sie die Nase hoch und lauschte Dumbledores Worten. Zur Überraschung aller verkündete dieser, dass Professor Snape dieses Jahr seinen begehrten Posten in Verteidigung gegen die Dunklen Künste erhalten würde, wohingegen der aus dem Ruhestand eingesetzte Professor Slughorn Zaubertränke unterrichten sollte. Lautes Gemurmel erfüllte die Halle, das sowohl der Schulleiter, als auch der Professor gekonnt überhörten.
Hermine wusste, dass viel über den Posten spekuliert wurde, den Severus seit Jahren hatte haben wollen. Mit Wehmut erinnerte sie sich an das gemeinsame Gespräch, das sie vor einer gefühlten Ewigkeit mit ihm darüber geführt hatte. Und auch darüber, dass die Gerüchte umgingen, die Stelle sei verflucht, weil sich keiner seiner Vorgänger länger als ein Jahr halten konnte; es wäre ein Wunder gewesen, wenn nach so enttäuschenden Lehrern wie Lockhart oder Umbridge alles glatt gelaufen wäre.
Erschöpft und enttäuscht war sie froh, als sie sich in den Schlafsaal zurückziehen konnte. Dort dämmerte sie vor sich hin und hing in Gedanken der gemeinsamen Zeit mit Severus nach.
Am nächsten Morgen war es dann soweit: zum ersten Mal sollte sie ihm im Klassenzimmer wieder begegnen. Schon während sie mit den anderen Schülern darauf wartete, dass er sie einlassen würde, hatte sie das Gefühl, ihre Beine würden jeden Moment nachgeben. Sie vermisste ihn so schrecklich, dass sie ihre Finger fest um ihre Bücher schlang und die Zähne schmerzhaft in ihrer Lippe versenkt hatte. Als dann die Menge still wurde und schubsend und drängelnd zur Seite trat, um ihn zur Tür durchzulassen, wagte sie es kaum, ihn anzusehen.
Still und in sich selbst zurückgezogen suchte Hermine sich einen Platz und legte ihr Buch auf ihren Tisch, um wenigstens etwas halbwegs Sinnvolles zu tun.
„Wir brauchen keine Bücher", sagte er kühl, fuhr wie ein Wirbelwind herum und wandte sich mit vor der Brust aneinandergelegten Fingerspitzen der Klasse zu.
Hermine erzitterte. Dass es so schlimm sein würde, ihn unter diesen Bedingungen wiederzusehen, hätte sie nicht gedacht. Severus aber schritt scheinbar unbeeindruckt von allem und jedem durch die Klasse und begann mit einer seiner üblichen Reden, die Hermine nur zu gut von den Zaubertrankstunden her kannte, nur dass er diesmal leidenschaftlich von den Dunklen Künsten sprach. Noch während sie Mühe hatte, seinen Worten zu folgen, so nervös war sie, rauschte er an ihr vorbei, stets gefolgt von seinem wehenden Umhang.
Sie erhaschte seinen Duft. Eiskalt lief es ihr über den Rücken, als wäre er ein unnatürlich harter Fels, während er einfach an ihr vorüberging, ohne sie zu beachten. Dabei war er es gewesen, der ihr erst in den Ferien seine verbotenen Gefühle gestanden hatte.
Den Rest der Stunde hing sie an seinen dünnen Lippen; jenen, die sie so innig geküsst hatten, tief in ihre Gedanken und Träume versunken, seiner betörenden Stimme lauschend. Dann, als er sie alle entließ, stürmte sie mit klopfendem Herzen davon. Sie konnte es nicht länger ertragen, zu wissen, dass er hier war, obwohl sie nicht zu ihm durfte. Es war anders als im letzten Schuljahr, als sie gewusst hatte, dass er sie immer empfangen und in seine Arme schließen würde.
xxx
Die Sehnsucht in Hermine war unbeschreiblich. Nie zuvor hätte sie es für möglich gehalten, dass man sich so nach jemandem verzehren konnte. Doch langsam aber sicher machte sich eine ungeahnte Wut in ihr breit, schließlich war es alles andere als in Ordnung, was er damit in ihr angerichtet hatte.
Wollte er ihr mit seinen Worten lediglich ein schlechtes Gewissen einreden, damit sie aufhörte, sich hinter Ron zu verstecken? Der Gedanke war schauderhaft. Es sah ihr gar nicht ähnlich, auch nur so etwas in sich aufkeimen zu lassen. Und dennoch wurde sie ihn nicht los. Selbst Ron gegenüber musste sie sich eingestehen, dass sie ihn vernachlässigt hatte, seit Severus diesen unheimlichen Auftritt in ihrem Zimmer im Grimmauldplatz hingelegt hatte. Doch er reagierte mit Verständnis, obwohl er die wahren Gründe für ihr Handeln nicht kannte.
Bis zur nächsten Stunde in Verteidigung gegen die Dunklen Künste hatte Hermine genug Zeit gehabt, sich Gedanken zu machen, wie es weitergehen sollte. Da sie so ein zermürbendes Wiedersehen wie zuletzt auf jeden Fall umgehen wollte, musste sie sich aber etwas einfallen lassen, um gegen seine harte Fassade gewappnet zu sein. Etwas Törichtes. Etwas Schmerzliches. Doch wenn sie in einer so berechnenden Welt wie dieser überleben und sich nicht unterkriegen lassen wollte, musste sie es ohne Rücksicht auf andere tun.
„Was würdest du sagen, wenn ich dich in ein kleines Geheimnis einweihe, Ron?", fragte sie vorsichtig, als sie spät am Samstagabend mit ihm alleine auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum saß, während Harry bei Dumbledore antanzen musste.
Er zuckte mit den Schultern. „Wenn du so anfängst, steckt bestimmt was Gefährliches dahinter. Und da wir bis jetzt so einiges zusammen durchgestanden haben, glaube ich nicht, dass es plötzlich anders sein sollte." Er rückte näher und legte mit einer harmlosen Geste den Arm um sie. „Also", setzte er nach, „was springt für mich dabei heraus?"
Hermine war erleichtert, dass er so reagierte. Genau das hatte sie gebraucht. „Das kommt ganz drauf an, Ron", erklärte sie ehrlich. „Nehmen wir einmal an, ich bräuchte dich, um jemanden eifersüchtig zu machen, würdest du mitspielen?"
Er blinzelte sie überrascht an und ließ seinen Arm sinken. „Ähm, Mione, das ist jetzt nicht gerade das, was ich erwartet habe ..."
Sie nickte eifrig. „Ich weiß, Ron. Doch da wir in den Ferien eigentlich ganz gut miteinander ausgekommen sind, ohne dass wir es total versaut haben, dachte ich mir, wir sollten die Sache vielleicht anders angehen."
„Was auch immer das heißen soll", bemerkte er irritiert.
Hermine seufzte. „Schau. Wir haben es miteinander versucht. Aber es hat nicht sonderlich gut geklappt. Eigentlich sind wir doch viel mehr richtige Freunde, als ein Paar, findest du nicht?"
Nur wenig überzeugt legte er den Kopf schief und wartete auf eine Erklärung.
Hermine räusperte sich. „Wir könnten versuchen, vorzugeben, dass wir etwas miteinander haben. Oft ist das ein sehr effektiver Weg, um andere eifersüchtig zu machen, damit ihnen gewissermaßen die Augen geöffnet werden."
Er nickte bedächtig. „Okay. Ich muss zugeben, dass ich das noch nicht aus dieser Perspektive betrachtet habe, aber es klingt gar nicht mal so übel."
„Siehst du?", fragte sie erleichtert darüber, dass er nicht weiter nachhakte, wen sie denn nun eigentlich eifersüchtig machen wollte.
Ron kratzte sich am Kopf. „Gut. Ich bin dabei. Aber wenn jemand anbeißt, darfst du dich hinterher nicht beschweren, verstanden?"
Sein freches Grinsen sorgte unweigerlich dafür, dass sie sich besser fühlte. Dann streckte sie die Hand aus und hielt sie ihm hin.
„Deal?"
Er schlug ein. „Deal."
