Fallen from grace
Kapitel 31
Weihnachten in Spinner's End
Wie erwartet, war Severus mehr als wütend, nachdem Hermine ihm von ihrer Erkundungstour durch seine Bücherwand in das geheime Labor erzählt hatte.
„Habe ich dir etwa einen Grund gegeben, mich zu hintergehen?", knurrte er sie an.
Betrübt schüttelte sie den Kopf. „Nein."
Endlich kam er vor dem Sofa zum Stehen, auf dem sie sich zusammengekauert hatte und vor dem er die letzten fünfzehn Minuten auf- und abgelaufen war. Gestresst raufte er sich die Haare.
„Warum hast du das dann getan?"
Hilflos öffnete sie den Mund und klappte ihn wieder zu. Er zeigte sich enttäuscht von ihrem Verhalten. Wortlos legte er seine Todesser-Robe ab und knallte sie vor ihr auf den Tisch. Hermine schluckte, als sie sie vor sich liegen sah. Es hatte etwas Beunruhigendes an sich, ihn damit in Verbindung zu bringen. Severus aber gab vor, als würde er sie nicht weiter beachten, obwohl sie wusste, dass dem nicht so war. Er war schon lange nicht mehr so wütend gewesen. Viel schlimmer als das aber war für sie, dass er aufgrund ihrer Neugierde und des damit einher gegangenen Vertrauensbruchs emotional verletzt wirkte. Und das ganz allein durch ihr Verschulden.
Vorsichtig streckte sie die Hand nach ihm aus. „Bitte ..."
Kaum hatte sie ihn berührt, zuckte er zusammen. „Lass mich."
Sie ließ den Arm sinken. Ein unangenehmes Brennen lag in ihren Augen. Die ganze Anspannung, die sich in den vergangenen Stunden in ihr angestaut hatte, war kaum zu ertragen. Warum hatte sie das nur getan? Warum hatte sie nicht einfach auf ihren gesunden Menschenverstand gehört und die ganze Sache abgeblasen?
„Es tut mir leid", sagte sie aufrichtig, wenn auch sehr leise.
Er stieß ein unliebsames Schnauben aus und ließ sich gegenüber von ihr auf einen Sessel fallen. Dann stützte er die Ellenbogen auf die Schenkel und verbarg das Gesicht in seinen Händen.
„Das ändert auch nichts daran", murmelte er matt.
Hermine biss sich auf die Lippe. Er hatte Recht. Doch trotz allem war sie immer noch besorgt und verängstigt, weil sie diese Entdeckung gemacht hatte.
„Kannst du es mir nicht erklären?", fragte sie kleinlaut. „Wieso hast du diese Bücher über Dunkle Magie in deinem Besitz? Wenn ich mich nicht irre, sind sie an Hogwarts verboten worden."
Er riss den Kopf nach oben und starrte sie an. „Wozu sollte ich es dir sagen? Damit du zu deinem Freund Potter rennst, um es ihm zu erzählen?"
Sie schüttelte traurig den Kopf. „Genau deshalb möchte ich, dass du es mir erklärst. Ich vertraue dir. Und ich glaube nicht, dass du … Ich weiß zwar, dass du dich immer für die Dunklen Künste interessiert hast, aber das würdest du nicht tun." Sie stockte und suchte nach den richtigen Worten, um das auszudrücken, was sie sich in der Zeit seiner Abwesenheit zusammen gesponnen hatte. „Hat Voldemort dich dazu gezwungen, ihm dabei zu helfen, so etwas zu tun?"
„Nicht direkt", sagte er kühl.
„Was dann? Bitte, rede mit mir. Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe. Es war unverzeihlich von mir, das zu tun. Trotzdem möchte ich, dass du weißt, dass ich dir vertraue."
Seine Nasenflügel bebten. Es war nicht schwer, zu erkennen, dass er mit sich kämpfte, doch dann schob er die Hände durch seine Haare und setzte zu sprechen an.
„Das Problem ist, dass ich nicht weiß, ob ich dir noch vertrauen kann."
Es traf sie vollkommen unerwartet, womit sie erst einmal nicht wusste, was sie sagen sollte. Er fuhr unbehelligt fort.
„Versuch, das zu verstehen. Ich habe meine Gründe, warum ich etwas für mich behalte."
„Das weiß ich."
„Dann solltest du aufhören, mir hinterher zu spionieren."
„Das war nicht meine Absicht. Ich habe einfach diese Tür hinter dem Regal gesehen und wollte da rein."
Er schüttelte den Kopf. „Ist dir nicht in den Sinn gekommen, dass du das nie hättest sehen sollen?"
„Es ist einfach mit mir durchgegangen", erklärte sie unbeholfen. „Du kennst mich."
„Und?", fragte er abschätzig. „Bist du jetzt zufrieden?"
Sie senkte den Blick auf ihre Hände, die fest ineinander verschlungen in ihrem Schoß lagen. „Nein. Im Gegenteil. Es ist alles nur noch viel komplizierter geworden. Und das macht mir Angst."
Severus seufzte. „Genau deshalb solltest du nichts davon erfahren."
Hilflos sah sie auf. „Und was soll ich jetzt tun?"
Er verzog die Mundwinkel. „Woher soll ich das wissen? Hatten wir nicht schon genug Probleme am Hals?"
Sie nickte. „Ich will es nur verstehen. Weil ich mir sicher bin, dass du niemals so etwas in Erwägung ziehen würdest."
Eine Weile wurde es still zwischen ihnen, ehe er steif seine Arme vor der Brust verschränkte und sie mit einem eisigen Blick bedachte. „Das ist keine Entschuldigung. Aber es ist ein Anfang. Nun, was willst du wissen?"
Vorsichtig blinzelte sie ihn an. „Wieso du dieses Labor dort unten eingerichtet hast."
Er zog die Brauen zusammen. „Es gehörte ursprünglich meiner Mutter. Aber als ich mich dem Dunklen Lord anschloss, habe ich es mir so eingerichtet, wie ich es brauchte. Er wusste, dass ich ein Händchen für Zaubertränke hatte und hat mich unter Druck gesetzt, für ihn Nachforschungen anzustellen und Stärkungsmittel herzustellen. Immer und immer wieder, bis zu meiner völligen Erschöpfung. Erst in der Nacht, in der die Potters starben, fand meine Zusammenarbeit mit ihm ein jähes Ende."
Hermine nickte kaum merklich. „Das ist nur schwer vorstellbar für mich. Was wollte er damit bezwecken?"
Seine Augen blitzten auf. „Was denkst du?"
„Ehrlich gesagt weiß ich überhaupt nicht, was ich darüber denken soll. Was ich in den Büchern gelesen habe, ist wirklich mehr als beunruhigend."
„In der Tat", murmelte er zurück, die Kiefer fest aufeinander gepresst.
Hermine seufzte. „Es tut mir leid. Aber hast du mal daran gedacht, Harry oder Dumbledore davon zu erzählen?"
Er verzog die Mundwinkel. „Überleg dir das gut. Du kennst Potter. Wenn du ihn jetzt damit konfrontierst, wird er nicht aufhören, nachzuforschen, bis der ganze Orden davon weiß."
„Wäre das so schlimm?"
„Ich bin mir nicht sicher. Aber ich denke, Albus tut das betreffend alles, was er kann."
„Tatsächlich? Spricht er denn nicht darüber?"
„Ich weiß nur, dass dein Freund noch längst nicht alles weiß, was er wissen sollte."
„Aber wieso?"
„Das liegt allein bei Dumbledore."
„Wie soll ich das verstehen? Ist es nicht wichtig für Harry, die Wahrheit zu erfahren, wenn er etwas gegen Voldemort ausrichten soll?"
„Die Sache ist kompliziert. Dein Freund Potter hat die Neigung, nicht gerade besonders geduldig zu sein. Denkst du nicht, dass er die Sache überstürzen könnte, wenn er alles auf einmal erfährt?"
„Und wenn schon. Es geht schließlich darum, Voldemort ein für alle Mal zu besiegen."
„Exakt. Wir dürfen nicht den Fehler machen, ihn zu unterschätzen. Außerdem könnte es unangenehm werden, wenn er erfährt, was Dumbledore im Schilde führt. Solange der Dunkle Lord glaubt, dass Albus keine Ahnung von seinen Geheimnissen hat, ist das Überraschungsmoment auf unserer Seite."
„Dann weißt du, dass Dumbledore irgendwas vor hat?"
„Es ist offensichtlich. Wo denkst du, geht er hin, wenn er diese Reisen unternimmt? Auch jetzt wird er wieder einige Tage das Schloss verlassen, um das zu tun, was auch immer er tut."
„Ha! Das ist unglaublich. Willst du mir damit sagen, dass du immer noch nicht eingeweiht wurdest?"
„Nicht direkt. Aber aufgrund meiner Vergangenheit mit dem Dunklen Lord kann ich mir denken, was Albus vorhat."
„Und das wäre?"
„Er ist auf der Suche danach."
„Nach einem Horkrux?"
„Nehmen wir einmal an, dem wäre so, dann hätten wir es mit einem kleinen Problem zu tun, denn der Dunkle Lord hat nicht nur einmal getötet."
„Du meinst doch nicht etwa, es könnte tatsächlich mehrere davon geben?"
„Diese Wahrscheinlichkeit besteht."
„Aber – aber das ist ja furchtbar!"
„Was auch immer es ist, es hat ihn unsterblich gemacht. Mit jedem Mord, den er beging, hatte er die Gelegenheit, einen davon zu erschaffen. Also, was denkst du? Wenn wir ehrlich sind, sind die Möglichkeiten, auf den Pfad der Unsterblichkeit zu gelangen, sehr begrenzt. Aber für ihn ist das genau das, was er immer wollte. Er wollte etwas Besonderes sein. Er wollte sich von der Menge abheben. Und er hat es geschafft, sonst wäre es eine Kleinigkeit für jemanden von uns gewesen, an ihn heranzukommen, um ihn zu töten."
„Du meinst, es wäre eine Kleinigkeit für dich gewesen, ihn zu töten", murmelte sie geschockt.
Severus ging nicht darauf ein, als er fortfuhr. „Wie dem auch sei, jedenfalls hat er gemerkt, dass ihn die Prozedur schwächt. Das heißt, dass er einen Weg finden wollte, um wieder zu Kräften zu kommen."
„Geschwächt? Ich habe gelesen, dass es keinen Einfluss auf den Körper des Betreffenden haben soll, so etwas zu tun."
„Es ist schwer, sich das vorzustellen, aber auch die Texte in den Büchern sind unter Umständen unvollständig. Was denkst du, wie viele Menschen je versucht haben, einen Horkrux zu erschaffen?"
„Worauf willst du hinaus?"
Er legte den Kopf schief und sah sie durch seine Strähnen hindurch an. „Beantworte bitte meine Frage."
„Vermutlich nicht besonders viele."
„Genau. So oder so heißt diese körperliche Unversehrtheit noch lange nicht, dass die Person, die den Horkrux von sich erschaffen hat, davon unbeeinflusst geblieben ist. Voldemorts Seele wurde gespalten. Natürlich hat sie das instabil gemacht."
Hermine schauderte. Er aber stand ungerührt auf.
„Es war eine harte Nacht. Ich werd ins Bett gehen und noch etwas schlafen."
Sichtlich bedröppelt nickte sie. „Es tut mir wirklich sehr, sehr leid."
Er seufzte. Dann ging er ohne ein weiteres Wort zur Treppe, die in den ersten Stock hinaufführte. Oben angekommen fiel krachend die Tür ins Schloss.
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Das Schuldbewusstsein nagte schwer an Hermine. Sie konnte nicht einmal mehr sagen, warum sie der Versuchung nachgegeben hatte, das, was hinter der Tür lag, zu erforschen. Beunruhigt hockte sie auf dem Sofa und kaute auf ihrer Lippe herum, bis sie entschied, zu ihm zu gehen.
Seine Schuhe lagen auf dem Boden verstreut, während er, wie ein schwarzer Wall, mit dem Rücken zu ihr gedreht auf dem Bett lag.
Vorsichtig krabbelte sie zu ihm und legte ihre Hand auf seine Schulter.
„Bist du okay?", fragte sie leise.
Er seufzte tief und drehte sich herum, sodass er flach auf dem Rücken lag und den Kopf auf die Arme betten konnte. Dann blinzelte er müde zur Zimmerdecke hinauf.
Hermine zögerte keine Sekunde, um sich an ihn zu kuscheln, ohne dabei sein ernstes, von tiefen Furchen und Schatten überzogenes Gesicht aus den Augen zu lassen.
„Erzähl mir was", forderte sie sanft. „Bitte. Vielleicht können wir dann ja irgendeinen Fortschritt erzielen, der uns beide weiterbringt."
Er nickte wortlos und legte seinen Arm um sie. Völlig unvermittelt begann er zu reden.
„Meine Mutter war eine Hexe. Ich hatte schon früh das Talent, die verschiedensten Dinge zu brauen. Das Problem war nur, dass mein Vater absolut dagegen war. Er hatte nichts mit Magie am Hut. Meiner Mutter und mir war es strickt verboten, zu zaubern."
„Er – er war ein Muggel?", fragte sie erstaunt.
„Ja. Fast niemand weiß davon. Und selbst wenn er ein Zauberer gewesen wäre, denke ich nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hätte. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wir werden es nie erfahren. Jedenfalls kamen wir überhaupt nicht miteinander aus. Aber dadurch, dass ich von meiner Mutter erfuhr, dass ich eines Tages nach Hogwarts gehen würde, um das Zaubern zu lernen, legte ich es darauf an, meine Magie voranzubringen. Ich konnte einfach nicht die Finger davon lassen, also habe ich heimlich daran gearbeitet."
„Dann hast du diese Bücher über Dunkle Magie von deiner Mutter?"
„Ja. Sie gehörte einer alten Zaubererfamilie an und hielt ihre kleinen Schätze vor jedermann verborgen, mit Ausnahme von mir. Eines Tages jagte sie blind vor Wut ein Loch in den Boden des Hauses und erschuf mit geringem Aufwand das Labor."
Ein dünnes Lächeln legte sich über seine fahlen Wangen, das Hermine ein Gefühl davon vermittelte, wie stolz er auf die Handlung seiner Mutter gewesen sein musste, dass sie sich ihrem Mann widersetzt hatte.
„Er hat es nie herausgefunden. Ihre Schutzzauber waren beinahe so gut, wie meine es heute sind."
„Sie muss einige besondere Talente besessen haben", murmelte Hermine in Gedanken.
Er zuckte mit den Schultern. „Mag sein. Aber je länger sie in der Umgebung meines Vaters war, umso mehr schien jegliche Magie in ihr zu schwinden. Er war ein grausamer Mensch, der uns oft mit roher Gewalt eingeschüchtert hat."
Der schmerzhafte Blick, der jetzt in den Tiefen seiner schwarzen Augen lag, ließ Hermine frösteln.
„Warum hast du den Keller nicht mehr geschützt?", fragte sie verwundert. „Ich konnte keinen Zauber finden, der mich davon abhalten sollte, ihn zu betreten."
Severus hob die Hand und fuhr sich damit durch die Haare. „Keine Ahnung. Niemand kommt je hier her, außer hin und wieder Albus und damals Narcissa und ihre Schwester Bellatrix. Er respektiert meine Privatsphäre weitaus mehr, als man meinen könnte, solange ich meine Arbeit mache, versteht sich."
Hermines Blick verfinsterte sich. „Eine Arbeit, die niemand sonst tun würde."
Er drehte den Kopf und sah sie an. „Ich weiß, was du davon hältst."
„Allerdings. Was ich jedoch nicht verstehen kann, ist, wieso er diese Bücher von Hogwarts verbannt hat."
„Um neugierige Schüler davon abzuhalten, auf dumme Gedanken zu kommen, schätze ich."
Hermine rollte mit den Augen und wechselte schnell das Thema. „Somit weiß Dumbledore von deinen Forschungen, die du für Voldemort geleistet hast?"
„Ich wäre ein Dummkopf, wenn ich es vor ihm geheimgehalten hätte. Ich brauche sein Vertrauen. Es war jahrelang der einzige Grund, der mich vor Askaban bewahrt hat. Außerdem war er alleine bereit, mir eine zweite Chance zu geben, sowie eine Arbeitsstelle."
Sie legte die Stirn in Falten. „Da hast du es!"
„Das wird uns nicht weiterbringen, fürchte ich."
Sie seufzte. „Gut. Lass uns weiter machen. Ähm, so wie ich das verstanden habe, war Narcissa Malfoy mit ihrer Schwester hier? Wieso hast du sie nicht einfach ausgesperrt?"
„Sie kennt mich zu lange. Lucius war derjenige, der mich damals willkommen geheißen hat, als mich der Sprechende Hut nach Slytherin schickte. So führte eins zum anderen. Außerdem hätte ich mich verdächtig gemacht, wenn ich sie nicht hereingelassen hätte. Wurmschwanz war eine Weile bei mir, um auf mich aufzupassen."
Sie schluckte. „Pettigrew?"
„Ja."
„Verstehe. Und er hat nichts gefunden? Ich meine, wusste er über den Raum Bescheid?"
„Natürlich hat er herumgeschnüffelt. Aber der Dunkle Lord wusste von meinen Forschungen, die ich für ihn geleistet habe, also konnte er ihm nichts Neues verraten."
Hermine biss sich auf die Lippe. „Wie steht es jetzt damit? Sind wir wirklich sicher hier?"
„Seitdem ich dazu verdonnert bin, dafür zu sorgen, dass Draco sein Ziel erreicht, lässt er mich größtenteils in Ruhe. Dumbledores Tod steht für ihn im Vordergrund."
„Das heißt, er setzt auf dich."
„Ja."
„Und wenn du es nicht tust? Gibt es denn wirklich keine Möglichkeit, den Schwur zu umgehen?"
„Darüber werden wir nicht jetzt sprechen", sagte er streng.
Sie nickte. „Okay. Ich glaube, du hast Recht, andernfalls drehe ich noch durch. Was ist mit den Büchern? Und damit, was sie über die Zerstörung dieser Horkruxe sagen?"
„Das ist das Problem dabei. Zuerst musst du sie einmal finden, denn es könnte alles Mögliche sein. Aber soweit ich sagen kann, ist das genau das, was Albus tut."
„Und Harry hat wirklich keine Ahnung davon?"
„Albus ist auf dem Weg, ihn dorthin zu führen. Versteh mich nicht falsch, wir müssen extrem vorsichtig sein. Niemand hat Beweise dafür, dass er das tatsächlich getan hat. Alles, was ich weiß, beruht auf meinen Forschungen. Oder auf dem, was Albus und ich herausgefunden haben."
„Was könnte er sonst getan haben?"
„Ich habe wirklich keine Ahnung. Für mich schien das der möglichste Weg zu sein. Ich kenne ihn. Schon damals war mir bewusst, dass er jede abstrakte Form der Dunklen Magie in Erwägung ziehen würde, um ihn besonders werden zu lassen. Damit kam die Unsterblichkeit in die engere Auswahl, denn sie würde ihm eine ungeahnte Macht verleihen."
„Was hast du Dumbledore darüber gesagt?"
„Das, was ich in den Büchern gefunden habe."
„Und er hat bis heute gebraucht, um damit etwas anfangen zu können? Harry ist der Auserwählte. Er ist der, der Voldemort töten muss. Wir dürfen ihm diese Informationen nicht vorenthalten."
„Noch einmal. Wir wissen es nicht mit Sicherheit. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass der Dunkle Lord diesen Weg gewählt hat. Was Potter anbelangt, er war ein Kind. Er musste erst einmal aufwachsen und vorbereitet werden. Auch dann, wenn einige glaubten, er selbst wäre der Dunklen Künste mächtig gewesen, weil er es geschafft hat, als Baby den Fluch zu überleben, bedeutet das noch lange nicht, dass er je bereit gewesen wäre, sich ihm zu stellen."
Hermine nickte abwesend. „Nach dem Kampf im Ministerium hat sich viel für Harry verändert. Er hat erkannt, wie es ist, Voldemort gegenüber zu stehen. Seine Kälte, seine Grausamkeit … es hat ihn mitgenommen. Ganz besonders, weil Sirius gestorben ist." Sie biss sich auf die Lippe. „Denkst du, er wird noch einmal versuchen, die Verbindung zwischen ihnen zu nutzen, um mehr Informationen von Harry zu erhalten?"
„Vielleicht. Selbst dann, wenn es ein Risiko für ihn ist, das zu tun, könnte er eines Tages völlig unvorbereitet damit auf den Plan treten. Deshalb müssen wir vorsichtig sein, welche Informationen wir in Potters Hände legen."
Es wurde still zwischen ihnen und Hermine streichelte abwesend seinen Arm.
„Danke, dass du mir das gesagt hast. Es macht jetzt alles viel mehr Sinn. Auch dann, wenn ich es heute nicht verdient habe."
„In diesem Fall muss ich dir Recht geben. Ich kann es mir nicht leisten, mich selbst vor jemandem offen darzulegen, wenn ich mir nicht sicher bin, dass es kein Risiko ist. Andernfalls wäre ich tot."
Hermine biss sich auf die Lippe. Ohne näher darauf einzugehen räusperte sie sich. „Und was machen wir jetzt mit dem Rest des Vormittags?"
„Wie es aussieht, hast du nicht vor, mich schlafen zu lassen", murmelte er träge.
Sie konnte nicht anders, als darüber lachen. „Das hängt ganz davon ab. Aber eigentlich nicht. Nebenbei, wir waren so mit uns beschäftigt, dass wir ganz vergessen haben, dass Weihnachten ist. Also ..." Sie holte tief Luft. „Frohe Weihnachten, Severus."
Er hob eine seiner Brauen. „Ich hatte eigentlich gehofft, dass du das vergisst."
„Ich weiß. Aber das habe ich nicht. Nicht gänzlich."
Er rollte mit den Augen. Dann richtete er sich auf, um ihr einen Kuss zu geben. „Wie stehen meine Chancen, dass du auf eine Fülle an Geschenken verzichtest, wenn ich bereit bin, dich erst morgen nach Hogwarts zurück zu bringen?"
Sie lächelte sanft zu ihm hinauf. „In Anbetracht der Umstände, dass ich uns den Aufenthalt hier gehörig versaut habe, sehr gut."
Er nickte knapp. „Gut. Frohe Weihnachten. Übrigens, ich glaube, unten im Wohnzimmer steht eine Kleinigkeit für dich."
Hermine setzte sich auf. „Tatsächlich? Gibt es hier irgendwas, was ich noch nicht erforscht habe?"
Ein gebrochenes Lächeln erschien auf seinen dünnen Lippen. „Du bist in meinem Haus, deshalb gehe ich schwer davon aus. Aber wenn du der Sache auf den Grund gehen willst, solltest du nach unten gehen und nachsehen."
Hin- und hergerissen sah sie ihn mit großen Augen an. „Kommst du ohne mich klar?"
Er nickte. „Ich hoffe, du magst ihn. Schließlich habe ich ihn selbst ausgesucht; und das will was heißen ... Obwohl ich der Fairness halber zugeben muss, dass mir die Elfen geholfen haben."
Fast platzend vor Neugierde beugte sie sich über ihn und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. „Ich bin gleich zurück."
Severus gähnte verhalten und so löste sie sich von ihm los und rannte die Treppe hinunter. Kaum hatte sie das Wohnzimmer erreicht, sah sie ihr Geschenk in voller Pracht neben dem Kamin aufragen: es war groß, grün und prächtig geschmückt. Für Hermine aber war es einfach der schönste Weihnachtsbaum, den sie je zu Gesicht bekommen hatte.
