Kapitel 3: Diese Entscheidung wird Konsequenzen tragen
Im einen Moment noch sitze ich in einem mir unbekannten Auto, an einem mir unbekannten Ort, und klammere mich an Chloes Hand, als wäre sie das Einzige, was mich noch vor dem Ertrinken bewahrte.
Im nächsten spüre ich ihre Lippen auf den meinen. Chloe hüllt mich ein in ihre Wärme, ihre Arme pressen mich wie verzweifelt an sie. Ich fühle mich, als könnte ich jeden Augenblick mir ihr verschmelzen und eins werden, ihr Duft ist überall um mich herum.
Das Gefühl scheint zunächst überwältigend, doch nicht in einer Million-Trillion Jahren würde ich es als ‚unangenehm' beschreiben.
Sie muss meine überraschte Reaktion bemerkt haben, da sie schließlich halbherzig von mir zurückweicht. Ihre Wangen zeigen klare Spuren von Tränen und es braucht keinen Spiegel, um festzustellen, dass meine den ihren in nichts nachstehen.
Chloe sucht meinen Blickkontakt mit den Augen. „Max?"
„I-ich bin's. Das andere Ich."
„O.K." Sie lässt etwas unbeholfen von mir ab. „'Tschuldige. Wir haben angefangen und… konnten irgendwie nicht wieder aufhören."
„Das… ist schon in Ordnung."
Der Geschmack und das Gefühl ihrer Lippen verweilen noch immer auf meiner Zunge. Sie beide entfachen in mir die Erinnerung an einen anderen Kuss. Einen aus einer anderen Zeit, in einem Moment der Verzweiflung.
Ich weiß nicht, was sie ein meinem Gesicht zu erkennen scheint, doch sie dreht sich von mir weg, als könne sie den Anblick nicht ertragen. Ich bin gegen die Motorhaube eines silbernen Autos gelehnt, wahrscheinlich dasselbe, in dem wir eben noch saßen. Mir gegenüber und einige Meter weiter stehen ein paar Parkbänke, ein Geländer und vereinzelte Bäume. Jenseits des Geländers erstreckt sich ein sanft hügeliges Tal im sonnigen Morgenlicht zusammen mit einem kleinen, verschlafenen Städtchen ganz in der Nähe. Keinen blassen Schimmer, wo zur Hölle wir sind.
Ihr Rücken ist mir noch immer zugewandt, Chloe atmet tief und mit einem Schaudern durch.
„Hier." Sie dreht sich zu mir um und reicht mir ein Handy, um das ein Paar Kopfhörer gewickelt ist. „Deins. Du bist gerade erst mit der Aufnahme fertig geworden, du solltest sie dir anhören. Ich… ich brauche 'nen Augenblick für mich alleine."
Sie begibt zum Geländer und lehnt sich mit den Ellbogen darauf, umschlingt ihren Oberkörper mit beiden Armen. Auch wenn sie die ganze Zeit über ruhig bleibt, so kann ich doch erkennen, wie ihre Schultern beben unter leisen Schluchzern.
Ich muss den schweren Kloß in meinem Hals herunterschlucken. Ich fummle einen der Kopfhörer in mein Ohr und berühre den Handybildschirm. Es öffnet sofort zur Aufnahme-App und zeigt eine frisch abgespeicherte Audiodatei an.
Play.
Nach einigen Sekunden ist meine eigene Stimme zu hören, klamm und rau.
„Hi, Max. Ich bin's. Max aus der Vergangenheit. Jup, fünf Monate später und Zeitreise klingt immer noch völlig bekloppt.
„Also… ich werde nun jeden Augenblick verschwunden sein. Ich hatte lange Zeit große Angst davor, weißt du? Ich wünschte, ich könnte behaupten, jetzt nicht mehr, aber es ist noch immer verdammt gruselig. Jetzt gleich jeden Moment wird dieser Mensch, zu dem ich wurde, einfach aufhören zu existieren. Ich versuche mir noch ständig einzureden, dass es unmöglich genauso schlimm sein kann wie Sterben, aber…"
Ein Schniefen. Ein kurzes Kichern. „Oh Gott, klingt das alles depri. Ich sollte wohl besser meine Klappe halten. Ich weiß, du musst dich auch so schon fühlen wie der letzte Arsch. Ich bin dankbar für was du getan hast, musst du wissen, und das hier ist nun mal der Preis, den wir dafür zahlen. Und mal abgesehen davon… bei manchen meiner Erinnerungen ist es wahrscheinlich sogar besser, wenn sie in Vergessenheit geraten…
„Ich nehme das hier auf, damit ich dir vorher noch die halbwegs richtige Richtung weisen kann. Die Details findest du im Tagebuch, also ließ es dir möglichst bald durch.
„Also… ich kann nicht wissen, wie es für dich gelaufen ist, aber hier drüben war es nicht gerade einfach für uns. Die Kräfte nie wieder anzurühren war keine Option. Ich habe einige fragwürdig Dinge getan, von denen ich nie vermutet hätte, dass ich dazu imstande wäre, und du wirst Dinge über dich selber erfahren, die dich vielleicht zunächst abschrecken werden. Aber bitte glaub mir, wenn ich sage: Sie sind alle notwendig. Sie sind alle zu Chloes und auch deinem eigenen Besten. Alles ist so wie es sein muss, da jede Alternative so unwahrscheinlich viel schrecklicher wäre…
„Ich weiß leider nicht, wie viele Fähigkeiten du beibehalten wirst, sobald du übernimmst. Wer weiß, vielleicht musstest du ja die Apokalypse höchstpersönlich abwehren und bist deshalb sowieso viel besser. Wie auch immer, hier ein paar grundlegende Dinge:
„Du kannst einigermaßen gut mit Handfeuerwaffen umgehen, bist aber alles andere als ein Meisterschütze. Wenn es zu Handgemengen oder zum Nahkampf kommen sollte, bist du ziemlich aufgeschmissen. Also ganz genau genommen trifft es ‚hoffnungslos unbrauchbar' viel eher, aber die Zeitreisekräfte machen das zum Glück mehr als wieder wett.
„Du kannst die Zeit mittlerweile für gute drei bis vier Stunden am Stück kontinuierlich zurückspulen. Super-schnell, super-langsam, wie auch immer du magst. Am besten, du übst einfach weiter und versuchst die Dauer möglichst noch weiter zu strecken.
„Ach ja, ich nenne es ‚Kontinuierliches Zurückspulen', wenn du währenddessen an Ort und Stelle bleibst, im Gegensatz zu einem ‚Komplettneustart', bei dem du im wahrsten Sinne des Wortes alles, inklusive dir selber, wieder zurück auf Anfang setzt. So wie es uns am allerersten Tag im Klassenzimmer passiert ist, wie du dich bestimmt erinnerst. Das ist seitdem noch öfters vorgekommen, ich weiß nur leider noch immer nicht, wie ich es kontrollieren soll, aber irgendwie muss es einfach möglich sein…
„Darüber hinaus bist du auch noch in der Lage, dich ein Stück weit zu bewegen, während du die Zeit um dich herum zum Stillstand bringst. Das ist zwar immer noch unfassbar anstrengend, aber trotzdem auch umso hilfreicher. Das ist eine Sache, die ich noch unbedingt verbessern will. Oder vielmehr… wollte.
„Und vielleicht wäre es auch noch erwähnenswert, dass du aus irgendeinem unerfindlichen Grund die Zeit ums Verrecken nicht verlangsamen kannst, während sie dabei noch immer vorwärtsläuft, was doch irgendwie merkwürdig ist, nicht wahr?
„Und dann hätten wir da noch die Visionen. Die können tierisch nervtötend werden, falls du gerade dabei sein solltest, irgendwas Wichtiges zu machen. Sie passieren einfach immer mal wieder, kein Schimmer wo, wann oder auch nur wie. Manchmal dauern sie weniger als eine Sekunde und sind dann sofort wieder vorbei, manchmal erwischen sie dich auch eiskalt gleich für mehrere Minuten. Erfahrungsgemäß ist das, was du siehst, in Stein gemeißelt und kann schlichtweg nicht verändert werden, also bereite dich stattdessen lieber darauf vor. Das ganze wäre auch um einiges hilfreicher, wenn sie nur nicht immer gleich so höllisch wehtäten…
„Und wo wir schon beim Thema Schmerz sind, Migräne hast du nach wie vor sehr häufig, aber Nasenbluten immerhin nicht mehr so oft und du wirst auch viel seltener gleich bewusstlos davon. Eigentlich nur noch dann, wenn du es mit den Zeitreisen wirklich übertreibst. Also am besten gehst du einfach sicher, dass Chloe in der Nähe ist, wann immer du trainierst. Es kann mitunter recht kompliziert sein, die ganze Zeitlogistik im Auge zu behalten, aber ihr werdet schon klarkommen. Sie ist es inzwischen gewohnt…
„Chloe und ich… wie soll ich es anders sagen… wir sind zusammen. Also richtig ernsthaft zusammen. Hoffnungslos ineinander verknallt. Sie wird daher wahrscheinlich einige Schwierigkeiten haben, sich entsprechend umzustellen, kann ich mir vorstellen. Nimm es einfach nicht persönlich, O.K.? Sie liebt dich so abgrundtief, ich… ich kann es gar nicht richtig in Worte fassen…"
Die Stimme wird wieder brüchig. Ein Schniefen, dann schwere Atemzüge. „Ich weiß, du wirst eines Tages dasselbe für sie empfinden … und ich kann dir versprechen, du wirst es auch nicht bereuen…"
„Alter, wehe dir, falls du vergessen solltest, wie ich dich zur Lesbe gemacht hab', Caulfield!"
„Oh mein Gott, ab zurück in deine Ecke, du Hasenohr! Das hier sollte privat sein."
„Ist ja gut, ist ja gut."
„Oh Mann…
„Hör zu, was auch immer du tust, kümmre dich ja gut um sie, verstanden? Es geht ihr… besser, mittlerweile. Sie nimmt jetzt Medikamente… Antidepressiva. Pass ja auf, dass sie sie auch täglich nimmt. Ich selber hatte auch zeitweise damit angefangen, sie dann aber wieder abgesetzt, weil sie aus irgendeinem Grund die Kräfte durcheinanderbringen. Es war… echt nicht lustig manchmal. Chronische PTBS und wie diese ganzen dummen Buchstaben auch immer heißen mögen. Wir hätten es wahrscheinlich nicht gepackt, wenn wir uns nicht gegenseitig gehabt hätten. Sie hat schon mehr als genug von meinem Scheiß mitmachen müssen, also tu ihr jetzt bloß nicht unnötig noch mehr weh, kapiert?
„Gott, was rede ich da eigentlich? Du bist ich! Bestimmt wirst du dich bald ganz genau wie ich dabei erwischen, wie du sie abgöttisch verehrst und wie ein Depp anschmachtest die blöde Kuh…
„Ach ja, übrigens, wegen deiner Kräfte: Mit Sicherheit wirst du dich von Zeit zu Zeit versucht fühlen, etwas vor ihr zu verheimlichen. Um sie zu beschützen, um irgendeinem blöden Streit aus dem Weg zu gehen oder sonst was. Versuch es einfach gar nicht erst. Riesen Neuigkeit: Wir sind beschissen darin, Chloe anzulügen, und ich möchte wetten, sie hat auch irgendeinen siebten Sinn für uns, Max. Sie merkt es jedes Mal—und ich meine es ernst: Jedes einzelne, verdammte Mal, ich schwör's dir. Also bleib mit ihr einfach gleich bei der Wahrheit, teile die Last, erzähl ihr alles. Du wirst dankbar sein, dass du es getan hast, und es wird sie schon nicht umbringen…
„Was noch? Ah ja, stimmt. Was auch immer es mit diesem bescheuerten Hokus-Pokus-Tornado auf sich hatte, scheinbar war das eine einmalige Angelegenheit. In den vergangenen paar Monaten habe ich die Raumzeit zu 'ner Brezel und wieder zurückgebogen und nichts ist passiert. Ich habe absolut keinen blassen Schimmer, warum Arcadia Bay zerstört werden musste. Entweder es ging tatsächlich die ganze Zeit nur darum, dass Chloe auf dieser dummen Schultoilette sterben musste, oder aber es hatte am Ende des Tages ganz einfach doch überhaupt nichts mit mir zu tun… keine Ahnung.
„Ich sollte dich trotzdem noch vorwarnen… mach dich besser darauf gefasst, kranke Scheiße zu sehen. Nach und nach geben mir diese Kräfte immer mehr den Eindruck, dass es da noch eine komplett andere Welt innerhalb unserer schon existierenden Welt gibt. Ich weiß auch nicht, es lässt sich einfach nicht erklären, so sehr ich es auch versuche. Und das pisst mich sowas von an."
Eine Weile lang Stille. Dann ein tiefes Seufzen.
„Es gibt noch so viel mehr zu erzählen. Ich habe eben schon damit angefangen, über Sean Fluch-über-seinen-Namen Prescott zu reden, musste es aber alles wieder rückgängig machen, es hätte einfach zu lange gedauert. Ich kann dem, was ich über dieses Thema zu berichten habe, hier sowieso nicht gerecht werden. Lies einfach das Tagebuch, wenn du soweit bist. Ich habe nicht an grausamen Einzelheiten gespart über das, was dieser Mann uns bisher alles angetan hat. Ich wusste, dass du es irgendwann lesen würdest, und ich wollte dir eine angemessene Motivation liefern…
„Ich habe alles getan, was in meiner Macht steht. Ich werde jetzt noch ein letztes Mal in Ruhe mein Mädchen küssen gehen. Du kannst ja von mir aus dranbleiben, wenn ich dann gleich weg bin…
„Ach ja, noch etwas. Chloe meinte, du hättest dich über die Waffe gewundert. Keine Sorge, wir sind die Guten. Meistens jedenfalls. Und ja, du hast Menschen getötet. Wir hatten keine andere Wahl…
„Du wirst dich wohl oder übel mit dem Gedanken abfinden müssen. Ich bin mir sicher, du wirst damit leben können, weil ich es auch getan habe.
„Lass uns nicht hängen, Max Caulfield."
Die Stimme verstummt. Die Aufnahme stoppt.
„Wowser."
Chloe dreht sich zu mir um. Sie wirkt wieder etwas gefasster. „Scheiße, du sagst das noch immer?"
„Der Situation ziemlich angemessen, findest du nicht?"
„Aber hallo. Ist schon echt starker Tobak."
„Du hast es dir auch angehört?"
„Hab' nur 'nen Teil mitbekommen, bis du mich verscheucht hast. Schon fertig?"
Ich nicke. „Ich habe jemanden umgebracht?"
„Wow, sie hat dir davon sofort erzählt?" Chloe lehnt sich rücklings gegen das Geländer und verschränkt die Arme vor sich. „Es stimmt. Wir beide haben. Ansonsten wären wir wahrscheinlich noch viel mehr als nur tot."
„Du auch?"
Chloe zuckt mit den Schultern. Sie wirkt nicht stolz darauf, aber ebenso wenig reumütig. Sie erläutert nichts als die Faktenlage.
„Wen? Warum?"
„Prescott Arschlöcher. Der Typ führt irgendwas Krasses im Schilde, Max. Arcadia Bay war nur der Anfang, ein feuchter Scheißdreck im Vergleich hierzu. Wir waren bis vorhin drauf und dran herauszufinden, was genau, damit wir ihm endlich das Handwerk legen können, aber dann bist du aufgetaucht."
„Das Handwerk legen? Wovon redest du? Wie denn?"
„Was glaubst du denn wie? Wir konnten den Wichser endlich in eine Ecke drängen und du hattest dich auch schon um seine Sicherheitsmaßnahmen gekümmert. Du bist ein unaufhaltbarer Meuchel-Ninja, Max."
Ich blinzle sie fassungslos an. „Heilige Scheiße, Chloe."
„Ja, wie schon gesagt… echt starker Tobak. Nimm dir ruhig so viel Zeit, wie du zum Verarbeiten brauchst."
Ich lehne mich zurück gegen das Auto. Kann es irgendwie nicht richtig fassen. Wir sind… Mörder? Gesetzesflüchtige? Gesetzlose wahrscheinlich sogar. Es ist als ob ich zusammen mit Chloe auch noch einen ganz eigenen postapokalyptischen Überlebenskampf nur für uns zwei beide als Extra dazu bekommen hätte. Ist dies wirklich das einzige Leben, das sie jemals führen darf? Ist alles, was ihr zu bieten habe, entweder elender Tod oder Töten, um nicht getötet zu werden?
Während ich noch gedankenverloren in meine Hände starre und mich frage, wie viel Schmerz ich ihr bis hierher schon bereitet haben muss, begibt sich Chloe zu einer der Rücksitztüren des Autos und fängt damit an, in ihrem heillosen Krempel zu wühlen. Unserem heillosen Krempel, sollte ich vielleicht besser sagen. Sie kehrt zurück und hält mir ein simples, schwarzes Buch entgegen. Nach allem, was ich bisher über diese Realität weiß, erwarte ich schon halb, dass da „Death Note" auf dem Einband geschrieben steht.
„Dein Tagebuch ist inzwischen bei weitem weniger farbenfroh als noch früher. Du hast praktisch eine komplette Anleitung für dein neues Selbst verfasst. Oder vielmehr… dein altes, oder… ach scheißegal, du weißt schon."
Teilnahmslos blättere ich durch ein paar Seiten, es ist zu etwa drei Vierteln vollgeschrieben. Ein paar einzelne Fotos, kaum nennenswert Schnörkel oder Kritzeleien, dafür aber Unmengen Handgeschriebenes.
„Könnte eine ganze Weile dauern, bis ich damit durch bin," sage ich ihr.
„Pff, nö, könnte es nicht."
„Häh?"
„Du Dummbeutel kannst es in weniger als einem einzigen Augenblick lesen. Zumindest was meine Perspektive angeht."
„Oh. Stimmt ja. Zeitreise. Ich Dummbeutel."
Behutsam klappt sie das Buch wieder zu, während es sich noch in meinen Händen befindet. Ihre Finger bedecken die meinen. „Aber lies es nicht gerade jetzt, in Ordnung? Informations-Überdosis und all das. Sie sagte, da wäre mitunter grausige Scheiße drin beschrieben, und du siehst auch so schon mitgenommen genug aus."
„Du hast es selbst nicht gelesen?"
„Um dabei den geballten Zorn von Max der Allmächtigen auf mich zu ziehen? Ne du, danke, lieber nicht."
„Hä? Sie ist doch gerade eben erst fertig geworden mit ihrer Predigt, alles mit dir zu teilen."
„Ja, schon. Ich vertraue darauf, dass du das auch tust. Und genauso vertraust du darauf, dass ich dein persönliches Tagebuch nicht anrühre. Ergibt Sinn, oder?" Sie gibt mir ein liebevolles Lächeln und einen leichten Schubs in Richtung Beifahrersitz. „Komm, steig ein. Du kannst mich von mir aus fragen, wonach immer du willst, bevor ich dir Betsy vorstelle. Oder du sortierst erstmal in aller Ruhe deine Gedanken, ganz wie du willst. Wie schon gesagt…" Ihr sanftes Lächeln wird zum frechen Grinsen. „Nimm dir Zeit."
„Deine bescheuerten Wortspiele werden dir auch niemals langweilig, oder?"
„Nnnope. Und wir wissen beide ganz genau, dass du insgeheim auf sie abfährst." Sie hebt ihre Hand für ein High-Five und ruft, „Gute Zeiten…?"
„Och nöö!"
„Los doch, lass mein Herz jetzt nicht im Stich!"
Ich rolle übertrieben mit den Augen und klatsche sie bewusst viel zu halbherzig ab. „Schlechte Zeiten, du Dummdepp."
„Auf immer und ewig. Also los jetzt, einsteigen."
Wir setzten uns in den winzigen Nissan Dingsbums. Was wohl aus ihrer alten Schrottmühle geworden sein mag? Wahrscheinlich zurückgelassen an irgendeinem einsamen Straßenrand, nachdem sie ihren letzten erbärmlichen und dreckschleudernden Ächzer von sich gegeben hatte.
Sie verbindet ihr Handy mit dem Autoradio und klickt sich eine Weile lang durch die Menüs. „Da. Der guten alten Zeiten wegen."
Ein Musikstück beginnt zu spielen, leise genug, dass wir noch immer ein Gespräch führen können, ohne gegen die Lautsprecher ankämpfen zu müssen. Ich habe den Namen des Liedes niemals erfahren, doch es zeichnet augenblicklich eine lebhafte Erinnerung in meinem Kopf, so als wäre sie erst gestern passiert: Chloe, wie sie auf ihrem Bett tanzt, lässig an ihrem Joint pafft und mir zuruft, ich solle mit meinem knochigen Hintern wackeln. Der plötzliche Gedanke macht mich unweigerlich grinsen, fast schon als ob ich wieder in ihrem alten Zimmer stünde an jenem warmen Oktobertag.
„Schön, dass du dieses Lächeln noch nicht verlernt hast," murmelt sie vom Fahrersitz herüber. Die Art und Weise, wie sie mich ansieht… als wäre sie das leibhaftige Porträt des Wortes ‚zärtlich'.
Reflexartig weiche ihrem Blick aus. Meine Wangen fühlen sich plötzlich unnatürlich heiß an.
Sie lacht laut auf. „Also die Reaktion hab' ich nun schon ewig nicht mehr zu Gesicht bekommen, du bist doch echt zu köstlich für diese Welt. Kacke, ich sollte mich aber lieber mal zurückhalten. Ich will nicht auch noch aufdringlich rüberkommen." Chloe startet den Motor und setzt das Auto endlich in Bewegung. Manuelle Gangschaltung, pfui Teufel. „Übrigens," spricht sie weiter, „spiel unter der Fahrt niemals mit der Zeit rum, oder du landest Po voraus mitten auf der Straße."
„Ich bin mir sicher, da steckt irgendwo eine witzige Geschichte dahinter."
„Nee, nicht wirklich. Wir haben mit haufenweise Zeug herumprobiert—für die Wissenschaft, versteht sich. Dass ich mich halb totgelacht habe, als ich dich wieder vom Straßenrand auflesen durfte, war dabei nur unterhaltsamer Nebeneffekt."
„Fürsorgliches Mitgefühl war schon immer eines deiner Markenzeichen. Jetzt bin ich aber neugierig, was haben wir noch alles getestet?"
„Hmm, mal nachdenken… Das von eben betrifft zum Beispiel nicht nur fahrende Autos. Vielmehr wirst du beim Zeitreisen praktisch komplett aus der normalen Raumzeit ausgenommen, zusammen mit deiner gesamten derzeitigen Bewegungsenergie—oder zumindest deiner Bewegungsenergie in Relation zur Erde und deren Eigenrotation. Es wirkt irgendwie… ein bisschen wie ein Anker, der verhindert, dass du einfach in den Orbit katapultiert wirst, jedes Mal, wenn du die Zeit zurückdrehst. Soweit jedenfalls die Theorie. Ein Beispiel: Wenn du von einem Hochhaus springst und dann in allerletzter Sekunde, kurz vor dem Aufprall deine Zeitreise zündest… du bist praktisch Batman, darauf will ich hinaus."
„Was? Ernsthaft? Ich bin dafür von einem Haus gesprungen?"
„Ööhm. Nicht… als allererstes? Zunächst noch eher… na, du weißt schon, niedrigere Dinge. Eine mittelhohe Mauer, von 'nem Bus, dann ein Baum… Babyschritte halt. Babyschritte geradewegs auf 'nen gottverdammten Abgrund zu, hehe. Du selbst hast das Gefühl umschrieben mit „als würde man in Wackelpudding versinken", so als ob sich die Luft um dich herum verdichtet und dich so am Fallen hindert. Alles, was ich davon zu sehen bekomme, bist du, zuerst oben und dann plötzlich doch nur noch ein paar Zentimeter überm Boden und das ohne einen Kratzer. Manchmal ist da noch dieses geisterhafte Nachbild von dir, wie du fällst. Hängt, glaube ich, von der Dauer der Zeitreise ab oder so. Ziemlich gruselig, manchmal."
„Das ist… wow."
Das war mir nicht bewusst, als ich vom Leuchtturm gesprungen bin. Ich habe es dennoch getan. Ich hatte vielmehr auf einen… „Komplettneustart" gehofft, um es in BetaMax' Fachvokabular auszudrücken. Auch wenn dieser nur sehr selten aufzutreten scheint und sie ihn offenbar selbst noch nicht einmal richtig beherrschte…
Besser nicht allzu viel über solche Dinge nachdenken. Am Ende halten mich die Leute sonst noch für vollkommen plemplem…
„Will ich überhaupt wissen, was ihr noch alles getestet habt?"
„Aber selbstverständlich, Wissen ist Macht! Hier noch ein paar nützliche Kurzinfos: Die Höchstlast dessen, was du mit auf Zeitreise nehmen kannst, ist ziemlich kompliziert. Unseren Messungen zufolge beträgt sie zirka dein halbes Eigengewicht mal Pi mal Daumen—die Menge schwankt teilweise recht stark. Falls du versuchen solltest, zu viel mitzunehmen, bleibt das einfach dort zurück, wo es zuletzt gewesen… sein… worden… wäre? Ach egal. Außerdem kannst du die Zeit niemals weiter zurückdrehen als bis zu dem Zeitpunkt, an dem du zuletzt geschlafen hast oder anderweitig bewusstlos warst. Bisher zumindest ging das noch nie. Übrigens musst du dabei nicht immer wie der letzte Depp deine Hand ausstrecken, keine Ahnung, warum du das immer gemacht hast. Ist wahrscheinlich wie bei den Jedi, die auch ständig mit ihrer Hand rumfuchteln für Gedankenkontrolle. Hmmm…" Sie tippt mit einem Finger an ihre Lippe und lenkt mit der anderen Hand das Auto. Offenbar entfernen wir uns noch weiter von der Ortschaft, die wir vorhin gesehen hatten. „Mal angenommen, du zerreißt aus Versehen dein Oberteil. Es wird einfach kaputt bleiben, solltest du es weitertragen, aber wenn du's vorher ausziehst, kannst du dabei zugucken, wie's wieder zusammenwächst. Oh stimmt, das hier ist ziemlich wichtig: Du wirst nicht geheilt, wenn du die Zeit zurückdrehst. Du bleibst müde, du bleibst verletzt und du bleibst schmutzig."
„Klingt fast so, als hätte ich schon mal ganz schön in der Klemme gesteckt…"
„Untertreibung des Jahrhunderts. Es gab da einige echt knappe Angelegenheiten, Max. Ich spreche hier von ‚Kugeln-noch-mitten-im-Flug-ausgewichen' knapp. Lass es mich so ausdrücken: Es gibt einen verdammt guten Grund dafür, warum du Sicherheitsselfies überallhin mitschleppst."
„Kugeln im Flug ausweichen klingt aber schon ziemlich cool, finde ich."
„Ja, sicher doch, Neo. Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber du bist nicht „Die Auserwählte"."
Ich gestikuliere vielsagend mit meinem Handy. „Keine Sorge, sie hat mir gerade noch rechtzeitig klargemacht, dass ich nicht gerade die Meisterin im Kung-Fu bin."
„Ich mein's ernst, Max. Du bist schon echt übel verletzt worden. Wenn du mal überrascht werden solltest, kann es leicht sein, dass du sofort tot bist. Und aus dem Jenseits kannst du durch kein Foto mehr zurückspringen, dann heißt es für dich endgültig gute Nacht."
„O.K., ist ja schon gut. Ich hab's kapiert…"
„Apropos Fotospringen…" Sie liest die Uhrzeit von ihrem Handy ab. „Du bist jetzt schon eine gute viertel Stunde hier. Wie fühlst du dich? Ist dein Kopf noch dran?"
„Äh. Ja, glaube schon?" Ich taste prüfend danach. „Warum, sollte er etwa nicht?"
„Hmm, komisch. Du kriegst meistens ziemliche Kopfschmerzen kurze Zeit später. Manchmal sogar genug, um dich direkt bewusstlos zu machen."
„Oh, großartig. Endlich mal was, worauf ich mich freuen kann…"
Sie grinst vor sich hin. „Du hasst Fotospringen."
„Was eine Überraschung. Mann, klingt echt so, als wären wir beide schon ganz schön umtriebig gewesen."
Sie sieht zu mir herüber. Schon wieder blitzt dieses unheilverkündende Leuchten in ihren Augen. „Und dabei hab' ich dir noch nicht mal die Hälfte erzählt, Schatzi." Sie wackelt mit den Augenbrauen und grinst dabei vielsagend.
Sie kann es echt nicht lassen, oder? Zu dumm nur für sie, dass zwei dieses Spiel spielen können.
„Ach ja? Hast du etwa schon wieder Schiss gekriegt, nachdem ich souverän, wie ich bin, eine deiner kindsköpfigen Mutproben bestanden habe?"
„Och, halt doch deine große Klappe! Wird mir denn keine einzige deiner Versionen das jemals vergessen? Hast mich halt voll überrascht! Ich hatte keine Ahnung, was ich sonst tun sollte…"
„Ich kriege hier so langsam das Gefühl, du bist diejenige mit der großen Klappe, „Schatzi". Du magst vielleicht viel Wind machen, aber von meinem Ende sieht es dann doch immer so aus, als müsste ich den ersten Schritt wagen…
Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass sie gleich in die Gegenoffensive geht, doch stattdessen wird sie zunächst wieder ganz still und nachdenklich.
„Es stimmt schon irgendwie," sagt sie schließlich, „du wagst am Ende immer den ersten Schritt. Ich habe meistens haufenweise Gelegenheiten, kneife dann aber doch jedes Mal wieder, aus Furcht, auf Ablehnung zu stoßen." Sie sieht eine ganze Weile lang zu mir herüber, blickt mir aber kaum ein einziges Mal richtig in die Augen. „Und diesmal ist es sogar noch viel schlimmer. Weil du schon weißt, wie ich über dich empfinde. Du weißt schon längst, wie unsterblich verliebt ich in dich bin, aber wenn ich mich irgendwie an dich ranmachen sollte, dann ist es gleich so, als ob ich was von dir erwarten würde, und das will ich auch nicht. Das wäre echt scheiße für dich, wenn du das Gefühl kriegen solltest… keine Ahnung… irgendwelche Verpflichtungen mir gegenüber zu haben. Also sitze ich hier nun mit meiner unter Amnesie leidenden Freundin, auf die ich mega-scharf bin, und Oh-mein-Gott, Chloe, halt einfach deine scheiß Fresse, du machst alles nur noch viel schlimmer."
Einen Augenblick lang hatte ich schon wirklich aufrichtiges Mitleid mit ihr. Doch jetzt kann ich mir mein Lachen nicht mehr länger verkneifen. „Du hattest irgendwie schon Recht vorhin, weißt du? Das alles ist echt ziemlich bekloppt."
„Sag' ich doch! Bekacktes Zeitreisezeug, aber mal ganz ehrlich..."
Ihre Hand befindet sich auf der Gangschaltung. Ich bedecke sie mit meiner eigenen. „Chloe… ich würde mir an deiner Stelle nicht so viele Gedanken darüber machen. All die Monate habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht als bei dir zu sein. Und nachdem mir dieser Wunsch jetzt erfüllt wurde, habe ich auch nicht vor, dir jemals wieder von der Seite zu weichen."
Sie strahlt mich an, belehrt sich dann aber schnell eines Besseren, als wäre sie von ihrer Reaktion peinlich berührt. „Klingt großartig. Es macht mich echt wahnsinnig glücklich, dich das sagen zu hören, du hast ja gar keine Ahnung."
Chloe, genierlich und kleinlaut. Dass ich den Tag noch erleben darf…
Ich entscheide mich, sie besser wieder von ihrem Bann zu erlösen. „Also gut. Schluss jetzt mit dieser ganzen Gefühlsduselei! Du bist ja nicht auszuhalten."
Sie gluckst, noch immer etwas verlegen. „O.K., hast ja Recht. Ich werde versuchen, die Gefühlsduselei auf ein Minimum zu beschränken."
„Gut so. Das will ich auch schwer hoffen. Zum Kotzen ist das ja."
Wir verfallen in eine angenehme Stille, ich beobachte einfach für eine Weile den zunehmend kurvenreichen Straßenverlauf. Ihre Playlist spielt immer wieder andere Lieder, die ich nicht kenne. Viele davon etwas distortionslastiger als mir normalerweise lieb wäre, doch nichts, worüber ich die Nase rümpfen müsste. Stattdessen schwelge ich einfach noch einmal in diesem Gefühl, das da wie verrückt in meinem Bauch kribbelt: Chloe sitzt direkt neben mir. Sie war tot, doch jetzt ist sie es nicht mehr. Und außerdem, heilige Scheiße: Unsterblich in mich verliebt—ihre eigenen Worte. Ich glaube, ich brauche mir echt keine Sorgen zu machen, dass sie mir in nächster Zeit eine Abfuhr verpasst.
Die Baumdichte um uns herum nimmt allmählich zu. Wo auch immer wir hinfahren, es scheint ziemlich abgelegen zu sein. Eine… „Betsy" hatte sie erwähnt? Wer zum Teufel soll das bitte sein? Ich sollte sie fragen—ich sollte sie noch tausend andere Dinge fragen, die mir schon auf der Zunge brennen, doch ich habe ganz einfach schreckliche Angst vor den Antworten, die sie mir geben könnte…
„Also… AlphaMax. Oder wie war das?"
Ihr angespannter Seitenblick in meine Richtung macht ihr Unbehagen über dieses Thema offenkundig. „Das Ganze war eigentlich auf dei— ähm, BetaMax' Mist gewachsen, weil wir wussten, dass sie die ganze Zeit nur ein Platzhalter für das Original sein würde."
„Ach, und jetzt gleich wieder auf mich schieben oder was?"
„Na ja, du warst ja schließlich auch diejenige, der wir dieses ganze Schlamassel überhaupt erst zu verdanken hatten, als du mich für Arcadia Bay aufgeopfert hast. Der Ursprung allen Übels sozusagen. Von daher… AlphaMax."
Ihre Worte lassen mein Herz in die Hose rutschen. Sie muss es in meinem Gesicht erkannt haben, denn sofort greift sie vom Fahrersitz zu mir herüber und fängt an, mein Bein zu schütteln, wie als wolle sie mich aus einem Albtraum erwecken. „Jetzt komm schon, war nur 'n Witz. Über sowas sollte man lachen können. Haha, hättest vielleicht besser die olle Miesepeter-Max aufopfern sollen. Irgendwie müssen wir über so Zeug doch hinwegkommen."
Ich schüttle den Kopf. „'Tschuldige. Es ist nur… ich musste das alles in den letzten Monaten so oft von Neuem in meinem Kopf durchleben. Es war unerträglich für mich, Chloe. Ich konnte einfach nicht damit leben, was ich dir angetan habe."
„Hey, hey, ist ja schon gut. Du hast doch überhaupt nichts falsch gemacht. Es war doch mein Vorschlag, dass du wieder zurückspringst und mich sterben lässt. War voll arschlochmäßig von mir, solch eine Kackentscheidung auf dich abzuwälzen. Wir haben später noch länger darüber gesprochen, du hattest dir leicht vorstellen können, warum dein Zukunftsselbst diese Nachricht hinterlassen würde. Du hattest mir erzählt, dass Reue und Schuldgefühle dich Stück für Stück von innen auffressen würden. Dass du es zwar wie verzweifelt versuchen, niemals aber darüber hinwegkommen würdest, mich zu verlieren. Eigentlich ziemlich deprimierend, über sowas nachzudenken, aber… du kannst dir vielleicht auch vorstellen, dass mein Ego sowas in der Art jederzeit gerne hört."
Ein leises und freudloses Lachen entgeht meinen Lippen. „BetaMax klingt irgendwie viel gescheiter als ich es jemals war. Eine Weile lang dachte ich tatsächlich, dass ich drüber hinwegkommen könnte, aber… na ja."
„Ihr zwei seid aber doch ein und dieselbe Person, du Dumpfbacke. Sie hatte schlichtweg viel mehr Zeit, darüber nachzudenken, anstatt solch eine unsägliche Entscheidung einfach ins Gesicht geschleudert zu bekommen so wie du."
„Zeit zum Nachdenken ist, was es so viel schlimmer macht, Chloe. Meine Entscheidung war alles andere als spontan. Und letzten Endes habe ich mich ja sowieso ganz bewusst dazu entschieden, alles kaputtzumachen, nur damit ich jetzt hier sein kann."
„Was ein Blödsinn redest du denn da? Du hast überhaupt gar nichts kaputtgemacht."
„Wie kannst du so etwas sagen? Warum bist du nicht schon völlig angewidert von mir deshalb?"
„Jetzt komm schon, es ist doch nicht, als hättest du mitten in der Stadt 'ne gottverdammte Bombe hochgehen lassen. Du hattest dir irgendwelche übernatürlichen Kräfte eingefangen, dann an jeder Ecke versucht zu tun, was richtig ist, und dann hat ein scheiß-riesiger Tornado alles kaputtgemacht. Nicht du. Und nur mal angenommen, es wäre deine Schuld gewesen… Wen juckt's? Ich hätte ganz genau dasselbe für dich getan. Ich hätte ganze Großstädte niedergebrannt, um dich zu beschützen, und es wäre mir auch ganz egal, wie du deshalb über mich denkst. Was wäre ich denn eine miese Heuchlerin, wenn ich dir genau das jetzt vorwerfe? Ja, ich weiß, keine einzelne Person kann so viele Menschenleben wert sein, ich weiß das schon… aber darum ging es hier doch auch niemals. Wir beide sind es uns gegenseitig wert. Und mehr ist für mich nicht von Bedeutung."
Obwohl von tiefster Leidenschaft, behält ihre flammende Rede doch stets beherrscht eine ruhige Stimme. Jedes Wort erfüllt seinen Zweck, jede Betonung liegt auf genau der richtigen Silbe. Ein sorgfältig durchdachtes Argument.
„Wir haben dieses Gespräch schon einmal geführt, nicht wahr?"
Sie wirft mir einen vielsagenden Seitenblick zu, so als könne sie meinem Gedankengang perfekt folgen. „Nicht unbedingt Wort für Wort, aber… wir mussten ja irgendwann einen Schlussstrich unter die Sache ziehen, hab' ich Recht? Wir konnten nicht einfach für immer so weitermachen, als wäre nichts gewesen, bis die Schuldgefühle am Ende doch noch überschwappen." Sie zuckt mit den Schultern. „Deshalb haben wir angefangen, miteinander darüber zu reden. Einfach über all den beschissenen Scheiß reden und alles mal rauslassen. Keine unnötige Scheu und auch keine gegenseitigen Schuldzuweisungen. Und… wie sich später herausstellte, war ich schließlich froh darüber. Trotz all der Trauer und der Zerstörung war ich echt heilfroh, dass du mich gewählt hattest. Und du warst es genauso. Es mag grausam und selbstsüchtig von uns sein… aber es tut auch verdammt gut, uns gegenseitig zu haben. Also… um deine Frage zu beantworten, ich habe absolut keinerlei Interesse daran, dich jetzt noch dafür zusammenzuscheißen."
Ich bin einen Moment lang still, gucke einfach aus dem Beifahrerfenster. Und während ich so nachgrüble, über was sie eben alles gesagt hat, kann ich allmählich leise fühlen, wie sich ein Teil der lastendenden Schuldgefühle von meinen Schultern hebt und dann gänzlich verfliegt. Ich nahm hunderte Menschenleben in meine Hand und warf sie allesamt eine Klippe hinab. Alles, nur um nun wieder an ihrer Seite zu stehen. Dies ist wer ich wirklich bin… und es macht ihr nichts aus.
Max Caulfield, hör endlich auf mit dem Rumgeflenne und reiß dich gefälligst zusammen. Ihr seid nicht das erste Paar in der Menschheitsgeschichte, das füreinander morden würde, und ihr werdet auch nicht das letzte sein.
Im Vorbeifahren erhasche ich eine Hirschkuh im Unterholz, als das Auto links auf einen breiten Feldweg zwischen den Bäumen einbiegt. Wir schließen Blickkontakt und für einen Moment lang hält sie mir stand, ehe sie wie auf Kommando zurück in den Wald springt und im Dickicht verschwindet.
„Hey." Ihre Hand befindet sich auf meiner Schulter. Ihre Augen wechseln hin und her zwischen mir und der Straße vor uns. „Wir sind gleich da. Ich bin dir nicht böse, du trägst keine Schuld, verstanden? Also mach dich deswegen nicht selber fertig."
Ich berühre ihre Hand und versuche ein möglichst beschwichtigendes Lächeln. „Ich werde schon wieder. Versprochen."
„Das will ich auch hoffen. Andernfalls muss ich dir meine Gute-Laune-Tabletten aufzwingen. Scheiß auf Zeitreisekräfte."
„Ha!" Ich gestikuliere erneut mit dem Handy. „Sie hat mir schon aufgetragen, darauf zu achten, dass du sie auch regelmäßig nimmst."
„Dachte ich mir schon fast. Du passt immer auf wie ein Luchs deswegen. Richtig gruselig manchmal."
„Wie geht… ich meine… willst du darüber sprechen?"
„Gibt ohnehin nicht viel darüber zu sagen, genau genommen. Sie helfen mir halt, mich beisammen zu halten und nicht gleich wegen der dümmsten Kleinigkeiten an die Decke zu gehen. Muss mir nicht peinlich sein, oder? Wenigstens eine von uns sollte halbwegs alle Latten am Zaun haben."
„Du und Latten? Auweia."
„Leck mich an meinem blanken Metallarsch! Aber mal ganz ehrlich, ich hätte wahrscheinlich schon viel früher ein Rezept vertragen können. Meine Mom wollte mich auch schon immer zur Therapie schicken, aber… du weißt ja, wie ich immer zu ihr war. Lieber noch mal ordentlich einen durchziehen, nur um danach wieder vor Selbstmitleid zu zerfließen. Ich war ja so ein Idiot damals."
„Ich glaube, du bist zu hart zu dir selbst, Chloe. Du hast auch ganz schön was durchmachen müssen. Das braucht nun mal seine Zeit."
„Ha! Zumindest ist die Zeit diesmal auf unserer Seite, hab' ich Recht?"
„O.K., jetzt übertreibst du's aber. Der letzte ergab ja nicht mal mehr einen Sinn."
„Kannst mir doch wenigstens meine Späßchen lassen, oder? Guck lieber mal geradeaus, du Spaßbremse. Betsy ahoi!"
Wie auf Stichwort weichen die dichten Baumreihen einer saftig grünen Lichtung. Aus irgendeinem Grund hatte ich ein altes, heruntergekommenes Hexenhaus voll Spinnenweben erwartet. Doch was da stattdessen mitten auf der Freifläche und gut außer Sichtweite der Hauptstraße geparkt steht, ist nichts geringeres als ein riesengroßer, fetter Reisebus, lackiert in zweierlei Schattierungen Dunkelblau. Das einzige, was ihn von jedem gewöhnlichen Bus unterscheidet, ist die stark reduzierte Anzahl der Fenster, die außerdem noch tief schwarz getönt sind und das Licht effektiv in allen Regenbogenfarben reflektieren.
Mein Blick wandert in Zeitlupe zu ihr hinüber und kommt ungläubig auf ihrem breiten Grinsen zum Erliegen. „Ein Bus?"
„Sieht aus wie ein schnöder, alter Bus, hab' ich Recht?"
„Das Ding gehört uns? Wie zur Hölle hast du den überhaupt bis hier raus bekommen?"
Sie parkt das Auto direkt längsseits im Schatten des Monstrums. Von meinem Sitzplatz aus türmt es gewaltig über mir auf, bedeckt das gesamte Sichtfeld des Fensters.
„Geniale und geballte Fahrkompetenz, ganz einfach. Komm, lass uns reingehen. Wirst schon sehen."
Wir steigen aus und ich folge ihr nach, eine argwöhnische Augenbraue allzeit nach oben gekrümmt. Betsy 2.0 steht in großen, schnittigen und von stilisierten Flammen umrandeten Buchstaben auf beiden Flanken des Landschiffes gedruckt. Wir umrunden Betsys Frontseite und erreichen die Eingangstüre auf der Steuerbordseite. Dort angekommen drückt Chloe einen Knopf auf ihrem Schlüsselbund und die Türe rauscht hydraulisch auf, wie als stammte sie direkt von der gottverdammten Enterprise.
Chloe platziert sich vor mir neben der Türe, steht stramm und salutiert. "Willkommen an Bord, Käpt'n."
„Kindskopf."
Ich bin mir nicht sicher, was mich erwartet, als ich die wenigen Stufen zum Fahrerbereich erklimme. Ich bewege mich um die Ecke nach links und als allererste Amtshandlung als Kapitän fällt mir sogleich die Kinnlade zu Boden.
„Boah."
Chloe steht wieder hinter mir. „Ich denke, das hier verdient sich ein über alle Maße erstklassiges, durch und durch waschechtes ‚Wowsers'."
„Das ist… ist…"
Es ist, zunächst einmal, weit jenseits unserer finanziellen Möglichkeiten. Selbst noch in eintausend Jahren könnten wir niemals genug Geld verdienen für all die Ledersofas, Marmortheken, Küchenspülen (zwei Stück davon!), Kochherde, ein gigantomanischer Flachbildfernseher… schon allein alles aufzuzählen, macht mich schwindeln im Kopf. Hinter einer Türe im Heck erhasche ich noch einen Standspiegel sowie ein Bett dermaßen überdimensioniert, ich glaube schon fast, dieser „Bus" nimmt es selbst nicht so ernst mit den physikalischen Gesetzen der Raumzeit. Dieses Ding ist zu Franks altem Wohnmobil wie eine Luxusvilla zu Chloes Schrottplatzversteck.
„Chloe… das ist doch bekloppt."
„Warte bis du unter der Dusche stehst. Du wirst meinen, du könntest dahinschmelzen."
„Dieser ganze Bus muss doch sündhaft teuer sein! Wer zum Teufel hat das alles bezahlt?"
Sie sieht mich einfach nur trocken an. „Diese Frage musst du noch stellen?"
„Der ist geklaut?"
„Was? Nein, neineinein. Völlig legal erstanden, neue Registrierung, maßgefertigt lackiert, alles tipptopp ordnungsgemäß—na ja, gut, unter falschem Namen vielleicht. Aber sonst…"
„Und woher—"
„Zeitreisen. Online Aktienhandel. Freibeuter des Welthandels."
„Ernsthaft jetzt?"
„So ernsthaft wie unsere zum Bersten gefüllten Bankkonten. Wir sind das obere eine Prozent, Baby!"
Ich begebe mich weiter in Innere dieses Monstrums namens Betsy. Fühlt sich eher an wie eine Probeausstellung für gut situierte Rentner: All das weiße Leder, die Haushaltsgeräte und hochglanzpolierten Ablageflächen. Scheint mir alles in allem auch nicht grade sonderlich abgewohnt; ein paar zusammengelegte Klamotten neben einem überfüllten Wäschekorb, etwas Geschirr neben- und in einer der Spülen, eine halbleere Chipstüte zusammen mit einer von Chloes zerknitterten Mützen auf dem Fernsehsofa, ein getragenes Oberteil über eine Armlehne geworfen und Restmüll von Essen zum Mitnehmen auf dem Küchentisch… entweder wir verbringen hier nicht allzu viel Zeit oder aber ich hatte bislang überraschend großen Erfolg beim Bändigen von Chloes chaotischer Unordnung. Andererseits, man kann wohl ohnehin nicht viel Zeug in einem Wohnmobil herumliegen lassen, wenn man täglich damit auf der Straße unterwegs ist.
Ich drehe mich wieder zu Chloe um. Aus irgendeinem Grund beginnen meine Schläfen plötzlich unangenehm zu pochen. „Also gut, ich glaube, es wird langsam mal Zeit, dass du mir verrätst, was genau hier eigentlich abgeht. Ehrlichgesagt, ich war davon ausgegangen, dass wir uns beide erstmal bei meinen Eltern in Seattle neu sortiert hätten. Dass wir von dort aus an unserer Zukunft gearbeitet hätten, und nicht mit einem Luxusmobil durch die Lande ziehen, auf große Mission gehen und Leute ermorden."
„Ja… Das war auch definitiv nicht so geplant, so viel kann ich dir sagen." Plötzlich studiert sie mein Gesicht sehr aufmerksam. „Du wirst ganz blass um die Nase. Ist dir schlecht?"
„Nur ein wenig Kopfweh. Ich komme schon klar…"
Sofort steht sie an meiner Seite und schiebt mich mit Nachdruck in Richtung Couch. „Von wegen „nur ein wenig Kopfweh". Das waren satte fünf Monate, die du da gesprungen bist, du Schlauberger. Komm, lehn dich lieber einen Moment lang zurück."
„Aber ich hab' doch auch schon ganze fünf Jahre geschafft, ohne—nnngh-aaauah." Die Schmerzen eskalieren innerhalb nur eines Augenblickes. Es tut so sehr weh, ich kann nicht mehr geradeaus sehen; Ein stechend weißer Fleck vor meinen Augen wächst immer größer und größer heran, bis er mein ganzes Sichtfeld bedeckt. Ich glaube schon, mein Kopf platzt gleich, es ist absolut unerträglich.
Chloe wiegt mich sanft in ihren Armen, behutsam und delikat wie ein filigranes Glasfigürchen, das jeden Augenblick zu bersten droht. „Max, da ist Blut auf—leg dich einfach hin, O.K.? Ist schon in Ordnung, wir sind hier sicher. Immerhin muss ich dich nicht wieder tragen wie beim letzten Mal."
Ich kann gerade noch die Kissen unter mir spüren, ehe mich mein Bewusstsein vor Schmerz endgültig verlässt.
