Kapitel 15 – Ich bin nur ein Mensch, Harry, und nicht perfekt

„Ich verstehe immer noch nicht, warum du nicht Severus oder mich bei dir sein lässt", grummelte Draco, als er und Harry die Korridore zum McGonagalls Büro entlang liefen.

Weil keiner von euch seinen Zorn über das, was mir passiert ist, kontrollieren kann. Ich befürchte, dass ihr sein Portrait verhext, bevor er eine Chance hat zu erklären", erwiderte Harry.

„Kann ich wenigstens vor der Tür auf dich warten. Oder wäre das zu störend?", spottete Draco. Harry stoppte sofort und zog Draco in seine Arme.

Ich fände es sehr schön, wenn du auf mich warten würdest", lächelte Harry und küsste Draco kurz auf die Lippen. Draco schmolz ein kleines bisschen dahin.

„Schön, ich werde warten. Aber ich muss es nicht mögen", meinte er und stieß Harry gegen die Brust.

Das dachte ich auch nicht", grinste Harry. Sie kamen beim Wasserspeier zum McGonagalls Büro an und Draco sah ihn an.

„Harry ist hier, Professor", sprach er. Der Wasserspeier bewegte sich zur Seite, um die sich bewegende Treppe freizugeben. Mit einem weiteren Kuss für Draco stieg Harry hinauf.

Draco beschwor einen Stuhl herauf und setzte sich, um zu warten. Er war sich nicht bewusst, dass ihn jemand aus den Schatten beobachtete.

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„Einen schönen Nachmittag, Harry. Ich gehe davon aus, dass er bisher angenehm war?", fragte Professor McGonagall als er den Raum betrat.

Er war ziemlich ereignislos, erwiderte Harry. Jemand hinter ihm räusperte sich. Er drehte sich um und sah Professor Dumbledore, der ihn aus seinem Portrait anstarrte.

Professor, nickte Harry.

„Nun. Ich werde euch allein lassen. Albus, benimm dich", meinte McGonagall, während sie aufstand. Sie verließ das Zimmer und eine seltsame Stille breitete sich darin aus.

„Harry, ich weiß ehrlich nicht, was ich sagen kann, um es wieder gut zu machen", seufzte Dumbledore.

Warum haben Sie mich an diesen Ort zurückgeschickt? Es wäre mir völlig gut gegangen, wenn ich am Grimmauldplatz oder hier in Hogwarts geblieben wäre."

„Ich habe zu der Zeit ehrlich gedacht, dass es das Beste sei, was ich für dich tun könnte."

Wie oft habe ich Sie in den ganzen Jahren angefleht, mich nicht dorthin zurück zu schicken, als das Schuljahr endete? Nicht ein einziges Mal haben Sie auf mich gehört."

„Ich bedauere mehr als du denkst, dass ich nicht auf dich gehört habe."

Aber warum?"

„Harry, als deine Mutter starb, war dies ein großes Opfer dir zugunsten, damit du weiter leben würdest. Ich habe dir von der Schutzmagie erzählt, die auf dich gelegt wurde, aber ich habe dir nicht die ganze Geschichte erzählt. Diese Schutzmagie sollte dich vor Schaden bewahren, sowohl magischem als auch von Muggeln verursachten, so lange der Ort, an dem du dich aufhältst von dir als Zuhause bezeichnet werden kann. Ich verstehe nun, dass du niemals von den Dursleys als dein Zuhause gedacht hast. Und ich bedauere es sehr, dies nicht früher gesehen zu haben, sonst hätte ich dich schon vor langer Zeit aus dieser Situation befreit."

Das erklärt immer noch nicht, warum Sie mich jetzt zurückschickten. Warum jetzt? Voldemort ist tot und kann mir nichts mehr anhaben. Die Auroren verfolgen alle Flüchtigen. Es wäre für mich in Ordnung gewesen bei den Weasleys oder bei Remus zu bleiben."

„Diese Schutzmagie, so alt wie sie ist, sollte bis zu deinem sechzehnten Geburtstag aktiv bleiben. Dies ist der Grund, warum ich dich immer zurückschickte. Ich war versichert, dass du vor Schaden sicher bleiben würdest, dass niemand in der Lage sein würde die Zauber zu übertreten, um dich zu verletzen."

Mein Onkel brauchte keinen Vorwand. Er hasst mich von dem Tag an, als ich auf seiner Türschwelle landete", seufzte Harry und ließ seinen Kopf zwischen seine Hände fallen.

„Es tut mir leid, Harry. Wenn ich die Chance hätte, es ändern, würde ich sie ergreifen. Aber du hast in deinem dritten Jahr gesehen, wie verzwickt die Zeit sein kann. Ich gebe es zu: Ich bin nur ein Mensch, Harry, nicht perfekt. Ich habe meine Mängel, genau wie du, wie Severus, sogar Draco. Ich war blind für alles außer zu sehen, dass Voldemort wahrhaftig von unserer Welt verschwunden ist, sodass wir in Frieden leben können. Und mit einem großen Preis, den du zahlen musstest, wurde es geschafft. Ich hoffe, dass du eines Tages einem alten Mann für seine Mängel vergeben kannst."

Harry sah erneut auf und sah, dass Dumbledore leicht weinte. Eigene Tränen füllten seine Augen.

Ich werde es versuchen. Es wird schwer sein, aber ich werde es versuchen."

„Das ist alles, worum ich dich bitten kann", nickte Dumbledore. Er atmete tief durch, um sich selbst unter Kontrolle zu bekommen und sein Gesicht wurde ernst. „Und nun, Harry. Da gibt es etwas, was du wissen solltest." Harry setzte sich in seinem Stuhl gerade hin.

Was ist es?"

„Du solltest ein Auge auf Draco haben, immer. Ich fürchte, dass jemand versuchen könnte ihn zu verletzen, um an dich heranzukommen oder umgekehrt."

Todesser?", fragte Harry.

„Es ist schwer zu sagen. Aber ich fühle ihren Hass. Ich bin mir nur unsicher, ob er gegen dich oder ihn gerichtet ist."

Immer wachsam, wie Moody gern sagte", nickte Harry.

„Versprich mir nur, dass du, wenn etwas passiert, einen Erwachsenen um Hilfe bittest. Ich will, dass du das, was von deiner Teenagerzeit übrig geblieben ist, genießt, bevor du der Welt als Erwachsener gegenüber trittst."

Sir, nichts für ungut, aber ich bin schon seit sehr langer Zeit kein Kind mehr. Ich wüsste im Moment nicht einmal, wie ich eines sein soll", meinte Harry. „Ich sollte jetzt gehen. Draco wartet auf mich und er tendiert dazu sehr schnell die Geduld zu verlieren."

„Komm mich besuchen, wann auch immer du das Bedürfnis verspürst zu reden."

Das werde ich Sir. Danke." Harry stand auf und ging. Dabei fühlte er sich, als hätten er und Dumbledore nicht wirklich irgendetwas geklärt.

Als er den Fuß der Treppen erreicht hatte, war Draco nicht mehr dort, wo er ihn verlassen hatte. Ein lautes Stöhnen erreichte seine Ohren und er beeilte sich der Sache auf den Grund zu gehen. Er fand Draco hinter einer Ritterrüstung auf der rechten Seite des steinernen Wasserspeiers. Der Blonde war bewusstlos und ein kleines Rinnsal Blut lief an der Seite seines Gesichtes herunter. Harry ließ ihn schnell auf eine Trage schweben und brachte ihn zum Krankenflügel. Dabei bemerkte er nicht die finstere Visage, die ein ganzes Stück hinter ihm schwebte.

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Das war knapp gewesen. Die Person hinter Harry blickte düster. Es war die perfekte Möglichkeit gewesen Rache auszuüben. Draco war im Korridor allein gewesen. Es war ein einfach eine Sache von sich hinter ihm anschleichen und ihn wegzuziehen. Draco hatte k.o. geschlagen und gefesselt so süß ausgesehen und sein Angreifer war von ihm wie gebannt. Aber die Zeit war davongelaufen und viel zu zeitig war Harry zurückgekehrt, bevor die Gerechtigkeit ausgeübt werden konnte.

Frust fraß an dem dunklen Herz, das im Inneren schlug.

Ich werde dich noch bekommen, Malfoy. Dein geschätzter Potter wird nicht immer da sein.

Eine Hand streichelte den bedeckten Bauch, wo Dracos Name versteckt war. Die Schule würde wieder beginnen und es würde reichlich Möglichkeiten geben, dem Feind nahe zu kommen.

Ich werde den rechten Augenblick abwarten. Aber bald … bald werde ich das haben, das mir zusteht.