Fallen from grace

Kapitel 27

Unkonventionell

„Was ist mit deinen Eltern?"

Hermine öffnete träge die Augen und erhaschte im schummrigen Licht des Zimmers einen Blick auf seine mit ihren eng ineinander verschlungenen Finger.

„Was soll mit ihnen sein?"

Er seufzte leise. „Versteh mich nicht falsch. Aber solltest du Weihnachten nicht mit ihnen verbringen? Wann hast du sie zuletzt gesehen?"

Sie war derart überrascht, so etwas wie Fürsorge aus seinen Worten herauszufiltern, dass ihr dabei kaum in den Sinn kam, dass er dieses Thema nur als Ausrede benutzen könnte, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen, mit ihm sein Elternhaus zu besuchen.

„Sie sind auf einem Kongress und werden im Anschluss daran die Feiertage in einem Hotel verbringen. Wir schreiben uns regelmäßig, aber es ist nicht mehr so wie früher, dass ich das Bedürfnis habe, ständig nach Hause zu fahren. Ich gehöre hierher."

Sie spürte seinen warmen Atem in ihrem Nacken, dann folgte ein langer Kuss, ehe er antwortete.

„Was machen sie nochmal?"

Es klang vorsichtig, fast so, als wäre es ihm unangenehm gewesen, diese Frage überhaupt zu stellen.

Hermine drehte den Kopf und blinzelte ihn an. „Sie sind Zahnärzte."

Severus zuckte leicht zusammen, als er das hörte, was sie dazu veranlasste, mit den Augen zu rollen.

„Bevor du fragst: ich habe nicht vergessen, was du damals nach diesem Unfall zu mir gesagt hast. Es war einer der schlimmsten Tage für mich. Zuerst der dumme Umstand, dass ich von Malfoys Fluch getroffen wurde, dann noch deine kalten Worte. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, wo ich ohnehin schon immer darunter leiden musste, zu große Zähne gehabt zu haben."

Er räusperte sich. „Ob du es glaubst oder nicht, ich kann dich verstehen."

„Mag sein, dass du es jetzt tust. Aber damals wünschte ich mir einfach nur, im Erdboden zu versinken. Ich habe dich dafür zutiefst verabscheut. Und selbst heute bin ich mir nicht sicher, ob ich dir das je verzeihen kann."

Severus schluckte. „Es war nicht meine Absicht, mich über dich lustig zu machen, obwohl ich wusste, dass es dich verletzen würde. Aber zu meiner Erklärung kann ich nur sagen, die Zeiten waren hart. Alles deutete darauf hin, dass der Dunkle Lord zurückkehren würde. Du erinnerst dich vielleicht noch an Karkaroff, der zum Ende des Trimagischen Turniers geflohen ist. Er wurde fast wahnsinnig bei der Vorstellung, schließlich hatte er die Namen etlicher Todesser ausgeplaudert, um seine Haut zu retten."

Sie schnaubte. „Ebenso wie du, nicht wahr?"

So schnell, wie es aus ihr herausgeplatzt war, stockte Hermine und biss sich unsanft auf die Zunge.

„Ich – ich habe das nicht so gemeint", warf sie schnell ein, doch es war zu spät. Seine ganze Haltung versteifte sich.

„Ja, ich gebe zu, dass ich es bevorzugt habe, in Hogwarts zu bleiben, anstatt einer Haft in Askaban entgegenzublicken."

Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid. Ich hätte das nicht sagen dürfen."

„Nein. Aber du hast es gedacht, richtig?"

Ziemlich bedröppelt nickte sie. „Ich weiß auch nicht, aber ich kann mir nur schwer vorstellen, wie es ist, damit zu leben. Mit dem Mal."

Er seufzte. „Wie gesagt, alle Zeichen deuteten darauf hin. Trotzdem war es falsch, dass ich es damals an dir ausgelassen habe."

Sichtlich betroffen klemmte sie ihre Lippe zwischen die Zähne. „Bestimmt war ich nicht dein einziges Opfer, habe ich Recht?"

„Nein, warst du nicht. Das ist der Nachteil, wenn man in meiner Position ist. Es ist nicht immer leicht, die Grenzen auszuloten."

„Grenzen?", fragte sie verblüfft.

Er sah sie scharf an. „Ja. Es hat mit Macht zu tun. Du weißt, dass ich nie Lehrer werden wollte, also solltest du versuchen, es zu verstehen. Albus hat mich dazu gebracht, den Posten an der Schule anzunehmen. Dadurch hat er mich vor dem gleichen Schicksal bewahrt, das die anderen Todesser ereilt hat. Doch deswegen bin ich nicht unbedingt besser dafür geeignet, mit jungen Menschen zusammen zu arbeiten."

Hermine nickte nachdenklich und strich mit ihren Fingern über seinen Arm. „Wenn du kein Lehrer geworden wärst, was wäre dann aus dir geworden?"

„Die rechte Hand des Dunklen Lords", sagte er matt.

Sie schauderte, obwohl sie insgeheim mit so einer Antwort gerechnet hatte.

„Wenn also Dumbledore dich nicht überredet hätte ..."

„Ich denke nicht, dass ..."

„Nein", sagte sie bestimmend. „Wenn Dumbledore dich nicht überzeugt hätte, den damaligen Posten als Zaubertranklehrer anzunehmen, wärst du jetzt nicht hier, richtig?"

„Ich könnte es nicht sein. Der Dunkle Lord würde es nicht billigen."

„Das heißt, du würdest weiterhin auf seinen Befehl hin Dinge tun, die anderen Menschen schaden?"

Er antwortete nicht und löste sich von ihr los. Dann wälzte er sich auf den Rücken und verbarg das Gesicht unter seinen Händen.

Hermine stützte sich auf und beobachtete jeden seiner unruhigen Atemzüge, die deutlich besagten, wie schuldig er sich fühlte, obwohl er es vor anderen nicht zeigen würde. Ihr selbst war es noch immer ein Rätsel, wie er das, was er erdulden musste, tun konnte.

„Ich führe nach wie vor seine Befehle aus", sagte er mit rauer Stimme. „Denn wenn ich es nicht täte, wäre ich längst tot."

„Ja, aber du tust es, um uns voranzubringen, richtig?", hakte sie nach.

Er ließ die Hände sinken und sah sie mit eng zusammengezogenen Brauen an. „Worauf willst du hinaus?"

Hilflos zuckte sie mit den Schultern. „Ich will nur sichergehen, dass wir beide das Richtige tun. Ich muss das wissen. Ich brauche Gewissheit, verstehst du?"

Seine Lippen wurden zu dünnen, schmerzverzerrten Linien. „Ich kann nicht beschönigen, was ich tue", sagte er ernst. „Aber ich versichere dir, dass wir auf derselben Seite sind. Mein Ziel ist es, Potter voranzubringen, damit er eines Tages den Dunklen Lord zerstören kann."

Sichtlich erschüttert schluckte sie und griff nach seiner Hand.

„Dann wollen wir dasselbe. Und ich bin bereit, alles dafür zu tun."

Mit halb geöffnetem Mund sah er sie an, während sie innig seine Hand drückte, sodass er einmal mehr nicht wusste, was er darauf antworten sollte.

Es war eine ungewisse Zukunft, der sie entgegengingen. Doch war er wirklich gewillt, sie so weit gehen zu lassen? Was würde es für Auswirkungen haben, wenn sie so entschlossen war, ihren Weg zu finden?

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Die Vorbereitungen, die Hermine für die Party in Kauf genommen hatte, hatten sich nur auf das Nötigste beschränkt; schließlich war sie alles andere als wild darauf, mit Cormac dort aufzutauchen. Dennoch fühlte sie, dass sich aller Augen auf sie richteten, als sie die Treppe vom Mädchenschlafsaal hinabstieg und dort von ihren Freunden aus dem Hause Gryffindor in Empfang genommen wurde.

Harry und Ron starrten sie an, die Kiefer weit aufgerissen, ohne auch nur einen Ton herauszubringen. Lavender hingegen sah aus, als würde sie ihr am liebsten die Gurgel umdrehen - jedenfalls nachdem sie Rons Blicke bemerkt hatte.

Hermine verwünschte sich schon fast dafür, Harry diesen Gefallen zu tun. Selbst jetzt hoffte sie insgeheim darauf, dass Cormac sie versetzen würde … Noch bestand Hoffnung. Noch war es nicht soweit...

„Wow!", kam es total unerwartet von Ginny, die auch schon auf sie zu stürmte, um sie aus der Nähe zu betrachten. „Du siehst echt super aus! Das Kleid ist der Hammer!"

Hermine setzte ein gequältes Lächeln auf und spürte dabei, wie ihr Gesicht errötete.

„Danke, Gin. Den Tipp mit der Frisur werde ich dir übrigens nie vergessen. Es ging viel schneller so, als sie von Hand hochzustecken."

Ginny grinste zufrieden. „Hab ich von Fleur."

Kichernd trat sie beiseite. Hermine hingegen stakste langsam mit ihren hohen Schuhen auf das Portraitloch der Fetten Dame zu.

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„Ich habe dich gebeten, dich zurückzuhalten."

„Was ich auch getan habe."

„Dein Humor lässt wie üblich zu wünschen übrig, Severus."

Severus kniff die Brauen zusammen, den Blick starr auf seinen Zauberstab gerichtet, der zwischen seinen Fingern schlenkerte. „Ich bin nicht hier, um mich mit Ihnen zu streiten, Albus."

„Weshalb bist du dann hier?"

Er schluckte und setzte sich dabei kerzengerade auf. „Sie hat mich gefragt, ob ich sie über die Feiertage mit nach Spinner's End nehme."

Dumbledore sah ihn von seinem Platz aus mit gerunzelter Stirn über seine Brille hinweg an. „Was hast du ihr gesagt?"

„Dass ich darüber nachdenken werde."

Der alte Mann nickte gemächlich. „Verstehe. Und nachdem du hier bist, nehme ich an, dass du das auch getan hast."

Seine Mundwinkel zuckten. „Ich werde es tun. Vielleicht ist das mein letztes Weihnachten."

Beinahe sah Dumbledore so aus, als würde er sich darüber amüsieren. „Du hast dir nie etwas daraus gemacht. Im Gegenteil. Die Feiertage waren für dich immer ein Graus."

Ein unliebsames Knurren drang aus seiner Kehle hervor. „Tut das jetzt was zur Sache? Vielleicht sind wir alle in ein paar Monaten nicht mehr hier."

Dumbledore strich sich nachdenklich mit den Fingern durch den Bart, während er seine verletzte Hand begutachtete.

„Vielleicht", murmelte er leise. „Und vielleicht hast du Recht. Wenn sie für dich da ist, wenn sie dir etwas gibt, dann solltest du es tun. Du warst lange genug einsam."

Severus schürzte die Lippen, ohne etwas Schnippisches darauf zu erwidern, was sehr ungewöhnlich für ihn war, doch da er die Stimmung seines Mentors nicht unnötig reizen wollte, hielt er es für besser, den Mund zu halten.

„Dann habe ich also Ihren Segen?", fragte er mit einem leicht süffisanten Lächeln auf dem Gesicht.

Dumbledore lehnte sich über den Tisch zu ihm nach vorn und faltete auf der Tischplatte seine Finger ineinander.

„Ja, du hast ihn. Aber nur während der Feiertage. Und sieh zu, dass ihr unauffällig aus dem Schloss verschwindet. Wir können es uns nicht leisten, Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen."

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„Was ist passiert, Harry?", fragte Hermine beunruhigt, nachdem er es erfolgreich geschafft hatte, sie in die abgelegenste Ecke von Slughorns Büro zu zerren, in dem die Party voll im Gange war.

Er ballte die Hand zur Faust und schlug ungebremst damit auf die nächstbeste Mauer ein. Kaum berührte er mit den Knöcheln den harten Stein, stieß er auch schon einen unterdrückten Schrei aus.

„Bist du irre?" Erschrocken über ihre eigene, viel zu schrille Stimme, senkte sie die Tonlage. „Harry! Was ist denn los?"

Er blinzelte die Tränen beiseite, die sich in seinen Augen formten und sah sie ziemlich unbeholfen an. „Snape. Und Malfoy. Ich habe sie belauscht."

Starr vor Schreck suchte sie nach Worten.

„Wa-was soll das heißen? Wann?"

„Gerade eben ... SHIT!"

Er schnaubte in einem neuerlichen Anflug blinder Wut; diesmal vermutlich eher aufgrund der Schmerzen.

„Snape hat einen unbrechbaren Schwur geleistet", keuchte er bitter, „um Draco bei irgendetwas zu helfen."

„Was? Aber ..."

„Siehst du jetzt endlich ein, dass da was im Busch ist, Mione?", knurrte er weiter, ohne sie zu Wort kommen zu lassen. „Die beiden sind Todesser. Die ganze Meute von denen plant doch was!"

„Aber ich dachte, Draco hat sich in letzter Zeit immer mehr von ihm distanziert."

„Das dachte ich auch. Aber so, wie Snape sich ihm aufgedrängt hat, war klar, dass es ihm wichtig sein muss. Vermutlich will er Voldemort nicht verärgern. Das ist es!"

Sie lehnte sich kopfschüttelnd mit dem Rücken an die Wand und grübelte nach.

Doch es dauerte nicht lange und Harry linste sie mit bebenden Lippen an. „Ich glaub, ich hab mir was gebrochen ..."

Hermine, die kaum zugehört hatte, plapperte einfach drauflos. „Das kann nicht sein. Snape ist im Orden, Harry. Er würde nie ..." Plötzlich verstummte sie und riss die Augen auf. „Oh mein Gott!"

Er sah sie an. „Was? Wenn ich jetzt in den Krankenflügel gehe, wird Poppy mich vor dem Ende der Ferien nicht mehr rauslassen."

Kreidebleich vor Angst griff sie nach seiner Hand und tastete die Knöchel ab. Harry zuckte verschreckt zusammen.

„Bist du übergeschnappt? Das tut sauweh!"

Sie rollte genervt mit den Augen. Dafür hatte sie jetzt wirklich keine Zeit.

„Selbst Schuld. Was musstest du auch auf die Wand eindreschen? Aber ich kann dich beruhigen, gebrochen ist nichts. Du solltest sie einfach nur eine Weile ruhigstellen." Als sie sah, dass er sie sprachlos anstarrte, schüttelte sie den Kopf. „Tut mir leid. War nicht so gemeint. Ich stehe nur gerade ziemlich unter Stress, weißt du? Cormac hat mir den ganzen Abend versaut. Ich meine, ha! Zuerst war es ganz lustig, weil er einem Lehrer auf die Schuhe gekotzt hat. Das hättest du sehen sollen! Jetzt hat er sich dafür einen Monat Nachsitzen eingehandelt. Aber der Idiot lernt einfach nichts dazu! Danach hat er doch tatsächlich immer noch nicht locker gelassen und versucht, mich unter einen Mistelzweig zu zerren. Kannst du dir das vorstellen?"

Er wirkte ziemlich überfordert aufgrund des Durcheinanders. „Cormac hat wem auf die Schuhe gekotzt?"

Hermine nickte wehmütig, als ihr in den Sinn kam, dass inzwischen alles längst nicht mehr so lustig war, wie noch vor einer guten Stunde.

„Snape, Harry. Es war Snape, den es erwischt hat. Ich meine, stell dir das mal vor ..."

Harrys Nasenflügel zitterten. „Snape", wiederholte er trocken.

„Ja, Snape."

Nachdem er einige Male tief durchgeatmet hatte, schien er den Schmerz in seiner Hand vollkommen vergessen zu haben, jedenfalls straffte sich seine Haltung, als er antwortete.

„Weißt du, ich könnte jetzt wirklich einen Drink vertragen. Einer von den Slytherins hat vorhin heimlich was in den Punsch gekippt. Filch hat es ihm natürlich durchgehen lassen, weil er selbst total scharf auf das Zeug war."

Hermine legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, doch Harry reagierte nicht darauf. „Ist alles in Ordnung mit dir?", fragte sie besorgt.

Er lachte auf. „Natürlich. Alles bestens. Willst du auch einen haben?"

Ziemlich bedröppelt schüttelte sie den Kopf. „Nein, danke. Ich glaube, ich gehe besser. Der Abend ist ohnehin schon ruiniert, da wird auch ein Drink nichts mehr dran ändern. Außerdem, weißt du, na ja, da ich es nicht noch schlimmer machen möchte, sollte ich … ich sollte wirklich mit jemandem reden, der mir eine Erklärung schuldet."

Harry nickte, obwohl sie wusste, dass er nur die Hälfte von dem, was sie gesagt hatte, verstanden hatte. Wenn überhaupt.

„Wenn ich Cormac sehe, schütte ich ihm den Becher über den Kopf, einverstanden? Vielleicht überlegt er sich die Sache mit dem Mistelzweig ja noch mal."

Damit verabschiedeten sie sich und gingen getrennter Wege.