Fallen from grace

Kapitel 29

Auf ein Abenteuer

Hermine konnte nicht sagen, wie lange sie dort zusammen gestanden hatten, bis Severus schließlich entschied, dass es genug war. Vorsichtig löste er sich von ihr los und umfasste mit seinen warmen Händen ihr Gesicht. Tief und innig sah er sie an, dann drang seine Stimme durch den Raum.

„Wir sollten gehen."

Sie riss die Augen auf. „Was?"

„Ich glaube, es wird Zeit, das Schloss zu verlassen."

„Jetzt gleich? Es ist weit nach Mitternacht."

„Wieso sollte uns das aufhalten?"

Die Überraschung in ihrem Ausdruck hätte nicht größer sein können, als sie die Gelassenheit hörte, mit der er antwortete. Alleine die Tatsache, dass er so etwas vorschlug, passte ganz und gar nicht zu seinem sonst eher reservierten Verhalten.

„Was hast du vor?", fragte sie abschätzig, seiner plötzlichen Abenteuerlust nicht ganz trauend. „Willst du mich etwa entführen?"

Er legte mit einem dünnen Grinsen auf dem müden Gesicht den Kopf schief. „Vielleicht. Aber zuerst werde ich dir was zeigen."

„Und wohin gehen wir?"

„Nach Spinner's End, in mein Elternhaus."

Verunsichert blinzelte sie zu ihm hoch. „Wirklich?"

Er zuckte mit den Schultern. „Warum nicht? Albus weiß Bescheid. Wenn du willst, werde ich ihn bitten, Potter eine Nachricht zukommen zu lassen, dass du über die Feiertage bei deinen Eltern bist, bevor er dich als vermisst meldet. Er wird eine kleine Lüge verschmerzen können. Trotzdem müssen wir vorsichtig sein, nicht zu viel Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, wenn wir das durchziehen wollen."

Hermine schüttelte in einem Anflug der Übermut, die sich aufgrund seines Angebots in ihr auftat, ihre wilde Mähne.

„Keine Sorge. Jemand von deinen Slytherins hatte die glorreiche Idee, hartes Zeug in den Punsch zu schütten. Das wird sie alle für eine Weile auf andere Gedanken bringen."

Severus verzog wenig begeistert die Mundwinkel. „Nett von dir, dass du mir das mitteilst. Weißt du vielleicht auch, wer es war?"

Sie lachte auf. „Ehrlich, selbst wenn ich es wüsste, wäre ich mir in diesem Fall nicht sicher, ob ich es dir verraten würde. Abgesehen davon wäre es an der Zeit, dass du zugibst, dass auch die Schüler aus deinem Haus für Unfrieden sorgen."

„Du meinst, ebenso wie du und Potter?"

„Nun, das ist eine andere Geschichte. Aber was ihn betrifft, bin ich tatsächlich etwas in Sorge. Er war ziemlich durcheinander, nachdem er herausgefunden hat, dass da tatsächlich was mit dir und Draco läuft. Seit Wochen hat er versucht, Dracos merkwürdiges Verhalten dir gegenüber auszukundschaften. Deshalb hat er sich vorhin ganz wild auf den Punsch gestürzt, als wir uns voneinander verabschiedet haben."

Blitzartig hob er eine seiner Brauen. „Verstehe. Du meinst also, Potter wird morgen Früh, wie einige andere auch, mit ziemlichen Kopfschmerzen aufwachen, richtig? Falls du es vergessen hast, Besitz und Konsum von Alkohol ist den Schülern an Hogwarts strengstens untersagt."

„Genau. Trotzdem wäre es nett von dir, ihn nicht dafür zu belangen. Ich weiß, dass du prinzipiell dazu tendierst, ihn härter als alle anderen zu bestrafen."

„Ist das so?", fragte er sarkastisch.

„Ja."

Sein Ausdruck wurde schlagartig wieder ernst. „Warum überrascht mich dein Anliegen jetzt überhaupt nicht?"

Hermine streckte sich, bis sie seinem Ohr ganz nahe war. „Bitte", flüsterte sie sanft. „Sieh es als Teil deines Weihnachtsgeschenks an mich."

Er schnaubte. „Wer sagt, dass ich dir was schenke?"

Unter vorgetäuschtem Ernst löste sie sich von ihm los und sah ihn mit großen braunen Augen an. „Wenn ich gewusst hätte, dass du so unsensibel reagierst, hätte ich nie vorgeschlagen, die Feiertage mit dir zu verbringen."

Sichtlich belustigt schmunzelte er. „Du kennst mich. Es ist meine Pflicht, denjenigen, der das zu verantworten hat, zu bestrafen. Andernfalls würden sie mir alle auf der Nase herumtanzen."

„Wie willst du denn aus ihnen rausbekommen, wer es war? So gern ich Draco belasten würde, glaube ich nicht, dass er sich mit diesem Kinderkram aufhält, wo er doch jetzt ernsthafte Probleme am Hals hat."

Gelassen schüttelte er den Kopf. „Das wäre eine falsche Fährte. Doch ich bin mir sicher, Filch ist jederzeit bereit, eine Aussage dazu zu machen."

„Oh."

„Allerdings. Aber nicht jetzt. Auch wir haben im Moment andere Dinge am Hals." Er straffte seine Haltung. „Abgesehen davon wüsste ich nicht, was uns jetzt noch davon abhalten könnte, geruhsame Feiertage zu verbringen."

Hermine nickte zustimmend. Dann streckte sie sich zu ihm hoch und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Danke."

„Wofür?"

„Für die Wahrheit."

Er schmunzelte verhalten. „Ich fürchte, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Wenn du mit mir kommen willst, pack eine Tasche und komm dann wieder hier her. Ich nehme an, wie du deine Sachen verkleinern kannst, weißt du?"

„Ja. McGonagall hat den Zauber mal benutzt, als wir auf dem Weg zum Grimmauldplatz waren."

„Gut. Ich erwarte dich in, sagen wir, zwanzig Minuten. Wenn du Glück hast, sind heute alle zu betrunken, um groß Fragen zu stellen. Filch und Mrs. Norris eingeschlossen."

Hermine warf ihm einen schelmischen Blick zu und drückte ihm einen weiteren Kuss auf seine dünnen Lippen. Dann machte sie sich endgültig von ihm los und eilte davon.

xxx

„Wo gehen wir eigentlich hin?"

„Ins Büro des Schulleiters."

„Aber …" Sie rang nach Luft, was bei dem Tempo, das er bei seinem Vorhaben an den Tag legte, mit ihr durch das Schloss zu kommen, nicht so einfach war. „Warum?"

„Weil sein Kamin am sichersten dafür ist."

„Warum apparieren wir nicht einfach? … Du kannst doch aus dem Schloss apparieren, oder?"

Er rollte mit den Augen, als hätte sie ihn beleidigt. „Wirst du endlich aufhören, so viele Fragen zu stellen?"

„Nur dann, wenn du sie alle zu meiner Zufriedenheit beantwortet hast. Also, warum?"

„Weil du nicht einfach so in mein Haus apparieren kannst. Noch nicht jedenfalls. Dazu muss ich erst rein und die Schutzzauber lösen."

„Was? Wie ist das möglich?"

„Glaub mir einfach, es ist gut geschützt."

„Das habe ich mir fast gedacht, aber wieso auf diese Art? Ist das nicht unpraktisch?"

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht, falls sich irrtümlich jemand an mich dranheften sollte. Er würde sofort zersplittern, sobald er auch nur einen Fuß auf meinen Grund und Boden gesetzt hat."

Hermine blinzelte mit großen Augen zu ihm hinauf. „Du bist ja komplett übergeschnappt, weißt du das?"

Er zuckte wie beiläufig mit den Schultern und legte obendrein noch einen Zahn zu, als würde er sie im nächsten Moment abhängen wollen.

„Schon möglich. Aber in meinem Gewerbe muss man Vorkehrungen für den Ernstfall treffen."

Sie schüttelte den Kopf und eilte ihm im Laufschritt nach. „Aber durch den Kamin komme ich schon? Ist das dann nicht etwas riskant?" Fast wäre ihr ein Lachen ausgekommen. Erst im allerletzten Moment schaffte sie es, mit einem unbeholfenen Räuspern davon abzulenken. „Ich meine ja nur, vielleicht bin ich nicht die Einzige, die dein Haus betreten möchte."

„Dazu müsstest du es erst einmal ausfindig machen."

„Aha", murmelte sie nun deutlich beunruhigt. „Was für Zauber hast du denn angewandt?"

„Nicht die üblichen."

„Das dachte ich mir. Nur, weißt du, um ehrlich zu sein, gefällt mir die Vorstellung, lebendig gegrillt zu werden, nicht sonderlich gut."

Ein tiefes Schnauben war aus seinem Inneren zu hören. „Mach dir keine Sorgen. Solange ich dabei bin, wird dir nichts passieren."

Hermine fröstelte. „Hoffentlich, denn sollte ich feststellen, dass mich dein Haus nicht mag, glaube ich nicht, dass wir eine besonders schöne Zeit dort haben werden."

„Es war nicht meine Idee, dich mitzunehmen, falls du das vergessen hast", zischelte er angespannt. „Außerdem solltest du dir keine Sorgen machen, ob das Haus dich mag. Vermutlich ist es eher so, dass du das Haus nicht ausstehen kannst ..."

xxx

Die Gegebenheiten in Spinner's End waren anders, als Hermine es erwartet hätte. Das Haus seines Vaters wirkte bereits auf den ersten Blick alt und heruntergekommen. Zwar besaß schon alleine das Wohnzimmer eine Vielzahl an gut gefüllten Bücherregalen, aber auch die schafften es nicht, den Anblick der abgenutzten Möbel zu übertünchen. Und auch dann, wenn es im Inneren ordentlich war, wurde sie das Gefühl nicht los, dass in den vergangenen Jahrzehnten wohl nie jemand so richtig Wert darauf gelegt hatte, sich darum zu kümmern.

Unweigerlich taten sich neue Fragen in ihr auf. War es tatsächlich ein Muggelhaus, wie es den Anschein hatte? Wieso war es in einem derart lieblosen Zustand?

Bei der Besichtigung der wichtigsten Räumlichkeiten, die sie Hand in Hand wie ein frisch verliebtes Paar auf Wohnungssuche hinter sich brachten, fand sie sich einmal mehr mit dem Umstand konfrontiert, dass sie noch längst nicht all seine Geheimnisse gelüftet hatte. Da er jedoch bereit war, ihr einen Einblick in seine wohl behütete Privatsphäre zu gewähren, wagte sie es vorerst nicht, ihn damit zu konfrontieren. Immerhin hatten sie genug andere Dinge, die ihnen zu schaffen machten, womit sie sich dazu entschied, erst einmal abzuwarten, bis er bereit war, von selbst damit anzufangen.

xxx

„Ich bin mir immer noch nicht sicher, wieso das passieren konnte", bemerkte Hermine beiläufig, als sie es sich mitten in der Nacht in seinem Bett gemütlich machte, ohne ihren Professor auch nur eine Sekunde dabei aus den Augen zu lassen, wie er sich vor ihr auszog.

„Was meinst du?"

Sein abschätziges Brummen besagte deutlich, dass die Situation, sich von ihr dabei zusehen zu lassen, trotz ihrer gemeinsamen Erlebnisse für ihn sehr ungewohnt war.

„Wieso hat Narcissa Malfoy es gewagt, sich der Anordnung Voldemorts zu widersetzen, um dich um Hilfe für ihren Sohn zu bitten? Wenn das heraus kommt ... wenn er erfährt, dass sie bei dir war, was denkst du, würde er dann mit ihr tun?"

„Auch die Familien von Todessern sind besorgt. Sie spüren, dass er stärker wird. Natürlich beunruhigt sie das. Und, ob du es glaubst oder nicht, Narcissa hat Angst um das Leben ihres Sohnes."

„Warum hat sie dann nicht schon eher etwas unternommen? Warum hat sie zugelassen, dass er das Mal bekommt?"

Er seufzte nachdenklich, als er zu ihr ins Bett schlüpfte, behutsam die Decke über ihre nackten Körper legte und sich von hinten an sie drückte.

„Draco war immer in einer schwierigen Lage, Hermine. Er wurde dort hineingeboren. Das heißt, von Kindesbeinen an kennt er nur das, was ihm eingetrichtert wurde. Lucius, Bellatrix, sogar Narcissa, sie alle dienen jeder auf seine Weise dem Dunklen Lord."

„Das dachte ich mir schon. Ich meine, so wie er von Anfang an mit mir umgesprungen ist, gibt es keine Zweifel daran. Aber hat seine Mutter denn nicht gemerkt, dass da was im Busch ist? Dass es für ihn aufgrund seines Standes gefährlich werden könnte?"

Severus beugte sich über sie und strich sanft mit seiner Hand über ihre Wange.

„Wieso interessierst du dich plötzlich so dafür, was mit den Malfoys los ist? Bei eurer gemeinsamen Vergangenheit könnte man meinen, er wäre dir gleichgültig."

„Du hast Recht. Glaub mir, niemanden trifft die Überraschung mehr als mich selbst. Aber nach allem, was in den letzten Monaten geschehen ist, möchte ich es verstehen."

Sein warmer Atem auf ihrer Haut ließ sie schaudern und so schlang sie die Arme um seinen Nacken und zog ihn gänzlich zu sich auf ihren Körper.

„Ich habe Angst, das ist alles."

Er sah sie an. Dann senkte er seinen Kopf auf sie nieder und küsste sie.

„Das ist mit ein Grund, weshalb ich nicht wollte, dass du davon erfährst."

Hermine schmeckte ihn mit ihrer Zunge und schloss die Augen. „Das hätte alles nur noch viel schlimmer gemacht."

Severus positionierte sich auf ihr. „Und jetzt?", fragte er mit rauer Stimme durch die widerspenstigen Strähnen hindurch, die ihm vor die Augen gefallen waren.

Hermine sah ihn an. Wie schon so oft erkannte sie das gezügelte Verlangen in den dunklen Tiefen seiner schwarzen Pupillen.

„Jetzt weiß ich wenigstens, dass ich dir vertrauen kann. Niemand, dem Voldemorts Fall nicht wirklich wichtig wäre, würde so etwas tun."

Sie spürte, wie er begierig mit seiner Zunge in ihren Mund drang. Der verruchte Ausdruck auf seinem Gesicht weckte die Lust in ihr, ihn in sich zu empfangen. Und so spreizte sie willig ihre Beine und hieß ihn willkommen, als er mit einem tiefen Grollen in ihre feuchte Mitte glitt.