Fallen from grace
Kapitel 28
Die Wahl haben
Der Blick auf seinem Gesicht sprach Bände. Selbst für Hermines Verhältnisse, die sich inzwischen mit seinen Launen vertraut gemacht hatte, war es beunruhigend, ihn so zu sehen, als er mit finsterem Blick im Türrahmen zu seinem Privatquartier erschien.
Unsicher lugte sie zu ihm hinauf. „Lässt du mich rein?"
Er legte abschätzig den Kopf schief und verschränkte die Arme vor der Brust. „Das kommt ganz darauf an, Hermine."
Genervt von seinem Gehabe schüttelte sie den Kopf. „Wenn hier jemand sauer sein sollte, bin ich es. Die Show, die du vorhin auf der Party abgezogen hast, war absolut überflüssig."
Wie erwartet waren ihre Worte nicht gerade hilfreich, um sie vorwärts zu bringen. Dennoch konnte sie sein Verhalten nicht gutheißen.
Schon funkelte er sie mit seinen schwarzen Augen an. „Bist du etwa gekommen, um mir eine Standpauke zu halten?"
Sie rollte mit den Augen. „Nein, ich bin gekommen, um mich nach deinen Schuhen zu erkundigen."
„Ich wüsste nicht, was daran komisch sein soll", entgegnete er mit fest zusammengepressten Kiefern.
Hermine schnaubte. „Pah! Das alles wäre nicht passiert, wenn du nicht auf dieser bescheuerten Party aufgekreuzt wärst und einen auf eifersüchtigen Professor gemacht hättest!"
„Nicht so laut!", zischte er sie an.
Verlegen räusperte sie sich und senkte die Stimme. „Was wolltest du dort überhaupt? Davon, dass du hingehst, war gar nicht die Rede. Hattest du es so nötig, für Unruhe zu sorgen, dass du es dir nicht entgehen lassen konntest, mir hinterher zu schnüffeln? Ich habe dir gesagt, dass ich Cormac nicht leiden kann."
„Das war wohl kaum der Fall", murmelte er steif, ohne weiter auf sie einzugehen, was Hermine in Anbetracht der Umstände schon an sich sehr verdächtig fand.
„Ach nein? Du hattest Glück, dass er zu sehr von sich eingenommen war, um was zu bemerken."
Severus rollte mit den Augen. „Ich bin Spion, schon vergessen? An mir hätte er gar nichts gemerkt."
„Nein! Natürlich nicht! Dafür aber Harry umso mehr ..."
Sie verstummte, doch schon sauste eine seiner Brauen in die Höhe.
„Wie bitte?"
„Ja, weißt du, Harry hat dich mit Draco gesehen ..."
„Gesehen?", fragte er vermeintlich kühl. „Was soll das heißen?"
„Das wollte ich eigentlich von dir wissen. Wie es aussieht, führst du irgendwas mit deinen Todesser-Kumpeln im Schilde. Wieso hättest du sonst auch einen unbrechbaren Schwur für deinen Lieblingsschüler leisten sollen, nicht wahr?"
Er nahm angestrengt die Hände hoch und fuhr sich damit durch die Haare.
„Kann sich dein Freund nicht einmal um seine eigenen Angelegenheiten kümmern?"
Überrascht sah sie ihn an. „Mehr hast du nicht dazu zu sagen?"
Seine Lippen wurden zu schmalen Linien. „Komm rein. So wie ich dich kenne, wirst du nicht eher aufhören, mir damit in den Ohren zu liegen, bis du es allein herausgefunden hast."
Ziemlich unsanft packte er sie an der Schulter, bugsierte sie ins Innere seines Quartiers und wies sie an, sich auf das Sofa zu setzen, was sie, wenn auch widerstrebend, tat.
Severus selbst hockte sich gegenüber von ihr auf einen Stuhl und legte die Hände in den Schoß. Erst jetzt fiel Hermine auf, wie müde er aussah. Der Abend musste ihn mehr beschäftigt haben, als angenommen.
Nach einer unangenehmen Pause des Schweigens streckte er seine langen Beine vor sich aus und räusperte sich. „Also, was Potter belauscht hat, ist wahr."
Wütend klatschte sie sich mit der Hand an die Stirn, doch er warf ihr einen warnenden Blick zu.
„Bevor du jetzt anfängst, mir Vorwürfe zu machen, solltest du dir wenigstens anhören, was ich zu sagen habe, in Ordnung?"
Sichtlich angespannt nickte sie. „Na schön. Aber ich will keine Ausflüchte hören. Du weißt, Harry ist mein bester Freund. Deshalb kann und werde ich nicht zulassen, dass ihm irgendwer in die Quere kommt."
„Ich dachte, das hätten wir geklärt."
„Dachte ich auch, aber nachdem du in letzter Zeit so wild darauf gewesen sein musst, zu Draco durchzudringen, frage ich mich unweigerlich, ob das, was du mir erzählt hast, auch stimmt."
Er knurrte. „Ich bin keineswegs dazu verpflichtet, dir Rechenschaft abzulegen. Was ich tue, hängt ausschließlich mit meiner Arbeit zusammen."
„Das glaube ich dir sofort", sagte sie ohne Umschweife und reckte das Kinn in die Höhe. „Mit welcher Arbeit? Dumbledore oder Voldemort?"
Severus schüttelte den Kopf und schob seine langen Strähnen zurück. „Ich hatte keine Wahl. Wenn ich den Schwur nicht geleistet hätte, wäre ich aufgeflogen. Bellatrix saß mir im Nacken ..."
„Moment, schön der Reihe nach", unterbrach sie ihn forsch. „Du meinst die Schlampe, die Sirius getötet hat?"
Er nickte. „Ja."
„Aber wieso?"
„Kannst du dir das nicht denken? Ich sagte dir bereits, dass ich mich immer wieder neu vor ihm beweisen muss."
„Jaah, aber was hat das mit ihr zu tun?"
„Ist das nicht offensichtlich?"
„Nein, nicht für mich. Für gewöhnlich hänge ich nicht mit Todessern herum, mit Ausnahme von dir natürlich."
Unliebsam verzog er die Mundwinkel. „Musst du mir das dauernd auf die Nase binden?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Das hängt ganz von dir ab. Und davon, wie sehr du bereit bist, mir die Wahrheit zu erzählen. Also, wo waren wir stehengeblieben?"
Er sah sie eine Weile an. Dann schüttelte er den Kopf. „Gryffindors."
Hermines Augen blitzten auf. „Die Uhr tickt. Wenn du nicht willst, dass ich damit zu einem anderen Mitglied des Ordens renne, solltest du anfangen."
Zwischen seinen Brauen tauchte die altbekannte Furche auf, was ihre Vermutungen, dass er nicht wild darauf war, sich mit McGonagall oder Lupin auseinandersetzen zu müssen, bestätigte.
„So langsam bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich mich überhaupt darauf einlassen sollte. Es gäbe mehr als genug Methoden für mich, um dich für immer davon abzuhalten, nach der Wahrheit zu forschen."
Sie schluckte. Eigentlich war klar gewesen, dass er diese Karte früher oder später gegen sie einsetzen würde, schließlich hatte sie es ja regelrecht herausgefordert. Nur mit Mühe schaffte sie es, ihren beschleunigten Puls unter Kontrolle zu halten, um ihm keinen weiteren Angriffspunkt zu geben. Er konnte Schwäche förmlich riechen. Und obwohl sie zusammen im Bett gewesen waren, würde er ebenso wie Dumbledore nicht zögern, sich das zu holen, was er wollte, um damit seine Ziele zu verfolgen.
„Das mag durchaus sein", verkündete sie schnippisch. „Aber vergiss nicht, wir sind auf derselben Seite. Noch. Wenn du jedoch mein Gedächtnis verändern willst, nur zu. Ich kann dich wohl kaum davon abhalten, nicht wahr? Schließlich bist du ein Spion und weißt, was du tust."
Er seufzte abgeschlagen. „So habe ich das nicht gemeint. Das weißt du."
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wandte den Blick ab. „Ich kann mir ohnehin denken, was passiert ist."
„Das glaube ich nicht. Es ist alles weitaus komplizierter, als es den Anschein hat."
„Aber um jetzt noch etwas daran zu ändern, ist es zu spät, nicht wahr? Der Schwur heißt nicht umsonst unbrechbarer Schwur."
Er atmete tief ein, ohne darauf zu antworten. Dann stand er auf und bewegte sich langsam und beinahe lautlos auf das Fenster zu. Lediglich das Rascheln seines Umhangs war in der aufkommenden Stille zu hören.
Hermine schauderte. Die Situation war beunruhigend, also klemmte sie wie schon so oft ihre Lippe zwischen die Zähne und wartete, was geschehen würde. Beinahe schien es ihr unerträglich, ihm die Zeit zu geben, sich zu sammeln. Sie wollte die Wahrheit von ihm erfahren und konnte sich nicht erklären, was in ihm vorging. Als sie dann aber den Blick hob und seine dunkle Gestalt vor dem Fenster stehen sah, die so verloren in die Dunkelheit hinaus starrte, wurde sie das Gefühl nicht los, dass er selbst nicht weiterwusste.
Über sich selbst den Kopf schüttelnd überwand sie ihren Stolz und stand auf.
„Als du gesagt hast, Dumbledore würde sterben, war mir nicht bewusst, dass es dich in diesem Maße betreffen würde", erklärte sie hilflos, während sie sich ihm näherte. „Ich hätte nie gedacht, dass du dein Leben in Dracos Hände legen würdest."
Severus regte sich nicht. Mit fest hinter dem Rücken verschränkten Händen stand er einfach nur da und blickte in die Ferne, als sie von hinten die Arme um ihn legte. Erst jetzt zuckte er kaum merklich zusammen, fast so, als hätte er ihre Anwesenheit längst vergessen.
„Ist es das, was du für ihn tun musst? Ich bin nicht blöd. Die Todesser wollen Dumbledore los haben, ebenso wie Voldemort das will. Und du sollst Draco dabei helfen, ihn zu töten, richtig?"
Er schüttelte stumm den Kopf und Hermine ahnte, dass das nur die halbe Wahrheit war.
„Draco wird das niemals tun. Ich denke, dass ist uns beiden klar."
Sie wurde bleich. „Das heißt … das heißt, du musst Dumbledore töten, um den Schwur zu erfüllen? Jetzt verstehe ich auch, was das mit der Einsamkeit sollte, nicht wahr? Seine Kollegen, die Schüler, Harry … sie alle würden dir das nie verzeihen!"
Er entgegnete nichts darauf und Hermine fühlte sich, als würde ihr jemand den Boden unter den Füßen wegziehen. Ohne länger zu überlegen, drückte sie sich nach Halt suchend an ihn. Fast zeitgleich schloss er sie in die Arme.
„Du erwartest doch nicht wirklich von mir, dass ich das so auf sich beruhen lasse", wimmerte sie leise.
Er schluckte hart. „Haben wir denn eine Wahl?"
Entsetzt presste sie ihre Nase in sein Haar und ließ ihren Tränen freien Lauf, während er sie mit all seiner Kraft festhielt, als wäre ihm eben erst bewusst geworden, dass jeder Moment, den sie gemeinsam verbrachten, ihr letzter sein könnte.
