Fallen from grace
Kapitel 20
Sehnsucht
Nachdem die Feierlichkeiten vorüber waren, wurde schnell klar, dass Ron und Lavender auf dem besten Wege waren, in eine Beziehung zu schlittern, die bald darauf allen Bewohnern des Hauses Gryffindor lästig wurde. Lavender klebte an Ron wie eine Klette. Nicht nur Hermine und Harry waren daraufhin froh, wenn sie den beiden aus dem Weg gehen konnten, was sie auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit taten.
Sehr zu Hermines Unmut stellte sie fest, dass es nicht gerade förderlich für ihre eigenen Gefühle in Bezug auf Severus war, von so viel Geturtel umgeben zu sein. Deprimiert und traurig saß sie eines Morgens vor der gemeinsamen Stunde, die sie mit ihrem Professor absolvieren sollte, in der großen Halle und starrte abwechselnd zwischen ihrem unangetasteten Frühstück und dem Lehrertisch umher.
Severus ließ sich Zeit, ehe er aufkreuzte, als er aber dann durch den Seiteneingang kam, tat er es wie immer mit lautlos schwebenden Schritten und begleitet von seinem wallendem Umhang.
Erneut spürte Hermine, wie sich ihr Magen bei seinem Anblick zusammenzog, dennoch fasste sie ihn ins Visier. Auch er schien keinen Appetit zu haben und begnügte sich lediglich mit einer Tasse Kaffee.
Es dauerte, bis sich ihre Blicke trafen und Hermine fing schon an, an ihrem Verstand zu zweifeln. Noch immer war es ihr ein Rätsel, wie er das zu ihr sagen konnte, um sie dann im nächsten Moment von sich zu weisen.
Wie ein Häufchen Elend saß sie auf ihrem Stuhl und lugte zu ihm empor, als würde sie damit etwas bewegen können. Doch sie wusste selbst, dass es zwecklos war. Niemand konnte ihn erweichen. Trotzdem lag etwas in seinem Blick, das ihr besagte, dass er das alles nicht wollte.
Tränen stiegen in ihre Augen und sie senkte den Kopf, um nicht länger seinen Anblick ertragen zu müssen. Dann stand sie auf und rannte aus der Halle, so schnell sie konnte. Erst nachdem sie sicher war, dass sie alleine war, blieb sie in einem der zahllosen Gänge stehen und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Innig wünschte sie sich, es wäre alles anders. Doch Gefühle ließen sich nicht einfach ausblenden.
Bedrückt zog sie die Nase hoch und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
„Hermine."
Sie schreckte auf, als sie die vertraute Stimme hörte. „Severus ..."
Er stand so nah bei ihr, dass sie nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren.
„Bist du in Ordnung?", raspelte er heiser hervor.
Am liebsten hätte sie laut aufgelacht, doch danach war ihr überhaupt nicht zumute. Auch der Ausdruck auf seinem Gesicht war todernst.
„Was denkst du?", fragte sie leise.
Severus schüttelte den Kopf und Strähnen fielen ihm ins Gesicht. „Nein."
Hermine nickte abwesend. „Und wie ist es mit dir?"
Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und verzog die Lippen zu dünnen Linien. „Nein."
Langsam ließ sie sich mit dem Rücken an der Wand zu Boden gleiten und blickte zu ihm auf. „Das ist echt beschissen, Severus. Ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt so mies gefühlt habe … außer vielleicht an dem Tag, an dem Sirius gestorben ist."
Seine Augen blitzten auf. Beide wussten nur zu gut, dass dieser Tag noch ein weitaus anderes Ereignis mit sich gebracht hatte. Es war der Tag gewesen, an dem sie miteinander geschlafen hatten.
„Ich wollte damit nicht andeuten, dass ..."
Er setzte ein gequältes Lächeln auf. „Ich weiß. Und ich verstehe, dass du wütend bist."
Hermine fröstelte und schlang die Arme um den Körper. „Wütend ist gar kein Ausdruck, Severus. Vielleicht bin ich es, aber das ist nicht ausschlaggebend. Ich fühle mich eher hilflos und verletzt." Sie holte tief Luft und seufzte. „Was – was tust du überhaupt hier? Es kann kein Zufall sein, dass wir uns hier begegnen, oder?"
„Nein", sagte er matt. „Ich wollte dich sehen."
Erstaunt legte sie die Stirn in Falten. „Ha. Du selbst hast mir verboten, dich zu treffen, wenn du dich erinnerst."
„Ja."
Für eine Weile sagte keiner von ihnen mehr ein Wort. Sie sahen sich einfach nur an, doch die Anspannung, die zwischen ihnen herrschte, wurde noch von etwas anderem überlagert: Sehnsucht.
Hermine rappelte sich hoch und kam auf die Füße, ohne dass er sie aus den Augen ließ. Sie spürte, dass er verunsichert war und machte vorsichtig einen Schritt auf ihn zu. Severus aber zuckte zusammen, als würde es ihm Schmerzen bereiten, sie so nahe bei sich zu haben, also hielt sie unmittelbar vor ihm inne.
„Es ist okay, Severus", sagte sie zaghaft. „Ich werde nichts tun. Du hast mich darum gebeten und ich muss es akzeptieren."
Er nickte. Seine Atmung aber ging längst alles andere als ruhig.
Hermine klemmte angespannt ihre Lippe zwischen die Zähne und senkte den Blick auf die sich in rascher Folge hebenden und senkenden Knöpfe, die seine Brust säumten. „Ich wünschte nur, ich würde es verstehen", murmelte sie traurig. „Aber ich kann es nicht." Sie hörte ihn geräuschvoll ausatmen und zog die Nase hoch. „Weißt du, Severus, es mag irrsinnig klingen, aber selbst Dumbledore sollte Verständnis dafür haben, was wir füreinander empfinden, obwohl es uns nicht erlaubt ist, dass wir uns treffen ... Ich meine, sieh dir an, was um uns herum passiert. Die Welt wandelt sich. Und wir stehen mittendrin und dürfen uns nicht sehen, obwohl wir einander brauchen." Er schluckte hart und wollte den Mund öffnen, um etwas zu sagen, doch sie schüttelte den Kopf und fuhr fort. „Was ist, wenn wir eines Tages von Voldemort überrascht werden? Wenn wir uns nie mehr wiedersehen können? Oder wenn einem von uns etwas zustößt? Was dann? Denkst du nicht, dass wir uns zu unseren Gefühlen bekennen sollten, solange wir die Zeit dazu haben?"
Sie sah, dass seine Nasenflügel bebten; sah in seine schwarzen Augen und erkannte etwas Bedrücktes in ihnen. Und instinktiv wusste sie, dass sie Recht hatte. Doch ebenso war ihr klar, dass sich die Welt nicht um sie und ihre Gefühle für ihren Professor drehte.
Traurig schüttelte sie den Kopf. „Ich habe so gehofft, wir könnten das tun", schloss sie dann. „Nicht nur um meinetwegen, sondern um unseretwegen, denn ob du es glaubst oder nicht, ich bin mir sicher, dass ich dich will. Dich allein."
Seine Kiefer arbeiteten hart, seine Lippen aber bewegten sich kaum, als er antwortete. „Das wünsche ich mir auch, Hermine."
Langsam streckte er seine Hand nach ihr aus und legte sie auf ihre Wange, sodass sie schaudern musste. Seine Berührung war so sehnsüchtig und zärtlich, wie nur irgend möglich.
Dann, noch ehe Hermine verstand, wie ihr geschah, umfasste er mit seiner anderen Hand ihren Nacken, vergrub seine Finger in ihrem Haar und zog sie zu sich an seine Brust. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie gegen ihn stieß, obwohl sie sich in seiner Gegenwart nicht so gehen lassen wollte. Nachdem sich aber all diese verworrenen Gefühle in ihr angestaut hatten, konnte sie sie nicht länger zurückhalten, also gab sie sich der Vertrautheit zu ihm hin.
„Das ist nicht fair", brachte sie in einem erstickten Ton hervor. „Ich habe dich so vermisst. Aber jedes Mal, wenn ich zu dir will, um dich zu sehen, wird mir klar, dass ich es nicht darf. Du bist unerreichbar für mich. Dabei will ich nichts mehr, als in deinen Armen liegen und mit dir zusammen sein."
Sie spürte das sanfte Nicken seines Kopfes an ihrem. „Ich weiß", sagte er gebrochen. Dann legte er seine Arme um sie und drückte sie an sich.
Hermine krallte ihre Finger um seine Knöpfe, als würde sie sichergehen wollen, dass er wirklich hier war. „Was sollen wir nur tun, Severus?", fragte sie nachdenklich.
Er schüttelte kaum merklich den Kopf. „Die Dinge haben sich verändert, nicht wahr? Die Unbeschwertheit ist fort. Fast so wie alles andere."
„Ja. Die Lage hat sich verschlimmert. Täglich verschwinden Menschen. Stück für Stück scheint alles um mich herum zusammenzubrechen, weil ich nicht weiß, was als Nächstes kommt. Dich aufzugeben, dich an Voldemort zu verlieren, ist undenkbar für mich. Und jedes Mal, wenn ich dich sehe, habe ich das Gefühl, als würde mir jemand das Herz herausreißen ..." Kaum hatte sie ausgesprochen, biss sie sich auf die Zunge. Eigentlich hatte sie das nicht sagen wollen. Er musste nicht hören, was tatsächlich in ihr vorging. „Es – es tut mir leid, Severus. Ich hätte das nicht sagen dürfen."
Severus atmete tief ein. „Ich glaube, ich verstehe dich", murmelte er abwesend. „Du hast Recht. Eines Tages wird die Zeit kommen, zu der wir voneinander getrennt sein werden, weil er mich bei sich haben will." Er stieß ein bitteres Schnauben aus. „Aber so sollte es nicht sein, nicht wahr?"
„Nein", gab sie traurig zurück. „So sollte es auf gar keinen Fall sein."
Er umfing ihr Gesicht mit seinen Händen und brachte sie dazu, ihn anzusehen. „Ich muss gehen, Hermine. Wir sehen uns im Klassenzimmer."
Sie nickte. Auch das noch.
Sichtlich unbeholfen blinzelte sie ihn an. „Severus?"
„Ja?"
„Wirst du mir sagen, wenn du etwas erfährst? Ich meine, wenn der Zeitpunkt kommen sollte, dass du … dass wir ..."
Zärtlich strich er ihr eine Strähne hinters Ohr und drückte ihr einen Kuss aufs Haupt. „Ja."
Damit löste er sich von ihr los und Hermine blieb alleine zurück.
