Fallen from grace

Kapitel 24

Ratlosigkeit

Severus war nicht sonderlich überrascht, als er in sein Quartier zurückkam und Hermine dort vorfand. Sichtlich angespannt, die Lippe fest zwischen die Zähne geklemmt, fuhr sie vom Bett hoch und sah ihn mit großen braunen Augen an.

„Und? Wie ist es gelaufen?", platzte es aus ihr heraus. „Was hat er über mich gesagt? Er wird dich doch nicht fortschicken deswegen, denn wenn, dann werde ich ..."

Er seufzte tief und langanhaltend und sie verstummte, als ihr bewusst wurde, dass es sinnlos war, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass Dumbledore seinen Spion nach Askaban schicken würde. Wenn er das wirklich vorgehabt hätte, hätte er es längst getan, ohne ihn in den vergangenen Jahren auch nur eine Minute aus den Augen zu lassen, geschweige den, sein Vertrauen in ihn zu bekräftigen, wie er es damals in seinem Büro getan hatte, als es um das Erbe von Sirius ging.

Langsam kam er näher und setzte sich zu ihr ans Bett, die Schultern müde nach vornüber gebeugt. Dass ihn so einiges beschäftigte, war offensichtlich, denn in Hermines Gegenwart ließ er immer öfter seine harte Fassade fallen.

„Nein", begann er leise. „Er wird mich nicht fortschicken, denn ich muss etwas für ihn tun. Etwas, was niemand sonst tun kann ..."

Verunsichert schnaufte er, während sie gebannt darauf wartete, dass er fortfuhr. Die Abgeschlagenheit, die er ausstrahlte, erschreckte sie zutiefst. Was jedoch weitaus schlimmer für sie war, war der verwundbare Ausdruck in seinem sonst so scharfsinnigem Blick.

Severus rang mit sich, ohne ein weiteres Wort über die Lippen zu bringen. Er wollte, dass sie ihn verstand, wollte seine Last mit ihr teilen. Doch irgendwie wusste er, dass es nicht richtig war, das auf sie abzuwälzen. Vor allem aber, wie sollte er es anstellen, ohne dabei den Plan zu gefährden, der einem glatten Himmelfahrtskommando für alle Beteiligten glich?

Sie krabbelte zu ihm und legte die Arme um seinen Leib. Dann drückte sie ihren nackten Körper innig an seinen und platzierte sanft ihr Kinn in seiner Halsbeuge.

„Sag es mir", forderte sie beunruhigt. „Bitte, Severus. Ich ertrage diese Ungewissheit nicht."

Er schüttelte den Kopf. „Du würdest es nicht verstehen", antwortete er niedergeschlagen.

Hermine spürte einen Stich in ihrer Seite. Obwohl sie so viel miteinander geteilt hatten, gab es doch immer noch seine Geheimnistuerei, die es ihr manchmal schier unmöglich machte, ihn zu verstehen.

„Woher willst du das wissen?", fragte sie vorsichtig. „Du hast es ja nicht einmal versucht."

„Du kennst die Gründe. Bei dem Leben, das ich führe, kann ich nichts riskieren."

„Du könntest doch wenigstens versuchen, mich einzubeziehen", warf sie ein.

„Und so das Schicksal unserer Welt, die ich vor so langer Zeit zu beschützen geschworen habe, in Gefahr bringen?"

Sie blinzelte ihn an. Das hatte sie nicht erwartet. Die Enttäuschung stand ihr unübersehbar ins Gesicht geschrieben.

Abgeschlagen seufzte er und legte seine Hand auf ihre, die inzwischen wie vor Eiseskälte erstarrt auf seinem Brustkorb ruhte.

„Es tut mir leid. All das ist nicht so einfach." Obwohl er sich bemühte, ruhig zu bleiben, lag doch eine gewisse Härte in seinem Tonfall.

Hermine nickte abwesend, schließlich kannte sie seine Stimmungsschwankungen mittlerweile. Ein Teil von ihr brannte dennoch darauf, eine Erklärung von ihm zu erhalten, was er denn nun mit Dumbledore im Schilde führte.

„Diese Dinge reichen weit zurück", setzte er eindringlich nach. „Sie haben begonnen, bevor du geboren wurdest. Erwarte also nicht von mir, dass ich es dir sage. Ich - ich kann nicht."

Sofort machte sich ein ungutes Gefühl in ihrer Magengegend breit. „So etwas Ähnliches hast du schon einmal erwähnt."

„Ja."

Sie biss sich auf die Zunge. „Und jetzt tust du es wieder", stellte sie bedrückt fest.

„Hermine … Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll. Das alles ist sehr kompliziert. Es ist einfach zu viel geschehen. Zu viel, das ich zu verantworten habe. Und wie es aussieht, muss ich jetzt dafür geradestehen."

„Aber das ist doch verrückt!" Sie löste sich von ihm los und setzte sich im Schneidersitz neben ihn auf das Bett. „Woher willst du das wissen?", fragte sie kühl. „Bist du dir sicher, dass du nur nicht wieder einmal versuchst, alle Schuld auf dich zu laden?"

Er presste die Kiefer hart aufeinander und schluckte. Reichte es denn nicht, dass Dumbledore ihn damit belastete, was er in seiner Vergangenheit angerichtet hatte? Wie sollte er nun auch noch damit umgehen, es ihr zu verheimlichen, ohne sie dabei zu verletzen, wo sie doch in den letzten Monaten trotz all der Schwierigkeiten zwischen ihnen so innig zu ihm gestanden hatte?

„Ich habe vor langer Zeit geschworen, Potter zu beschützen. Und dafür muss ich etwas tun, das mir das Vertrauen des Dunklen Lords einbringt."

„Ich dachte, er vertraut dir ohnehin schon", entgegnete sie ungläubig.

„Das tut er. Auf seine Art jedenfalls. Nur muss ich mich immer wieder vor ihm beweisen. Und nachdem Lucius durch seinen Fehltritt im Ministerium in seiner Gunst gesunken ist, ist das nun die Gelegenheit, mich über all seine anderen Anhänger zu stellen, in der Hoffnung, dass er mir dafür etwas zurückgeben wird."

„Und was soll das sein?", fragte sie fast schon belustigt. „Was könnte Voldemort haben, das du von ihm haben möchtest?"

„Zeit", entgegnete er trocken, als ob es nicht offensichtlich gewesen wäre. „Nur solange ich ihm etwas bieten kann, wird er mich am Leben lassen."

Jetzt war sie es, die nicht wusste, was sie sagen sollte. „Oh ..."

Er nickte und senkte die Stimme. „Und noch etwas anderes. Aber noch ist es nicht soweit ..."

Hermine hatte kaum mehr hingehört. Die Aufregung in ihrem Inneren wuchs mit jeder Sekunde an, worüber er offen gesagt ganz froh war, denn wie er ihr erklären sollte, dass er von Dumbledore persönlich den Auftrag erhalten hatte, ihn zu töten, wusste er selbst nicht. Vor allem, da ihm die Folgen für Hogwarts sowieso zuwider waren, ganz zu schweigen von seinem Ruf und seiner Ehre.

„Vielleicht solltest du dir lieber von Dumbledore dabei helfen lassen, anstatt dich ihm auf Gedeih und Verderb auszuliefern." Er zog seine Braue in die Höhe und Hermine straffte ihre Haltung. „Ich meine ja nur, denn immerhin scheint er die Angewohnheit zu haben, seine Nase gern in andere Angelegenheiten hineinzustecken."

Er legte die Stirn in Falten. „Das wird nicht möglich sein", murmelte er bitter.

„Wieso? Er ist immer Voldemorts größter Widersacher gewesen. Er fürchtet ihn. Jeder weiß das."

Kaum merklich schüttelte er den Kopf. „Das wird nur nicht mehr lange genügen."

Hilflos sah sie sein abgeschlagenes Profil vor sich und seufzte. „Kann er denn gar nichts tun?"

„Er ist alt", sagte er zerknirscht, „du hast Recht. Aber der Dunkle Lord fürchtet ihn, wie niemanden sonst. Er will ihn beseitigen. Nur so kann er sicher gehen, dass ihm niemand mehr im Weg steht, wenn er Potter irgendwann in seine Finger bekommen möchte."

Hermine riss entsetzt die Augen auf. „Was? Dann geht ihr also davon aus, dass er sich Harry schnappen will?"

„Tu nicht so, als hättest du es nicht bereits geahnt. All die Vorkehrungen, die der Orden getroffen hat, um ihn außer Reichweite seiner Anhänger zu bringen, waren nicht zum Spaß."

„Das weiß ich", sagte sie überrumpelt von seinem scharfen Ton.

„Dann solltest du aufhören, dir etwas vorzumachen. Dumbledore jedenfalls rechnet fest damit, dass er es sich zum Ziel gemacht hat, ihn sich zu holen, sobald Potter sich außerhalb der schützenden Mauern der Schule befindet. Ganz besonders dann, wenn er volljährig geworden ist und nicht länger den magischen Schutz seiner Familie genießt."

Hermine rang nach Fassung, er zog im Gegenzug die Brauen zusammen.

„Was? Hast du etwa was anderes erwartet? Ich für meinen Teil kann nicht sagen, dass Albus sich täuscht."

„Na toll!", stieß sie säuerlich aus. „Wie kommt es dann, dass Voldemort dich in Harrys Nähe lässt? Er weiß doch, dass du ihn unterrichtest. Ist ihm da noch nie in den Sinn gekommen, dich auf ihn anzusetzen?"

„Das ist der Haken an der Sache. Solange ich ihm nützliche Informationen über den Orden liefere, bin ich eine wichtige Quelle für ihn. Bisher hat er nicht von mir verlangt, Potter zu eliminieren, was wohl auch damit zusammenhängt, dass er das Recht, ihn zu beseitigen, für sich haben möchte. Wenn also der richtige Zeitpunkt gekommen ist, wird er nicht länger zögern, es einzufordern. Bis dahin bin ich die einzige Verbindung, die es zwischen den beiden Lagern gibt. Das nutzt er, bis er meiner überdrüssig wird." Als er Hermines schockierten Ausdruck sah, legte sich ein süffisantes Grinsen über seine dünnen Lippen. Wie um seine wahren Gefühle vor ihr zu verbergen, fielen ihm einige seiner Strähnen vor die Augen. „Nicht gerade eine beruhigende Vorstellung, oder?"

Hermine schluckte. „Und was jetzt? Wir müssen Harry warnen! Wir müssen irgendwas tun, um zu verhindern, dass Voldemort ihn erwischt."

Er stieß ein angestrengtes Schnauben aus. „Denkst du nicht, dass wir daran arbeiten?", fragte er kühl und wischte sich die langen Haare aus dem Gesicht, sodass sie sich ungebrochen ansehen konnten. Ihr entging nicht, dass er tief in seinem Inneren weitaus mehr als nur schlecht gelaunt war. Er wirkte auf eine eigenartige Weise verletzt, doch um etwas darauf zu erwidern ließ er ihr keine Zeit. „Denkst du, ich habe all die Jahre hier nur zu meinem Vergnügen meinen Kopf für einen Jungen mit mäßigem Talent hingehalten?", fragte er ohne Umschweife.

Der harte Ton in seiner Stimme ließ sie frösteln. Einen Moment lang war sie sich nicht sicher, ob er das nur aus Enttäuschung und Wut tat oder weil er tatsächlich so wenig von Harrys Begabung als Zauberer hielt.

„Ist keinem von euch in den Sinn gekommen, dass ich das getan habe, um ihn zu beschützen? Dass ich seinetwegen zu meinem Herrn gehe und mich ihm ausliefere, damit es wenigstens eine Chance gibt, das eines Tages zu beenden?"

Irritiert blinzelte sie ihn an. „Nein, das ist es nicht. Mir ist bewusst, was du für Harry getan hast. Für uns alle. Denkst du, es fällt mir leicht, mitanzusehen, wie du dich quälst? Oder wenn du verletzt wirst und ich nicht weiß, wie ich auf dich reagieren soll, weil du dich vor mir zurückziehst?"

„Erspar mir das", knurrte er unliebsam. „Ich brauche dein Mitleid nicht."

„Was?", fragte sie mit einem Mal aufgebracht. „Denkst du, ich bin aus Mitleid bei dir?"

Er antwortete nicht. Stattdessen drehte er sich weg und starrte stur geradeaus. „Ich weiß es nicht", sagte er dann.

Hermine legte ihm mit grimmiger Miene die Hand auf die Schulter, um ihn dazu zu bewegen, sie anzusehen. „Sag das noch mal! Du meinst das nicht ernst, nicht wahr?" Er schnaubte leise, ohne weiter darauf zu reagieren. Hermine aber war keineswegs gewillt, so schnell aufzugeben. „Sieh mich an!", forderte sie streng.

Er fuhr herum und fixierte sie durch seine Strähnen hindurch mit seinen glühenden schwarzen Augen. Seine Atmung war inzwischen derart unruhig, dass sich die Knöpfe auf seiner Brust in schneller Folge hoben und senkten.

„Dumbledore wird sterben", sagte er so eindringlich, dass er ihr damit einen gewaltigen Schauder versetzte. „Du und Potter, ihr müsst dann von hier verschwinden, denn wenn dieser Fall eintritt, wird Hogwarts nicht mehr so sein, wie du es kennst. Das Schloss ist schon lange nicht mehr so sicher, wie es einst war, obwohl wir alle nur erdenklichen Schutzvorkehrungen getroffen haben. Aber bald wird das nicht mehr reichen, denn vielleicht kannst du erahnen, wer dann hier anstelle meines langjährigen Mentors regieren wird. Auch dann, wenn er nicht persönlich im Büro des Schulleiters stehen wird, ist er es, der im Hintergrund die Fäden zieht. Und wenn dieser Fall tatsächlich eintritt, wenn er mich durch das infiltrierte Ministerium zum Schulleiter ernennt, habe ich keine andere Wahl, als mich ihm zu beugen. Andernfalls wird er mich töten. Doch das ist noch längst nicht alles! Es wird neue Lehrer geben. Und neue Lehrmethoden. Abgesehen davon werde ich wieder allein sein, so wie ich es immer war."

Hermine starrte ihn an. Ihr Kiefer bebte. Sie wollte nicht glauben, was sie da gehört hatte, doch die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme und der Ausdruck auf seinem vertrauten Gesicht zeigte ihr deutlich, dass irgendetwas nicht stimmte.

„Was?", fragte sie in einem leisen Flüstern.

Er nahm seine Hände hoch, die jetzt unmissverständlich zitterten und schob sie durch die Haare.

„Bist du jetzt zufrieden?"

Sie schüttelte sich. „Weißt du, was du da eben gesagt hast?"

„Natürlich weiß ich das!", herrschte er sie an. „Ich bin nicht senil!"

„Nein. Du – denkst du wirklich, dass das passieren wird?"

„Ja." Abgeschlagen nickte er und senkte die Stimme. „Jedes Wort."

„Und woher willst du dir da so sicher sein? Hat Dumbledore dir das gesagt?"

Severus verzog das Gesicht zu einem schmerzlichen Grinsen. „Gesagt?" Er schüttelte sich bei dem Gedanken daran, wie er ihn an der Schwelle zum Tod in seinem Büro mit Beschwörungsformeln und Tränken versorgt hatte, nachdem sich der alte Narr den verfluchten Ring an den Finger gesteckt hatte. „Mehr oder weniger. Glaub mir, als ich davon erfuhr, war ich genauso überrascht wie du."

Sie wusste, dass das noch längst nicht alles war, denn wenn er so reagierte, war er drauf und dran, ihr nur die halbe Wahrheit zu verraten.

„Das kann doch unmöglich alles sein, nicht wahr?", drang sie fast schon flehentlich weiter. „Bitte, sag es mir! Ich weiß, dass da noch mehr ist."

Ein trauriges Lachen entfuhr ihm. „Was ich dir erzählt habe, darfst du niemandem verraten. Und wenn ich das sage, meine ich es auch so. Nicht einmal Potter. Hast du verstanden?"

Sie legte fragend die Stirn in Falten. „Ist das alles? Du willst es mir nicht erklären?"

Er schüttelte den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das kann. Fest steht, dass ich keine andere Wahl habe. Ich bin es Albus schuldig."

„Verstehe ich das richtig?", hakte sie mit brüchiger Stimme nach. „Wenn du dem nachgibst, riskierst du es, ganz auf dich allein gestellt zu sein?"

„Ja."

„Und es ist wichtig, nicht wahr? Sonst würdest du mich nicht darum bitten, es Harry nicht zu sagen."

Er nickte. „Ja."

Hermine wusste nicht, was sie davon halten sollte. Dennoch rückte sie ein Stück auf ihn zu und legte nach Halt suchend ihre Arme um seinen Nacken.

Er schluckte und lehnte vorsichtig seinen Kopf an ihre Stirn.

Ein weiterer Schauder streifte sie. In ihrem Inneren brodelte es so gewaltig, dass sie nicht sicher war, wie sie damit umgehen sollte. Alleine die Vorstellung, dass er derart darauf fixiert war, Dumbledore zu helfen, jagte ihr Angst ein. Es schien irrsinnig zu sein, denn er selbst hatte ihr einst erzählt, dass er nie Lehrer werden wollte. Stattdessen hatte er vorgehabt, der Schule eines Tages den Rücken zuzukehren. Wie es aussah, kam er jedoch nicht umhin, eine weitere Bürde auf sich zu nehmen, um etwas für Dumbledore zu tun. Vor allem aber, was würde dann mit ihnen geschehen, wenn sich das, was er ihr prophezeit hatte, bewahrheiten sollte?