Fallen from grace
Kapitel 34
Friedensangebote
„Ich hätte das vor Ron nicht sagen sollen, das weiß ich." Harry holte Luft und kratzte sich am Kopf. „Wir könnten uns ja einen Versöhnungsabend machen, nur wir zwei. Ich tu alles, was du verlangst – oder fast alles …"
Hermine blinzelte und ließ einen Stapel Blusen und Shirts auf sein Bett fallen, den sie mitgebracht hatte, um Harry nach seiner Meinung zu fragen, denn das war er ihr schuldig, ganz gleich, was er von Severus Snape halten mochte. Oder hatte sie vielleicht nicht immer zu ihm gehalten, obwohl ihn alle anderen bezichtigt hatten, beim Trimagischen Turnier mitmachen zu wollen? Ebenso wie damals, als kaum jemand glauben wollte, dass Voldemort zurückgekehrt war. Doch dass diese versöhnlichen Worte nun ausgerechnet von ihm kamen, überraschte sie dermaßen, dass sie ihr kleines Anliegen auf später verschieben wollte.
„Ich kann heute nicht, Harry", sagte sie leise. „Severus hat Geburtstag, da wollte ich sehen, ob ich mich später vielleicht noch mal in die Kerker schleichen kann, bevor er ganz allein da unten sitzt und Trübsal bläst. Ein andermal gern."
Er rang die Hände. Offenbar hatte er seine Mühe, sein sich beim ausgesprochenen Vornamen des Professors aufbäumendes Temperament im Zaum zu halten. „Das war ja wieder mal klar", murmelte er zurück und sank ächzend auf sein Bett nieder. „Obwohl Snape sich so benommen hat, rennst du ihm hinterher."
„Was soll das bitteschön heißen?"
„Nur dass du was Besseres verdienst als diesen komischen Kauz."
„Sag das nicht in diesem abfälligen Ton. Du kennst ihn nicht so, wie ich ihn kenne. Es war nie die Rede davon, dass ich dich einweihe. Klar nimmt ihn das mit. Und es dann noch von Dumbledore zu erfahren, na ja, das ist keine Kleinigkeit ..."
Harry hüstelte. „Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass ich mit dir tauschen möchte. Aber wenn du lieber zu ihm gehst, als mit mir abzuhängen, muss ich das wohl akzeptieren."
Sie schüttelte den Kopf. „Sehr witzig. Du weißt genau, dass das nicht so leicht für mich ist."
„Eben. Drum verstehe ich auch nicht, wie du dich mit ihm einlassen konntest."
Hermine verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen einen Bettpfosten seines Himmelbetts. „Es ist eben einfach passiert", sagte sie ernst. „So wie du auf Ginny stehst und nichts dagegen unternehmen kannst, außer es vielleicht unterdrücken."
„Das ist was ganz anderes", protestierte er mit den Armen fuchtelnd.
„Nein, finde ich nicht. Aber das hatten wir schon mal, Harry. Hör gefälligst auf zu schmollen! Sag mir lieber, was ich anziehen soll."
Er runzelte die Stirn. „Ich hab mich schon gefragt, was du mit dem ganzen Zeug willst. Glaubst du wirklich, das hilft, ihn rumzukriegen, dass er dir verzeiht, dass er ein Arsch ist?" Abschätzig ließ er seinen Blick über ihre Klamotten schweifen und zuckte dann mit den Schultern. „Wie wäre es mit deiner Schuluniform? Wie es aussieht, steht der Kerl auf so was."
Entrüstet schnappte Hermine sich die erstbeste Bluse, die sie greifen konnte, und knallte sie ihm um die Ohren. „Ich sag das jetzt zum letzten Mal, Harry, das ist nicht komisch! Du schuldest mir was, also hör gefälligst auf, so doof zu grinsen, und hilf mir."
Er räusperte sich und machte ein erzwungen ernstes Gesicht, das nur entfernt an die strenge Miene ihres Professors erinnerte. „Besser so?"
Hermine kniff finster die Brauen zusammen. „Nicht ganz. Aber wenn du so weitermachst, schaffst du es bestimmt, unsere Versöhnung zu ruinieren." Erschöpft ließ sie sich neben ihn auf das Bett fallen und seufzte. „Du weißt, wie wichtig er mir ist. Wäre es da wirklich zu viel verlangt, dich um einen Hauch Feingefühl zu bitten?"
Harry sah sie mit deutlichem Unwohlsein im Blick an. „Und wie soll ich das anstellen? Seit Snape und ich uns kennen, hassen wir uns. Wahrscheinlich hat er mich sogar schon davor gehasst. Außerdem bin ich nicht gerade ein Experte, wenn es um Mädchenkram geht. Frag doch einfach Ginny."
Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Ich bin ziemlich durcheinander, Harry. Mir macht das alles Angst. Irgendwo in mir drin hoffe ich, du weißt, wie schwer es ist, zwischen euch zu stehen."
„Jaah, schon kapiert."
„Gut. Ich habe es nämlich satt, ständig um das Leben der Menschen zu fürchten, die mir wichtig sind."
Harry wippte nachdenklich mit dem Kopf. Dann räusperte er sich. „Das ist echt merkwürdig. Ich würde dich trotzdem gern was fragen, nur um damit klarzukommen."
„Hmm?"
„Wie lange geht das schon so mit euch? Ich meine, ähm, du bist gerade mal siebzehn und er …"
Sie nickte abwesend. „So sieht es aus."
„Also? Wie lange?"
Es hatte wohl keinen Sinn, es vor ihm zu verschweigen, dachte sie bitter. Nachdenklich überwand sie sich, es ihm zu sagen. „Erinnerst du dich noch daran, als Umbridge im letzten Schuljahr in sein Klassenzimmer kam und diese Befragung durchgeführt hat? Jedenfalls fing es kurz davor an. Sie hatte alle Lehrer auf ihrer Liste. Du kannst dir nicht vorstellen, wie angespannt die Situation für uns war. Wenn sie Severus rausgeworfen hätte, dann … ich weiß auch nicht, aber dann wäre er vielleicht nicht mehr hier aufgekreuzt und stattdessen in Askaban gelandet."
Harry sah sie eine ganze Weile lang schief an. „Das ist ewig her. Und du hast es die ganze Zeit über keinem gesagt?"
Sie schüttelte den Kopf. „Siehst du jetzt, wie wichtig es für mich ist, dass ich mit jemandem darüber reden kann? Du bedeutest mir unheimlich viel, Harry. Sonst hätte ich es dir nicht gesagt."
„Schön. Ähm, was ich da vor Ron ausgeplaudert hab, war echt mies von mir."
„Nicht gerade eine Glanzleistung", pflichtete sie ihm ernst bei. „Aber so wie ich ihn kenne, wird er es schon längst wieder vergessen haben."
Harry setzte ein zaghaftes Grinsen auf. „Tja, also, nachdem du heute sowieso keine Zeit für mich hast, sollte ich besser zusehen, dass ich Slughorn irgendwo finde. Dumbledore hat mir aufgetragen, an ihm dranzubleiben, um diese Erinnerung von ihm und Riddle zu bekommen."
„Du meinst, die Version, an der er nicht rumgepfuscht hat?"
Er nickte. „Ja. Wer hätte ihm das zugetraut!"
Hermine zuckte hilflos die Schultern. „Keine Ahnung. Ich denke, dass er sich einfach sehr dafür schämt, was er Riddle gesagt hat."
„Genau das hat Dumbledore auch gemeint."
„Dann solltest du an ihm dranbleiben. Vielleicht ist das der Schlüssel, nach dem Dumbledore die ganze Zeit über gesucht hat."
„Wäre durchaus möglich. Ich sollte los. Wir sehen uns dann." Er seufzte niedergeschlagen und stand auf. „Wegen Snape … ach, vergiss es."
Ohne ein weiteres Wort schlich er mit den Händen in den Hosentaschen davon. Hermine blickte ihm kopfschüttelnd nach, bis er durch die Tür verschwunden war. Dann suchte sie unverrichteter Dinge ihre Klamotten zusammen und flitzte zurück in ihren Schlafsaal.
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„Nun, ich hatte gehofft, du könntest mir erklären, was der absolut durchgeknallte Auftritt in deinem Klassenzimmer sollte", begann Hermine, als sie im Türrahmen zu Professor Snapes Büro stand. Zwar konnte sie es sich denken, war jedoch nicht sicher gewesen, wo sie anfangen sollte, schließlich war heute sein Geburtstag. So oder so mussten sie darüber reden, wieso er sie und Harry im Unterricht vor versammelter Mannschaft derart fertig gemacht hatte.
Severus legte schlecht gelaunt den Kopf schief und blickte auf sie hinunter. „Möchtest du rein kommen?", fragte er forsch. „Natürlich möchtest du das, weil es sich nicht gehört, mir in aller Öffentlichkeit solche Fragen zu stellen."
Ohne auf eine Reaktion von Hermine zu warten, packte er sie unsanft an der Schulter und schob sie ins Innere seines Büros. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss und verriegelte sich mit einer Vielzahl an klickenden Schlössern und Zaubern von selbst. Anscheinend hatte er seine Sicherheitsvorkehrungen noch einmal erhöht.
„Also", begann er dann mit eng zusammen gepressten Lippen, während er zu seinem Schreibtisch hinüber schwebte, dann blitzartig herumfuhr, sich dagegen lehnte und steif die Arme vor der Brust verschränkte. „Ich höre?"
Hermine kam näher und blickte ihn verdutzt an. „Ähm, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll …" Sie setzte ein unsicheres Lächeln auf. „Alles Gute zum Geburtstag, Severus."
Er zeigte keine Reaktion, sondern sah sie einfach nur finster an. „Bist du deshalb gekommen?"
Irritiert starrte sie in seine stechenden Augen. „Na ja, für mich ist das alles genauso kompliziert wie für dich, oder etwa nicht?"
Ein sarkastisches Schnauben entfuhr ihm. „Wirklich sehr rührend. Ich glaube nicht, dass du dir auch nur im Entferntesten vorstellen kannst, wie es für mich war, von Albus in sein Büro bestellt zu werden, um von ihm zu erfahren, dass du vor Potter getratscht hast. Jede Unterhaltung dieser Art ist eine von denen, auf die ich getrost verzichten kann. Es ist entwürdigend und –"
Hermine klemmte ihre Lippe zwischen die Zähne. „Da irrst du dich, Severus. Ich habe keinen anderen Weg gesehen, als es ihm zu sagen. Stell dir mal vor, was passieren könnte, wenn du seinen Schulleiter tötest, der wie ein Vater für ihn ist. Was glaubst du, Severus, würde dann erst geschehen?"
Er schluckte und wandte den Blick ab, sodass ihm etliche seiner Strähnen vors Gesicht fielen. "Ich weiß es nicht."
"Siehst du?", fragte sie sanft. „Ich musste etwas tun. Nur deshalb habe ich es ihm gesagt, weil er derjenige ist, der Voldemort töten muss. Es hängt so viel von ihm ab, dass es ihm zusteht, alles zu erfahren."
Er sah sie lauernd durch seine zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen an. „Das garantiert uns noch lange nicht, dass wir heil aus dieser Sache herauskommen werden. Im Gegenteil, jedes nach außen durchdringende Detail könnte eine weitere Gefahr darstellen."
„Ich weiß", stimmte sie leise zu, erschüttert über die Gleichgültigkeit, die in seiner Stimme mitschwang, als wäre längst alles verloren. „Aber es ist ein Anfang. Wenn Harry weiß, warum du das tust, hat er eine Chance, es vielleicht irgendwann zu verstehen."
Severus brummte tief vor sich hin. "Er hätte es nie erfahren sollen. Du hattest kein Recht dazu, mir diese Entscheidung abzunehmen. Nur Albus und ich wussten davon – aus gutem Grund. Wir brauchen keine weiteren Mitwisser, die uns dazwischenfunken."
"Dann geht es dir also darum? Du denkst, wir sind nicht in der Lage, das für uns zu behalten?"
"So einfach ist das nicht."
Sie stöhnte auf. "Ganz recht. Ich liebe dich, Severus. Ich dachte, das hätten wir geklärt. Das heißt, ich werde dich bestimmt nicht aufgeben, nur weil Dumbledore sich diesen verfluchten Ring an den Finger gesteckt hat."
"Das ist noch längst nicht alles, wie du weißt", äußerte er leicht spöttisch.
"Richtig. Auch nicht wegen Draco." Ein leises Schnauben entfuhr ihm, doch sie ließ sich davon nicht beeindrucken. "Severus, bitte … du darfst die Hoffnung nicht aufgeben." Vorsichtig machte sie einen Schritt auf ihn zu und legte ihre Hand auf seinen Arm. "Wäre es dir tatsächlich lieber, wenn Harry dich dafür hasst, was du im Begrifft bist, zu tun?"
Severus nahm sie fest entschlossen bei den Schultern. "Das tut er so oder so. Und andersherum ist es genauso."
Hermine spürte, dass ihre Augen brannten. Der Ausdruck auf seinem zerfurchten Gesicht war so hart und unnachgiebig, dass es ihr Angst machte. "Aber so muss es doch nicht sein! Du weißt, wie viel Dumbledore ihm immer bedeutet hat. Das heißt, dass er dir den Mord an ihm nie vergeben würde."
"Das habe ich auch nicht geglaubt", sagte er ernst.
Sie zog betreten die Nase hoch. Zeitgleich streckte er die Hand aus und umfasste sanft ihr Kinn.
"Du kannst nicht erwarten, dass sich deswegen alles ändern wird."
"Das weiß ich. Aber ich muss es wenigstens versuchen. Ich würde alles tun, um das zu verhindern, was dir bevorsteht, wenn ich nur wüsste, wie ich es anstellen soll."
Er beugte sich über sie und lehnte seinen Kopf an ihre Stirn. "Das kannst du nicht", murmelte er, die Stimme rau von unterdrückter Wehmut.
Hermine fühlte sich hilflos, obwohl sie die vertraute Nähe zu ihm spürte. Sie blinzelte ergriffen in sein Gesicht und sah, dass er die Augen schloss. Tief in ihr konnte sie erahnen, wie schwer es für ihn war, sie zu verstehen. Dennoch rechnete sie ihm an, dass er bereit war, es zu versuchen, anstatt weiter auf sie wütend zu sein, wie er es bis vor wenigen Minuten noch gewesen war. Alleine diese Veränderung war ein großer Fortschritt für den sonst so unberechenbaren Professor.
"Wir brauchen erst mal diese Erinnerung von Slughorn, dann sehen wir weiter", sagte sie, felsenfest davon überzeugt, dass sich irgendwann oder irgendwo eine bisher ungeahnte Lösung auftäte.
Severus erwiderte nichts dazu. Er trat hinter sie, legte langsam die Enden seines Umhangs um ihren Körper und drückte sie an sich. „Ich muss gestehen, dass ich dich vermisst habe. Diese Stunde in meinem Klassenzimmer war eine der schlimmsten in unserer gemeinsamen Geschichte."
In der Hoffnung, ihr wild schlagendes Herz beruhigen zu können, klammerte sie sich an seinen Armen fest und rieb ihre Wange an dem vertrauten schwarzen Stoff seines Umhangs. Wenigstens darin waren sie sich einig.
