Fallen from grace
Kapitel 19
Jungs
Zu Beginn der nächsten Stunde in Verteidigung gegen die Dunklen Künste hatte sich Hermine mit Ron zusammengetan, um gemeinsam mit ihm die ungesagten Zauber zu trainieren, die Snape ihnen für diesen Tag aufgetragen hatte. Am Anfang ging soweit alles gut, schließlich hatte Hermine trotz ihres desaströsen Gefühlsausbruchs bereits in der letzten Stunde als Einzige in der ganzen Klasse einen Erfolg darin verzeichnen können, während Harry ziemlichen Mist gemacht hatte. Erst jetzt, im Nachhinein, kam Hermine so richtig in den Sinn, wie er sich mit seinem Professor angelegt hatte und dafür zum Nachsitzen verdonnert worden war. Für einen kurzen Moment hellten sich bei diesem Gedanken ihre Augen auf, als wäre dies der Geistesblitz schlechthin gewesen. Was würde geschehen, wenn auch sie sich daneben benehmen würde? Würde er sie dann immer noch ignorieren? Oder würde er sie ebenfalls zum Nachsitzen zu sich bestellen? Wäre dies die Gelegenheit, ihn endlich zur Vernunft zu bringen?
Über sich selbst den Kopf schüttelnd tat sie den Gedanken wieder ab. Wenn Snape sich in etwas sicher war, würde ihn niemand vom Gegenteil überzeugen können. Erst recht nicht sie. Die einzig wirksame Methode, ihn davon zu überzeugen, dass sie zusammengehörten, sah sie darin, dieselbe Eifersucht in ihm zu erwecken, die sie bereits damals im Grimmauldplatz erkannt hatte, als sie händchenhaltend mit Ron aus dem Wohnzimmer gekommen war. Severus mochte zwar hart im Nehmen sein, doch was das anbelangte, war er verwundbar. Vor allem jetzt, da sie ihn näher kannte, wurde ihr bewusst, dass sie anderen gegenüber im Vorteil war; nicht umsonst hatte er sich stets vor allem verschlossen und niemanden an sich herangelassen. Was damals zwischen Lily und ihm geschehen war, hatte ihn fürs Leben geprägt.
Hermine richtete ihren Zauberstab auf Ron, ohne die Absicht zu haben, tatsächlich etwas gegen seinen Angriff zu unternehmen. Fest entschlossen, ihren Plan auszuführen, nickte sie ihm zu, sobald sie wusste, dass Snape sie aus den Augenwinkeln beobachtete, ohne dass jemand anders es gemerkt hätte.
Wie der Blitz wurde sie von den Füßen gerissen und gute zwei Meter zurückgeschleudert, als Rons ungesagter Zauber sie traf. Zum Glück hatte sie alles genau berechnet, sodass sie nicht mit dem Kopf gegen ein Pult geknallt war.
Ein erschrockenes Raunen ging durch die Klasse. Selbst Snape sperrte die Augen auf und machte einen Satz nach vorne, als würde er ihr helfen wollen. Doch dann fing er sich wieder und warf mit einer energischen Handbewegung seine langen Strähnen zurück.
„Was sollte das sein, Weasley?", fragte er süffisant, noch während Hermine sich aufsetzte. „Hatten Sie etwa vor, Miss Granger ins Freie zu befördern?"
Ron blinzelte ihn verdutzt an. „Sir?"
Snapes Kiefer knackten bedrohlich. „Ja, haben Sie denn den Verstand verloren? Dies ist lediglich eine Übung, kein Ernstfall!"
„Verzeihung, Sir", murmelte Ron und warf Hermine einen verstohlenen Blick zu.
Nur mit Mühe und Not schaffte sie es, nicht mit den Augen zu rollen. Es war wirklich schwer, Snape zufriedenzustellen. Entweder gingen ihm die Fortschritte zu lahm voran, oder, so wie jetzt, zu forsch. Und trotzdem liebte sie diese Eigenart an ihm, denn manchmal war sie ihm darin verdammt ähnlich.
Mit vorgetäuschtem Ernst auf seinem Gesicht wandte Ron sich Hermine zu und streckte ihr die Hand entgegen, ohne seinen Lehrer weiter zu beachten. Hermine ließ sich von ihm auf die Füße ziehen und wankte bedrohlich, schon legte Ron den Arm um sie, um sie zu stabilisieren. Dankbar klammerte sie sich an ihn, den Blick fest auf den Boden geheftet, um Severus ja nicht in die Augen sehen zu müssen. Dieser schnaubte lautstark vor sich hin, entgegnete aber nichts mehr darauf. Stattdessen ließ er die beiden stehen und richtete seine Aufmerksamkeit an die Klasse.
„Die Show ist vorbei!", dröhnte er wütend. „An die Arbeit!"
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„Das ging doch weitaus besser, als ich dachte", verkündete Hermine zufrieden.
Ron gluckste belustigt vor sich hin. „Allerdings. Ich dachte schon wieder, Snape will mir an die Gurgel."
Hermine biss sich auf die Lippe. Hoffentlich würde Ron nicht irgendwann dafür büßen müssen. Im Moment aber freute sie sich so sehr über ihren kleinen Erfolg, Severus aus der Reserve gelockt zu haben, dass sie nicht darüber nachdenken wollte, was für Konsequenzen ihr Handeln haben könnte, sollte er ihren Plan früher oder später durchschauen.
„Weißt du, wir sollten das öfter tun", sagte sie auffordernd. „Es hat Spaß gemacht, mal wieder etwas Blödsinn zu machen."
Ron nickte. „Ja, wer hätte gedacht, dass der alte Griesgram so reagieren würde. Fast hatte ich das Gefühl, dass er dir entgegenkommen wollte. Aber das kann nicht sein, oder? Ich meine, stell dir mal Snape vor, wie er dir eine helfende Hand reicht, das klingt doch absolut absurd ..."
Hermine zuckte wie beiläufig mit den Schultern. „Das ist schwer zu sagen, Ron. Immerhin ist er unser Lehrer. Und er hat sich damals zwischen uns und Lupin gestellt, als der sich verwandelt hat."
„Auch wieder wahr."
Hermine gähnte und klopfte ihm auf die Schulter. „Auf jeden Fall war es ein guter Tag. Danke, dass du mitgespielt hast."
Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Jederzeit wieder."
„Gute Nacht, Ron."
„Nacht, Mione."
Die vertraute Einigkeit, die Hermine mit Ron verband, wurde bald darauf zu einem weiteren Grund für sie, sich zu ihrem langjährigen Freund zu bekennen, als die Testspiele für die Aufnahme in Harrys Quidditch-Mannschaft auf der Matte standen.
Ganz besonders ein Junge, Cormac McLaggen, der sich als Hüter bewarb, ging ihr dabei auf die Nerven. Während Harry die ersten Spieler testete, kam er zu Hermine auf die Tribüne und setzte sich breitbeinig neben sie. Sofort war ihr klar, dass sie den Typen nicht ausstehen konnte, trotzdem quatschte er sie an.
„Ich hab gehört, wie Weasley dich von den Beinen gerissen hat, Granger."
Hermine blinzelte schief zu ihm hoch. „Kennen wir uns?", fragte sie unschuldig.
Er grinste selbstgefällig. „Wenn in Snapes Unterricht was schief geht, spricht sich das schnell rum."
Hermine stieß ein verwundertes „Aha" aus.
„Ich habe meine Kontakte", setzte er nach, als sie zu seiner Enttäuschung nicht weiter darauf reagierte. „Es hat durchaus Vorteile, wenn man in jeder Jahrgangsstufe einen untertänigen Spitzel sitzen hat."
Sie nickte abwesend. „Glaub ich dir sofort ..."
„Mach dir mal keine Sorgen wegen Weasley, der wird es nach diesem Tag nicht mehr wagen, so etwas zu tun. Den spiele ich in Grund und Boden."
Hermine schluckte. Armer Ron. Es war keine Frage, dass sie ihm helfen würde, gegen Cormac zu bestehen, denn mit einem so überheblichen Spieler in der Mannschaft wäre niemandem der Gryffindors geholfen. Vor allem aber hatte Ron sich in letzter Zeit wirklich als treuer Freund erwiesen, wofür sie ihm etwas schuldig war.
Als Cormac dann an die Reihe kam, sein Können unter Beweis zu stellen, halste sie ihm unbemerkt einen Verwechslungszauber auf, damit er bei seinem fünften Strafschuss in die falsche Richtung driftete und der Ball punktete. Wie durch ein Wunder schaffte Ron es, alles zu halten. Damit gewann er den Posten als Hüter für Gryffindor, womit Cormac erst einmal aus dem Weg geräumt war.
Leider sollte nicht alles so glatt laufen, wie Hermine bald daraufhin erkennen musste, denn kaum hatte Ron diesen Triumph in der Tasche, stieg ihm auch schon der Erfolg zu Kopf. Schon der erste Sieg der Gryffindors im Quidditch sorgte für Wirbel unter den Freunden, als Lavender Brown während der Feier im Gemeinschaftsraum auf Ron zustürzte und sich ihm überschwänglich an den Hals warf. Hermine beobachtete das Szenario verhalten und hatte irgendwie das seltsame Gefühl, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen werden, obwohl sie und Ron eindeutig nur befreundet waren. Selbst Harry blickte der Situation skeptisch entgegen, doch vermutlich nur, weil er erkannt hatte, dass er auf Ginny scharf war, die seit einer ganzen Weile schon was mit Dean am Laufen hatte.
Insgesamt löste das vermeintlich auserkorene Liebespaar jede Menge Eifersuchtsgefühle aus und Hermine zog sich gemeinsam mit Harry von den Feierlichkeiten zurück, um durch das Schloss zu schlendern.
„Weißt du, ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde", erklärte er offen, „aber ich war wohl ein ziemlicher Arsch in den letzten Wochen." Bedröppelt nickte Hermine und er fuhr fort. „Das ist eigenartig, oder? Ron und Lavender?"
Wieder nickte sie. „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber wir haben uns echt gut verstanden in letzter Zeit. Wir waren viel zusammen und haben rumgealbert und all das."
„Hab ich gemerkt. Wenigstens wart ihr so clever, das Beste aus der Situation zu machen."
„Ach, irgendwie musste es ja weitergehen ..."
Harry hielt inne und blickte sie an. „Mione, das ist jetzt vielleicht komisch, aber obwohl ich so wütend war, ist mir nicht entgangen, dass dich etwas bedrückt. Ich war nur einfach zu stolz, um dich zu fragen."
Hermine fühlte einen Stich in ihrer Seite. „Es ist nett, dass du mir das sagst, Harry, aber ich glaube nicht, dass ich darüber reden kann. Ehrlich."
Er blinzelte. „Schon okay, das musst du auch gar nicht. Ich dachte mir nur, ich sollte dir sagen, dass es mir leid tut, dass ich nicht für dich da war. Ähm, wenn es um Beziehungsfragen geht, bin ich nicht gerade ein Experte. Aber ich will versuchen, in Zukunft für dich da zu sein."
Sie biss sich auf die Lippe. War es wirklich so offensichtlich gewesen, dass sie derart an ihrem Liebeskummer litt? Vermutlich, denn wenn nicht einmal Harry entgangen war, wie schlecht sie sich gefühlt hatte, hatten es bestimmt auch andere gemerkt.
„Es ist zum Ausflippen!", stieß er plötzlich hervor und Hermine zuckte irritiert zusammen. „Ich meine, ich kenne Ginny jetzt seit Jahren, aber so langsam habe ich das Gefühl, dass ich weitaus mehr als nur Rons Schwester in ihr sehe."
Verlegen lächelte sie zu ihm hoch. „Ich weiß, wie du dich fühlst, Harry. Glaub mir! Und ja, du hattest Recht, es gibt da tatsächlich jemanden, der mir sehr viel bedeutet."
„Aber es ist nicht Ron", stellte er fest.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nicht so. Ron ist ein wirklich guter und wichtiger Freund für mich. Aber für mehr hat es nicht gereicht, obwohl wir es versucht haben."
„Verstehe."
Hermine schnaubte leise. „Aber, na ja, da ist dieser Typ, der macht mich wahnsinnig … jedes Mal, wenn ich in seiner Nähe bin, habe ich das Gefühl, mein Herz überschlägt sich gleich. Und wenn ich ihn dann eine Weile nicht sehe, glaube ich, es schnürt mir die Luft ab. Ich vermisse ihn schrecklich. Aber ich kann nicht einfach zu ihm gehen und es ihm sagen. Es ist eben … kompliziert."
Verwundert zerwuschelte Harry seine Haare. „Das klingt ganz so, als wäre er nicht gerade eine passende Partie für dich."
Sie lachte befreit auf. „Du hörst dich fast so an, als wärst du meine Mutter, Harry."
Mit leicht geröteten Wangen blinzelte er sie an. „Mione, nachdem du für eine ganze Weile mit Ron so eine Show abgezogen hast, habe ich mir schon gedacht, dass es vielleicht darum gehen könnte, irgendjemanden eifersüchtig zu machen. Aber mir wäre kein geeigneter Kandidat eingefallen, also ..."
Abwehrend hob sie die Hände. „Ich glaube, das reicht erst mal, Harry. Hoffentlich nimmst du es mir nicht übel, aber mehr möchte ich nun wirklich nicht darüber verraten."
Er nickte. „Schon kapiert ..." Ein tiefer Seufzer entfuhr ihm. „Jedenfalls war es gut, mal wieder miteinander zu reden. Das hat mir gefehlt."
Hermine atmete durch. „Mir auch, Harry. Mir auch ..."
