Fallen from grace
Kapitel 30
Die geheime Tür
„Ich hoffe wirklich, du hast was Essbares im Haus."
Er setzte ein schiefes Grinsen auf. „Sag bloß."
Hermine stand in seinen langen schwarzen Umhang gewickelt im Türrahmen des Schlafzimmers und machte ein enttäuschtes Gesicht.
„Das ist nicht komisch. Ich sterbe gleich vor Hunger! Außerdem wollte ich dir sagen, dass die Heizung im Bad nicht funktioniert. Es ist eiskalt da drin."
Sichtlich amüsiert stützte er sich auf den Ellenbogen und sah sie vorgetäuscht unschuldig an.
„Notiert. Und ich wette, um das Frühstück musst du dir keine Sorgen machen. Wie ich Albus kenne, hat er sich längst darum gekümmert und die halbe Küchenmannschaft von Hogwarts dazu gebracht, uns Frühstück zu machen."
Erleichtert atmete Hermine durch. Dann ließ sie seinen Umhang los, der langsam von ihren Schultern glitt und zu Boden segelte. Mit deutlicher Genugtuung beobachtete sie ihn dabei, wie er seine unergründlichen Blicke über ihren nackten Körper schweifen ließ. Langsam setzte sie sich in Bewegung und kroch zu ihm aufs Bett. Severus zögerte nicht lange und umschloss mit seiner warmen Hand ihre rechte Brust.
„Wie kommt das?", fragte sie abwesend, während er sie hingebungsvoll liebkoste. „Ich dachte, deine Sicherheitsvorkehrungen lassen niemanden hier rein."
Er löste den Blick von ihrem Busen los und sah sie durch seine langen Strähnen hindurch an. „Albus ist eine Ausnahme. Er muss schließlich wissen, was mit mir los ist, sollte ich nicht ins Schloss zurückkehren."
Ihre Augen funkelten. Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Das. Ist. Nicht. Komisch."
„Nein, da gebe ich dir Recht. Aber so ist das nun mal in meinem Gewerbe."
„Dann bist du öfter hier?"
„Nicht allzu oft. Nur dann, wenn es nötig ist oder ein anderer Weg zu weit wäre."
Sie biss sich auf die Lippe und versuchte krampfhaft, nicht auf die Todesser-Robe zu starren, die an einem Haken neben der Tür hing. Alleine der Gedanke, wie er das immer wieder ertragen konnte, jagte ihr einen Schauder durch den Körper.
„Und?", fragte sie vorsichtig, nachdem er offenbar nicht vorhatte, näher darauf einzugehen. „Gehen wir jetzt was essen? Du siehst aus, als könntest du selbst ein gutes Frühstück vertragen." Sie grinste schelmisch. „Außerdem brauchst du deine Kräfte. Ich bin noch lange nicht fertig mit dir."
Severus ließ sich leise vor sich hin grummelnd auf die Matratze zurückfallen.
„Du klingst schon genauso wie Albus."
Sie runzelte die Stirn. „Was soll das heißen?"
„Dass er ständig versucht, mich zu bemuttern. Dabei dürfte ihm in all den Jahren nicht entgangen sein, dass ich noch nie so richtig viel auf den Rippen hatte."
Hermine streckte die Hand nach ihm aus und strich ihm gedankenverloren eine Strähne hinters Ohr. „So viel Fürsorglichkeit hätte ich ihm gar nicht zugetraut."
Er zuckte wie beiläufig die Achseln. „Wie gesagt, nicht er ist unser Feind, sondern jemand ganz anders."
„Das habe ich langsam kapiert, obwohl es mir schwer fällt, das zu akzeptieren."
„Gut. Dann mach dich auf was gefasst. Wann immer ich nicht zum Frühstück komme, schickt er mir eine Wagenladung davon in die Kerker oder, wenn ich nicht im Schloss bin, hier her. Ich denke, das ist heute bestimmt sein Weihnachtsgeschenk an uns."
Hermine blinzelte. „An uns?"
„Er weiß, dass ich mir nichts daraus mache. Trotzdem nutzt er jede Gelegenheit, mich zu ärgern."
Sie nickte. „So langsam ergibt das, was du sagst, endlich einen Sinn."
„Ach ja?", fragte er, seine Augenbraue bis zum Anschlag erhoben.
„Ja. Dumbledore und du. Ihr mögt euch mehr als ihr zugeben wollt."
Er schnaubte sarkastisch. „Welchem Geistesblitz habe ich diese plötzliche Einsicht zu verdanken?"
„Du kannst es von mir aus auf den Umstand schieben, dass heute Abend Weihnachtsabend ist", erklärte sie verspielt. „Da steht alles Kopf. Ich hoffe stark, du bist vorbereitet, denn wenn ich morgen Früh aufwache, erwarte ich eine Fülle an Geschenken von dir."
Schon zogen sich skeptisch seine Brauen zusammen. „Vielleicht sollte ich dich lieber gleich nach Hogwarts zurückbringen, bevor du zu übermütig wirst."
Sie schnaufte und machte es sich bequem, indem sie sich neben ihn legte und den Kopf auf seine nackte Brust bettete. Doch kurz darauf setzte sie sich wieder auf.
„Ich muss jetzt wirklich was essen. Cormac hat mir den Appetit auf der Party gehörig versaut." Ungeduldig schnappte sie sich seinem Arm und zerrte daran herum. „Raus aus dem Bett! Das ist schließlich dein Haus!"
Schmunzelnd ließ er sich von ihr auf die Füße helfen und ins Bad schieben. Als sie daraufhin wenig später zusammen die Küche betraten, staunte Hermine nicht schlecht über die Leckereien, die Dumbledore für sie organisiert hatte.
„Du hast dich wirklich nicht geirrt. Ich wette, selbst die anderen in Hogwarts wären neidisch auf unser Frühstück."
Wortlos legte er von hinten den Arm um sie und drückte ihr einen Kuss auf den Hals.
„Ich hoffe, dass entschädigt ein wenig für die Unannehmlichkeiten, die das werte Haus mit sich bringt."
Hermine lehnte sich an seine Schulter und suchte nach seiner Hand, ihre Finger schlangen sich fest um seine.
„Weißt du, wenn man bedenkt, dass wir das erste Mal so richtig miteinander allein sind, hat das alles eine sehr romantische Note. Ich fühle mich großartig dabei. Genauso könnte es immer sein."
Verwundert legte er den Kopf schief und sah sie an. „Du bereust es also nicht, mit mir hier her gekommen zu sein, wo doch in Hogwarts zum üblichen Feiertagstrubel gerade alles durchdreht?"
Hermine lächelte sanft zu ihm hinauf. „Nein. Nicht eine Sekunde. Das Einzige, was ich vermisse, sind Hagrids Weihnachtsbäume."
Sichtlich erleichtert über ihre Reaktion beugte er sich zu ihr hinab und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen, den sie bereitwillig erwiderte. Erst nachdem sie nach Luft ringend auseinandergebrochen waren, machten sie sich über das Frühstück her.
Insgesamt gesehen hatte der Aufenthalt in Spinner's End für beide etwas Befreiendes an sich, da sie sichergehen konnten, dass niemand sie beobachtete. Anders als im Grimmauldplatz oder in Hogwarts war Severus gewillt, seine harte Fassade fallen zu lassen, die er anderen gegenüber aufzog, womit das Beisammensein für beide entspannt und ungezwungen ablief. Hermine fühlte sich gut. Und soweit sie das über ihn sagen konnte, schien es ihm ähnlich zu gehen.
Zufrieden lagen sie auf dem Sofa, hielten sich beim Zeitung lesen in den Armen, streichelten sich oder alberten den lieben Nachmittag lang herum. Obwohl sie auf diese Weise schon öfter Zeit miteinander verbracht hatten, war es doch anders als zuvor, was unweigerlich dazu führte, dass sie sich auf dem Weg ins Bett voller Ungeduld die Sachen vom Leib rissen. Glücklich und zufrieden gaben sie sich einander bis zur völligen Erschöpfung hin, ehe sie gemeinsam einschliefen.
Erst in den frühen Morgenstunden des darauffolgenden Tages erwachte Hermine wieder. Doch das Bett neben ihr war schon verlassen. Sofort läuteten ihre Alarmglocken und so zögerte sie nicht, sich auf die Suche nach ihm zu machen. Weit kam sie dabei nicht, denn schon entdeckte sie seinen üblichen schwarzen Umhang, der statt der Todesser-Robe an dem Haken neben der Schlafzimmertür hing. Kein gutes Zeichen. Doch das war noch nicht alles: obenauf war ein weißer Zettel befestigt, auf dem stand, dass er fort musste, jedoch nichts darüber, wann er wieder zurück sein würde, womit sich ihre Befürchtungen, dass er bei Voldemort war, bestätigten.
Hermine spürte einen stechenden Schmerz in ihrem Inneren. Tränen füllten ihre Augen, während sich ihre Innereien schmerzhaft zusammen krampften.
Würde es fortan immer so sein, wenn sie mit ihm zusammen war? Sie kannte die Antwort. Trotz der Spannungen in den letzten Wochen, war er doch bereit gewesen, sich ihr zu öffnen. Damit hatte er einmal mehr bewiesen, wie sehr sie zueinander gehörten, denn wenn er gewollt hätte, hätte er sie mühelos überwältigen oder anlügen können. Doch er hatte es nicht getan. Im Gegenteil. Er hatte viel riskiert, indem er ihr die Wahrheit gesagt hatte; sein eigenes Leben betreffend, ebenso wie den Fortbestand der magischen Welt.
Hermine schüttelte den Kopf und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. Eines war klar, nämlich, dass sie nicht zulassen konnte, wie aufgrund dieses Schwurs seine und damit auch ihre eigene Zukunft den Bach runter gehen sollte.
Nachdem sie den ersten Schock verdaut hatte, entschied sie sich dazu, erst einmal eine heiße Dusche zu nehmen, um etwas abzuschalten. Ans Schlafen war jetzt ohnehin nicht mehr zu denken. Außerdem brauchte sie einen klaren Kopf, denn wenn sie jetzt in Panik verfiel, würde sie ihm nicht helfen können.
Unsicher darüber, was sie als Nächstes tun sollte, zog sie sich eine Jeans und einen Gryffindor-Sweater über. So wie es aussah, würde sie erst mal noch eine Weile allein sein. Hoffentlich war alles gut. Hoffentlich würde er bald wieder zurück sein.
Hermine klemmte ihre Lippe zwischen die Zähne. Dass sie sich die Zeit mit ihm anders vorgestellt hatte, stand außer Frage. Doch nun war sie schon einmal hier, also würde sie das Beste aus ihrem Aufenthalt machen.
Nachdem sie sich hungrig über die übriggebliebenen Leckereien aus Hogwarts hergemacht hatte, inspizierte sie zuerst einmal das Wohnzimmer und steuerte dabei zielstrebig das nächstgelegene Bücherregal an, um die enthaltenen Kostbarkeiten zu überprüfen. Sofort war sie in ihrem Element. Wie erwartet, enthielt es überwiegend Literatur aus der Welt der Zauberer. Sogar seltene Erstausgaben von im Unterricht relevanten Lehrbüchern zählten dazu, die sich in Reih und Glied bis knapp unter die Zimmerdecke stapelten.
Fasziniert von seinem Fundus nahm Hermine einige Exemplare heraus, um sich damit auf das Sofa zurückzuziehen, da sah sie es: durch die fehlende Rückwand des Regals blitzte eine verborgene Tür.
Hermine fühlte augenblicklich, dass ihr Puls schneller ging. Was konnte das nur bedeuten? Trotz ihrer anfänglichen Zurückhaltung wichen sämtliche Bedenken, dann wandelte sich ihre Nervosität auch schon in Neugierde.
Kurios griffen ihre Finger nach den Büchern, um das Regal zu leeren. Sie zog sie eins nach dem anderen heraus, legte sie behutsam beiseite, dann schnappte sie sich die nächsten, bis sie die Geduld damit verlor und sie kurzerhand aus dem Regal schubste, bis es leer war. Inzwischen war ihr ganzer Kopf umhüllt von einer Wolke aus feinem Staub, was einmal mehr besagte, wie wenig Zeit der Professor tatsächlich in diesem Haus verbrachte.
Hustend trat sie einen Schritt zurück und rang nach Atem. Erst in diesem Moment wurde ihr das Ausmaß dessen, was sie mit dieser Aktion angerichtet hatte, bewusst. Ein Gefühl der Schuld machte sich in ihr breit. Es war offensichtlich, dass Severus alles andere als begeistert davon wäre, sie dabei zu erwischen, wie sie sich unaufgefordert daran machte, seine Geheimnisse zu erkunden. Doch Hermine konnte nicht anders. Die Gelegenheit war da, ebenso reizvoll wie verboten. Dann atmete sie tief ein und drückte die rostige Klinke, die zwischen den Regalböden hervorlugte, um die Tür zu öffnen.
Das ganze Regal schwang leise knarzend beiseite. Durch den schmalen Spalt zwischen Tür und Türrahmen blickend fand sie sich in völliger Dunkelheit wieder. Gedankenverloren fummelte sie nach ihrem Zauberstab und brachte seine Spitze zum Leuchten. Nachdem sie sich daraufhin mit der neuen Umgebung vertraut gemacht hatte, erkannte sie steinerne Stufen vor sich, die in ein schwarzes, kellerartiges Loch hinabführten.
Klopfenden Herzens vergewisserte sie sich, dass Severus nicht plötzlich hinter ihr stand, wie es sonst seine Angewohnheit war, dann fasste sie all ihren Mut zusammen und stieg in die Finsternis hinab.
Der Weg selbst war nicht sonderlich lang, etwa zwanzig Schritte. Dennoch hatte sie das Gefühl, eine schiere Ewigkeit zu brauchen, bis sie endlich mit beiden Beinen auf dem provisorisch und mit groben Steinen ausgelegten Boden ankam.
„Wow", entfuhr es ihr ungewollt. „Ein geheimes Labor!"
Was jedoch den Zaubertränkemeister dazu veranlasst haben könnte, es hinter dem Regal zu verbergen, war ihr ein Rätsel. Entweder hatte er nicht damit gerechnet, dass sie in seinem Haus herumschnüffeln würde. Oder, was bei einem stets vorbereiteten und immer vorsichtigen Professor Snape sehr unwahrscheinlich war, es war ihm gleichgültig. So oder so, es war sein Zuhause. Und niemand, außer vielleicht Dumbledore und einige Hogwarts-Elfen, bekamen es je zu Gesicht.
Hermine fröstelte. Gegen das Labor in den Kerkern der Schule war dieses hier eine wahre Fundgrube an altertümlichen Gerätschaften, die sie bestenfalls aus Büchern kannte. Die Kessel wirkten keineswegs so reinlich und gepflegt wie die in Hogwarts. Auch die Behältnisse mit den Substanzen und Flüssigkeiten, die sich an den Wänden entlang reihten, waren größtenteils milchig beschmutzt oder im Glas angeschlagen.
Zaghaft setzte sie ihre Erkundungstour fort. Selbst die für den verhältnismäßig engen Raum ausladende Arbeitsplatte und die darauf liegenden Bücher waren alt und staubig. Unzählige Spinnweben hingen von der Decke herab. Wie lange war er nicht mehr hier gewesen? Es mussten Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte vergangen sein, seit jemand diesen Raum effektiv genutzt hatte.
Unweigerlich machte sich bei diesem Gedanken die Vorstellung in ihrer Fantasie breit, Severus in seinen jungen Jahren hier beim Brauen und Experimentieren zu sehen.
Daraufhin von einer unbändigen Neugierde angestachelt, senkte Hermine den Zauberstab und brachte mittels eines Schlenkers aus dem Handgelenk die Kerzen an den Wänden zum Leuchten. Das sanfte Flackern der Flammen versetzte den eher beengend und kühl wirkenden Raum augenblicklich in eine etwas behaglichere Atmosphäre. Vorsichtig trat sie näher an die Arbeitsplatte heran, um zu sehen, woran er zuletzt getüftelt hatte. Da sich auch hier der Staub breitgemacht hatte, wischte sie die oberste Schicht mit dem Ärmel ihres Sweaters beiseite, um bessere Sicht auf die darunterliegenden Texte zu erhalten. Schon beim Überfliegen derselbigen wurde ihr schnell klar, dass sie es hier mit einem weiteren Rätsel zu tun hatte, das sich um ihren Professor aufzutun schien. Alle Instruktionen der Zauberbücher deuteten darauf hin, dass er etwas Großem auf der Spur gewesen war: der Erschaffung der Unsterblichkeit.
Irritiert über diese rätselhafte Entdeckung schnappte Hermine sich das erste der Bücher und hockte sich damit auf die Kante der Arbeitsplatte.
Zwei Stunden später hatte sie sich jedes Wort dazu einverleibt, das die Texte in den Büchern darüber preisgegeben hatten, was dazu führte, dass sie sich wünschte, die geheime Tür nie geöffnet zu haben.
Nachdem sie zitternd vor Angst das Labor verlassen und auch das Bücherregal wieder in seinen ursprünglichen Zustand gebracht hatte, kauerte sie sich nachdenklich auf dem Sofa zusammen, um dort auf seine Rückkehr zu warten.
Die Fakten über ihre Entdeckung waren einfach nur schockierend. Wenn auch nur die Hälfte davon wahr sein sollte, was sie nicht glauben konnte oder gar wollte, wäre die Erschaffung vom Körper abgespaltener Seelenbruchstücke, die man in einem Gegenstand einschließen konnte, ein Weg, um jemandem damit zur Unsterblichkeit zu verhelfen.
Hermine schauderte. Severus hatte auf sie nie den Eindruck gemacht, überhaupt besonders erpicht auf seine Existenz zu sein. Jedenfalls nicht in dem Maße, dass er sich unsterblich wünschen würde. Dennoch gab es jemanden, der es ihres Wissens nach darauf anlegte. Die quälende Frage, die sich in ihr auftat, war nur, ob sie mit ihrer Vermutung richtig lag. Und so blickte sie der bevorstehenden Konfrontation nicht gerade positiv gestimmt entgegen.
